»Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«

Ein Medienereignis als Quellenensemble: Zwischen jugendlichem Drogenelend, popkulturellem Mythos und offenen Fragen
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Cover der Erstausgabe von 1978, veröffentlicht bei Gruner und Jahr, und einer weiteren frühen Ausgabe, nun mit einem Foto der West-Berliner Diskothek SOUND (siehe auch Anm. 5)

Das Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« ist weit mehr als eines der erfolgreichsten Sachbücher der deutschen Nachkriegsgeschichte. Millionenfach verkauft, avancierte es binnen kürzester Zeit zur »Bibel der Turnschuhgeneration, die sich ›in die Leiden der heiligen Christiane‹ (Herbert Riehl-Heyse) so inbrünstig versenkt wie eine andere Generation einst in die des jungen Werther«.1 Die »heilige Christiane« war die 1962 in Hamburg geborene Christiane Vera Felscherinow, die mit schonungsloser Offenheit ihren Weg als minderjährige Schülerin in die Heroinsucht schilderte. Ihre Geschichte war dabei nicht nur die Beschreibung einer Flucht vor Langeweile, Frust, familiärer Gewalt, gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und einer rastlosen Suche nach sozialer Anerkennung. Vielmehr löste sie zugleich eines der wohl größten Medienereignisse der 1970er- und 1980er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland aus. Denn das 1978 erschienene Buch generierte eine immense mediale, pädagogische und politische Aufmerksamkeit, die sich durch den Film von 1981 noch steigerte – abzulesen etwa an der Vielzahl deutscher und internationaler Rezensionen sowie der Kommentare, Leit­fäden und Ratgeber für Eltern und Lehrer*in­nen zum pädagogisch verantwortungsvollen Umgang mit Christiane F.s Schilderungen.2

Aus historiographischer Sicht ist dieses umfangreiche Medien- und Quellen­ensemble ein Glücksfall für die zeithistorische Forschung, weil es nicht nur neue Perspektiven auf die drogenpolitischen und -therapeutischen Kontexte der 1970er- und 1980er-Jahre eröffnet, sondern insgesamt einen Blick auf die politisch-gesellschaftlichen Transformationsprozesse der Bundesrepublik freigibt, wobei die Geschichte von Christiane F. gleichermaßen als Ausdruck wie auch als Anstoß solcher Prozesse gelten kann. So schreiben sich Buch und Film und deren Rezeption eben nicht nur in die Debatten zum Phänomen des Drogenkonsums von Jugendlichen und in die damit verbundenen Präventions- und Risikodiskurse ein, sondern sie sind zugleich Signifikat jenes zeithistorisch diagnostizierten Strukturbruchs der 1970er-Jahre, der nicht zuletzt in eine »Kultur der Angst« bzw. eine »Suche nach Sicherheit« mündete.3

Dass »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« als Buch und als Film bis heute den kulturellen und populärwissenschaftlichen Referenzpunkt bildet, wenn von der bundesdeutschen Drogenszene die Rede ist, verweist auf die nachhaltige Wirkung dieses publizistischen Ereignisses. Es hat nicht nur ein umfangreiches zeithistorisches Quellenkorpus hervorgebracht, sondern lässt sich auch als ein Medienensemble fassen, das die kollektive Wahrnehmung von Drogenkonsum und Sucht bis in die Gegenwart prägt und noch immer Anknüpfungspunkte und Mahnungen für den aktuellen Umgang mit einer sich erneut verschärfenden Drogenproblematik bereithält.

1. Ein unwahrscheinlicher Erfolg?

Was aber machte eigentlich die Faszination der expliziten Schilderungen einer minderjährigen Fixerin über die dichte, sehr abgeschlossene Welt der West-Berliner Heroinszene aus? Großen Anteil daran hatte zweifelsohne die umgehend einsetzende mediale Popularisierung der Figur Christiane F., die dieser zu großer »anonymer Prominenz«4 verhalf und zugleich den pop- und subkulturellen Nimbus West-Berlins verstärkte.5 Christiane F. wurde so nicht nur für die Jugend zu einer Symbol- und Projektionsfigur, die man »kannte und doch nicht kannte«, wie die »ZEIT«-Journalistin Claudia Sautter 1982 treffend schrieb.6 Aber je stärker das Buch und wenig später der Film die deutsche Jugend fesselten, umso mehr hofften besorgte Eltern auf eine abschreckende Wirkung, grübelten Pädagog*innen über die didaktischen Herausforderungen und lagen bei Vertreter*innen der professionellen Drogenhilfe die Nerven blank, weil sie Christiane F.s Report nachgerade als Anleitung zum Einstieg in den Heroinkonsum werteten.

Daran vermochte auch das einordnende Vorwort des Psychiaters und Sozialphilosophen Horst Eberhard Richter nichts zu ändern – im Gegenteil: Seine Deutungen verstärkten die Sorge vor einer neuen »Lost Generation« eher noch und stellten zugleich gängige Vorstellungen von Drogensucht infrage. Diese sei nicht etwa Ausdruck einer Psychopathologie schwacher oder willenloser Geister, auch keine »Sonderkategorie primär abartiger Kinder«, sondern das Resultat »einer Vielzahl miteinander verzahnter Probleme von inhumanem Wohnen, unterdrückter kindlicher Spielwelt, Krisen […], Entfremdung und Isolation innerhalb der Familie wie in der Schule«.7

Bestätigung fanden Richters Interpretationen bei Umfragen unter Jugendlichen. Deren Interesse galt weniger den Passagen, in denen Christiane F.s Leben von den Regeln der Fixer-Szene bestimmt war, sondern jenen Erfahrungen und Konflikten, die die Protagonistin überhaupt erst zu Drogen geführt hatten. Es waren vor allem ihre Alltagserlebnisse, schulische Konflikte, familiäre Gewalt und die gesellschaftliche Ignoranz gegenüber Kindern – sowie das Gefühl der Einengung durch die betongewordene Tristesse der Berliner Gropiusstadt –, die sich anschlussfähig an das Lebensgefühl vieler Jugendlicher in der Bundesrepublik zeigten.8 Die aufgeregt-kritische mediale Rezeption, die nachholenden Versuche der Pädagogisierung eines Buchs ohne »pädagogische Intention«9 sowie das ständige Warnen vor den Gefahren von unbegleiteter Lektüre oder Kinobesuch verkannten somit das eigentliche Interesse vieler jugendlicher Leser*innen. Und je stärker das Buch als Bedrohung wahrgenommen und debattiert wurde, desto mehr wuchs die Neugier der Jugendlichen.

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Ein dramatisch wirkendes Panoramafoto der Hochhäuser in der West-Berliner Gropiusstadt sollte die textliche Argumentation des Buches unterstreichen.
(aus: Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Hamburg 1978, S. 168f.; Foto: Eva Kroth)

Eigentlich hätten sie keine spezifische Zielgruppe für das »Produkt Buch« im Blick gehabt, bekannten die beiden verantwortlichen »stern«-Journalisten Horst Rieck und Kai Hermann, wohl aber erwartet, dass die Problematik vor allem Eltern von Heranwachsenden interessieren würde. Dass »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« schließlich zu einem Jugendbuch wurde, habe sie dann jedoch »nicht total über­rascht«.10 Die Brisanz des Buchs erwuchs nicht zuletzt aus der Intention der beiden Journalisten, dem »Primat der Authentizität« den Vorzug gegenüber pädagogischen Erwägungen zu geben, wie sie später betonten. Damit folgten sie einerseits dem »Paradigmenwechsel in der Jugendliteratur um 1970«, die sich verstärkt den »Schwierigkeiten einer Identitätsfindung unter den Bedingungen der Moderne« zuwandte,11 unterliefen andererseits jedoch bestehende Konventionen pädagogisierender Aufklärungsliteratur. In dieser Gemengelage zeigen sich schließlich nicht nur die Ursachen für den immensen Erfolg des Buchs, sondern auch die aus zeithistorischer Perspektive produktive Ambivalenz dieses Medienereignisses, wie mit Blick auf Entstehungskontext, Wirkung und Rezeption von Buch und Film deutlich wird.

2. Entstehungskontext

Der Kontakt zwischen dem »stern«-Journalisten Horst Rieck und Christiane F. kam im Februar 1978 anlässlich eines Gerichtsverfahrens im Kontext von Beschaffungsprostitution Minderjähriger am Amtsgericht Moabit zustande. Die Begegnung mit der als Zeugin vorgeladenen Christiane F. war allerdings kein Zufallstreffen, wie Rieck später bekannte, sondern Ergebnis einer »längeren Recherche über jugendliche Aussteiger« mit dem Ziel, »das zur Zeit der Entstehung des Buches totale Schweigen über die Heroin-Problematik zu brechen«.12 Die Behauptung eines »totalen Schweigens« muss man indes einer nachholenden Legendenbildung zuschreiben, denn sie entsprach keineswegs den Tatsachen: Insbesondere die Boulevardmedien arbeiteten sich schon früh, ausufernd und mit ablehnender Faszination am eigensinnigen Drogenkonsum ab, der spätestens seit Mitte der 1960er-Jahre eine der vielfältigen rebellischen und performativen Gesten darstellte, mit denen unterschiedlichste Jugend- und Jung­erwachsenenmilieus ihre Antinomie gegen bestehende Werte- und Normenvorstellungen zum Ausdruck brachten.13

Während diese Medien in unzähligen Beiträgen die neuen, experimentierfreudigen und konventionsbrechenden Verhaltensweisen der jungen Generation meist im Modus einer öffentlichkeitswirksamen Skandalisierung zum Thema machten, die nicht selten durch selektiv herangezogene Expertenmeinungen verstärkt wurde,14 war es das große Verdienst von Hermann und Rieck, solche einseitigen Perspektiven aufzubrechen und zur dringend notwendigen Differenzierung beizutragen. Das gelang auch deshalb, weil Christiane F. zwar einerseits die ganze soziale, physische und psychische Dramatik jugendlicher Heroinsucht verkörperte, aber andererseits gängige Klischees über jugendliche »Junkies« in vielfacher Weise konterkarierte. Denn die »Fixerbraut«, wie sich Christiane F. selbst titulierte, war eloquent, reflektiert, eine rastlose Erzählerin und – hübsch. Christiane F.s Auftreten und Aussehen sorgte in der medialen Wahrnehmung für eine Art faszinierter Irritation: Das sollte das Mädchen sein, fragte sich etwa die »ZEIT«-Journalistin Claudia Sautter 1982 bei ihrer ersten Begegnung mit Christiane F., das jahrelang Heroin gespritzt hat? Das auf den »Babystrich« ging? Das Freunde sterben sah und alle seelischen Verwundungen erlitten hatte, die ein solches Leben verursacht? Nicht eine dieser Erfahrungen sei ihrem Gesicht abzulesen. Unberührt sehe sie aus und ohne ihren »modischen Punk-Besen auf dem Kopf« fast wie ein Botticelli-Engel. Wüsste sie es nicht besser, so fügte Sautter raunend an, könnte man Christiane F. geradewegs für eine von zwei cleveren Journalisten erfundene Figur halten.15

Aber auch wenn Christiane F. mit ihrer Biographie offenkundig keine Erfindung war, mussten sich Rieck und Hermann den Vorwurf gefallen lassen, hier tragische Schicksale zu vermarkten. Und tatsächlich ließe sich der von den beiden Autoren behauptete aufklärerische Impetus kritisch hinterfragen. So steht schon das titelgebende »Wir« in auffälligem Kontrast zur solitären Erzählung von Christiane F., während alle anderen Jugendlichen, die den Leser*innen im Buch begegnen, an keiner Stelle selbst zu Wort kommen. Sie wurden entweder nicht gefragt oder wollten bzw. konnten nicht von ihren Erfahrungen erzählen. Aus quellenkritischer Sicht handelt es sich bei »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« also um die retrospektive Erzählung einer einzigen Person – mit allen selektiven Wahrnehmungen, Erinnerungslücken und Deutungshoheiten, die ein solches Erzählen mit sich bringt.

Eine weitere Besonderheit der Überlieferungssituation ist, dass neben Buch und Film ein umfangreicher Ton-Dokumentationsbericht existiert, der auf den Tonbandprotokollen Riecks und Hermanns basiert und 1979 als dreiteiliges Hörspielfeature im RIAS ausgestrahlt wurde.16 Durch diese Mitschnitte lässt sich nicht nur ein lebhafter Eindruck der Erzählsituation und der Erzählweise von Christiane F. gewinnen, sondern auch die Authentizitätsbehauptung der beiden »stern«-Journalisten überprüfen. Selbst wenn nach Riecks und Hermanns Bekunden Christiane F.s Geschichte aufgrund des schieren Umfangs der Tonbandprotokolle »neu geschrieben« werden musste,17 wird im Abgleich von Buch und Protokollen deutlich, dass die von den beiden Journalisten vorgenommene Auswahl zwar einer erzählerischen Dramaturgie folgte, dabei aber weder die Chronologie veränderte noch Tatsachen verfälschte oder hinzuerfand. So bleibt trotz der Freiheiten, die sich die beiden Autoren gewährten, die Essenz des mündlichen Berichts von Christiane F. unberührt, was die verheerende (soziale) Dynamik, die Christiane F. zum Heroin gebracht hatte, in aller Deutlichkeit zu Tage treten lässt.

3. Wirkung, Rezeption, Umgang

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SPIEGEL-Cover 15/1981. Die Titelseite zeigt ein Standfoto aus dem Film »Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, in dem Christiane F. von der Schauspielerin Natja Brunckhorst verkörpert wurde.
(© DER SPIEGEL 15/1981)

Dass »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« zu einem der erfolgreichsten Sachbücher der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde – insgesamt stand es 95 Wochen (!) auf der »Spiegel«-Bestsellerliste18 – lag auch daran, dass es für »viele tausend Jugendliche« »das erste und einzige Buch« war, das sie freiwillig und oft sogar mehrmals lasen, wie der Bremer Pädagoge Reinhard Bockhofer 1981 in einem »Spiegel«-Gespräch betonte.19 Schätzungen zufolge betrug der Anteil jugendlicher Leser*innen 80 Prozent.20 Zugleich wurde der Genrebegriff »Sachbuch« dem hybriden Charakter der buchgewordenen Tonbandprotokolle kaum gerecht und stellte eine missverständliche Zuordnung dar, die vor allem bei Erwachsenen zu der vielfach enttäuschten Erwartung führte, man habe es hier mit einem Aufklärungs- und Präventionsbuch zu tun. Aber wenn es aufklärte, dann darüber, dass Drogen, ob nun »weich« oder »hart«, legal oder illegalisiert, einen integralen Bestandteil jugendlicher Subkultur(en) darstellten und dass diesbezüglich kein ausgeprägtes Unrechts- oder Risikobewusstsein existierte. Nicht nur bei Christiane F. und ihrer Clique gingen die gelegentlichen Warnungen der studierten Sozialarbeiter*innen, das Haschischrauchen nicht zu übertreiben, es nicht als Fluchtmittel zu gebrauchen und vor allem nicht auf harte Drogen umzusteigen, »zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus«.21 Vielmehr gaben sie den Jugendlichen sogar ein entwaffnendes Gegenargument an die Hand: »Ihr glaubt wohl, wenn Studenten kiffen, dann ist das okay. Die haben den Durchblick. Aber wenn Lehrlinge oder Arbeiter kiffen, dann ist das gefährlich. Solche Argumente laufen bei uns nicht.«22

Diese explizite, mit Stolz vorgetragene soziale Distinktion prägte nicht nur das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein Christiane F.s und ihrer Clique, sondern verdeutlichte zudem, dass die breite politische und gesellschaftliche Problematisierung jugendlichen Drogenkonsums just in jenem Moment Fahrt aufnahm, in dem sich die drogenkonsumierenden Milieus verschoben – von studentischen und akademischen hin zu Milieus der Mittel- und Arbeiterschicht; eine Entwicklung, die die bundesrepublikanische Gesellschaft gleichermaßen aufschreckte wie auch ratlos zurückließ.

Wer verstehen will, warum das Buch derart heftige Reaktionen hervorrief, findet einen Teil der Erklärung dort, wo sich Christiane F.s individuelle Suchtgeschichte in größere gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen einbettet. Gerade ihre erzählerische Nonchalance, mit der sie quasi im anekdotischen Vorbeigehen auf die blinden Flecken einer tendenziell rauschaffinen Gesellschaft hinwies, wurde vielfach als Provokation – und zugleich als Verharmlosung des Drogengebrauchs – (miss-)verstanden. Die Vehemenz, mit der vor allem die »Drogenabwehrexpert*innen« ihre Ablehnung von Buch und Film äußerten, dürfte auch damit im Zusammenhang gestanden haben, dass es deren Erfolglosigkeit bei der Eindämmung jugendlichen Drogenkonsums offenbarte. Als einer der größten Kritiker tat sich etwa der damalige West-Berliner Drogenbeauftragte Wolfgang Heckmann hervor, der in einer bemerkenswerten Mischung aus Sorge und Entlastungsdiskurs zusammen mit anderen »Fachleuten aus verschiedenen Bereichen der Drogenarbeit« vor einer Verfilmung des Buchs warnte, weil ein Film Gefahr laufe, zu einem »Werbespektakel für den Drogenkonsum und die Scene« zu werden.23 Nach Erscheinen des Films hielt er es dann für geboten, »vor allem Eltern vor der gutgemeinten[,] aber falschen Ansicht zu warnen, sie täten etwas für die Gesundheit ihrer Kinder, wenn sie ihnen Geld gäben und sie in diesen Film schickten«. Besser sei es, dafür zu sorgen, dass sich Jugendliche weder für das Buch noch für den Film interessierten.24

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Kinoplakate für den Film »Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« an einer Baustelle in München,
Juli 1981. Zwischen dem Buch von 1978 und dem Film entstand offenkundig keine Medienkonkurrenz;
vielmehr scheint der Film dem Verkauf des Buchs einen erneuten Schub gegeben zu haben.
(picture-alliance/akg-images/Peter Hebler)

Heckmann war beileibe nicht der einzige Kritiker. Schlimm sei es, polemisierte etwa der Journalist Herbert Riehl-Heyse, dass man nicht kalkulieren könne, wie junge Menschen auf diesen Film reagieren würden, und zwar gerade diejenigen, die schon das Buch wie eine Droge aufgesogen hätten, weil sie glaubten, sich darin wiederzuerkennen. Wie wolle man verhindern, dass diese Faszination neurotische Jugendliche antörne und sie – verbunden mit den detailgetreuen Informationen des Films über die rechte Art, sich Heroin zu verabreichen – erst zu jenem Dauerselbstmordversuch animiere, vor dem der Film scheinbar abschrecken wolle?25 Es ist bemerkenswert, wie sich ein großer Teil der zeitgenössischen Rezeption an Buch und Film abarbeitete, beiden Medienformen fast schon eine ähnliche Gefährlichkeit wie der Droge selbst attestierte, sich an der Ästhetisierung jugendlicher Subkultur rieb, Beschreibungen des Konsumakts und der Rauschwirkungen problematisierte und die Nichterwähnung oder Ablehnung von Therapieangeboten kritisierte.

Dass die Verweigerungshaltung vieler Fixer*innen gegenüber Therapien weniger ein ihrer Sucht inhärentes, zwangsläufiges Verhalten darstelle, wie etwa Heckmann und andere Drogenexpert*innen immer wieder insinuierten,26 sondern eher als Reaktion auf die enormen strukturellen Defizite der Suchtkrankenversorgung, das sakrosankte Abstinenzparadigma und den Zwangscharakter von Therapien zu werten war, blieb dagegen größtenteils unerwähnt. Mehr noch wurden die im Buch aufscheinenden vielfältigen sozialen Ursachen von Suchtgefährdung und Sucht stellenweise sogar als »sozialkritisch-exotisch« bezeichnet. Sie hätten nur deshalb Eingang in das Buch gefunden, weil »der Medien-Mechanismus fast besinnungslos [darauf] abführe und der Zuschauer hier seinen Voyeurismus mit einem Schuss Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen und einer Prise Entsetzen über das Unglück in einer weit entfernten Welt bemänteln könne«.27 Gleichzeitig wurde dieses »Entsetzen« in der medialen Rezeption noch durch das ständige Heranziehen weniger Berichte über Rückfälle oder mit Aussagen von einem durch das Buch bzw. den Film inspirierten Einstieg in die Heroinsucht zusätzlich befeuert, die aber in erster Linie dazu dienten, die angebliche Unverantwortlichkeit des Buchs und des Films zu skandalisieren.28

Alle diese Formen der Rezeption, ob medial oder im Kontext der Drogenhilfe, fußten nicht zuletzt auf einem grundsätzlichen Missverständnis, das dazu führte, dass sich die Kritik beständig an der Frage nach dem Aufklärungs-, Abschreckungs- und Präventionspotential von Buch und Film orientierte. Das war indes ein Anspruch, den beide medialen Formate nie explizit erhoben. Sie wollten in erster Linie schlicht »zeigen […], was ist«, wie es der Drehbuchautor Herman Weigel in einer Gesprächsrunde des Bayerischen Rundfunks vom 24. April 1981 ausdrückte.29 Noch deutlicher äußerte sich der Regisseur Uli Edel: »Ich bin Filmemacher, kein Drogenbekämpfungsfachmann. […] Wenn ihr Präventionsfilme braucht, müßt ihr sie selbst machen!«30

4. Fazit

Die größte Leistung des Buchs und des Films, so lässt sich zusammenfassen, war es, ein gesellschaftlich meist ignoriertes Phänomen sichtbar zu machen. Wirkmächtig war dieses Medienereignis nicht etwa, weil es mit dezidierten Theorien und Erklärungsmodellen für das Phänomen des gesteigerten jugendlichen Drogenkonsums in den 1970er- und 1980er-Jahren aufwartete, sondern weil es bislang Unerhörtes und Unsichtbares hör- und sichtbar werden ließ. Der schonungslose Realismus, mit dem Christiane F. ihr Leben beschrieb, mit dem sie von einer Drogenszene berichtete, die inmitten der Gesellschaft, auf den Bahnhöfen, in Diskotheken, Jugendeinrichtungen und Schulen um sich griff, traf unter Jugendlichen – zumal in urbanen Räumen – einen Nerv. Ganz offenbar konnten die Jugendlichen einen Bezug zu dem herstellen, wovon Christiane F. sprach; nicht unbedingt aufgrund eigener Drogenerfahrungen, wohl aber im Sinne eines weit verbreiteten jugendlichen Lebensgefühls von Marginalisierung und Perspektivlosigkeit in einer krisengeschüttelten Zeit.

Deshalb erscheint »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« rückblickend auch als symptomatische Beschreibung einer Transformationsgesellschaft. Solche Zusammenhänge wurden in der zeitgenössischen Rezeption durchaus schon gesehen und angesprochen, allerdings nur selten zum Ausgangspunkt lösungsorientierter Ansätze gemacht. Stattdessen wurden immer wieder das Schreiben und Sprechen über Heroin und andere Drogen in der Form von Christiane F.s Erfahrungsbericht problematisiert und skandalisiert – mit dem paradoxen Effekt, dass diejenigen, die am eindringlichsten vor Buch und Film warnten, den Nimbus des Heroins eher noch verstärkten, zumal sie nicht rational begründen konnten, warum die schonungslose Darstellung von Heroinkonsum diesen erst reizvoll machen soll.

Überhaupt zeigt sich auch im langen medialen Nachleben der »Kinder vom Bahnhof Zoo« und am weiteren medialen Umgang mit Christiane F. häufig ein erstaunlicher Mangel an kritischer Reflexion darüber, wie das eigene Berichten über ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem durch Stereotypisierung, Moralisierung, Individualisierung und doppelte Standards dessen Ursachen weiter verschleiern und zugleich stabilisieren kann. Das umfasst insbesondere die zwischen Voyeurismus und Anklage changierende Medienberichterstattung über Christiane F. Dass sich »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« aber durchaus auch als Referenzpunkt für eine differenzierte, weiterführende Auseinandersetzung mit dem Phänomen des jugendlichen Drogenkonsums und seinen sozialen Kontexten eignet, unterstreichen eine ganze Reihe Dokumentationen und Adaptionen: etwa Sebastian Heidingers Dokumentarfilm »Drifter« von 2007, der drei junge heroingebrauchende Menschen rund um den Bahnhof Zoo begleitet,31 Rosa von Praunheims mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Dokumentation »Die Jungs vom Bahnhof Zoo« aus dem Jahr 201132 sowie neuerdings jene Serien-Adaption der »Kinder vom Bahnhof Zoo«, die vor der Retro-Kulisse und in Anlehnung an Christiane F.s Schilderungen den Versuch einer Aktualisierung unternimmt.33

Nach wie vor aber werden Sucht und ihre Begleiterscheinungen vor allem als Schicksal oder Willensschwäche wahrgenommen. Der Möglichkeit, sich selbstbestimmt für ein Leben mit Drogen zu entscheiden, oder weniger aktiv formuliert: es aus welchen Gründen auch immer zu leben,34 haftet bis heute der Ruch des Pathologischen an, weil das Bild vom »Clean-Sein« weiterhin den normativen Rahmen des gesellschaftlichen Diskurses bestimmt. Auch dafür steht Christiane F., an der das öffentliche Interesse bis zu ihrem endgültigen Rückzug aus der Öffentlichkeit 2013/14 kaum abebbte. In den Jahrzehnten nach »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« forderte sie mit ihrer ambivalenten Haltung zum eigenen Heroinkonsum derartige Perspektiven immer wieder heraus. In einem ihrer letzten Interviews stellte sie beispielsweise die Frage: »Wie könnte ich irgendetwas Schlechtes über Heroin sagen? Es hat mich reich gemacht. Es hat mich berühmt gemacht. […] Ich liebe Heroin, und ich hasse es. Aber es ist mein Leben gewesen – was also soll ich sagen?«35

Aus der Re-Lektüre von »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« sowie dem breiten Quellenkorpus zur Rezeption von Buch und Film wird nicht zuletzt mit Blick auf die Gegenwart deutlich, dass bei aller Wichtigkeit breiter Aufklärung über Risiken und Gefahren von Drogenkonsum oft Leerstellen bleiben; dass wir als Gesellschaft nach wie vor nicht die richtigen Fragen stellen. Wichtig wäre etwa, was Menschen zum Drogenkonsum motiviert, was Drogen in ihrer Wirkung »anzubieten« haben, welche Funktion eine bestimmte Droge erfüllt, wie sie den Alltag strukturieren und (temporäre) »Problemlösungskompetenzen« suggerieren kann. Solche Fragen sind auch deshalb relevant, weil sie eben jene noch häufig tabuisierte Struktur von Sucht erhellen und zugleich verstehen helfen können, inwiefern Konsum-Konjunkturen auf eine spezifische gesellschaftliche Verfassung reagieren. Es sind solche Perspektiven, die »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« und das Medienecho bis in die Gegenwart eröffnen.


Anmerkungen:

1 Hans C. Blumenberg, Besonders wertvoll, in: ZEIT, 3.4.1981.

2 Billy Maria Schmejkal, Pädagogisches Beiheft zum stern-Buch Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, 1980. Vgl. Landesarchiv Berlin, B Rep. 012, Nr. 3058.

3 Ulrich Bröckling, Dispositive der Vorbeugung: Gefahrenabwehr, Resilienz, Precaution, in: Christopher Daase/Philipp Offermann/Valentin Rauer (Hg.), Sicherheitskultur. Soziale und politische Praktiken der Gefahrenabwehr, Frankfurt a.M. 2012, S. 93-108; Eckart Conze, Die Suche nach Sicherheit. Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis in die Gegenwart, München 2009; Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek bei Hamburg 2019; Medizinhistorisches Journal 59 (2024) H. 1-2: Gefährlichkeit, Gefährdung, Risiko, hg. von Viola Balz und Chantal Marazia.

4 Kai Hermann/Horst Rieck, Vorbemerkungen zum pädagogischen Leitfaden (Anm. 2), S. 3.

5 Etwa mit Blick auf die Disco-Kultur, wie eine ZDF-Dokumentation von 1977 unterstreicht. Ein Jahr vor dem Erscheinen von »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« ausgestrahlt, zeigt diese Sendung Christiane F. mit ihrer Clique in der berühmten Diskothek SOUND in Berlin-Tiergarten. Vgl. Die Kontaktmaschine – Diskotheken in Deutschland, TV-Reportage ZDF (1977), URL: <https://www.youtube.com/watch?v=kGEEFLRl2pk>.

6 Claudia Sautter, Das zweite Elend der Christiane F. Der schwere Weg in ein normales Leben, in: ZEIT, 16.7.1982.

7 Horst Eberhard Richter, Vorwort, in: Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck, Hamburg 1978, 10. Aufl. 1979, S. 5.

8 Hermann/Rieck, Vorbemerkungen (Anm. 4), S. 2.

9 Ebd., S. 3.

10 Ebd.

11 Hans-Heino Ewers, Paradigmenwechsel der Kinder- und Jugendliteratur um 1970, in: Wissenschaftliches Portal für Kindermedien und Jugendmedien, 11.5.2013.

12 Hermann/Rieck, Vorbemerkungen (Anm. 4), S. 2.

13 Vgl. dazu Oliver Falk, Gefährdet oder gefährlich? Zur Wahrnehmung und zum Umgang mit Heroin­nutzer*innen zwischen »Drogenwelle« und AIDS-Krise am Beispiel West-Berlins, 1970–1990, in: Medizinhistorisches Journal 59 (2024), S. 84-118.

14 Vgl. exemplarisch Paul Kielholz/Dieter Ladewig, Die Drogenabhängigkeit des modernen Menschen, München 1972.

15 Sautter, Das zweite Elend (Anm. 6).

17 Hermann/Rieck, Vorbemerkungen (Anm. 4), S. 3.

19 Zit. bei Wilhelm Bittorf, »Irgendwas Irres muß laufen«, in: Spiegel, 5.4.1981, S. 230-245, hier S. 230f.

20 Reinhard Bockhofer, Entscheidungshilfe und Leitfaden für den Umgang mit dem autobiographischen Bericht von Christiane F. »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« im Unterricht der Sekundarstufe I (Klasse 8–10). Landesarchiv Berlin, B Rep. 012, Nr. 3058.

21 Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (Anm. 7), S. 51.

22 Ebd.

23 Wolfgang Heckmann, »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« als Unterrichtsthema?, in: Medien 4/5 (1982/83): Sucht im Film, S. 72-76, hier S. 72f.

24 Ebd., S. 76.

25 Herbert Riehl-Heyse, Wie vorbildlich ist Christiane F.? Überlegungen zu »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, in: Süddeutsche Zeitung, 3.4.1980; zit. nach Helmut Kolitzus, Protokoll einer Hörfunkdiskussion über den Film »Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, in: Medien 4/5 (1982/83), S. 77-81, hier S. 77.

26 Heckmann, Unterrichtsthema (Anm. 23), S. 74-76.

27 Riehl-Heyse, Christiane F. (Anm. 25).

28 Vgl. exemplarisch: Der Film »Christiane F.« aus der Sicht eines Heroinabhängigen, in: Medien 4/5 (1982/83), S. 86-88.

29 Zit. bei Kolitzus, Protokoll (Anm. 25), S. 81.

30 Zit. nach Helmut Kolitzus, »Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« – Ein Drogenpräventionsfilm? Kritische Gedanken zur Darstellung von Suchtproblemen in Spiel- und Dokumentarfilmen, in: Bernhard Kügelgen (Hg.), Video in Psychiatrie und Psychotherapie, Berlin 1989, S. 116-129, hier S. 127.

31 Sebastian Heidinger, »Drifter«, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, 2007; siehe den Trailer unter <https://www.youtube.com/watch?v=aAU3zcxbJMc>.

32 Rosa von Praunheim, »Die Jungs vom Bahnhof Zoo«, rbb/NDR, 2011; siehe <https://www.youtube.com/watch?v=8VOSo-1B3PQ&list=PLj_mxs68GKliL9MiRJ6Qf_gKOajdXJRjI>.

33 Philipp Kadelbach (Regie)/Oliver Berben/Sophie von Uslar (Produktion), »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, Constantin Film/Amazon Prime Video, 2021; siehe den Trailer unter <https://www.youtube.com/watch?v=-Eoa3_ZaxNE>.

34 Siehe dazu auch den Beitrag von Viola Balz in diesem Heft.

35 Zit. bei Andrew Hussey, Heroin: Art and Culture’s Last Taboo, in: Guardian, 22.12.2013 (meine Übersetzung).

Copyright © Oliver Falk | CC BY-SA 4.0

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Zitation

Oliver Falk, »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«. Ein Medienereignis als Quellenensemble: Zwischen jugendlichem Drogenelend, popkulturellem Mythos und offenen Fragen, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 22 (2026), H. 1,
URL: https://zeithistorische-forschungen.de/1-2026/6293,
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-3047,
Druckausgabe: S. 155-165.

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