Kurz nach der deutschen Erstausgabe erschien ein Raubdruck (»Sonderausgabe«) mit einem sehr ähnlichen Cover (Winterthur: Suhrbier 1974). Die Seitenzahlen der Zitate im vorliegenden Text folgen der deutschen Taschenbuchausgabe (5. Aufl. 1988).
»Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie« von Gilles Deleuze und Félix Guattari fällt in einer Klassifikation, die der französische Literaturwissenschaftler Pierre Bayard aufgestellt hat, unter die »Bücher, die man vom Hörensagen kennt«: Es »ist nicht nötig«, sie »in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, sofern man nur hört und liest, was andere Leser darüber sagen«.1 Von Anfang an waren die Lektüren indes uneins, wie das Buch überhaupt aufzufassen sei und welche Position es vertrete. Ungeachtet seiner näheren Einordnung in eine Geschichte der French Theory2 ist vor allem strittig geblieben, welche Stellung es zur Psychoanalyse und Psychiatrie bzw. Psychiatriekritik einnimmt.3 Manchen Lesarten, die dem Buch attestieren, es sei »faithful to Freud’s core insights«,4 stehen andere gegenüber, die es entweder als einen Rückfall hinter wesentliche Einsichten der Psychoanalyse ansehen oder aber als deren intransigente Kritik.
»Anti-Ödipus« gehört jedenfalls in den Kontext von Psychiatriekritik und Anti-Psychiatrie der 1960er-Jahre, auch wenn die Stoßrichtung nicht leicht auszumachen ist.5 Das Buch zielte weder auf einen Beitrag zur Psychiatriegeschichte noch analysierte es die Lage der psychiatrischen Versorgung. Es war zwar Teil der wachsenden Kritik an der polizeilichen und politischen Indienstnahme der psychiatrischen Kliniken und Anstalten, wie sie in der Einsperrung von Patient:innen, in deren unzureichender Versorgung und bei Therapien mit gravierenden Nebenwirkungen augenfällig wurde. Allerdings zogen Deleuze und Guattari ihre Kritik ins Grundsätzliche: Sie nutzten ausgewählte Begriffe und Konzepte aus Philosophie, Psychoanalyse und Ethnologie, um die Geschichte und Gegenwart eines Phänomens zu beschreiben, das in den 1960er-Jahren unter Bezeichnungen wie Subjekt, Psyche oder Seele firmierte und eine stillschweigende Voraussetzung oder Grundlage psychiatrischer und psychoanalytischer Theoriebildungen war. Vor allem bezweifelten sie den Nutzen einfacher Unterscheidungen zwischen Normalität und Verrücktheit.
Auch wenn Psychologie und Psychoanalyse längst über das einfach geschnittene Verständnis eines rationalen, seiner selbst bewussten Subjekts hinausgelangt waren, konnten sie die Subjektivierungsweisen in modernen kapitalistischen Industriegesellschaften nicht angemessen beschreiben. Statt die blinden Flecken ihrer Theorieentwürfe aufzuhellen, diskutierten psychiatrische, psychoanalytische und ethno-psychoanalytische Forschungsbeiträge der 1960er-Jahre vor allem über mögliche Anwendungen und Universalisierungen von Freuds Ödipus-Modell. Ausgerechnet die Psychoanalyse schien einem normativen Konzept des Subjekts und politischer Repression in die Hände zu spielen.
Dass der Ödipus-Komplex die Psychoanalyse nachgerade mit Blindheit geschlagen hatte, wurde nicht zuletzt an Ethnopsychiatrie und Ethnopsychoanalyse ersichtlich, die die Verbrechen des Kolonialismus zu kaschieren halfen.6 Der Psychiater Frantz Fanon hatte 1961 in »Die Verdammten dieser Erde« von Patient:innen in seiner Klinik in Algerien berichtet, die an verschiedensten Erkrankungen litten: von Neurosen über reaktive Psychosen bis zu schizoiden Zuständen. Fanon konnte die Fälle mühelos erklären. Es handelte sich um Störungen, die durch den Algerienkrieg verursacht waren, nicht aber, wie die französische Psychiatrie behauptete, um eine ethnisch oder kulturell bedingte Vulnerabilität. Man entdeckte die Verwüstungen, die der Kolonialismus verursacht hatte, als Neurosen und Psychosen wieder, ohne Kolonialismus und Krieg jedoch überhaupt in Betracht zu ziehen. Stattdessen wurde ein Konzept des ethnischen Unbewussten zu etablieren versucht, das eine einheitliche Struktur besitze, die nicht zuletzt aus dem ödipalen Konflikt resultiere.7 Als Hebel der Kritik diente Deleuze und Guattari der Begriff »désir«, den die deutsche Ausgabe als »Wunsch« fasst, der anderweitig aber meist als »Begehren« übersetzt wird.8
Grundbegriffe der Psychoanalyse sind von notorischer Unschärfe: »Jede Konzeption vom Menschen hat Begriffe, die zu fundamental sind, als daß man sie genau bestimmen könnte. Dies trifft in der Freudschen Doktrin zweifellos für den Wunsch zu.«9 Angesichts des definitorischen Spielraumes waren Theoriedebatten, wie das semantische Feld zuzuschneiden sei und was Trieb, Wunsch, Begehren, Bedürfnis, Verlangen unterscheide, nicht zu vermeiden. So wenig in der Psychoanalyse darüber Einigkeit herrschte, was unter désir zu verstehen sei, so sehr waren Beschreibungen nötig, die nicht schon an einer supponierten Funktionsweise des Unbewussten ausgerichtet waren. Deleuze und Guattari setzten dazu bei Freuds These an, dass der Wunsch sich immer nur als etwas anderes artikuliere, als er selbst sei, und sein vermeintliches Ziel meist verfehle. Der Wunsch hat bei Freud seinen Schauplatz in der »Phantasieproduktion« (S. 35), in der Unerfülltheit seine hauptsächliche Triebfeder und in der Familie den Agenten seiner Unterdrückung, die, wie nicht zuletzt das Inzesttabu demonstrieren soll, für den Fortbestand der Gesellschaft notwendig sei.
Als Freud im Mythos des Ödipus die Figuration seiner wesentlichen Ideen fand, konnte er nicht absehen, dass seine Modellierung des Unbewussten die Theorienentwicklung der Psychoanalyse langfristig auch behindern könnte. Das begriffliche Instrumentarium, mit dem die Psychoanalyse nach Zugängen zum Unbewussten suchte, wirkte zwangsläufig auf sie zurück. Einerseits fixierte der Ödipus-Komplex die psychoanalytische Theoriebildung auf die Familie als vermeintliches Fundament der moralischen, sozialen und politischen Ordnung; andererseits verkannten, so der Vorwurf von Deleuze und Guattari, die meisten Analytiker Rolle und Funktion des Wunsches und konnten »die grundlegende Frage der politischen Philosophie« nicht beantworten: »Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlaßt einen, zu schreien: Noch mehr Steuern! Noch weniger Brot! Wie [Wilhelm] Reich sagt, liegt das Erstaunliche nicht darin, daß Leute stehlen, andere streiken, vielmehr darin, daß die Hungernden nicht immer stehlen und die Ausgebeuteten nicht immer streiken. Warum ertragen Menschen seit Jahrhunderten Ausbeutung, Erniedrigung, Sklaverei, und zwar in der Weise, daß sie solches nicht nur für die anderen wollen, sondern auch für sich selbst? [...] Nein, die Massen sind nicht getäuscht worden, sie haben den Faschismus in diesem Augenblick und unter diesen Umständen gewünscht.« (S. 39) Der »Hauptfeind« von Deleuze und Guattari, so spitzte es Michel Foucault in seinem Vorwort von 1977 zur englischen Übersetzung des Buches zu, sei »der Faschismus, der in uns allen ist, der unsere Gesinnungen und unsere alltäglichen Verhaltensweisen heimsucht, der Faschismus, der uns die Macht lieben und genau das begehren lässt, was uns beherrscht und uns ausbeutet«.10
Deleuze und Guattari empfahlen eine konsequente Kulturalisierung und Historisierung des Unbewussten, bezweifelten, dass es hauptsächlich während der Kindheit in der Kleinfamilie geformt werde, und wandten sich gegen die Austreibung des Politischen aus dem Unbewusstem und der Psychoanalyse. Zwar nahmen sie mit Freud weiterhin an, dass ein Unbewusstes existiere, aber sie stellten die sonstigen Prämissen der Psychoanalyse infrage. Als Modell für die Funktionslogik eines Unbewussten, das nicht im ödipalen Konflikt geformt werde, sondern mit und in seiner Art und Weise zu erschließen sei, wie es Wünsche oder das Begehren hervorbringe, diente ihnen die Schizophrenie. Diese Modellierung trug nichts zur Psychopathologie oder gar zur klinischen Forschung bei. Weder bestritten die Autoren die Existenz von psychischen Störungen, Krankheiten und Leid noch verklärten sie die Schizophrenie oder andere Erkrankungen zu Spielarten von Kritik oder Gegenwissen. Auch wenn es in der Schizophrenie schwerste Störungen und Beeinträchtigungen gebe, hielten sie indes die Annahme für falsch, dass die vorgängige Einheit einer Seele existiere, die gestört werde. Die Bezeichnung »Schizo« (S. 28, S. 30 usw.), die sie allenthalben verwendeten, war keine saloppe Verkürzung des psychiatrischen Begriffs, sondern löschte aus dem Namen der Krankheit »phrenie«, also die »Seele«, heraus.
Unter den Erkrankungen und psychischen Störungen war die Schizophrenie lange Zeit das herausgehobene Beispiel, an dem die Psy-Diskurse, die auf einem vereinheitlichenden Konzept der Seele, der Psyche oder auch des Subjekts beruhten, ihren Testfall hatten.11 Die Psychiatrie hatte die Schizophrenie als Spaltung, Zerfall oder Transformation einer Persönlichkeit erklärt. Sie hatte allerdings zugleich bemerkt, dass trotz der Erkrankung bestimmte Merkmale einer Persönlichkeit erhalten blieben, wenn auch nicht in herkömmlicher Weise synthetisiert. Insbesondere schien die Subjektivität nicht ausgelöscht zu werden: »[W]ir treffen in der schizophrenen Psychose eine schwerste Veränderung der Persönlichkeit, ein Anderssein als die übrigen Menschen, ein Verrücktsein im alten Sinne des Ausdrucks, obschon ursprüngliche intellektuelle Leistungsfähigkeit und affektive Feinfühligkeit neben oder hinter den Krankheitserscheinungen irgendwie erhalten bleiben.«12 So offensichtlich die Erkrankung war, so schwierig war es zu bestimmen, wodurch die Subjektivität der erkrankten Person gekennzeichnet sei.
Ungeachtet der epistemologischen Kluft zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse versuchten Deleuze und Guattari mit »Anti-Ödipus« einen Brückenschlag, ausgehend von Freuds »Psychoanalytische[n] Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia« (1911). Freud hatte auf Grundlage seiner Lektüre von Daniel Paul Schrebers »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken« (1903) einen Fall diskutiert, der am Rande des Formenkreises schizoider Erkrankungen eingeordnet wurde.13 Psychiatrie und Psychoanalyse stimmten in ihrer allgemeinen Beschreibung der Symptomatik überein: Der Paranoiker produziert in seinem Wahn unverständliche Bedeutungen, die einer anderen Ordnung angehören als die Halluzination, der Autismus oder die primäre Angst. Freud argumentierte gegen die Psychiatrie, dass die Inhalte von Schrebers Wahn nicht nebensächlich, sondern wesentlich und verständlich seien, sofern sie als Repräsentation eines unbewussten Konflikts aufgefasst würden. Die Psychiatrie deckte weder den Mechanismus der Bedeutungsproduktion auf noch begriff sie die Relevanz der paranoischen Wahninhalte. Freud hielt also nicht den Mechanismus der Bedeutungsproduktion für gestört, sondern der Wahn, über den Schrebers autobiographische Aufzeichnungen nähere Auskunft gaben, erschien ihm im Lichte des Ödipus-Komplexes kohärent, logisch und verständlich. Während die Psychiatrie am paranoischen Wahn die kognitive Stringenz herausstellte, aber von den konkreten Inhalten abstrahierte, entzifferte Freud hinter den Bedeutungen, die der Paranoiker produziert, eine komplizierte Konfliktlage, die auf ein verdrängtes Begehren und eine bestimmte Familienkonstellation verweise.
Deleuze und Guattari sahen in den Wahninhalten nun keine Repräsentation eines ödipalen Konflikts, sondern plädierten dafür, sie wörtlich zu nehmen. Sie legten das Augenmerk auf das Delirium des Patienten Schreber, das offensichtlich nicht eine Familienkonstellation umkreiste (S. 114 und öfter). Die Psychoanalyse entkleidete die Wahninhalte vielmehr ihres gesellschaftlichen Zusammenhangs und bezog historisch-politische Inhalte auf Konflikte in der Familie zurück. Freud entgehe der Unterschied zwischen dem, was sich im Wahninhalt präsentierte, und dem, was darin wiedergefunden und repräsentiert wurde.14 Deleuze und Guattari lasen Schrebers Aufzeichnungen als Schilderung eines ebenso psychischen wie materiellen Geschehens, das vor allem seinen eigenen Körper erfasste und verwandelte. Was Schreber erlebte, war der Zerfall seines Körperschemas,15 das einen »organlosen Körper«16 freisetzte, der einer heteronomen Organisation unterworfen war und nicht zuletzt an Maschinenprozesse gekoppelt werden konnte, die ihrerseits eine delirante Wunschproduktion in Gang setzten.
Das Buch »Anti-Ödipus« nahm einerseits eine Tradition der Psychiatriekritik auf, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder an der Diagnose der Paranoia angesetzt hatte.17 Andererseits hielten die Autoren Abstand zu Freuds Kritik der psychiatrischen Nosologie und verwarfen dessen Modellierung des Unbewussten: Das Unbewusste funktioniere nicht wie ein Theater, auf dem die Tragödie des König Ödipus aufgeführt wird, sondern wie eine Fabrik, die über spezifische Produkte hinaus auch selbst die Werkzeuge macht und sogar noch die Maschinen anfertigt, die für den Produktionsprozess erforderlich sind.18
Deleuze und Guattari entlehnten ihren Begriff der Maschine der klassischen Theorie des Maschinenbaus. Franz Reuleaux hatte im späten 19. Jahrhundert im Rahmen seiner Bewegungslehre, der Kinematik, eine Theorie der Maschine formuliert, welche die Funktionsweise von beliebigen Maschinen beschrieb.19 Die Originalität seiner Definition lag gerade darin, dass sie nicht festlegte, woraus eine Maschine besteht: Weder ist ihr Begriff auf das Gebiet der Technik eingeschränkt noch ist sie von vornherein ein künstliches Artefakt. Unter Berufung auf Reuleaux konnte das Anwendungsgebiet des Begriffs weit ausgedehnt werden und nicht zuletzt neueren Entwicklungen in der Kybernetik Rechnung tragen. Der Maschinenbegriff im »Anti-Ödipus« sah von der materiellen Beschaffenheit, der technischen und organisatorischen Einheit sowie der Koppelung der Bestandteile ab. An die Stelle einer psychoanalytischen Erklärung, die den Wunsch aus der Erfahrung des Mangels herleitet, rückte nunmehr die Beschreibung der Wunschproduktion als ein maschinenartiges Geschehen. Weiteren Rückhalt für ihre These suchten Deleuze und Guattari in den Naturwissenschaften. Sie konnten sich auf den Molekularbiologen und Nobelpreisträger Jacques Monod berufen, der die Produktion der Proteine so beschrieben hatte: »Ein globuläres Protein ist schon im molekularen Maßstab aufgrund seiner funktionalen Eigenschaften eine richtige Maschine, nicht aber – wie wir jetzt erkennen – aufgrund seiner fundamentalen Struktur, in der sich nur ein blindes Kombinationsspiel ausmachen läßt.« (S. 372)20
Die Unterschiede zwischen technischer Maschine, Proteinstoffwechsel und Wunschproduktion waren nicht zu verkennen. Deleuze und Guattari verwiesen zwar auf Forschungen der Biochemie und Molekularbiologie, verknüpften damit aber keine Parteinahme für die naturwissenschaftlich orientierte Psychiatrie. Die Molekularbiologie leistete einer Applikation des allgemeinen Maschinenbegriffs auf nichttechnische Sachverhalte Vorschub und durchkreuzte für den Bereich des Stoffwechsels den Gegensatz von materialer Beschaffenheit und ihrer Funktionsweise. Der Schluss auf die Produktionsweise im Unbewussten ging wie folgt: Die Wunschmaschine funktioniere anders als eine technische Maschine, die ein Produkt herstellt, in das sie im Maße ihres Verschleißes eingeht. In der Wunschmaschine hingegen seien die Funktion der Maschine und deren Konstruktion unmittelbar miteinander verschmolzen. Sie fange bereits an zu produzieren, obwohl die Maschine noch nicht vollständig aufgestellt sei, und die Produktionsmittel selbst veränderten sich im Produktionsprozess. Im Unterschied zu technischen Maschinen störten die Wunschmaschinen offenbar permanent ihren eigenen Funktionsablauf und verzehrten sich selbst in ihren Funktionen: »[…] stets pfropft sich dem Produkt das Produzieren auf, bilden die Maschinenteile auch den Treibstoff.« (S. 41) Die Wunschmaschine stelle das Gewünschte nicht so her wie eine technische Maschine ihr Produkt, und vielfach schien das Produzierte auch nicht unbedingt das Gewünschte zu sein (S. 369). Es sei überhaupt nicht vorhersehbar, welchen Transformationen die Maschine ausgesetzt werde und welche Störungen auftreten könnten: »[…] nicht Abnutzung macht ihre Grenze aus, sondern die Fehlzündung, sie funktioniert, wenn sie knirscht, wenn sie kaputtgeht, in kleinen Explosionen birst – die Dysfunktionen sind Teil ihres Funktionierens.« (S. 193)
Deleuze und Guattari begriffen die Wunschmaschine nicht als eine Metapher für die Funktionsweise des Unbewussten, sondern als einen materiellen Prozess, der am und im Körper ablief, selbst wenn nicht unmittelbar zu beobachten war, wie er auf der Ebene des Stoffwechsels funktionierte. Zwar waren bereits seit den 1920er-Jahren Modellierungen des Menschen und seines Stoffwechsels als Fabrik verbreitet, wie nicht zuletzt eine Abbildung aus Fritz Kahns Tafelwerk »Der Mensch als Industriepalast« auf dem Buchumschlag einer neueren englischen Ausgabe des »Anti-Ödipus« in Erinnerung ruft. Doch setzte die Psychoanalyse weiterhin an einem rein psychischen Geschehen an, das mit den Wünschen und im Begehren ausgedrückt werde. Die künftige Analyse, so hofften Deleuze und Guattari, sollte nicht mehr universale Strukturen der Psychogenese und eine allgemeine symbolische Form wie den Ödipus-Komplex voraussetzen. Denn das Unbewusste schien in seinen Inhalten, seiner Funktionslogik und seinen Produkten offen zu Tage zu liegen, und es war auch nicht, wie zum Beispiel noch Jacques Lacan annahm, auf selbstverständliche Weise mit der Sprache verschmolzen.
1980 publizierten Deleuze und Guattari mit »Mille Plateaux. Capitalisme et Schizophrénie« eine Fortsetzung des »Anti-Ödipus«.21 Sie erklärten freimütig, dass ihr früheres Buch sein Ziel nicht erreicht hatte und sie es insgesamt für gescheitert erachteten. Sie hätten darin an der Bedingung festgehalten, dass es ein Unbewusstes gebe, und der irrtümlichen Vorstellung oder Idee angehangen, dass ein Subjekt existiere, das wesentlich durch seine Wünsche oder sein Begehren geformt werde.22 Ihre Attacke gegen den Ödipus-Komplex habe einen letztlich vergeblichen Angriff auf das Kernstück der Psychoanalyse geführt und an die Stelle eines durch den ödipalen Konflikt gebildeten Unbewussten die Modellierung eines Unbewussten gerückt, das nur mehr der Schauplatz einer maschinenartigen Produktion der Wünsche oder des Begehrens war. Jedoch schien fraglich, inwiefern das Modell der Wunschmaschinen überhaupt noch angemessen war. Die Kritik sowohl an Psychiatrie und Psychoanalyse als auch am Kapitalismus, die im »Anti-Ödipus« erprobt worden war, wirkte bereits veraltet. Seit den 1960er-Jahren waren vielfach Lebensformen entstanden, die nicht mehr »auf die Fabrik und die Familie als die beiden tragenden Säulen der Organisation der ökonomischen und der biologischen Reproduktion« ausgerichtet waren.23 So war die Familie nur mehr ein Ort neben anderen, an dem den Subjekten die Wünsche eingepflanzt wurden und das Begehren programmiert wurde. Die Frage des Buches von 1972, wie im Geflecht der historischen, ökonomischen, sozialen, technischen, medialen Bedingungen die Wunschproduktion funktioniert, bleibt weiterhin zu stellen. Der Kapitalismus vermag jedenfalls in seinen Dienst zu nehmen, was auch immer gewünscht und begehrt wird. Insofern war (und ist) eine Kritik, die nach den Modi fragt, wie Subjekte und ihre Begehren im Kapitalismus produziert werden, mehr denn je vonnöten.24
Anmerkungen:
1 Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Aus dem Französischen übersetzt von Lis Künzli, München 2007, S. 52.
2 Vgl. Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, 3., durchges. Aufl. München 2015, S. 114f. Felsch subsumiert Deleuze und Guattari unter die »[v]age[n] Denker« (S. 114) und nimmt die Ironiesignale der Autoren beim Wort: »Der Anti-Ödipus [...] war an Kinder, ja selbst an Analphabeten adressiert.« (S. 206) Vgl. ferner Ulrich Raulff, Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens, Stuttgart 2014, S. 51. Raulff deklariert die französische Theorie als »Suchtstoff« für die damaligen Leser:innen. Siehe auch Angela Woods, The Sublime Object of Psychiatry. Schizophrenia in Clinical and Cultural Theory, Oxford 2011, S. 145. Deleuze und Guattari zielten für ihr Buch, so Woods, auf ein »intended teenage audience«.
3 Vgl. Dagmar Herzog, Cold War Freud. Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen. Aus dem Amerikanischen von Aaron Lahl, Berlin 2023, S. 191-212; Fadi Abou-Rihan, Deleuze and Guattari. A Psychoanalytic Itinerary, London 2008, S. ix; Armin Schäfer, Das molekulare Unbewusste. Bemerkung zum Anti-Ödipus, in: Christine Kirchhoff/Gerhard Scharbert (Hg.), Freuds Referenzen, Berlin 2012, S. 167-185.
4 Abou-Rihan, Deleuze and Guattari (Anm. 3), S. 77.
5 Siehe John Rajchman, Analysis in Power. A Few Foucauldian Theses, in: semiotext(e) 2 (1977) H. 3: Anti-Oedipus. From Psychoanalysis to Schizopolitics, S. 45-58, hier S. 45; Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Aus dem Französischen von Ulrich Köppen, Frankfurt a.M. 1969 (die frz. Erstausgabe erschien 1961, eine revidierte Ausgabe 1972); Robert Castel, Die psychiatrische Ordnung. Das goldene Zeitalter des Irrenwesens. Aus dem Französischen von Ulrich Raulff, Frankfurt a.M. 1979 (frz. Erstausgabe 1977); Klaus Dörner, Bürger und Irre. Zur Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie der Psychiatrie, Frankfurt a.M. 1969. Zu Dörners Arbeiten siehe den Beitrag von Beate Binder in diesem Heft.
6 Vgl. Richard C. Keller, Colonial Madness. Psychiatry in French North Africa, Chicago 2007, S. 151f., S. 168-173, S. 179f.
7 Vgl. Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde. Vorwort von Jean-Paul Sartre. Deutsch von Traugott König, Frankfurt a.M. 1981, S. 210-245 (frz. Erstausgabe 1961, dt. Erstausgabe 1966); Keller, Colonial Madness (Anm. 6), S. 162-170. Zu Fanon vgl. auch Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S. 125.
8 Vgl. Jule Govrin, Begehren und Ökonomie. Eine sozialphilosophische Studie, Berlin 2020.
9 Jean Laplanche/Jean-Bertrand Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse. Aus dem Französischen von Emma Moersch, 2 Bde., Frankfurt a.M. 1973, S. 635.
10 Michel Foucault, Vorwort, in: ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. III: 1976–1979. Aus dem Französischen von Michael Bischoff, Hans-Dieter Gondek, Hermann Kocyba und Jürgen Schröder, hg. von Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Frankfurt a.M. 2003, S. 176-180, hier S. 178.
11 Vgl. Woods, Sublime Object of Psychitatry (Anm. 2), S. 34-62.
12 Manfred Bleuler, Die Problematik der Schizophrenien als Arbeitsprogramm des II. Internationalen Kongresses für Psychiatrie, in: Erwin Strauss/Jürg Zutt (Hg., unter Mitwirkung von Hans Sattes), Die Wahnwelten (Endogene Psychosen), Frankfurt a.M. 1963, S. 236-245, hier S. 241.
13 Vgl. Sigmund Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia [1911], in: ders., Studienausgabe, Bd. VII: Zwang, Paranoia und Perversion, hg. von Alexander Mitscherlich u.a., 7., korrigierte Aufl. Frankfurt a.M. 1997, S. 133-203, hier S. 183-200.
14 Vgl. Gilles Deleuze, Fünf Thesen über die Psychoanalyse, in: ders., Die einsame Insel. Texte und Gespräche von 1953 bis 1974. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, hg. von David Lapoujade, Frankfurt a.M. 2003, S. 398-407, hier S. 400.
15 Zum Begriff siehe Paul Schilder, Das Körperschema. Ein Beitrag zur Lehre vom Bewusstsein des eigenen Körpers, Berlin 1923.
16 Gilles Deleuze, Francis Bacon. Logik der Sensation. Aus dem Französischen von Joseph Vogl, 2 Bde., München 1995, S. 32.
17 Vgl. Michael Schmidt-Degenhard, Zur Problemgeschichte und Psychopathologie der Paranoia, in: Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie 66 (1998), S. 313-325.
18 Zur Universalisierung des Ödipus-Komplexes in Ethnopsychoanalyse und Ethnopsychiatrie vgl. Erich Wulff, Einleitung: Fragen an Devereux, in: Georges Devereux, Normal und Anormal. Aufsätze zur allgemeinen Ethnopsychiatrie. Aus dem Französischen von Nils Thomas Lindquist, Frankfurt a.M. 1974, S. 7-17, hier S. 8; zur Kritik der Universalisierung vgl. Michel Foucault, Die Wahrheit und die juristischen Formen, in: ders., Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, Bd. II: 1970–1975. Aus dem Französischen von Reiner Ansén, Michael Bischoff, Hans-Dieter Gondek, Hermann Kocyba und Jürgen Schröder, hg. von Daniel Defert und François Ewald unter Mitarbeit von Jacques Lagrange, Frankfurt a.M. 2002, S. 660-792, hier S. 686f.
19 Siehe Wolfgang Schäffner, Technologie des Unbewußten, in: Friedrich Balke/Joseph Vogl (Hg.), Gilles Deleuze – Fluchtlinien der Philosophie, München 1996, S. 211-229; Peter Berz, 08/15. Ein Standard des 20. Jahrhunderts, München 2001, S. 78-122; Henning Schmidgen, Das Unbewußte der Maschinen. Konzeptionen des Psychischen bei Guattari, Deleuze und Lacan, München 1997; Franz Reuleaux, Lehrbuch der Kinematik, Bd. 1: Theoretische Kinematik. Grundzüge einer Theorie des Maschinenwesens, Braunschweig 1875; ders., Der Konstrukteur. Ein Handbuch zum Gebrauch beim Maschinen-Entwerfen, 4. Abdruck der 4., umgearb. u. erw. Aufl. Braunschweig 1899.
20 Deleuze und Guattari zitieren Jacques Monod, Zufall und Notwendigkeit. Aus dem Französischen von Friedrich Griese, München 1971, S. 98, S. 122. Vgl. hierzu Lili E. Kay, Das Buch des Lebens. Wer schrieb den genetischen Code? Aus dem Amerikanischen von Gustav Roßler, München 2001, S. 233.
21 Gilles Deleuze/Félix Guattari, Mille Plateaux. Capitalisme et Schizophrénie, Paris 1980.
22 Dies., Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie 2. Aus dem Französischen übersetzt von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, hg. von Günther Rösch, Berlin 1992, S. II.
23 Eva Illouz, Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. Aus dem Englischen von Michael Adrian, Berlin 2018, S. 99f.
24 Zu einer soziologischen Kritik solcher Arten und Weisen, wie der Kapitalismus einen spezifischen Subjekttypus formt, indem er ihm Wünsche und Begehren einpflanzt und die Idee der Liebe in den Dienst nimmt, siehe generell die Forschungen von Eva Illouz.
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