Vorschau

Heft/Issue 2/2018:
Gewaltabkehr als gesellschaftliches Projekt

hg. von
Thomas Schaarschmidt, Winfried Süß und Peter Ulrich Weiß

Der Umgang mit Gewalt und ihre Einhegung betreffen Grundfragen des Zusammenlebens in modernen Gesellschaften und sind für deren Funktionieren konstitutiv. Als Mittel der Konfliktaustragung ist Gewalt heute zumindest in westlichen Ländern weitgehend tabuisiert und wird vom Staat als Träger des Gewaltmonopols sanktioniert. Aus zeithistorischer Perspektive, im Kontrast zu den Gewalterfahrungen der ersten Jahrhunderthälfte, erscheint die Entwicklung der bundesdeutschen Gesellschaft dabei wie ein Paradebeispiel des zivilisatorischen Fortschrittsnarrativs. Doch bei genauerem Hinsehen werden in vielen gesellschaftlichen Teilbereichen Bruchlinien, Ambivalenzen und Widersprüche erkennbar. Diese forderten die zeitgenössische Politik heraus und stellen die gegenwärtige Forschung vor Probleme der historischen Einordnung. Am Beispiel der Bundesrepublik seit den 1950er-Jahren und zugleich in systematischer Absicht untersuchen die Beiträge dieses Heftes, welche Methoden der Gewaltkontrolle und -eindämmung in verschiedenen Sozialbereichen eingesetzt wurden: in Familie, Heimerziehung, Schule, Strafvollzug, Massenmedien, Sport und Arbeitswelt. Wie überlagerten zudem neue Formen der Gewalt ältere Praktiken? Welche Herausforderungen ergaben sich daraus für die Gewaltprävention? Mit der Abkehr von der Gewalt wird ein Gegenstand thematisiert, der bislang weitgehend im Schatten der Gewaltforschung stand. Im Sinne der Leitvorstellungen zivilisierter Gesellschaften ist entscheidend, dass Gewalt nicht passiert. Aber wie und in welchem Maße setzten sich diese Leitbilder in der sozialen Praxis tatsächlich durch?

 

Heft/Issue 3/2018:
Flucht als Handlungszusammenhang

hg. von
Bettina Severin-Barboutie und Nikola Tietze

Flucht steht in einem umkämpften Handlungszusammenhang – an der Schnittstelle von Gewalt und Herrschaftsordnungen, von internationalen Rechtsnormen und nationalen Interessen, von Solidarität und existenzieller Bedrohung. Zugleich ist Flucht ein offener Prozess, geprägt durch das Spannungsverhältnis zwischen der »Kunst des Handelns« (Michel de Certeau) von Menschen auf der einen Seite und von Gemeinschaftsvorstellungen, Grenzregimen, bevölkerungspolitischer Kontrolle und Steuerung sowie ökonomischen und politischen Machtasymmetrien auf der anderen Seite. Flucht als Handlungszusammenhang zu untersuchen erfordert deshalb stets, beides im Blick zu haben – die unterschiedlichen Akteure selbst und die Bedingungen ihres Handelns. Die Beiträge des Themenhefts verfolgen dies in zweierlei Weise: Einige Autorinnen und Autoren liefern konkrete Fallbeispiele, indem sie Zugehörigkeitskategorien historisieren, Flüchtlingsrouten nachgehen, Lebensbedingungen, Handlungsoptionen und Anpassungsleistungen nach der Flucht untersuchen oder literarische Gegen-Welten vorstellen. Andere Beiträge nähern sich dem Thema stärker methodisch-theoretisch. Sie diskutieren akteurszentrierte Handlungskonzepte, fragen nach dem epistemologischen Potential von Selbstzeugnissen für die Flüchtlings- und Migrationsforschung oder diskutieren Erkenntnismöglichkeiten älterer sozialwissenschaftlicher Studien. In der Summe beleuchten die Beiträge daher nicht nur Handlungsformen in vorstrukturierten Herrschaftsordnungen bzw. -räumen sowie Wechselwirkungen zwischen beiden Ebenen. Sie interessieren sich zugleich für geeignete Konzepte und Quellen, mit denen Menschen vor, während und nach der Flucht als Akteure und Akteurinnen erforscht werden können.