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Aktuelle Ausgabe

3/2021: Männlichkeiten
Männer an einem Aussichtspunkt mit Münztelesk​op, Porta Westfalica, 1967

Männer an einem Aussichtspunkt mit Münztelesk​op, Porta Westfalica, 1967

(United Archives/Werner Otto/Süddeutsche Zeitung Photo)

Aktuell

Liebe Leserinnen und Leser,

vor 60 Jahren, am 17. August 1962, wurde der 18-jährige Peter Fechter bei einem Fluchtversuch nach West-Berlin an der innerstädtischen Sektorengrenze angeschossen. Im Todesstreifen auf Ost-Berliner Seite konnten ihm die West-Berliner Polizisten nicht helfen. Ein Foto zeigt, wie der verblutende junge Mann von DDR-Grenzpolizisten erst nach fast einer Stunde abtransportiert wurde. Das Bild des qualvollen Todes wurde rasch zur Medienikone und zur Anklage der Brutalität des DDR-Grenzregimes. In einem Beitrag von 2005 ist Christoph Hamann der Geschichte dieses Fotos nachgegangen.

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Wir freuen uns, Ihnen das aktuelle Themenheft »Männlichkeiten« präsentieren zu können: Das Subjekt »Mann«, das in der Geschichte – und auch in der Geschichtsschreibung – lange Zeit als nicht weiter befragte Norm galt, lässt sich als Teil einer vielfältigen Geschlechterordnung untersuchen. Bei näherem Hinsehen hat es Aushandlungsprozesse um Männlichkeiten in der Vergangenheit immer wieder gegeben. In den letzten Jahren scheinen sie sich konflikthaft zugespitzt zu haben – aber womöglich ist dieser Eindruck das Resultat einer präsentistischen Verkürzung, die es aus zeitgeschichtlicher Perspektive gerade zu überwinden gilt. Historisch-empirische Fallstudien zu sich verändernden Praktiken, Repräsentationen und Vorstellungen von Männlichkeiten, verbunden mit der Frage nach den Gründen für weiterhin bemerkenswerte Beharrungskräfte älterer Muster, können in der aktuellen Lage jedenfalls aufschlussreich sein. Zeitgenössisch als Männer definierte Menschen interessieren hier als soziale und vergeschlechtlichte Wesen in sehr unterschiedlichen zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Kontexten.

In den Beiträgen des Themenhefts richtet sich der Blick vor allem auf Gruppen von Männern, die nicht an der Spitze sozialer Hierarchien standen, sich aber auf jeweils hegemoniale Formen von Männlichkeit bezogen und damit, geradezu paradox, überkommene Muster perpetuierten: iranische Männer auf der Suche nach kultureller Authentizität in Abgrenzung von westlicher Hegemonie, muslimische Männer in einer sich als laizistisch verstehenden Türkei, im Zweiten Weltkrieg geschlagene deutsche Männer mit eigentlich vollkommen desavouierten Idealen, von Arbeitslosigkeit bedrohte britische Bergarbeiter in den 1970er-Jahren, obdachlose Männer in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1980er-Jahren, an Aids erkrankte homosexuelle Männer in verschiedenen Ländern, schwarze Männer in einer rassistisch strukturierten nordamerikanischen Gesellschaft. Synchron wie diachron wird die Pluralität von Männlichkeitskonstruktionen in Diskursen und Alltagserfahrungen deutlich. Zugleich bezogen und beziehen sich diese immer wieder auf das »andere« Geschlecht – oder präziser: auf »andere« Geschlechter in der Mehrzahl. Männlichkeiten waren und sind auf vielfältige Weise in Bewegung: emotional, ökonomisch, soziokulturell und politisch. Einigen dieser multiplen »Gender Troubles« geht das Heft mit spezifisch zeitgeschichtlichen Perspektiven nach.

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Bis zum Erscheinen der nächsten Ausgabe, eines »offenen« Hefts mit einer breiten Mischung von Themen, wird noch etwas Zeit vergehen. Einen besonders lesenswerten Aufsatz haben wir schon einmal vorab ins Netz gebracht: Frank Biess geht der Rezeption von Günter Wallraffs Erfolgsbuch »Ganz unten« nach, das zuerst 1985 erschien und seither vielfach übersetzt und neu aufgelegt wurde. »Im Gegensatz zur populären Erinnerung«, schreibt Biess, »war das Buch jedoch kein Wendepunkt in der öffentlichen Repräsentation der türkischen ›Gastarbeiter‹, für deren Erfahrungen Wallraff nach seiner Undercover-Recherche als ›Ali‹ zu sprechen schien. Vielmehr verdeutlichte ›Ganz unten‹ massive Defizite im Umgang mit Differenz in der bundesrepublikanischen Gesellschaft der 1980er-Jahre, gerade auch auf der Linken. Nicht Wallraffs Buch, sondern die damalige, bisher vernachlässigte deutsch-türkische Kritik daran markiert eine historisch signifikante antirassistische Traditionslinie, die bis in die Gegenwart reicht.«

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Neues aus der Redaktion: Nina Verheyen, Mitherausgeberin des aktuellen Themenhefts »Männlichkeiten«, hat am 6. Juli 2022 an der Universität zu Köln erfolgreich ihr Habilitationskolloquium absolviert. Herzlichen Glückwunsch!

Christiane Reinecke, ebenfalls Redaktionsmitglied und seit September 2021 Professorin für Neuere und Neueste Europäische Geschichte an der Europa-Universität Flensburg, ist Mitherausgeberin des neuen »Inventars der Migrationsbegriffe« (im Aufbau; eine parallele Buchfassung ist für April 2023 angekündigt). Beiträge der »Zeithistorischen Forschungen« zum Themenfeld Migration gibt es hier.

Michael Wildt, Beiratsmitglied dieser Zeitschrift und Professor für deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin, hat passend zum Gedenktag am 27. Januar 2022 ein umfangreiches neues Buch veröffentlicht: »Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918 bis 1945«. Im November wird er den renommierten Preis des Historischen Kollegs erhalten. Auch dazu gratulieren wir ganz herzlich!

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Zum Krieg in der Ukraine verweisen wir auf die aktuellen Texte und Materialien bei zeitgeschichte | online und H-Soz-Kult.
Möge dieser entsetzliche Krieg so bald wie möglich enden!

Vor 40 Jahren, am 24. April 1982, gewann die Sängerin Nicole mit ihrem Lied »Ein bißchen Frieden« den Eurovision Song Contest. In unserer Rubrik »Neu gehört« hat Philipp Gassert 2012 über dieses Ereignis und seine historischen Kontexte geschrieben.

Wie das Flüchtlingshilfswerk UNHCR im Mai 2022 meldete, sind global betrachtet mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht – eine höhere Zahl als je zuvor. Außer der Ukraine gibt es bekanntlich noch viele weitere Kriegs- und Krisengebiete. Daher bleibt die Flucht- und Flüchtlingsforschung auch ein wichtiger Schwerpunkt der Zeitgeschichte. Siehe dazu unser Themenheft 3/2018 (»Flucht als Handlungszusammenhang«).

Auch Hunger und Mangelernährung haben infolge des Ukraine-Krieges und anderer Ereignisse im globalen Maßstab weiter zugenommen, wie die Welthungerhilfe in ihrem Jahresbericht vom Juli 2022 näher belegt hat. Siehe für zeithistorische Perspektiven unser Themenheft 2/2021Welt – Hunger – Hilfe«).

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Vor 100 Jahren, am 24. Juni 1922, wurde Reichsaußenminister Walther Rathenau in Berlin ermordet. Martin Sabrow, Mitherausgeber dieser Zeitschrift, geht in seinem neuen Buch den Hintergründen der Gewalttat nach: »Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution«.

Martin Sabrows Abschiedsvorlesung an der Humboldt-Universität zu Berlin, gehalten am 6. Juli 2022 zum Thema »Zeitenwende in der Zeitgeschichte«, gibt es hier zum Nachhören.

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Vor 50 Jahren, am 8. Juni 1972, machte der vietnamesische Fotograf Nick Ut ein Bild des damals neunjährigen Mädchens Kim Phúc, das zu einem Symbol für die Schrecken des Vietnamkrieges wurde. In einem Aufsatz für unsere Zeitschrift hat Gerhard Paul die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte dieses Fotos analysiert, einschließlich der mit ihm verbundenen Mythen und Legenden. Diese exemplarische Fallstudie der Visual History, im Heft 2/2005 veröffentlicht, war auch 2021/22 wieder der am häufigsten aufgerufene Beitrag aus unserem Heftarchiv.

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Seit 1972 wird jährlich am 5. Juni der World Environment Day als internationaler Aktionstag begangen. Beiträge unserer Zeitschrift zur Geschichte der Umwelt und des Umweltschutzes finden Sie hier.

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Die Diskussion um Impfungen als individuell-körperliche, aber auch soziale Interventionen hat während der Corona-Pandemie wieder eine besondere Aktualität erhalten. Zur Vorgeschichte solcher Debatten, die im deutsch-deutschen Fall auch eng mit der Systemkonkurrenz im Kalten Krieg zusammenhingen, siehe den Aufsatz von Malte Thießen aus unserem früheren Themenheft 3/2013 (»Zeitgeschichte der Vorsorge«). Gemeinsam mit Hartmut Berghoff hat Malte Thießen zuletzt das Themenheft 2/2020 herausgegeben (»Gesundheitsökonomien«).

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Der Verein der Freunde und Förderer des ZZF Potsdam vergibt seit 2017 jährlich den Zeitgeschichte-digital-Preis. Ausgewählt werden bis zu zwei Beiträge, die im jeweils vorangegangenen Kalenderjahr in den Online-Portalen des ZZF veröffentlicht wurden. Am 11. November 2021 wurden die besten Beiträge des Jahres 2020 ausgezeichnet (leider erneut nur als Online-Veranstaltung). Den ersten Preis erhielt diesmal Michael Homberg für seinen Aufsatz »Computerliebe. Die Anfänge der elektronischen Partnervermittlung in den USA und in Westeuropa« aus Heft 1/2020 der »Zeithistorischen Forschungen«. Herzlichen Glückwunsch! Nähere Hinweise und Fotos finden sich hier, die Laudationes für die Preisträger:innen hier. Die Preisverleihung für die besten Beiträge des Jahres 2021 soll im Herbst 2022 stattfinden.

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Passend zum 53. Deutschen Historikertag ist in der Podcast-Reihe des ZZF Anfang Oktober 2021 ein neuer Beitrag ins Netz gekommen (Folge 7): »Zeitgeschichte digital über das Forschen und Publizieren im Internet«. Tim Schleinitz hat die Redakteur:innen der Online-Portale des ZZF, Christine Bartlitz, Annette Schuhmann und Jan-Holger Kirsch, zu ihren Erfahrungen mit dem digitalen Publizieren und zu ihren Ideen für die Weiterentwicklung der Publikationsformate befragt.

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In der erweiterten Suche können Sie nicht nur jeweils einzeln nach bestimmten Autorinnen und Autoren, nach Stichworten oder Themen recherchieren, sondern können thematische, geographische und chronologische Suchkriterien auch miteinander verknüpfen. Ebenfalls möglich ist natürlich die Suche nach Heften im Archiv und die Suche in einzelnen Registern (Autoren-, Rubriken-, Schlagwortregister). Für die Rubrik »Neu gelesen« gibt es ein eigenes detailliertes Register.

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Ergänzend zu den Originalbeiträgen der »Zeithistorischen Forschungen« bieten wir inzwischen rund 300 »digitale Reprints« an (thematisch passende Aufsätze oder Buchkapitel, die anderswo erschienen sind). Auf dem Dokumentenserver des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung sind diese Texte übersichtlich nachgewiesen, sortiert nach Themen und Ausgaben. Siehe hier.

Neue Reprints

Materialien zum Thema des Heftes 2/2015

  • Kriegsfotos auf dem Obersalzberg. Anmerkungen zu Eva Brauns Albumsammlung
  • Unklare Grenzziehungen. Zur Konstruktion von »Eigenem« und »Fremdem« in Aufnahmen deutscher Fotoamateure während des Zweiten Weltkriegs
  • Das operative Foto. Entstehung, Funktion und Überlieferung der Bilderwelt des MfS

Material zur Debatte 1/2012

  • Ein weites Feld. Forschungen zur Umweltgeschichte der Sowjetunion

Materialien zum Thema des Heftes 2/2018

  • Gewaltwahrnehmung. Für eine andere Geschichte der Gewalt im 20. Jahrhundert

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