E pluribus unum?

Nationale Geschichtsmuseen in den USA zwischen Vielheit und Einheit

Anmerkungen

Das Ziel der 1787 geschriebenen US-Verfassung sei es, so heißt es in der Präambel, »to form a more perfect union«. Damals war offen, ob das politische Experiment auf dem nordamerikanischen Kontinent erfolgreich sein oder ob es aufgrund von inneren und äußeren Konflikten schon bald scheitern würde. Entsprechend nannte das 1782 entstandene Great Seal of the United States, auf dem auch das bekannte Präsidentensiegel basiert, eine bis heute nicht völlig eingelöste Aufgabe: »E pluribus unum«, »Out of Many, One«, also aus vielen Einzelstaaten einen gemeinsamen Staat zu machen.1

Die Frage nach dem Verhältnis von Vielheit und Einheit spiegelt sich auch in der Entwicklung der nationalen Geschichtsmuseen wider, die im Folgenden am Beispiel der Smithsonian Museums in der Hauptstadt Washington skizziert wird. Die im frühen Kalten Krieg dominierende US-amerikanische Selbstdarstellung als exzeptionalistische, fortschrittliche, vorbildhafte und »geeinte« Nation geriet durch Protestbewegungen der 1960er-Jahre wie diejenigen gegen Rassentrennung und gegen den Vietnamkrieg in die Kritik, aber auch durch die Entstehung einer zunehmend an race, class und gender orientierten Geschichtswissenschaft. Sonderausstellungen oder auch bedeutende Neugründungen wie das National Museum of the American Indian (2004) und das National Museum of African American History and Culture (2016) haben der patriotischen Geschichtsdarstellung kritische Narrative entgegengestellt. Das kann man als modellhafte Erfolgsgeschichte deuten, aber in seiner Umsetzung und in seinen Konsequenzen bringt dieser Prozess auch Probleme mit sich, die zu diskutieren sind.

Zunächst soll jedoch kurz auf den 1916 gegründeten National Park Service (NPS) und seine Relevanz für die Darstellung der amerikanischen Nationalgeschichte hingewiesen werden. Neben den berühmten Landschaftsparks wie Yellowstone gehören auch viele historisch bedeutende Ort dazu, darunter Teile der Altstadt von Boston (Revolution), Seneca Falls im Staat New York, wo 1848 eine große Frauenrechtsversammlung stattfand, Schlachtfelder des Amerikanischen Bürgerkrieges, die nach langen Kontroversen (auch über die Bezeichnung) 2007 eröffnete Sand Creek Massacre National Historic Site in Colorado, wo im November 1864 Unionstruppen Indianer abgeschlachtet hatten, die Little Rock Central High School in Arkansas, die 1954 im Zentrum eines bahnbrechenden Urteils des amerikanischen Supreme Court stand, mit dem Rassentrennung in Schulen für verfassungswidrig erklärt wurde, sowie das Vietnam Veterans Memorial von 1982 mit den Namen aller im Vietnamkrieg getöteten Amerikaner.2 Die seit den 1930er-Jahren vermehrt berücksichtigten National Historic Sites sollten große Ereignisse und Themen der US-Geschichte zelebrieren und die Bürger inspirieren. Das Educational Advisory Board des NPS empfahl 1938 eine »series of great exhibits« über »outstanding events and great basic themes of American history, re-creating some of the color, the pageantry and the dignity of our national past«.3 Über viele Jahrzehnte stand die Geschichte der heroischen weißen Männer im Vordergrund. Das zeigt auch die Tatsache, dass Seneca Falls erst 1980, Little Rock 1998 und Sand Creek sogar erst 2007 Teil des NPS wurden. Die quasi-offizielle Interpretation von Geschichte durch den National Park Service drückte sich um schwierige Themen und Interpretationen und schloss sich oft erst mit großer Verspätung dem Forschungsstand an. So klammerte die Darstellung des Amerikanischen Bürgerkrieges in den populären Nationalparks – allein Gettysburg zählt mehr als eine Million Besucher/innen im Jahr – vor allem wegen des Widerstandes im Süden und aus Angst vor Budgetkürzungen die Frage der Sklaverei bis in die 1990er-Jahre als zentrale Ursache des Krieges aus.4

In den nationalen Museen in Washington dominierte ebenfalls lange eine patriotische, die US-amerikanische Historie als positive Fortschrittsgeschichte zelebrierende Interpretation. Dies hat auch mit der Gründungsgeschichte der historischen Museen im Kalten Krieg zu tun, der von entscheidender Bedeutung dafür war, dass der US-Kongress die notwendigen Gelder für den Bau eines nationalen Geschichtsmuseums und eines Raumfahrtmuseums überhaupt bewilligte.5

»Rocket Row« auf der Westseite des Arts and Industries Building in Washington, um 1961
(Smithsonian Institution Archives.
Image # 73-7185
)

Das heutige National Museum of American History war 1957 durch Kongressbeschluss als National Museum of History and Technology gegründet worden. Die »Washington Post« bezeichnete es bei der Eröffnung im Januar 1964 als »handsome shrine to the American people and the Nation that they built«.6 Vom »national shrine« hatten ein Jahrzehnt zuvor bereits der 1958 zum Gründungsdirektor des Museums ernannte Frank A. Taylor und seine Mitstreiter gesprochen.7 Das neue Museum sollte Bildungszwecken dienen und Patriotismus fördern, indem es den Aufstieg der Vereinigten Staaten zu einer auch wirtschaftlichen Großmacht veranschaulichte, mit besonderem Fokus auf Fortschritt (progress) durch Industrie und Technologie. »This new ›logical‹ arrangement encouraged patriotic belief in a capitalistic, militaristic, and technologically superior America«, so der Historiker Erik Christiansen.8

National Museum of History and Technology, 1972
(Foto: Alfred Harrell;
Smithsonian Institution Archives. Image # 72-5114A)

Hauptattraktion war das Star-Spangled Banner, die Fahne, die 1812 beim Battle of Baltimore über Fort McHenry wehte und die Francis Scott Key in einem Gedicht verewigte, das später zum Text der US-amerikanischen Nationalhymne wurde. Die Umbenennung zum National Museum of American History im Jahr 1980 steht für eine grundlegende inhaltliche Schwerpunktverschiebung, die aber auch wegen gesellschaftlicher Veränderungen zu einer Auseinandersetzung mit den problematischen Seiten der amerikanischen Vergangenheit führte. Dazu zählte etwa die 1987 eröffnete Ausstellung »A More Perfect Union: Japanese Americans and the United States Constitution« über die Zwangsinternierung japanischstämmiger Amerikaner/innen im Zweiten Weltkrieg. Dabei handelte es sich bemerkenswerterweise um den offiziellen Beitrag des Museums zum 200. Jahrestag der Staatsgründung. In den Ausstellungstexten war sogar von »concentration camps« die Rede.9

Diese Zeiten sind lange vorbei. Das Museum, in dem Industrie und Technologie bei Ausstellungen wie American Enterprise und America on the Move nur noch eine Nebenrolle spielen, befindet sich heute in einer mehrfachen Krise. Es bietet keine Meistererzählung der amerikanischen Geschichte mehr an, wie es die ursprünglichen zehn Räume zu »Growth of the United States« taten, und zeigt nicht einmal im Ansatz eine chronologische Dauerausstellung wie etwa das Deutsche Historische Museum in Berlin. Stattdessen wird eine Vielzahl thematischer Ausstellungen präsentiert, die auf kürzere oder längere Laufzeiten angelegt sind. Dazu zählen – neben den beiden genannten Themen – Ausstellungen über die amerikanische Demokratie und die Präsidentschaft, über die Vielfalt des Landes und über Kriege. Der populärste Museumsteil ist aber seit langem die First Ladies’ Hall, wo zwei Dutzend Kleider von Präsidentengattinnen zu sehen sind.10 Das alles hat trotz guter Qualität mancher Ausstellungen eine gewisse Beliebigkeit. Das Star-Spangled Banner nimmt weiterhin einen Ehrenplatz ein.

Besucher/innen vor der Vitrine mit dem Star-Spangled Banner, um 2010
Visitors view the Star-Spangled Banner« [CC BY-NC-SA 2.0] by National Museum of American History)

Wirklich kritische und kontroverse Ausstellungen sind seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr möglich, es scheint eine Selbstzensur zu greifen. 1994/95 gab es eine der deutschen Debatte über die »Wehrmachtsausstellung« vergleichbare Auseinandersetzung um die vom National Air and Space Museum in Washington geplante Ausstellung »The Crossroads: The End of World War II, the Atomic Bomb, and the Origins of the Cold War«. Veteranenverbände und viele Kongressabgeordnete kritisierten, dass die zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs konzipierte »Enola Gay«-Ausstellung mit dem Boeing B-29-Bomber, aus dem am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima abgeworfen worden war, zu sehr die Folgen dieses Ereignisses zeige – und damit die Japaner/innen als Opfer. Wegen des großen öffentlichen Drucks wurde die Ausstellung schließlich abgeblasen. Museumsdirektor Martin Harwit trat von seinem Posten zurück. Gezeigt wurde lediglich der Rumpf der »Enola Gay« innerhalb einer kleinen Ausstellung.11

»Enola Gay«-Ausstellung
im National Air and Space Museum, 1995
(Smithsonian Institution Archives. Image # 95-4624)

Die »Washington Post« schrieb leicht sarkastisch zur Eröffnung: »It’s mostly metal. The focus is on hardware, not the nuances of history. It’s about a big shiny plane and its determined crew.« Die Folgen des Atombombenabwurfs wurden nur kurz thematisiert. »I really decided to leave it more to the imagination«, so Smithsonian Secretary I. Michael Heyman. »I don’t believe that this is a glorification of nuclear weapons. It says, ›This is the Enola Gay. It dropped the bomb that ended the war.‹ It doesn’t take a position on the morality of it.«12 Das gilt weiterhin. Die komplett restaurierte »Enola Gay« ist seit 2003 inmitten vieler anderer Flugzeuge und neben einem Space Shuttle in einer Außenstelle des National Air and Space Museum zu sehen. Führungen und Gespräche über ihre Geschichte und Bedeutung werden nur von »Volunteers« angeboten. Das Museum selbst bezieht keine Position.

»Enola Gay« im Steven F. Udvar-Hazy Center
des National Air and Space Museum, 2016
(Foto: Andreas Etges)

Das Smithsonian hat sich von der »Enola Gay«-Kontroverse nicht mehr erholt; Kurator/innen sind sehr vorsichtig geworden und wollen politische Debatten vermeiden. Stattdessen gibt es Ausstellungen etwa über amerikanische Expansions- und Kriegsgeschichte seit der Revolutionszeit, die selbst die Indianerkriege unter den Titel »The Price of Freedom: Americans at War« setzen. Die Museen sind abhängig von Bundesmitteln, die der Kongress bewilligt, und teure neue Ausstellungen sind praktisch nur noch mit Sponsorenhilfe möglich.

Hat die kritische Geschichtswissenschaft im Bereich der nationalen Geschichtsmuseen in den USA also verloren? Nicht unbedingt. Man könnte sogar von einer Erfolgsgeschichte sprechen, die aber zugleich das National Museum of American History in eine noch tiefere Identitätskrise stürzt. Die Eröffnung des National Museum of the American Indian im Jahr 2004 und des National Museum of African American History and Culture zwölf Jahre später belegen, dass die Geschichte dieser beiden Minderheiten, die in einer patriotischen Erfolgsgeschichte keinen Platz hatten, nun mitten in der Hauptstadt angekommen ist – auf der Mall, dem heiligen Grund amerikanischer Erinnerungskultur.13 Schon äußerlich brechen die beiden Museen mit dem vorherrschenden antikisierenden Stil der weißen Marmorgebäude und den neueren hellen Betonbauten. Und im Innern, in ihrer eigenen geschützten »Biosphäre«, können sie deutlich mehr wagen als die älteren Geschichtsmuseen der Smithsonian Institution.

National Museum of the American Indian, 2004
(Foto: Carl C. Hansen;
Smithsonian Institution Archives. Image # 2004-53062)
»Gun Wall«
im National Museum of the American Indian, 2013
Gun Wall« [CC BY 2.0] by John Loo)

Das National Museum of the American Indian (NMAI) verfolgt nach eigenen Angaben eine Art »living museum«-Konzept: Kultur und Geschichte von Native Americans seien nicht Vergangenheit, sondern weiterhin lebendig. Gemäß dem Mission Statement »to advancing knowledge and understanding of the Native cultures of the Western Hemisphere – past, present, and future – through partnership with Native people and others« werden Teile der Ausstellungen in Kooperation mit einzelnen Stämmen und Native American Communities entwickelt, und zwar vom gesamten amerikanischen Kontinent.14 In dem einzigen noch fortbestehenden der drei zu Beginn eröffneten Großbereiche – »Our Universes: Traditional Knowledge Shapes Our World« – stellen sich momentan unter anderem Communities aus Kanada, Peru, Chile und Guatemala dar.15 Die Ausstellung »Our Peoples: Giving Voice to Our Histories« zeigte zehn Jahre lang, von 2004 bis 2014, unter anderem die Eroberung und Unterdrückung durch die weißen Europäer. Ein Fokus war die Inszenierung von Bibeln, Waffen und Gold.16 Bis 2021 ist nun die Ausstellung »Nation to Nation: Treaties Between the United States and American Indian Nations« zu sehen.17

National Museum of African American History and Culture (vorn)
(Foto: Alan Karchmer/NMAAHC)
National Museum of African American History and Culture
(Foto: Alan Karchmer/NMAAHC)

Auch das neueste Museum auf der Mall, das National Museum of African American History and Culture (NMAAHC), beschränkt sich nicht auf US-Geschichte, sondern betont schon mit seinem äußeren Design globale Verflechtungen. Das dreigliedrige Band ist von Kronen der westafrikanischen Yoruba inspiriert. Der Haupteingang soll an eine Veranda erinnern, wie sie nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent zu finden ist, sondern auch in der schwarzen Diaspora in Südamerika und der Karibik. Das bronzefarbene Metallgitter um das Gebäude herum zitiert Metallarbeiten von Sklaven in einigen der US-Südstaaten wie Louisiana und South Carolina.18 Bau und Einrichtung des Museums haben über 500 Millionen Dollar gekostet, wovon etwa die Hälfte durch Spenden und Sponsoren eingeworben werden konnte.

Die Website verspricht »A People’s Journey, A Nation’s Story«.19 Damit wird gleich zum Einstieg betont, dass die Geschichte der ehemaligen schwarzen Sklaven und ihrer Nachkommen in den USA ein Kernelement der US-Geschichte ist und dass diese nur dann erzählt werden kann, wenn sie den geographischen Bogen von Afrika bis in die Neue Welt mit ihrer Sklaverei spannt. Inhaltlich dominieren neben Culture und Community Galleries (Musik, Kultur, Sport u.a.) vor allem die drei History Galleries, beginnend mit »Slavery and Freedom 1400–1877«, dann »Defending Freedom, Defining Freedom: The Era of Segregation 1876–1968« und schließlich »A Changing America: 1968 and Beyond«.20 Der historische Rundgang beginnt mehr als 20 Meter in der Tiefe. Damit ist die Geschichte der Schwarzen in den USA auch architektonisch eine Aufstiegs- und Befreiungsgeschichte. Zu den auffälligsten Objekten gehören das Wrack eines Sklavenschiffs, ein segregierter Eisenbahnwaggon und der Sarg des 1955 von Rassisten in Mississippi getöteten 14-jährigen Emmett Till. Das Museum präsentiert auch Objekte zu aktuellen Themen und Kontroversen, etwa zu Protesten gegen Polizeigewalt. Direktor Lonnie Bunch würde künftig gern die Kapuzenjacke des 2012 von einem Bürgerwehr-Mitglied in Florida erschossenen schwarzen Jugendlichen Trayvon Martin zeigen. Andere Objekte zu dem kontroversen Fall hat das NMAAHC schon gesammelt.21

Southern Railway Car, No. 1200,
im National Museum of
African American History and Culture

(Foto: Alan Karchmer/NMAAHC)

Kann man mit Blick auf die Genese, die Entwicklungen und die mögliche künftige Erweiterung der nationalen Geschichtsmuseen in den USA von einer Erfolgsgeschichte sprechen? Meine Antwort ist ein »Ja, aber«. Schaut man allein auf die Besucher/innenzahlen der allesamt kostenlosen Museen im Jahr 2018, so sind diese beeindruckend – National Air and Space Museum: 6,2 Mio. (plus 1,5 Mio. in der Außenstelle); National Museum of American History: 4,1 Mio.; National Museum of the American Indian: 1,1 Mio.; National Museum of African American History and Culture: 1,9 Mio.22 Das NMAAHC erreicht zudem Gruppen, die bislang eher nicht zu den regelmäßigen Besucher/innen der Smithsonian Museums gehörten, wie ältere Afroamerikaner/innen.

Doch wo führt der Weg dieser verschiedenen Neu- bzw. Ausgründungen hin? Seit 1996 gibt es eine Initiative für ein National Women’s History Museum in Washington, die aber vor allem bei Republikanern und konservativen Frauen auf Widerstand stößt.23 Eine Kampagne für den Bau eines National Museum of the American Latino begann 2004. Auch hier ist noch keine Entscheidung gefallen.24 Und es drohen möglicherweise wieder Kulturkämpfe. Doch wenn Frauen und die unterschiedlichen Minderheiten in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft ihre »eigenen« Museen bekommen, bleibt dann im altehrwürdigen National Museum of American History nur noch der weiße Mann übrig, mit dem nicht nur die museale Geschichtserzählung ja auch angefangen hat? Sicher, es wäre keine patriotische Heldengeschichte mehr, sie würde anders erzählt, eingebunden. Und würde der weiße Mann dann nicht nur allmählich demographisch, sondern auch im Museum zu einer »minority« und damit Repräsentant einer Partikulargeschichte, die im Gegensatz zu den anderen ihre alte Dominanz verloren hat?

Die Aufsplitterung der nationalen Museumslandschaft folgt dabei mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung dem Trend, der an den Departments US-amerikanischer Universitäten zu beobachten ist. Und ähnlich wie dort bedeutet es auch in den Museen, dass Vertreter/innen der jeweiligen Gruppe die Federführung bei der – in diesem Falle musealen – Narration innehaben, also ihre »eigene« Geschichte bzw. ihre Sicht auf die »amerikanische« Geschichte erzählen. Immerhin führen die neuen und die geplanten Museen alle den Begriff National und meist auch American im Namen. In der Praxis bedeutet es momentan, dass das Indianermuseum von einem Native American, das afroamerikanische Museum von einem Schwarzen, das künftige Latinomuseum von einem Hispanic und das Frauengeschichtsmuseum von einer Frau – wahrscheinlich einer weißen – geleitet wird. »Und das ist auch gut so«, könnte man mit einigem Recht sagen. Aber darf man diese Entwicklung und das jeweilige konkrete Ergebnis kritisieren, etwa wenn die Selbstdarstellungen im National Museum of the American Indian zum Teil an unkritische Ausstellungen in Heimatmuseen erinnern?25

Weiße Männer sind dazu wohl eher nicht berufen; jedenfalls sind die meisten nordamerikanischen Kollegen sehr vorsichtig, wenn es um museale Narrationen von Vertretern der First Nations in Kanada bzw. von Native Americans in den USA geht. Benjamin Filene, Professor für Public History und Ausstellungskurator, kritisiert zu Recht: »Although museums of African American or American Indian or Latino history need not suggest a single definition of these identities, they do depend on the notion that there is such a thing as African American, American Indian or Latino identity and imply an overarching understanding of these terms and their boundaries.«26 Das NMAI unterstellt sogar eine kontinentale indianische Identität.

Der Trend bei der amerikanischen Nationalgeschichte im Museum geht klar gegen das Motto »E pluribus unum«, »Out of Many, One«. Angesichts der in Washington im wahrsten Sinne des Wortes in Stein gemeißelten Zersplitterung von Nationalgeschichte in Partikulargeschichten stellt sich die Frage, ob in sich wandelnden und zunehmend multikulturellen Gesellschaften wie den USA ein einzelnes nationales Geschichtsmuseum in der Lage sein kann, eine umfassende Nationalgeschichte zu zeigen. Ist letzteres, wie es beispielsweise das Deutsche Historische Museum in Berlin versucht, überhaupt noch wünschenswert? Oder kann die in Washington durch die verschiedenen Museen manifestierte Multiperspektivität gar ein neuer Königsweg sein? Die historische Notwendigkeit und der Sinn der vielfältigen nationalen Erzählungen sind in doppelter Hinsicht erkennbar. Frauen und Minderheiten sind in der Gesellschaft und in der Geschichtsschreibung der USA immer noch nicht »gleich«, und das National Museum of the American Indian sowie das National Museum of African American History and Culture sind auch symbolisch von enormer Bedeutung, weit über die Geschichtswissenschaft hinaus.

Filene sieht die zunehmend von partikularen Identitäten beeinflusste Museums­entwicklung in Washington positiv. Gemeinsam hätten die verschiedenen Museen eine sich ergänzende Rolle in der Auslotung von Identitäten, der Geschichte von Mehrheiten und Minderheiten, Insidern und Outsidern, Mainstream und Randgruppen.27 Wenn in Zukunft auch die neuen Museen sich einem ähnlich kritischen Diskurs stellen müssen wie das alte Nationalmuseum – und auch die Besetzung von Kurator/innenstellen jeweils »bunter« wird –, dann wäre die in Washington zu beobachtende Entwicklung vielleicht tatsächlich ein neuer multikultureller und multiperspektivischer Königs-/Königinnen-/LGBTQ-Weg.


Anmerkungen:

1 Original Design of the Great Seal of the United States (1782), URL: <https://www.ourdocuments.gov/doc.php?flash=true&doc=5>.

2 National Park Service, Find a Park, URL: <https://www.nps.gov/findapark/index.htm>.

3 Zit. nach Denise D. Meringolo, Museums, Monuments, and National Parks. Toward a New Genealogy of Public History, Amherst 2012, S. 139.

4 Siehe dazu den Essay des früheren Chefhistorikers des NPS (1995–2005): Dwight T. Pitcaithley, Public Education and the National Park Service: Interpreting the Civil War, in: Perspectives, November 2007, S. 44-45.

5 Vgl. Erik Christiansen, Channeling the Past. Politicizing History in Postwar America, Madison 2013, S. 186-222.

6 Museum Is Shrine to Rise of U.S. as Nation, in: Washington Post, 23.1.1964, S. A18.

7 Zit. nach Christiansen, Channeling the Past (Anm. 5), S. 200.

8 Ebd., S. 201. Mit ähnlichen Argumenten wurde die 1976 vollendete Errichtung des National Air and Space Museum auf der Mall in Washington gefordert.

9 Siehe das Online-Ausstellungsarchiv: <https://amhistory.si.edu/perfectunion/experience/index.html>.

10 National Museum of American History, Media Fact Sheet, 1.6.2018, URL: <https://newsdesk.si.edu/factsheets/national-museum-american-history>.

11 Das ursprüngliche Ausstellungskonzept wurde später abgedruckt in: Philip Nobile (Hg.), Judgment at the Smithsonian, New York 1995. Zur Debatte siehe John T. Correll, War Stories at Air & Space, in: Air Force Magazine 77 (April 1994), S. 24-29; die Beiträge von Martin Harwit u.a. im Journal of American History 82 (1995), S. 1029-1144; Edward Linenthal/Tom Engelhardt (Hg.), History Wars. Enola Gay and Other Battles for the American Past, New York 1996.

12 Zitate in: Joel Achenbach, Enola Gay Exhibit: Plane and Simple, in: Washington Post, 28.6.1995.

13 Siehe zu diesem Aspekt auch Philip Manow, Die National Mall in Washington D.C. – Einheit und Differenz des demokratischen Souveräns, in: Sebastian Huhnholz/Eva Marlene Hausteiner (Hg.), Politische Ikonographie und Differenzrepräsentation. Leviathan Sonderband 34 (2018), Baden-Baden 2018, S. 182-195.

14 NMAI, Mission Statement, URL: <https://americanindian.si.edu/about/mission/>, und Media Fact Sheet, 1.11.2015, URL: <https://newsdesk.si.edu/factsheets/national-museum-american-indian-national-mall>. Zur Debatte um das NMAI siehe v.a. die Aufsätze in den beiden Themenheften von American Indian Quarterly 29 (2005) H. 3/4: The National Museum of the American Indian, und 30 (2006) H. 3/4: Decolonizing Archaeology.

17 <https://americanindian.si.edu/explore/exhibitions/item?id=934>. Die dritte Eröffnungsausstellung »Our Lives: Contemporary Life and Identities« (2004–2015) wurde u.a. durch Ausstellungen über Indianer/innen in der amerikanischen Kultur sowie über Inkas ersetzt. Siehe <https://americanindian.si.edu/explore/exhibitions/item?id=528> bzw. <https://americanindian.si.edu/explore/exhibitions/item?id=945>.

20 NMAAHC, Media Fact Sheet, 1.5.2017, URL: <https://newsdesk.si.edu/factsheets/national-museum-african-american-history-and-culture>. Eine Art Virtual Tour kann hier »beschritten« werden: Aaron Steckelberg/Bonnie Berkowitz/Denise Lu, A Peek at the Mall’s latest Addition: Tour through the National Museum of African American History and Culture, in: Washington Post, 20.9.2016, URL: <https://www.washingtonpost.com/graphics/lifestyle/national-museum-of-african-american-history-and-culture/guided-tour/>.

21 Manuel Roig-Franzia, What will become of Trayvon’s hoodie, the latest piece of iconic trial evidence?, in: Washington Post, 31.7.2013.

22 Smithsonian, Visitor Stats, URL: <https://www.si.edu/newsdesk/about/stats>.

23 National Women’s History Museum, URL: <http://www.womenshistory.org>.

24 National Museum of the American Latino, URL: <https://americanlatinomuseum.org>.

25 Die »New York Times« sprach von »nonhegemonic curating« durch »community curators«. Christopher Shea, Nonhegemonic Curating, in: New York Times Magazine, 12.12.2004.

26 Benjamin Filene, History Museums and Identity: Finding ›Them,‹ ›Me,‹ and ›Us‹ in the Gallery, in: James B. Gardner/Paula Hamilton (Hg.), The Oxford Handbook of Public History, New York 2017, S. 327-348, hier S. 336.

27 Ebd., S. 340f.

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