[Der Beitrag präsentiert Ergebnisse des am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf durchgeführten Teilprojekts »Gefährlich krank. Der Maßregelvollzug in der BRD (1960–2000) im Feld gegenläufiger Strömungen«. Wir bedanken uns bei allen Kolleg*innen der DFG-Forschungsgruppe »NORMAL#VERRÜCKT« für ihre wertvollen Anregungen und Kommentare während des Workshops im Juni 2024 in Lübeck sowie für ihr Feedback zu früheren Fassungen des Textes.]
1. Der Reiz des Themas
True Crime – die Darstellung »wahrer Verbrechen« – gilt in seinen analogen, digitalen und interaktiven Formaten längst als Teil der (westlichen) Populärkultur und als »big business«.1 An Untersuchungen des Phänomens, das zuerst Buchmarkt und TV-Kanäle eroberte und aktuell das Netz flutet, mangelt es nicht. Eine expandierende medien-, literatur- und kulturwissenschaftliche Forschung fragt, wie die mediale Omnipräsenz brutaler Mörder und Serienkiller sowie die von ihnen ausgehende Faszination für das Publikum einzuordnen sind.2 Der Blick richtet sich dabei stark auf die USA und auf die Gegenwart. Exemplarisch steht hier Mark Seltzers Zeitdiagnose, die True Crime als Phänomen einer neuartigen »wound culture«, als populären Ausdruck einer »pathologischen Öffentlichkeit« sieht. Über »Fremd-Intimität« und »Stellvertreter-Gewalt« werde eine neue Form technisiert vermittelter Gemeinschaft hergestellt,3 in der sich die Trennung zwischen privat und öffentlich auflöse.4
Historisch gesehen ist die Medialisierung besonders grausamer Formen menschlicher Gewalt, die Verbindung von Mordlust und Schaulust, alles andere als neu.5 Darüber, dass Verbrechensdarstellungen als soziale Konstruktionen einem kulturellen Wandel unterliegen, ist sich die Forschung ebenso weitgehend einig6 wie über spezifische soziale Funktionen der Repräsentation realer Verbrechen: Durch die Schilderung möglichst abschreckender Taten und ihrer Bestrafung lässt sich Herrschaft legitimieren und soziale Kohärenz fördern.7 Normative und sozialdisziplinierende Grenzziehungen werden diskursiv definiert; soziale Ausschließungen oder Markierungen (»böse«, »abnormal«, »krank« oder »gefährlich«) wirken integrativ im Sinne einer Vergemeinschaftung der »Guten«. Diese »Guten« können sich ihrer gemeinsamen Werte, Normen, Ordnungsvorstellungen und damit ihrer Normalität versichern.8
True Crime als Genre, das sich in seiner heutigen populärkulturellen Form im 20. Jahrhundert etablierte (der Begriff taucht laut Oxford Dictionary erstmals 1923 auf),9 lässt sich zugleich in einem kulturhistorischen Kontext der »gesellschaftliche[n] Faszination für das Potenzial menschlicher Gewalt«10 verorten und diachron auf zeittypische Ausprägungen hin befragen. Dies gilt nicht nur für den Wandel von Präsentationsformen und Medientechniken mit ihrer Multiplikation möglicher Plattformen;11 es gilt auch für darin gespiegelte Technologien, Wissensbestände und (Bedrohungs-)Vorstellungen der jeweiligen Gegenwart.12 Historiographisch eröffnen True-Crime-Erzählungen so zum einen Zugänge zu einer Kultur- und Emotionsgeschichte gesellschaftlicher Bedrohungsvorstellungen, zu Bildern des »Bösen«, Gefährlichen oder »Abnormen«.13 Zum anderen reflektieren sie zeitgenössische Definitionen und Deutungen dieses »Bösen«, operieren also immer auch mit aktuellem Wissen ihrer Zeit.
In einer Langzeitperspektive bildete der Aufstieg der modernen Humanwissenschaften und der Kriminologie zum Ende des 19. Jahrhunderts hier insofern eine Zäsur, als diese Wissenschaften die Täter-Person und ihr Inneres ins Zentrum rückten. Die Werkzeuge zur Analyse der Motivlagen und seelischen Verfasstheit, der »Anlagen« und biographischen Entwicklung lieferten sie dabei mit.14 Tätertypologien beschäftigten fortan nicht nur die Wissenschaften, sondern sie diffundierten zugleich in populäre, popkulturell verarbeitete Verbrechens-Narrative. Noch ehe die Figur des Serienkillers durch spektakuläre Fälle wie Ted Bundy oder Ed Gein ab den 1970er-Jahren endgültig in die Populär- und Popkultur schwappte, wuchs mit der Faszination für unerklärlich wirkende Abgründe menschlichen Handelns im 20. Jahrhundert auch das Interesse an Kriminalpsychologie.15
Gerade in den Grenzzonen von Krankheit und Verbrechen erlangten die sogenannten Psy-Wissenschaften, Psychiatrie und Psychologie, aber auch Pädagogik und Soziologie eine zentrale Definitions- und Deutungsmacht. Dies gilt weit über die Grenzen des modernen Strafrechts hinaus, das von Psychiatrie und Psychologie in forensischen Gutachten erwartet, Aussagen zum Vorliegen krankheitswertiger Störungen und damit zur Schuldfähigkeit eines Täters bzw. einer Täterin zu treffen.16 Mit dem Ausleuchten des psychischen Hintergrundraumes eines Verbrechens bedienen diese Wissenschaften zugleich ein öffentliches Interesse. Sie adressieren zwei spezifische Wirkungsmerkmale von True-Crime-Erzählungen: die Faszination des Unklaren und des Authentischen.17 Selbst in der Erzählstruktur geklärter Kriminalfälle bleibt, zumal bei Serienmorden, ein Rest des dargestellten »Bösen« unangetastet, unerklärlich oder unsicher. Die Frage nach dem Warum, der Restbestand an »Unwägbarkeiten der menschlichen Psyche und ihrer Handlungsmotive«, lässt nicht nur Raum für Spekulation, Legendenbildung und Emotion.18 Den Raum des Unerklärlichen mit Sinn zu füllen, wird in der Moderne gerade von denjenigen Wissenschaften erwartet, die für die menschliche Psyche und – wie die Pädagogik – für deren Entwicklung zuständig sind.19 Mit ihren Wissensbeständen erfüllen Psy-Wissenschaften zugleich eine Funktion innerhalb des Authentizitätsanspruchs, der True-Crime-Darstellungen geradezu definiert. Authentizität und ihre Faszination beruhen nicht allein auf der realen Existenz eines Verbrechens in Raum und Zeit, welche die Angstlust von Rezipient*innen durch den Einbruch des »Bösen« in eine »normale«, als sicher erscheinende Welt maximiert. Es bedarf auch eines Prozesses der Authentifizierung und Authentisierung, der neben extensivem Faktenbezug eine »autoritative Deutung und Interpretation« durch erfahrungsgesättigtes Wissen erfordert.20
Gerade für die jüngere Zeitgeschichte beschleunigten gesellschaftlichen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland ist das Aufeinandertreffen von professionellem Expert*innenwissen und populären Deutungen des »psychisch Abnormen« noch wenig untersucht. Zwar wurde für diese Ära, die durch multiple Reformprozesse ab den 1960er-Jahren ebenso charakterisiert ist wie durch ein neues Krisenbewusstsein der 1970er- sowie (Un-)Sicherheits- und Risikodiskurse ab den 1980er-Jahren,21 die besondere Bedeutung der Sozial- und Humanwissenschaften in Prozessen einer Verwissenschaftlichung des Sozialen22 intensiv erforscht. Das Gleiche gilt für den Kontext einer »Therapeutisierung von Selbst und Gesellschaft«23 und der damit verbundenen Popularisierung von Psycho-Wissen24 im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Deutlich weniger ist allerdings über den Umgang mit der gefährlich kranken Psyche bekannt, noch weniger über Bezüge und Wechselwirkungen zwischen professionellen Diskursen25 und der Popularisierung von Wissen in einer immer stärker medialisierten Gesellschaft.26
Wie sich True-Crime-Formate als zeitgeschichtliche Quellen einer Wissensgeschichte des Psychiatrisch-Psychischen nutzbar machen lassen, welche Deutungen des unverständlich »Abnormen« aus der Expertise der Psy-Wissenschaften in reale Verbrechensdarstellungen diffundierten, dort als Wissens- oder Deutungsmodule popularisiert, erklärend nutzbar gemacht, verarbeitet oder verändert wurden, lässt sich exemplarisch anhand von Darstellungen des wohl berühmtesten Serienmörders der (alten) Bundesrepublik über mehrere Jahrzehnte hinweg aufzeigen: Jürgen Bartsch (1946–1976).
2. »Krank« und/oder »böse«? Der Fall Jürgen Bartsch –
Faszination und Popularisierung von Psycho-Wissen
Über kaum eine Täter-Psyche wurde in der (west-)deutschen Öffentlichkeit so intensiv und häufig berichtet wie über diejenige des bei seiner Verhaftung 1966 erst 19-jährigen Jürgen Bartsch. Er war im Alter von zehn Monaten aus einer Essener Kinderklinik von einem gutbürgerlichen Metzger-Ehepaar aufgenommen und später adoptiert worden. Das Ehepaar zog den Jungen zunächst völlig isoliert auf, schickte ihn im Alter von zehn Jahren in ein Heim und später in ein katholisches Internat der Salesianer Don Boscos. Nach zwei Jahren im Internat kehrte er Ende 1960 ins Elternhaus zurück, um nach dem Schulabschluss eine Metzger-Lehre zu beginnen. Zwischen 1962 und 1966 beging Bartsch vier Morde an Jungen im Alter zwischen acht und dreizehn Jahren. Er verschleppte sie in einen alten Stollen. Dort folterte er sie, missbrauchte sie sexuell und tötete sie. Ein fünfter Junge entkam nur knapp.
(picture-alliance/Associated Press)
1967 verurteilte die Wuppertaler Jugendstrafkammer Jürgen Bartsch zu lebenslangem Zuchthaus. Selbst nach den damals noch geltenden Bestimmungen des 1969 dann reformierten Strafgesetzbuches war das Urteil juristisch zweifelhaft und kontrovers. Da die psychiatrischen Sachverständigen keinerlei geminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung erkannten und das Urteil gegen den minderjährigen Bartsch nach Erwachsenenstrafrecht erfolgte, sahen kritische Beobachter im Verfahren einen »Prozeß des 19., nicht der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts«.27 Auf Betreiben von Rolf Bossi, der die Verteidigung 1968 übernahm, ordnete zwei Jahre nach Bartschs Verurteilung der Bundesgerichtshof (BGH) 1969 eine Revision des Urteils an, weil das Landgericht in Wuppertal bei der psychiatrischen Begutachtung nicht alle Möglichkeiten moderner Wissenschaft ausgeschöpft, speziell keinen Experten für die »Psychopathologie der Sexualität« herangezogen hatte.28 Im Revisionsprozess 1971 in Düsseldorf folgte die dortige Strafkammer dann der Expertise eines ganzen Aufgebots psychiatrischer und psychologischer Sachverständiger, unter ihnen als fachlich besonders progressiv geltende Expert*innen wie Wilfried Rasch, Tobias Brocher und Elisabeth Müller-Luckmann. Diese hatten Argumente vorgebracht, die das Gericht überzeugten. Es erkannte jetzt eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer sadistischen Störung mit Krankheitswert und verurteilte Bartsch zu einer Jugendstrafe mit anschließender Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung.29 Im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Lippstadt-Eickelborn starb Bartsch dann im April 1976 durch einen Narkosefehler bei einer Kastrationsoperation. Zur »freiwilligen Kastration« hatte er sich als letzte Option entschieden, nachdem andere therapeutische Hilfe ausgeblieben war.30
Kerstin Brückweh hat detailliert nachgezeichnet, wie der Fall des »Kindermörders« Bartsch zeitgenössisch Schrecken, Wut und extreme mediale Aufmerksamkeit erregte: Er galt als Ausgeburt der von Émile Zola 1890 in seinem Roman »La Bête humaine« gezeichneten Figur einer menschlichen Bestie.31 Nicht nur die Unfassbarkeit der Verbrechen und Bartschs bei den Taten jugendliches Alter, auch die Umstände seines Todes trugen wohl dazu bei, dass gerade sein Fall noch viele Jahre später immer wieder neu aufgegriffen wurde. Bis heute bleibt er ein Gegenstand medialer Diskurse um Abnormität, Krankheit, Verbrechen und Strafe – in Buchpublikationen und Sammlungen spektakulärer Morde ebenso wie in filmischen Dokumentationen und True-Crime-Serien.
Bei deren exemplarischer Sichtung fällt auf, dass sich bereits in den 1970er-Jahren zwei Deutungsstränge ausformten, die quer durch die Jahrzehnte und Formate überraschend konstant blieben: erstens die Einschätzung, dass Bartschs Störung wesentlich aus seiner Kindheit zu erklären sei. Auf Bindungslosigkeit in frühester Kindheit sei eine repressive, gewalttätige und sexualfeindliche Erziehung gefolgt. Am Anfang standen Kälte, Isolation und Gewalt in der Familie (vor allem seitens der Adoptivmutter), dann setzte sich diese Trias im katholischen Internat fort. Daraus resultierte zweitens die Interpretation, dass durch die genannten Umstände Bartsch selbst ein Opfer gewesen und erst durch sein soziales Umfeld zu einem zutiefst kranken Täter gemacht worden sei. Beide Deutungsstränge verbanden psychiatrische und entwicklungspsychologische mit bindungstheoretischen, psychoanalytischen und sexualwissenschaftlichen Erklärungsansätzen, die um »1968« popularisiert wurden.32 Sie entstammten, wie im Folgenden gezeigt wird, den psychiatrischen und psychologischen Expertisen beim Revisionsprozess und diffundierten von dort in mediale Narrative.
Schon vor der Revision stellte der Soziologe und Psychoanalytiker Tilmann Moser als Beobachter des Wuppertaler Prozesses den Fall Bartsch seiner Streitschrift »Repressive Kriminalpsychiatrie« voran.33 Er unternahm eine wissenschaftliche Abrechnung mit den drei psychiatrischen Sachverständigen des ersten Prozesses 1967, die trotz Bartschs »abnorme[r] Triebperversionen« jede Einschränkung seiner Steuerungsfähigkeit und damit eine verminderte Schuldfähigkeit für seine Taten in Abrede gestellt hätten. Drei fachlich wie politisch konservative Psychiater hätten hier, so Moser, moderne wissenschaftliche Ansätze – wie eine tiefenpsychologische Analyse – mit dem (kriminal-)politischen Ziel abgeblockt, einen extrem engen Begriff von Krankheit zu konservieren.34 Wer den »psychologische[n] Gemeinplatz« ignoriere, nach dem »die Entfaltung des Gewissens mit der Art der seelischen Bindungen eines Kindes zusammenhängt«, der brauche »nicht zu untersuchen, warum ein Kind so ›böse‹ werden konnte: es steckte eben in ihm drin.«35
(links: Paul Moor, Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch. Vorwort Gerhard Mauz. Einleitung Tobias Brocher, Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1972. © S. Fischer Verlag GmbH;
rechts: Paul Moor, Jürgen Bartsch – Selbstbildnis eines Kindermörders, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2003. © Rowohlt Verlag GmbH)
Nicht nur in Mosers Publikation findet sich das bindungstheoretischen Ansätzen folgende Grundmuster, die »Bestie« Bartsch vor allem als Produkt der Erziehung zu erklären. Das 1972 im Fischer Verlag erschienene »Selbstporträt des Jürgen Bartsch« des Journalisten Paul Moor, das dieser als kommentierte Sammlung von Briefen Bartschs nach dessen Verhaftung publizierte,36 fügte dem eine weitere, gesellschaftskritische Dimension hinzu: die explizite Verknüpfung von Bartschs Entwicklung mit den autoritär-repressiven Strukturen der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Moor ließ zum einen Bartsch selbst sein soziales Umfeld schildern. Seitenweise berichtete er über Gefühlskälte, Sauberkeitswahn und Unberechenbarkeit der Adoptivmutter sowie über Bevormundung, Abschottung und Prügel: »Meine Mutter fand absolut nichts dabei, mich in einer Minute zu nehmen und zu küssen, und in der nächsten Minute sah sie, daß ich aus Versehen die Schuhe anbehalten hatte, nahm einen Kleiderbügel aus dem Schrank und zerschlug ihn auf mir.«37 Als traumatisch schilderte Bartsch auch seine Erlebnisse von Isolation, Unterdrückung, multipler Gewalt und Sexualfeindlichkeit im katholischen Salesianer-Internat: »Ich denke da nur an die stete Schlägerei im Priesterrock […]. An die sadistischen Strafen (stundenlang Strammstehen im Schlafanzug im Kreis im Hof, bis der erste zusammenbricht), […] die gnadenlose Verteufelung der (für die Entwicklung notwendigen!) ach so bösen ›Schweinereien‹ unter Jungen«.38
Wie aus einem Opfer ein kranker Täter werden konnte, erläuterte zum anderen direkt einleitend der Psychiater, Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Tobias Brocher, einer der Hauptgutachter des Düsseldorfer Revisionsprozesses von 1971. Die Taten des »krankhaft abnormen Sadisten«39 Bartsch seien gerade nicht unmenschlich-monströs, sondern Folge von Motiven und Verhaltensweisen, die wissenschaftlich erklärt und eingeordnet werden könnten. Brochers Diagnosen Sadismus und Pädophilie bezogen sich auf die Sexualentwicklung von Bartsch; zugleich verwies er auf die Verbindung mit einer »weitgehend aggressiven und unterdrückenden Erziehungsmethode«.40 Der Journalist Moor deutete Bartschs Sadismus entlang Brochers Folie dann explizit im Kontext einer noch immer autoritär deformierten westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Moor, der in Wuppertal nicht nur den Prozess gegen Bartsch, sondern parallel auch das Verfahren gegen Angehörige des Polizei-Bataillons 309 wegen ihrer Kriegsverbrechen in Białystok 1941 verfolgt hatte,41 erkannte in beiden Fällen das Wirken eines »Autoritätsschema[s]«, das Hitler erst möglich gemacht habe und tief in der deutschen Erziehungs- und Familienstruktur verankert sei:42 »Das traditionelle, nur zum Teil veränderte deutsche Familienschema autoritären Systems, das die sadistischen Mörder der Juden von Białystok hervorbrachte, erzeugte auch, in unseren Tagen, Jürgen Bartsch.«43
Noch einen Schritt weiter in der direkten Nutzung und Verarbeitung von Expert*innenwissen über psychiatrische, psychologische und soziale Hintergründe von Bartschs »Abnormität« ging gut zehn Jahre später der von Rolf Schübel gedrehte Dokumentarfilm »Nachruf auf eine ›Bestie‹«. Die wissenschaftliche Fachberatung der preisgekrönten Dokumentation, die im Dezember 1985 vom ZDF gesendet wurde und im Abspann »den Opfern« gewidmet ist,44 übernahm mit dem forensischen Psychiater Wilfried Rasch ebenfalls ein Hauptgutachter des Revisionsprozesses von 1971. Für das 1984 veröffentlichte Begleitbuch zum Film verfasste der Leiter des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Freien Universität Berlin zudem das Vorwort.45
(Michael Föster [Hg.], Jürgen Bartsch. Nachruf auf eine »Bestie«. Dokumente, Bilder, Interviews. Das Buch zum Film von Rolf Schübel, Essen: Torso-Verlag 1984; Titelfoto von Heinz-Jürgen Kartenberg)
Der Film ließ Bartsch erneut ausführlich zu Wort kommen. Zu hören sind auf der Tonspur längere Passagen aus Original-Tonbandaufzeichnungen, die Rasch bei Bartschs Begutachtung gemacht hatte. Inhaltlich-thematisch deckten sich diese Sequenzen stark mit den von Moor veröffentlichten Briefauszügen. Die jetzt vom Täter selbst erzählten, mit Fotos unterlegten Schilderungen zu Kindheit, Jugend und seinen Taten verstärkten allerdings noch den Eindruck eines unmittelbaren Einblicks in die Seele des Täters.
In einer 15 Minuten langen Passage am Ende stellten der Psychiater Rasch und der erneut beteiligte Gutachter Brocher dann detailliert dar, durch welche psychosoziale Dynamik Bartschs extreme Störung bzw. Krankheit habe entstehen können. In den beiden, im Begleitbuch vollständig abgedruckten Expertenstatements wiederholte Brocher seine psychoanalytische Perspektive; Rasch erläuterte seinerseits ein komplexes Geflecht von physischen, psychischen und sozialen Einflussfaktoren auf Bartschs Entwicklung. Als Vertreter eines strukturell-sozialen Krankheitsbegriffs46 hielt er in Abgrenzung zu älteren biologisch-ontogenetischen psychiatrischen Konzepten fest, eine festgestellte Schädigung bestimmter Hirnfunktionen habe Bartsch nicht zum Mörder gemacht, sondern besonders verletzbar für katastrophale äußere Einflüsse.47 Zu den psychodynamischen Faktoren, die zu einer »mangelhaften emotionalen Entwicklung« geführt hätten, zählte er das Fehlen von Bezugspersonen in frühester Kindheit, Strenge und ein permanentes emotionales Wechselbad in der Erziehung der Adoptiveltern, zudem eine Isolation, die zu Außenseitertum und einer Flucht in eine selbstphantasierte Welt mit immer extremeren Rachephantasien geführt habe, schließlich die »seltsame Mischung von Frömmigkeit und Brutalität«48 im Salesianer-Internat. Ausdrücklich verwahrte sich der Psychiater Rasch aber gegen eine pauschal dekulpierende Gesellschaftskritik, wonach schlicht »die Gesellschaft« verantwortlich für Bartschs Entwicklung oder seine Taten sei. Dies – und darin spiegelt sich eine seit den 1980er-Jahren zunehmende wissenschaftliche Aufmerksamkeit für die Opfer von Verbrechen49 – verbiete das Leiden der Opfer, »allein der Gedanke an ihre Ängste und ihre Qual«.50 Dennoch betonte Rasch die gesellschaftliche Aktualität, die er im ungelösten Gegenwartsproblem erzieherischer Gewalt sah.51 Der Fall Bartsch sei noch immer ein »Lehrstück in Sachen Erziehung«, fordere eine Verbannung von Brutalität aus Wohnungen und Klassenzimmern, um weitere Täter wie Bartsch und damit künftige Opfer zu verhindern.52
Filmdokumentation und Buch verfolgten (wie Moors Veröffentlichung gut zehn Jahre zuvor) das Ziel, aufzuklären und zu entdämonisieren. Sie wollten einen Reflexionsprozess anregen, in dem – wie es Regisseur Schübel an sich selbst schilderte – durch das genaue Nachzeichnen psychischer und sozialer Bedingungsfaktoren aus einem »menschlichen ›Ungeheuer‹« immer mehr ein Mensch werde.53 Die Chancen für Prävention und Therapie im Umgang mit psychisch kranken Straftäter*innen beurteilte der Psychiater Rasch Mitte der 1980er-Jahre indes skeptisch. Die Phase gesellschaftlicher Reformen mit ihrer »gewachsene[n] Sensibilität für psychische Probleme« sei zugunsten eines kriminalpolitischen »Roll Back« abgeebbt.54
Schon mit dem »Nachruf auf eine ›Bestie‹« war Mitte der 1980er-Jahre eine Historisierung des Falls eingetreten. Die biographischen, medizinischen und psychologischen Hintergründe schienen ausgeleuchtet, das ungewöhnlich breite gutachterliche Material war öffentlich bekannt. Dass auch spätere mediale Verarbeitungen diese bereits publizierten Informationen nutzten, überrascht insofern wenig. Relevanter für die Grenzzone von Krankheit und Verbrechen ist, dass gedruckte und filmisch-visuelle Produkte einer jetzt anschwellenden kommerziellen True-Crime-Welle55 weiterhin auf die mittlerweile etablierten und sich verfestigenden wissenschaftlichen Erklärungen zur Entwicklung von Bartschs krankhafter Störung zurückgegriffen – quasi im Sinne eines Allgemeinwissens.
Dies gilt etwa für die im Mai 2000 in der ARD-Serie »Die großen Kriminalfälle« ausgestrahlte Dokumentation »der kindermörder jürgen bartsch«.56 Sie ist aus mehreren Gründen interessant: zum einen aufgrund der seit Mitte der 1980er-Jahre im damaligen Leitmedium Fernsehen erfolgten »Medienrevolution« hin zu Programmpluralisierung, verschärfter Quoten-Konkurrenz und Unterhaltungsorientierung.57 Eine deutlich gewandelte Medienlandschaft spiegelt sich in ihrem expliziten Infotainment-Charakter, der Verknüpfung von Informationsanspruch, Emotionalisierung und Nervenkitzel.58 Zum anderen erfolgte die Ausstrahlung in einem veränderten gesellschaftlichen Klima: Seit Beginn der 1990er-Jahre wurden forensische Gutachten und die Therapie psychisch kranker Straftäter*innen medial zunehmend kritisiert und skandalisiert, angeheizt durch mehrere Aufsehen erregende Sexualmorde an Kindern. Der Ansatz eines kritischen Verstehens, wie Rasch und Brocher ihn repräsentiert hatten, geriet in die Defensive.59
(© SWR)
In der ausgestrahlten TV-Folge nahm eine ausführliche Täterbiographie mit dem Fokus auf den Erziehungsmethoden in Elternhaus und Internat neuerlich breiten Raum ein. Der Anteil an psychiatrischer/psychologischer Erklärung trat im Vergleich zu den früheren Rekonstruktionen allerdings auffällig hinter die Inszenierung atmosphärischer Authentizität zurück, etwa durch Drehs an Originalschauplätzen – unterlegt mit bedrohlich-spannungsgeladener Musik. Einblicke in Bartschs Psyche blieben, über die auch hier genutzten O-Töne, weitgehend dem Täter selbst überlassen. Die mehrfach kurz eingeblendete Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann, Gutachterin im zweiten Prozess, trat nur als sich erinnernde Zeitzeugin auf. Einordnungen übernahm stattdessen der Journalist Paul Moor, der als biographischer und psychologischer Experte fungierte. Im auch hier erschienenen Buch zur Serie hob das Kapitel über den »Kindermörder Jürgen Bartsch« zudem grausame Details der Tötungsrituale und das dabei vorherrschende »Lustmoment« des Täters stärker hervor als ältere Darstellungen. Bei der Frage nach dem Warum griff der Autor (ein Journalist des SWR) allerdings erneut auf Versatzstücke früherer wissenschaftlicher Interpretamente zurück, wonach Bartschs Entwicklung zum sadistischen Sexualtäter eine furchtbare Folge der spezifischen Sozialisation in Elternhaus und Internat gewesen sei, die ihn für alle Zeiten »psychisch erledigt« habe. Gerade das Internat sei zur »Hölle und zu einem fatalen Wendepunkt« im Leben des Täters geworden,60 dessen Entwicklung mit Erkenntnissen der »modernen Psychologie«, vor allem der 1971 im Gericht erstmals zugelassenen Psychoanalyse erklärbar sei.61
(Wolfgang Berke/Jan Zweyer, Echt kriminell. Die spektakulären Fälle aus dem Ruhrgebiet, Essen: Klartext Verlag 2012, darin S. 16-20: Von der Kirmes in den Luftschutzstollen. Der Kindermörder Jürgen Bartsch. © Klartext Verlag)
Noch deutlicher formulierte diese spezifische Täter-Opfer-Struktur ein Kapitel zum »Kindermörder Jürgen Bartsch« in der 2012 erschienenen Sammlung »Echt kriminell«, verfasst von einem Krimi- und einem Sachbuchautor.62 Die Autoren bezeichneten Bartschs gesamte Kindheit und Jugend ebenfalls als »Hölle«, als Prozess einer fortlaufenden Zerstörung seiner Persönlichkeit, die nach der Internatszeit »rundum ›gelungen‹« sei.63 Zwei Aspekte, die bereits frühere Beiträge thematisiert hatten, schoben sich in dieser knappen Darstellung in den Vordergrund: erstens die individuelle Verantwortung von Personen in Bartschs näherem Umfeld – durch das Unterlassen jeder Hilfe.64 Bartsch galt den Autoren als »hilfloses Opfer in einem Netz aus Unterdrückung, subtiler und offener Gewalt, Diskriminierung und Missbrauch«, das ihn zum Täter werden ließ.65 Zweitens rückte der Beitrag den Fall Bartsch näher an das aktuelle Thema Gewalt in »totalen Institutionen« (Erving Goffman) heran. Nach der familiären »Hölle« galt hier besonders das katholische Internat als Ort von (sexueller) Gewalterfahrung und »Traumatisierung«.66 Damit verschob sich der Fokus von einem Krankheitsdiskurs zu einem institutionellen Gewaltdiskurs, der seit medialen Skandalisierungen und der Einsetzung des »Runden Tisches« zur Aufarbeitung von Unrechts- und Gewalterfahrungen in deutschen Heimen der Nachkriegszeit (2009–2011) auch die Öffentlichkeit intensiv beschäftigte.67
Richtet sich der Blick auf die jüngste Zeit, so zeigt sich, dass medial perpetuierte wissenschaftliche Täteranalysen sich im Fall Bartsch bis in aktuelle Produkte des boomenden True-Crime-Marktes halten. Dies verdeutlicht die Ausgabe April/Mai 2024 des seit 2015 erscheinenden Spartenmagazins »stern Crime«, die dem über 50 Jahre zurückliegenden Fall einen ausführlichen Artikel widmete. Der Beitrag wertet den Kriminalfall historisch als »wahren Wendepunkt in der deutschen Justiz- und Moralgeschichte«,68 den eine progressive Koalition von Juristen und Wissenschaftlern herbeigeführt habe. Mit einer psychohistorischen Deutung verortet der Autor ihn als Zäsur in der bundesdeutschen Verdrängungsgeschichte des Nationalsozialismus: Am Fall Bartsch zeige sich, wie die Nachkriegsgesellschaft sich zunehmend weniger ihrer »Normalität« habe versichern können, indem sie alles »Böse« mit Hilfe eines »vermeintlichen Monsters« externalisierte.69 Nicht nur mit dieser psychologischen Gesellschaftsdiagnostik schließt der Artikel an Thesen an, die vor allem Paul Moor Anfang der 1970er-Jahre popularisiert hatte. Auch greift der Verfasser bei der zentralen Frage nach dem Warum erneut auf die damaligen forensischen Gutachten zurück. Wörtlich zitiert er aus deren sozialpsychiatrischen, psychoanalytischen und sexualwissenschaftlichen Erklärungsansätzen (die er pauschal der Psychologie zuordnet).70 Die ausführliche biographische Darstellung des Artikels schreibt dabei die Deutung des Opfer-Täters mit nochmals größerem Akzent auf grausame Gewalt und Missbrauch durch einen katholischen Pater im Internat fort. Nach der »Tyrannei der Eltern« wird diese Erfahrung zum »Schlüsselereignis«71 im Prozess der Deformierung eines Kindes »zu einem Menschen, der von einem kaltherzigen Umfeld zu einem kranken Serientäter gemacht worden war«. Das Fazit lautet entsprechend: »Seitdem weiß man: Wenn Sozialisation misslingt, kann ein jeder zum Mörder werden.«72 Psychosoziale Deformation, Krankheit und Verbrechen werden in dieser Lesart eins.
Dass gerade in jüngerer Zeit medial auch alternative wissenschaftliche Deutungen angeboten werden, zeigt die einige Jahre vor dem »stern«-Beitrag für das ZDF in der Serie »Aufgeklärt – Spektakuläre Kriminalfälle« 2017 produzierte Folge »Die Lust am Töten: Jürgen Bartsch«.73 Ein »Profiler« und eine klinische Psychologin treten darin mit dem Anspruch einer Revision unter dem Blickwinkel aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse auf. Die Psychologin Katinka Keckeis stellt anhand des bekannten Materials den zentralen Deutungskomplex zu Bartschs Störung grundsätzlich in Frage, indem sie seine Aussagen während der Begutachtung als gezielte Selbstinszenierung bezeichnet. Seine schwere Kindheit habe er im Wissen um eine damals vorherrschende psychologische Fokussierung auf diese Problematik betont. Heute ziehe man weitere soziale und auch genetische Faktoren heran. Besonders verweist Keckeis auf die von Rasch noch in den Hintergrund gerückte bei Bartsch diagnostizierte hirnorganische Auffälligkeit. So führt die Darstellung, die Bartsch mit weiteren Serientätern vergleicht, zu einer Deutungsumkehr: Eine schwere Kindheit allein, so das Fazit, mache einen Menschen eben nicht zwangsläufig zum Serienmörder. Ob sich durch solche eher re-biologisierende, re-medikalisierende Infragestellungen, die medial auffällig spät einfließen,74 das Bartsch-Narrativ langfristig ändern wird, bleibt abzuwarten – hat es doch über Jahrzehnte ein Eigenleben als »populäre[s] Schauermärchen«75 entwickelt, dessen Deutungsmuster sich verfestigt und ins mediale Gedächtnis eingeschrieben haben.76
3. True Crime und psychiatrische Zeitgeschichte
Die Darstellungen des Serienmörders Jürgen Bartsch seit den 1970er-Jahren können als Fallbeispiel für grundlegende Strukturen und Faszinationselemente von True-Crime-Erzählungen gelten: Die besondere Erklärungsbedürftigkeit seiner Brutalität, die Vulnerabilität seiner Opfer,77 aber auch die Dichte des überlieferten Materials (einschließlich O-Tönen) zählen ebenso dazu wie die Besonderheit einer zugleich intelligent wie kindlich wirkenden Täterperson aus der Mitte der Gesellschaft. Bartschs gesamte Lebensgeschichte bis zum frühen und spektakulären Tod (mit einer gewissen Sühne-Symbolik) bot ein reichhaltiges Repertoire für mediale Erzählstrukturen und Plots. Darin unterschied sich Bartschs Verbrechensgeschichte von anderen, hinsichtlich Schreckensgehalt und Erklärungsbedürftigkeit ähnlich gelagerten Fällen in der Bundesrepublik, die keine vergleichbar andauernde Aufmerksamkeit erlangten.78
Im Kontext einer psychiatrischen Zeitgeschichte zeigt der »Fall« aber mehr als eine kontinuierliche Faszination für die Abgründe menschlicher Gewalt. Die skizzierten Deutungen von Bartschs Biographie und besonders die Struktur der darin erfolgten Aneignung professionellen Psycho-Wissens verweisen auf durchaus komplexe Prozesse in der populären Wahrnehmung und Deutung psychischer Störungen ab den 1970er-Jahren. Die hier »gemachten Bilder«79 liegen quer zu Mechanismen medialer Dämonisierung oder Entmenschlichung.
Wie gezeigt, diffundierten im Fall Bartsch wissenschaftliche Expertisen zur Psyche des Mörders rasch in mediale Darstellungen und von dort in spätere Deutungsmuster populärer Infotainment-Formate. Im gesellschaftlichen Kontext eines medialen »Kulturkampfes« nach »1968«,80 vehementer Kritik an und Reformdiskussionen in Psychiatrie und Justiz brachte eine Koalition aus reformorientierten »Public Intellectuals«81 und kritischen Journalisten die Forderung nach einer intensiven Erforschung der Täterpsyche in eine breitere Öffentlichkeit. Durch die Vermittlung psychiatrisch-psychologischen Wissens lieferten die Akteur*innen argumentative Mittel zu einer Erklärung und damit Entdämonisierung der »Bestie«.82 Nicht zuletzt Paul Moors Veröffentlichungen popularisierten eine spezifische Sicht auf Bartschs sadistische Störung und verknüpften diese mit der kritischen Zeitdiagnose einer noch immer repressiv-autoritär deformierten Nachkriegsgesellschaft, ihrer Verdrängung von historischer Schuld und nationalsozialistischen Verbrechen.
Es ist aber weniger der psychohistorische Deutungsstrang als solcher, sondern der Prozess einer Popularisierung von forensischem »Psycho-Wissen« in medialen Darstellungen, der den Fall Bartsch zur Sonde für eine psychiatrische Zeitgeschichte macht: Es sind die gezeichneten Bilder zur Entstehung von Bartschs psychischer Krankheit, die populäre Aneignung und (Weiter-)Verarbeitung bestimmter Wissensmodule, die ein spezifisches »Täter-Opfer-Narrativ« formten. Sie entstammten den Gutachten und Analysen der im Revisionsprozess prominent beteiligten Psy-Wissenschaften, wurden dann aus diesem zeitgenössischen professionellen Kontext gelöst, durch die Jahrzehnte weiter transportiert, zugleich aber an gesellschaftliche Diskussionen angepasst. Die aktive Rolle und Präsenz von Expert*innen nahm dabei seit den 1980er-Jahren ab. Vor allem Journalist*innen adaptierten jetzt in eigener Regie Wissen aus Psychiatrie und Psychologie, Psychoanalyse und Sexualforschung zur Erklärung des Phänomens Bartsch: psychodynamische Ansätze der Persönlichkeitsentwicklung, Sozialisations- und Bindungstheorie, sexualwissenschaftliche Konzepte zu Sadismus und Perversion. Auffällig ist beim Einbau wissenschaftlicher Begriffe und konzeptioneller Versatzstücke in die Täterbiographie eine anhaltende Fokussierung auf die psychosoziale Entwicklung des Täters, auf fehlende emotionale Bindungen, repressive Erziehung, Sexualfeindlichkeit und Gewalt.
Dass die Langlebigkeit eines entdämonisierenden, das »Böse« interpretierenden Narrativs und der damit verknüpften Elemente professionellen Wissens auch in späteren Formaten des Infotainments sich nicht ausschließlich mit Mechanismen der Stereotypisierung durch mediales Recycling erklären lässt, zeigen die skizzierten Fokusverschiebungen. Sie führen zur These, dass über Bartschs Biographie und diagnostizierte psychische Struktur Themen der Erziehung und gesellschaftlichen Verfasstheit mitaktualisiert wurden, die Anschlussfähigkeit und Skandalisierungspotential behielten. Dies gilt insbesondere für die Problematik familiärer wie institutioneller Gewalt sowie ihrer Effekte für die psychische Konstitution. Durch die Jahrzehnte verfolgt, lassen sich mediale Darstellungen dieses True-Crime-Falls somit auch als Spiegelungen öffentlicher Auseinandersetzungen mit Familienstrukturen, Erziehungspraktiken und Gewalt in der (west-)deutschen Gesellschaft lesen. Dieser Spur genauer nachzugehen, eröffnet eine weitere Perspektive psychiatrischer Zeitgeschichte. Sie liegt in der Verflechtung mit gesellschaftlichen Gewaltdiskursen, wie sie in populären Verbrechensdarstellungen (re-)produziert wurden und werden.
Anmerkungen:
1 Vgl. z.B. Sarah E. Fanning/Claire O’Callaghan, Introduction: Screening Serial Murder – Adaptation, True Crime, and Popular Culture, in: dies. (Hg.), Serial Killing on Screen. Adaptation, True Crime and Popular Culture, Cham 2023, S. 1-31, hier S. 16. Für einen Überblick zum Erfolg des Genres True Crime in Deutschland vgl. Lena Baumann, How to talk about Murder? Die Erzählstrategien der beliebtesten True Crime Podcasts im deutschsprachigen Raum, in: Vera Katzenberger/Jana Keil/Michael Wild (Hg.), Podcasts. Perspektiven und Potenziale eines digitalen Mediums, Wiesbaden 2022, S. 357-373.
2 Vgl. z.B. Mark Seltzer, True Crime. Observations on Violence and Modernity, London 2007; Jean Murley, The Rise of True Crime. 20th Century Murder and American Popular Culture, Westport 2008; Ian Case Punnett, Toward a Theory of True Crime Narratives. A Textual Analysis, New York 2018; Dawn K. Cecil, Fear, Justice, and Modern True Crime, Boulder 2020; Simon Sahner, Warte, warte nur ein Weilchen. Faszination und Ethik von True Crime-Erzählungen, in: Sandra Beck/Johannes Franzen (Hg.), Kriminalerzählungen der Gegenwart. Zur Ästhetik und Ethik einer Leitgattung, Baden-Baden 2022, S. 133-154; Charlotte Barnes, Deconstructing True Crime Literature, Cham 2023; Herbert Schwaab, Verdrängte und wiedergewonnene Wirklichkeiten. Eine Analyse des True-Crime-Genres anhand der Serie »The Program: Cons, Cult and Kidnapping«, in: Soziopolis, 20.11.2024.
3 Seltzer, True Crime (Anm. 2), S. 2.
4 Ders., Wound Culture. Trauma in the Pathological Public Sphere, in: October 80 (1997), S. 3-26, hier S. 3f.
5 Vgl. z.B. Punnett, Theory (Anm. 2), S. 5; Joy Wiltenburg, True Crime. The Origins of Modern Sensationalism, in: American Historical Review 109 (2004), S. 1377-1404; Cecil, Fear (Anm. 2), S. 14-18; Sahner, Warte (Anm. 2), S. 134.
6 Vgl. z.B. Wiltenburg, Origins (Anm. 5), S. 1378; Murley, Rise (Anm. 2), S. 7; Cecil, Fear (Anm. 2), S. 14; Fanning/O’Callaghan, Introduction (Anm. 1), S. 14.
7 Vgl. z.B. Joachim Linder/Claus-Michael Ort, Zur sozialen Konstruktion der Übertretung und zu ihren Repräsentationen im 20. Jahrhundert, in: dies. (Hg.), Verbrechen – Justiz – Medien. Konstellationen in Deutschland von 1900 bis zur Gegenwart, Tübingen 1999, S. 3-80, hier S. 4; Wiltenburg, Origins (Anm. 5), S. 1380, S. 1395.
8 Linder/Ort, Konstruktion (Anm. 7), S. 4, S. 9f., S. 39; Wiltenburg, Origins (Anm. 5), S. 1379f., S. 1401.
9 Als Ausgangspunkt gilt Truman Capotes Tatsachenroman »In Cold Blood. A True Account of a Multiple Murder and its Consequences« (1966). Zur historischen Verortung z.B. Murley, Rise (Anm. 2), S. 2f.; Cecil, Fear (Anm. 2), S. 15; Julia Lückl, True-Crime, das ›authentische Verbrechen‹ und seine (kommerzielle) Inszenierung: Zu Ferdinand von Schirachs Erzählband Verbrechen (2009) und seinen US-amerikanischen Vorbildern, in: Wiener digitale Revue. Zeitschrift für Germanistik und Gegenwart 5 (2024), Abs. 17.
10 Sahner, Warte (Anm. 2), S. 143.
11 Vgl. z.B. Schwaab, Wirklichkeiten (Anm. 2).
12 Cecil, Fear (Anm. 2), S. 14; Linder/Ort, Konstruktion (Anm. 7), S. 51.
13 Zum Wandel solcher Bedrohungsvorstellungen in der Populärkultur der USA siehe z.B. Murley, Rise (Anm. 2). Für Deutschland besonders die hervorragende, diachron vergleichende Studie von Kerstin Brückweh, Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2006. Auf die medialen Mechanismen der Repräsentationen von Verbrechen und Verbrechern in der Zeit nach 1945 konzentrieren sich Axel Doßmann/Susanne Regener, Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte, Leipzig 2018, und Maren Tribukait, Gefährliche Sensationen. Die Visualisierung von Verbrechen in deutschen und amerikanischen Pressefotografien 1920–1970, Göttingen 2017.
14 Wiltenburg, Origins (Anm. 5), S. 1399f.; Linder/Ort, Konstruktion (Anm. 7), S. 56; Murley, Rise (Anm. 2), S. 10; Clemens Peck/Florian Sedlmeier, Einleitung: Kriminalliteratur und Wissensgeschichte, in: dies. (Hg.), Kriminalliteratur und Wissensgeschichte. Genres – Medien – Techniken, Bielefeld 2015, S. 7-27, hier S. 18.
15 Vgl. z.B. Lückl, True-Crime (Anm. 9), Abs. 17; Linder/Ort, Konstruktion (Anm. 7), S. 47-56, S. 63; zur Figur des Serienkillers: Fanning/OʼCallaghan, Introduction (Anm. 1), S. 16-18.
16 Dazu insbes. Alexa Geisthövel, Die Reform der »Psychopathie«: forensisch-psychiatrische Begutachtung im geteilten Berlin, 1960–1980, in: Gesnerus 77 (2020), S. 244-278; Uta Hinz/Heiner Fangerau/Chantal Marazia, Von der Gefährlichkeit zum »kalkulierten Risiko«? Psychisch kranke Straffällige in der forensischen Fachdiskussion seit den 1950er Jahren, in: Medizinhistorisches Journal 59 (2024), S. 152-189.
17 Sahner, Warte (Anm. 2), S. 144-147.
18 Ebd., S. 147 (Zitat). Zur Bedeutung von Emotionen insbes. Wiltenburg, Origins (Anm. 5), S. 1383-1391, S. 1393-1395.
19 Linder/Ort, Konstruktion (Anm. 7), S. 41f. Zum Erklärungsbedarf: Murley, Rise (Anm. 2), S. 160.
20 Zur Faszination des Authentischen von True Crime: Sahner, Warte (Anm. 2), S. 145f. Zum Konzept der Authentizität und dem Prozess der Authentifizierung bei historischen Ereignissen: Martin Sabrow/Achim Saupe, Historische Authentizität. Zur Kartierung eines Forschungsfeldes, in: dies. (Hg.), Historische Authentizität, Göttingen 2016, S. 7-28, Zitat S. 8; Doßmann/Regener, Fabrikation (Anm. 13), S. 283. Achim Saupe versteht unter Authentifizierung »wissenschaftliche Praktiken der Identifizierung«, während die Authentisierung »Prozesse und diskursive Praxen der Beglaubigung [bezeichnet], die der kulturellen Markierung dienen«. Achim Saupe, Historische Authentizität: Individuen und Gesellschaften auf der Suche nach dem Selbst – ein Forschungsbericht, in: H-Soz-Kult, 15.8.2017.
21 Vgl. insbes. Tatjana Tönsmeyer/Annette Vowinckel, Sicherheit und Sicherheitsempfinden als Thema der Zeitgeschichte. Eine Einleitung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 7 (2010), S. 163-169; Eckart Conze, Geschichte der Sicherheit. Entwicklung – Themen – Perspektiven, Göttingen 2018; aus medizingeschichtlicher Perspektive: Medizinhistorisches Journal 59 (2024) H. 1-2: Gefährlichkeit, Gefährdung, Risiko, hg. von Viola Balz und Chantal Marazia.
22 Zusammenfassend: Lutz Raphael, Embedding the Human and Social Sciences in Western Societies, 1880–1980. Reflections on Trends and Methods of Current Research, in: Kerstin Brückweh u.a. (Hg.), Engineering Society. The Role of the Human and Social Sciences in Modern Societies, 1880–1980, Basingstoke 2012, S. 41-56.
23 So Jens Elberfeld, Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 2020, S. 9.
24 Vgl. insbes. Sabine Maasen, Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ›langen‹ Siebzigern: Eine Perspektivierung, in: dies. u.a. (Hg.), Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den ›langen‹ Siebzigern, Bielefeld 2011, S. 7-33; Pascal Eitler/Jens Elberfeld, Von der Gesellschaftsgeschichte zur Zeitgeschichte des Selbst – und zurück, in: dies. (Hg.), Zeitgeschichte des Selbst. Therapeutisierung – Politisierung – Emotionalisierung, Bielefeld 2015, S. 7-30; Maik Tändler, Das therapeutische Jahrzehnt. Der Psychoboom in den siebziger Jahren, Göttingen 2016; Elberfeld, Anleitung (Anm. 23).
25 Zu diesem zeitgeschichtlich erst in jüngster Zeit thematisierten Forschungsfeld: Alexa Geisthövel, »Psychopathie« (Anm. 16); dies., Einführung: Zur Zeitgeschichte »abnormer Persönlichkeiten«, in: Gesnerus 77 (2020), S. 173-205; Marcel Streng, »Krass aus der Norm gefallen«? Das Konzept der »schweren Persönlichkeitsstörung« in der Auswahl männlicher Delinquenten für Sozialtherapeutische Anstalten in Nordrhein-Westfalen in den 1970er Jahren, in: ebd., S. 312-347; Hinz/Fangerau/Marazia, Gefährlichkeit (Anm. 16), S. 178-182; Rüdiger Graf, Vorhersagen und Kontrollieren. Verhaltenswissen und Verhaltenspolitik in der Zeitgeschichte, Göttingen 2024, S. 213-268.
26 Für die Zeit bis Mitte der 2000er-Jahre z.B. Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 413-418, S. 488-492.
27 Wohin mit ihm? SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Jürgen Bartsch, in: Spiegel, 11.12.1967, S. 49-51, hier S. 49. Kritisch auch: Uwe Nettelbeck, Der Prozeß gegen Jürgen Bartsch – Ein beispielloser Fall, in: ZEIT, 8.12.1967, sowie Ulrike Meinhof, Jürgen Bartsch und die Gesellschaft, in: konkret, Heft 1/1968, S. 2-3.
28 Zit. nach Michael Föster (Hg.), Jürgen Bartsch. Nachruf auf eine »Bestie«. Dokumente, Bilder, Interviews. Das Buch zum Film von Rolf Schübel, Essen 1984, S. 28. Zu den Revisionsgründen im Einzelnen: BGH, 21.11.1969 – 3 StR 249/68, in: Neue Juristische Wochenschrift 23 (1970), S. 523-528.
29 Zum Verlauf zusammenfassend: Paul Moor, Das Selbstporträt des Jürgen Bartsch. Vorwort Gerhard Mauz. Einleitung Tobias Brocher, Frankfurt a.M. 1972, S. 197-208.
30 Rasch, in: Föster, Nachruf (Anm. 28), S. 229f. Seiner Darstellung zufolge war eine therapeutische Hilfe in der Klinik nicht zu realisieren, da sich kein Psychoanalytiker zur Behandlung bereitfand und ein Ärzteteam eine stereotaktische Gehirnoperation aufgrund ihrer extremen Folgewirkungen ablehnte. Alle Vertreter moderner Therapieverfahren hätten sich »diskret zurückgezogen«. So auch Paul Moor, Leben und Tod des Jürgen Bartsch. Die letzten Briefe eines Triebtäters, in: ZEIT, 28.5.1976.
31 Brückweh, Mordlust (Anm. 13), insbes. S. 303-337; vgl. auch Kathrin Kompisch/Frank Otto, Teufel in Menschengestalt. Die Deutschen und ihre Serienmörder, Bergisch Gladbach 2006, S. 107-118.
32 Zur Bindungstheorie und ihrer Rezeption: Claudia Moisel, Geschichte und Psychoanalyse. Zur Genese der Bindungstheorie von John Bowlby, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2017), S. 51-74; dies., John Bowlby. Kindheit, Bindung und Experten im 20. Jahrhundert, Berlin 2025.
33 Tilmann Moser, Repressive Kriminalpsychiatrie. Vom Elend einer Wissenschaft, Frankfurt a.M. 1971.
34 Ebd., insbes. S. 13, S. 15.
35 Ebd., S. 17.
36 Moor, Selbstporträt (Anm. 29). Moor hielt bis zu dessen Tod 1976 engen Kontakt zu Bartsch. Moors Buch erschien in weiteren Auflagen bzw. Fassungen unter dem Titel: Jürgen Bartsch: Opfer und Täter. Das Selbstbildnis eines Kindermörders in Briefen, Reinbek bei Hamburg 1991; Jürgen Bartsch – Selbstbildnis eines Kindermörders, Reinbek bei Hamburg 2003. Seit 2013 ist es zusätzlich als E-Book lieferbar. Es war außerdem Basis mehrerer Theaterinszenierungen des Falls Bartsch.
37 Zit. in: Moor, Selbstporträt (Anm. 29), S. 69.
38 Zit. ebd., S. 105.
39 Tobias Brocher, Einleitung, in: Moor, Selbstporträt (Anm. 29), S. 15.
40 Ebd., S. 14f.
41 Vgl. Michael Okroy, »Nach 26 Jahren nun Mammutprozess gegen Polizisten.« Die justitielle Aufarbeitung von NS-Verbrechen der Ordnungspolizei am Beispiel der Wuppertaler Białystok-Verfahren, in: Jan Erik Schulte (Hg.), Die SS, Himmler und die Wewelsburg, Paderborn 2009, S. 449-469.
42 Moor, Selbstporträt (Anm. 29), S. 41f. Er spielte dabei wohl nicht zuletzt auf Erziehungsmethoden an, wie sie etwa in den auflagenstarken »Ratgebern« von Johanna Haarer, Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, München 1934, popularisiert worden waren.
43 Moor, Selbstporträt (Anm. 29), S. 33f. Alice Miller analysierte anhand von Moors Publikation knapp ein Jahrzehnt später dann Jürgen Bartschs Kindheit unter dem Stichwort »Schwarzer Pädagogik«: Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, Frankfurt a.M. 1983, S. 232-276.
44 »Nachruf auf eine Bestie«, Dokumentarfilm von Rolf Schübel, 107 Minuten, Oase/ZDF 1982–1984. Der Film ist bis heute bei YouTube zu sehen und verzeichnet dort aktuell über 1,7 Mio. Abrufe: <https://www.youtube.com/watch?v=XObw7HK3kWU>. Schübel erhielt 1984 den Preis der Filmkritik für den besten Dokumentarfilm, 1985 auch einen Grimme-Preis.
45 Föster, Nachruf (Anm. 28).
46 Dazu Hinz/Fangerau/Marazia, Gefährlichkeit (Anm. 16), S. 165f.
47 Rasch, in: Föster, Nachruf (Anm. 28), S. 219-221.
48 Ebd., S. 221.
49 Hans Joachim Schneider, Viktimologie, in: ders. (Hg.), Internationales Handbuch der Kriminologie, Bd. 1: Grundlagen der Kriminologie, Berlin 2007, S. 395-433.
50 Rasch, Vorwort, in: Föster, Nachruf (Anm. 28), S. 9-17, hier S. 10.
51 Zum zeitgeschichtlichen Kontext der im Bereich familiärer Erziehung rechtlich, politisch und gesellschaftlich sehr späten »Gewaltabkehr« in der Bundesrepublik: Wilfried Rudloff, Eindämmung und Persistenz. Gewalt in der westdeutschen Heimerziehung und familiäre Gewalt gegen Kinder, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 15 (2018), S. 250-276, insbes. S. 266-274; zur Bedeutung des Falls Bartsch in der Diskussion um »Gewaltketten« ebd., S. 272.
52 Rasch, Vorwort (Anm. 50), S. 9, S. 16.
53 Föster, Nachruf (Anm. 28), S. 138. Folgt man den zahlreichen Kommentaren zur heute im Netz zugänglichen Dokumentation, so scheint die persönliche Erzählung des Täters, eingebettet in professionelle Erklärungsmodelle seiner psychosozialen Entwicklung, bei vielen Nutzer*innen noch genau diesen Prozess auszulösen. Sehr viele Kommentare deuten Bartschs Taten als Folge seiner erlebten multiplen Gewalt und sehen ihn ebenfalls als Opfer. Vgl. die Diskussionen zur Dokumentation: <https://www.youtube.com/watch?v=XObw7HK3kWU>.
54 Rasch, Vorwort (Anm. 50), S. 11.
55 Zur Einordnung z.B. Cecil, Fear (Anm. 2); Lückl, True-Crime (Anm. 9), Abs. 17f.
56 »Die großen Kriminalfälle«, eine Koproduktion von sieben Sendeanstalten der ARD, wurde in neun Staffeln zwischen 2000 und 2012 ausgestrahlt. Die vom SWR produzierte Folge »der kindermörder jürgen bartsch / ein Film von Thomas Fischer« lief am 18. Mai 2000 um 21.45 Uhr in der ARD. Sie ist heute über YouTube zu sehen: <https://www.youtube.com/watch?v=ZtXFxys9dv4>.
57 Schildt/Siegfried, Kulturgeschichte (Anm. 26), S. 413, S. 415-418. Für die USA zeigt Jean Murley eine signifikante Expansion und Diversifizierung von True-Crime-Formaten durch den Einfluss von Kabel- und Spartenkanälen in den 1990er- und 2000er-Jahren: Murley, Rise (Anm. 2), S. 111.
58 So heißt es einführend im Begleitbuch zur Serie von Helfried Spitra (Hg.), Die großen Kriminalfälle. Deutschland im Spiegel berühmter Verbrechen, Frankfurt a.M. 2001, Vorwort, S. 7-9: Bei der Zusammenstellung seien aufrüttelnde, schockierende, aber schlicht auch faszinierende historische Kriminalfälle ausgewählt worden, die aus »der ›Normalität‹ der Untaten« herausragten und von besonderer zeitgeschichtlicher Relevanz seien (Zitat S. 9).
59 Dazu Hinz/Fangerau/Marazia, Gefährlichkeit (Anm. 16), S. 178-182.
60 Sebastian Drost (SWR), Der Kindermörder Jürgen Bartsch, in: Spitra, Die großen Kriminalfälle (Anm. 58), S. 91-118, hier insbes. S. 96, S. 98.
61 Ebd., insbes. S. 94, S. 104, S. 113.
62 Wolfgang Berke/Jan Zweyer, Von der Kirmes in den Luftschutzstollen. Der Kindermörder Jürgen Bartsch, in: dies., Echt kriminell. Die spektakulären Fälle aus dem Ruhrgebiet, Essen 2012, S. 16-20.
63 Ebd., Zitate S. 16, S. 17.
64 Dazu bereits sehr pointiert auch Drost, Kindermörder (Anm. 60), S. 100f.
65 Berke/Zweyer, Kirmes (Anm. 62), S. 17.
66 Ebd.
67 Ein Überblick mit zeithistorischer Einordnung findet sich z.B. bei Rudloff, Eindämmung (Anm. 51), S. 253-266.
68 Stephan Maus, Der Spielgefährte, in: stern Crime. Wahre Verbrechen 54 (April/Mai 2024), S. 8-21, hier S. 20.
69 Ebd., S. 12.
70 Ebd., S. 12, S. 14, S. 20.
71 Ebd., S. 14.
72 Ebd., S. 16 (beide Zitate).
73 »Die Lust am Töten: Jürgen Bartsch«, Folge 2 der Reihe: »Aufgeklärt – Spektakuläre Kriminalfälle«, ZDF, 22.12.2017, 41 Min., URL: <https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/aufgeklaert-spektakulaere-kriminalfaelle-die-lust-am-toeten-juergen-bartsch-100.html>.
74 Zum Aufstieg und wachsenden Einfluss der Neurowissenschaften in Kriminologie und Öffentlichkeit, v.a. ab der Jahrtausendwende, z.B. Peter Becker, The Neurosciences and Criminology. How New Experts Have Moved into Public Policy and Debate, in: Brückweh u.a., Engineering Society (Anm. 22), S. 119-138.
75 Sahner, Warte (Anm. 2), S. 134 (Zitat); Punnett, Theory (Anm. 2), S. 99.
76 Punnett, Theory (Anm. 2), S. 148f.; Doßmann/Regener, Fabrikation (Anm. 13), S. 282.
77 Der Fokus auf bestimmte Opfergruppen – neben Kindern vor allem Frauen – zählt, ebenso wie das Muster des Hereinbrechens von Gewalt in eine sicher geglaubte bürgerliche Mittelstands-Welt, zu den gleichermaßen typischen wie realitätsverzerrenden Strukturmerkmalen von True-Crime-Formaten. Zu sozialen und geschlechtsbezogenen Stereotypisierungen, vor allem dem Opfer-Stereotyp der »white female«, siehe Cecil, Fear (Anm. 2), S. 9, S. 17.
78 So erhielt etwa die Psyche des 1976 als »Menschenfresser von Duisburg« bekannt gewordenen Joachim Kroll (1933–1991) keine längere Aufmerksamkeit oder psychologische Erklärung. Kroll, dem acht Sexualmorde an Kindern und Frauen nachgewiesen wurden, behielt das Stigma eines tierischen »Monsters«. Er war im Gegensatz zu Bartsch weder jung noch eloquent, kein Täter aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft; vielmehr galt er als intelligenzgemindert. Zu Kroll z.B. Wolfgang Berke/Jan Zweyer, Der Menschenfresser von Duisburg, in: dies., Echt kriminell (Anm. 62), S. 31-35. Zum skandalisierenden Medienecho und dessen raschem Abflauen: Kompisch/Otto, Teufel (Anm. 31), S. 140-152.
79 Doßmann/Regener, Fabrikation (Anm. 13), S. 251.
80 Zu diesem medialen Aspekt des Kampfes um Deutungshoheit im Fall Bartsch in einer »gespaltenen« Republik nach »1968« auch Brückweh, Mordlust (Anm. 13), sowie Kompisch/Otto, Teufel (Anm. 31), S. 84-89.
81 Zum Begriff: Becker, Neurosciences (Anm. 74), S. 120.
82 Insofern vollzieht sich hier ein umgekehrter Prozess zur von Doßmann und Regener detailliert nachgezeichneten »medialen Kreation einer verschlagenen Monstergestalt« im Fall Lüdke. Doßmann/Regener, Fabrikation (Anm. 13), S. 7.

