[Wir danken Edith Toubiana und der Familie Wulff ganz herzlich für ihr Entgegenkommen und ihre Unterstützung bei der Einsicht in das Privatarchiv von Erich Wulff. Ein großer Dank geht ebenfalls an Nguyễn Tất Thắng, Direktor des Stadtarchivs von Huế, für die freundliche Hilfe bei der Dokumenteneinsicht, und an Hoang Ho für die Übersetzung.]
Transkulturelle oder auch Interkulturelle Psychiatrie ist heute als spezialisierter Bereich der psychiatrischen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrungen institutionalisiert. Das Fachgebiet ist in die Global-Mental-Health-Bewegung eingebunden, die sich mit den psychischen Begleiterscheinungen infolge weltweiter Fluchtkrisen und kontinuierlicher Migration auseinandersetzt. Ein deutschsprachiges Lehrbuch von 2010 trägt entsprechend den Untertitel »Migration und psychische Gesundheit«, und der 2008 gegründete Dachverband der transkulturellen Psychiatrie nennt als Hauptziel seiner Arbeit den »Abbau von Vorurteilen, Stereotypen, Diskriminierung und Rassismus bei der gesundheitlichen Versorgung von psychisch kranken Menschen mit Migration[s]- und Fluchtgeschichte«.1
Das war nicht immer so. Die Anfänge der Transkulturellen Psychiatrie reichen bis in den Kolonialismus um 1900 zurück, rassistische Stereotype dominierten bis nach dem Zweiten Weltkrieg.2 Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte bei ihrer Gründung (1948) Mental Health zum Ziel ihrer Entwicklungspolitik zur Überwindung kolonialer Ungerechtigkeiten erklärt und dazu euroamerikanische Vorstellungen von Psychiatrie und Krankheitsbegriffen in die nicht-westliche Welt exportiert. Die globale Implementierung diagnostischer Standards vollzog sich im Rahmen eines »universalist framework«, das eng verknüpft war mit der Konstruktion einer »global psyche« als neuem epistemischem Objekt. Es sollte keine Spuren der kolonialrassistischen Klassifikation von Menschen und deren vermeintlichen Entwicklungsstufen mehr tragen, sondern die globale Einheit der menschlichen Psyche ausdrücken.3 Dass es in einer Phase der »transition from colonial to transcultural psychiatry«4 zu Konflikten zwischen der selbst auferlegten globalen Fürsorgepflicht der neuen Weltorganisation und den spezifischen Bedürfnissen und Wissensordnungen lokaler Akteur:innen kommen würde, war in den zentral gesteuerten Mental-Health-Programmen zunächst unreflektiert geblieben.5 Dabei hatte die Psychiatrie damals schon im Kontext der Dekolonisierungskämpfe und der internationalen Rezeption von Bestsellern wie Frantz Fanons »Peau noire, masques blancs« (1952) gestanden.6
Obendrein setzte in den 1970er-Jahren eine internationale Standardisierung der psychiatrischen Diagnostik ein, die solchen kulturalistischen Ansätzen wiederum distanziert begegnete. Damit wurde die Frage zentral, ob psychisches Erleben tatsächlich so einheitlich entworfen werden könne oder ob sich hieran nicht erneut die Reduktion von kultureller Differenz auf westliche Standards zeige. Nun wurde nicht mehr verhandelt, ob einzelne Krankheitsbilder an bestimmte Kulturen gekoppelt seien. Vielmehr wurde unter Stichworten wie »Sozialkonstruktivismus« und »Realismus« diskutiert, welcher ontologische Status wissenschaftlichen Aussagen zukomme. Im Rückgriff auf die Arbeiten von Michel Foucault zum Wahnsinn und Erving Goffman zur Anstalt setzte eine kritische Debatte über psychiatrischen Universalismus und Relativismus ein:7 Wie konnten sich Allgemeingültiges und Kulturspezifisches in der Psychiatrie zusammenbringen lassen?8 In den Diskussionen zur Transkulturellen Psychiatrie traten am konkreten Gegenstand der menschlichen Psyche also schon früh jene Frontstellungen auf, die in der heutigen Universalismusdebatte so verhärtet erscheinen, während umgekehrt die gegenwärtige Transkulturelle Psychiatrie keine Spuren mehr von jenen fundamentalkritischen Spannungen der 1970er-Jahre zeigt.9
Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren war Transkulturelle Psychiatrie ein heterogenes Forschungsfeld, auf dem Ethnopsychiater:innen, Ethnopsychoanalytiker:innen und Tropenmediziner:innen sich mit ethnologischen Theorien, proto-epidemiologischen Studien und anthropologischer Feldforschung auseinandersetzten und den Einfluss von »Kultur« auf psychische Gesundheit und Krankheit diskutierten.10 Ihre politischen, theoretischen und analytischen Perspektiven divergierten dabei beträchtlich.11 Manche Akteur:innen verfolgten sozialistische und antiimperialistische Zugänge, andere arbeiteten an einer phänomenologischen Psychiatrie, die im Fremden und vermeintlich Primitiven an psychopathologische Tiefenschichten menschlichen Seelenlebens heranzukommen suchte. Diese Spannbreite lässt sich anhand der Positionen von Erich Wulff und Hubertus Tellenbach herausarbeiten, die in diesem Beitrag exemplarisch für die deutschsprachige Auseinandersetzung der 1970er-Jahre mit Transkultureller Psychiatrie analysiert werden.
Tellenbach und Wulff verfolgten psychiatrisch konträre Stoßrichtungen – die eine metaphysisch aufgeladen, die andere historisch-materialistisch orientiert –, doch teilten sie ein doppeltes Unbehagen. Dieses galt einerseits der ausbleibenden Reflexion über die Kulturgebundenheit der eigenen Wissenschaft, andererseits den allzu simplen Lösungsansätzen, wie sie infolge der WHO-Initiative für global einheitliche Diagnosestandards propagiert wurden. Deshalb machten sie ihre Auseinandersetzung mit der Transkulturellen Psychiatrie zu einer Debatte über psychiatrische Grundsatzfragen. Sie zielten auf eine Wissenschaftsreflexion der Psychiatrie entlang der Frage nach dem epistemologischen Status psychischer Krankheiten. Dabei gingen die Auffassungen darüber, was wissenschaftliche Selbstreflexion konkret heißen sollte, weit auseinander: Tellenbach hoffte, psychiatrische Kategorien durch philosophisch-kritische Prüfung universalisieren zu können; Wulff hinterfragte radikal die geschichtlichen und epistemologischen Voraussetzungen psychiatrischen Wissens.
Diese in der Rezeption ethnopsychiatrischer Ansätze und Diskussionen aufscheinende wissenschaftstheoretische Unruhezone wurde mit der nachfolgenden Institutionalisierung der Transkulturellen Psychiatrie als Spezialgebiet der Versorgung von Menschen mit Migrations- und Fluchttraumata eher stillgestellt als in ihrem Potential gehoben. Erst die heute weit über die Psychiatrie hinaus geführten postkolonialen Debatten um die problematische Dominanz westlicher Wissensordnungen zeigen die historische Bedeutung der damaligen Grundsatzdiskussion. Deshalb legt die gegenwärtige Geschichtswissenschaft ihren Fokus vermehrt auf kreative Aneignungsstrategien, mit denen etwa im Nahen und Mittleren Osten oder in Vietnam kolonialen Ordnungssystemen psychischer Krankheiten begegnet wurde.12
Gerade weil Transkulturelle Psychiatrie inzwischen segmentiert als Spezialbereich für die kultursensible Versorgung von Migrant:innen institutionalisiert wurde, während sich die Allgemeine Psychiatrie gleichzeitig als biologisch fundierte Naturwissenschaft zu positionieren sucht, lohnt sich die zeithistorische Analyse der damaligen Debatten, um sie als epistemische Unruhezone mit den angerissenen Gegenwartsthemen in einen Dialog zu bringen. Denn letztlich sind die Grundfragen dieser Debatten bis heute virulent: Hat es Psychiatrie überhaupt mit Krankheiten im Sinne natürlicher Entitäten wie in den anderen Zweigen der Medizin zu tun – oder vielmehr mit kulturellen Normvorstellungen, bei denen individuelle Abweichungen stigmatisiert und pathologisiert werden? Und welche Möglichkeiten einer Vermittlung gibt es zwischen wissenschaftlichem Universalismus und kulturellem Relativismus?
1. Hubertus Tellenbach, Erich Wulff und der historische
Kontext der bundesdeutschen Psychiatrie
Zu den irritierenden Kontinuitäten der frühen Bundesrepublik zählt, dass die psychiatrischen Großeinrichtungen trotz der tödlichen Biopolitik des Nationalsozialismus nach Kriegsende einfach weiterbetrieben wurden. Noch zwei Jahrzehnte nach der Diskreditierung von Eugenik und »Euthanasie« konnte man im Vorwort zum völlig neu konzipierten Standardwerk »Psychiatrie der Gegenwart« lesen, dass die Herausgeber zunächst gar kein grundlegend anderes Handbuch für nötig gehalten hatten. Geplant war gewesen, das alte »Handbuch der Geisteskrankheiten« lediglich um einen Band mit dem scheinbar arglosen Titel »Erfahrungen des 2. Weltkrieges« zu ergänzen.13 Abwertung und Ausgrenzung alles psychiatrisch Auffälligen war über den »Zivilisationsbruch« des Holocaust hinweg offenbar eine Selbstverständlichkeit geblieben.14 Erst Ende der 1960er-Jahre mehrten sich kritische Stimmen, und die Psychiatrie geriet in die Defensive, als etwa »ZEIT« und »FAZ« wiederholt über unmenschliche Zustände in den Verwahranstalten berichteten.15 Sozialpsychiatrisch engagierte Akteur:innen initiierten 1970 den »Mannheimer Kreis«, der sich später als Motor einer Reform der Psychiatrie hervortat. Der Deutsche Bundestag richtete eine Enquête zur Lage der Psychiatrie ein, die 1973 nach mehrjähriger Bestandsaufnahme »elende, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnende Umstände« in den Anstalten feststellte.16 Schließlich wurden die 1970er-Jahre doch noch zur Dekade eines nachholenden Aufbruchs, weil die Regierung Willy Brandts auf vielen Feldern Reformen in Gang brachte, auch in der Psychiatrie.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde (DGPN) öffnete sich in dieser Zeit ebenfalls neuen Themen. Für 1970 bestimmte man erstmals Sozialpsychiatrie sowie Transkulturelle Psychiatrie als Schwerpunktthemen einer Jahrestagung und lud eigens ausländische Fachvertreter nach Bad Nauheim.17 Eric Wittkower, eine der Gründungsfiguren der Transkulturellen Psychiatrie, war aus Montreal für ein eröffnendes Überblicksreferat angereist, der Berner Psychopathologe Kenower Bash, WHO-Sachverständiger für Iran, sprach über die dortige psychiatrische Epidemiologie, Rob Giel aus Groningen verglich Frequenz und Bedeutung psychischer Störungen in äthiopischen und holländischen Gemeinden, Wolfgang Pfeiffer aus Erlangen referierte über »Die Stellung des psychisch Kranken in außereuropäischen Kulturen«.
(Kongressführer aus dem Nachlass des Schweizer Psychoanalytikers und Ethnologen Paul Parin [1916–2009], Studio und Archiv Paul Parin & Goldy Parin-Matthèy, Wien)
Daneben lag ein besonderer Akzent auf der Auseinandersetzung mit Philosophie und Psychiatriekritik in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. So referierten Bin Kimura aus Japan über »Die Struktur des Selbstbewusstseins beim Japaner im Spiegel der sogenannten ›Anthropophobien‹«, Paul Parin aus Zürich über »Kulturgebundene Vorurteile im psychiatrischen Denken« und Erich Wulff über »Methodenfragen der vergleichenden Psychiatrie«. Diese Ausgestaltung des Schwerpunktthemas verdeutlicht, dass es für die Organisator:innen bei Transkultureller Psychiatrie um kulturspezifische Grundsatzfragen der Psychiatrie ging, nicht um die besonderen Probleme einer psychiatrischen Versorgung von Migrant:innen. Der Tagungsschwerpunkt trug zwar »Transkulturelle Psychiatrie« im Titel, doch wurde hier nicht im heutigen Sinne trans- oder interkulturell gedacht. Vielmehr wurde nach der Kulturgebundenheit psychiatrischer Krankheitsbilder gefragt – wobei die einzelnen Kulturen als mehr oder minder klar gegeneinander abgrenzbare und vergleichbare Einheiten konzipiert waren.
Transkulturelle Psychiatrie diente in der damaligen Debatte gewissermaßen als eine Art Vergrößerungsglas, um die Besonderheit psychiatrischer Krankheitsbilder hervortreten zu lassen: Handelte es sich dabei um Krankheiten wie überall sonst in der Medizin, oder waren sie vielmehr Ausdruck besonderer kultureller, sozialer und politischer Umstände? Waren sie vielleicht eine Art negatives Abbild westlicher Normalitätsvorstellungen bzw. ein Effekt gesellschaftlich-wissenschaftlicher Stereotype im Zusammentreffen mit »fremden« Kulturen? Damit stellt diese Debatte weniger die Vorgeschichte einer kultursensibel gewordenen Psychiatrie dar – im Sinne einer Genealogie interkultureller Praxis. Vielmehr markiert sie eine Episode der epistemologischen Selbstverständigung der Psychiatrie. Das lässt sich exemplarisch an den Positionen von Hubertus Tellenbach und Erich Wulff zeigen. Sie zählten zu den prominentesten Stimmen innerhalb der Transkulturellen bzw. Ethnopsychiatrie in der Bundesrepublik, und zugleich hegten sie je eigene, in mehrfacher Hinsicht konträre Vorstellungen, wie der Einfluss von Kultur auf psychische Gesundheit und Krankheit adäquat einzuschätzen sei:18 Tellenbach suchte hinter der Vielfalt kultureller Manifestationen psychischer Störungen einheitliche, grundlegende Strukturen der menschlichen Psyche und ihrer Vulnerabilität; Wulff wollte aus der Konfrontation mit radikal fremden Kulturen die Psychiatrie über ihre Vorurteile auch gegenüber Patient:innen im eigenen Land aufklären.
Hubertus Tellenbach (1914–1994) hatte noch vor dem Zweiten Weltkrieg sein Medizinstudium abgeschlossen und war parallel auch in Philosophie promoviert worden. Nach dem Kriegseinsatz als Truppenarzt hatte er in München den Facharzt gemacht und sich 1952 dort in Nervenheilkunde habilitiert. Tellenbach gehörte zu jener Gruppe philosophisch interessierter deutschsprachiger Psychiater um Ludwig Binswanger und Medard Boss, die – angeregt von Martin Heideggers Existenzphilosophie – psychische Störungen nicht als psychiatrisch zu diagnostizierende Defekte, sondern phänomenologisch mittels »Daseinsanalyse« als Konkretionen von Weltentwürfen zu deuten suchten. Er wurde 1956 vom damaligen Klinikleiter Walter von Baeyer nach Heidelberg geholt, um dort eine eigene Abteilung für klinische Psychopathologie aufzubauen. Berühmt wurde er mit seinen daseinsanalytischen Untersuchungen zur Melancholie: Im »Typus Melancholicus«, der mit Ordnungssinn und Korrektheit soziale Normen verinnerliche, um damit eigene Unsicherheit zu kaschieren, sah Tellenbach einen speziellen Menschentyp.19 Sein Melancholie-Buch fand international so viel Aufmerksamkeit, dass Tellenbach ausgedehnte Vortragsreisen unter anderem nach Japan und nach Südamerika machte.
Tellenbach verstand Psychiatrie als philosophische Deutungswissenschaft der Zwänge und Selbstzwänge in einer Gesellschaft. In diesem Zusammenhang interessierte ihn die Transkulturelle Psychiatrie wegen des Kulturvergleichs, denn er suchte nach Hinweisen auf kulturübergreifende Persönlichkeitsdispositionen. Dazu unternahm er selbst allerdings keine Feldforschungen; stattdessen organisierte er in Heidelberg über mehrere Semester ein ideengeschichtlich-kulturvergleichendes Seminar zur Figur des Vaters in fremden Kulturen, in dem er Spezialist:innen vieler Disziplinen auftreten ließ. Tellenbach wurde 1979 emeritiert und starb 1994 in München.
Erich Wulff (1926–2011) wurde als baltendeutsches Kind während der NS-Zeit nach Posen umgesiedelt, aus der Schule zum Kriegsdienst an der Ostfront eingezogen, machte deshalb erst 1947 Abitur und studierte anschließend ebenfalls Medizin und Philosophie. Nach der Approbation absolvierte er einen Studienaufenthalt in Paris, wo er unter anderem den Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty kennenlernte, was seinen psychiatrischen Arbeiten eine – Tellenbach zunächst durchaus ähnliche – philosophische Prägung verlieh.20 Seine psychiatrische Ausbildung erhielt er unter anderem in Freiburg, wodurch er 1961 die Gelegenheit bekam, mit einem Freiburger Team die Medizinische Fakultät sowie eine psychiatrische Abteilung in der südvietnamesischen Universitätsstadt Huế aufzubauen. Mitten im Kalten Krieg galt diese Arbeit eigentlich der Unterstützung der von den USA eingesetzten Regierung, aber Wulff gewann rasch Anschluss an Oppositionskreise und wurde so zum kritischen Zeitzeugen des Vietnamkrieges.21 In die Bundesrepublik zurückgekehrt, habilitierte er sich 1969 in Gießen und wurde 1974 auf eine neu geschaffene Professur für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover berufen, die er bis zu seiner Emeritierung 1994 innehatte.
(Provinzarchiv Thừa Thiên Huế, Bestand Gesundheitswesen, Akte Nr. 976/YK/KT, 30.8.1965)
Während der hier im Zentrum stehenden 1960er- und 1970er-Jahre beschäftigten sich beide, Tellenbach und Wulff, intensiv mit Fragen der Transkulturellen Psychiatrie – Tellenbach auf der Suche nach universellen Wesensschichten der menschlichen Psyche, Wulff angetrieben von der Frage, welche impliziten kulturellen Vorannahmen und unbewussten stigmatisierenden Vorurteile in die psychiatrische Diagnostik und Krankheitslehre eingingen. Zeugnisse eines persönlichen Austauschs haben sich nicht erhalten, aber im Kontext der (letztlich gescheiterten) Gründung eines »Zentralinstituts für Soziale Medizin« in West-Berlin, für dessen Leitung Wulff vorgesehen war, hatte Tellenbach über alle politischen Gräben hinweg an den Berliner Wissenschaftssenator seine positive Einschätzung Wulffs geschickt: »Die Publikationen von Herrn Wulff zeichnen sich durch eine Gediegenheit aus, die man heute im psychiatrischen Schrifttum selten antrifft. Es gibt wirklich wenige, die von einem so offenen, philosophisch glänzend fundierten Horizont ausgehen, […] sein ›Psychiatrischer Bericht aus Vietnam‹ ist das Beste und Umfassendste an transkultureller Psychiatrie, das sich denken läßt. […] Seine politische Haltung teile ich selbst nicht […]. Ich muß aber gestehen, daß ich mir für die unverzichtbare Diskussion mit marxologischen Standpunkten im Rahmen der Sozialpsychiatrie keinen besseren und für die Tradition aufgeschlosseneren Partner wünschen kann als Herrn Wulff.«22
Trotz diametral entgegengesetzter politischer Positionen einte Tellenbach und Wulff das Interesse an Transkultureller Psychiatrie. Denn bei ihnen beiden standen dahinter letztlich philosophische Fragen: In ihrer Auseinandersetzung mit der Transkulturellen Psychiatrie verhandelten sie epistemologische Grundprobleme der Psychiatrie. Ihre Reflexionen führen über die schon damals gängige und heute oftmals festgefahrene Gegenüberstellung von biologischen und psychodynamischen Ansätzen hinaus und können damit Impulse für aktuelle Diskussionen liefern.23
2. Eine verpasste Begegnung:
Der Weltkongress für Psychiatrie 1971 in Mexico City
Weder im Nachlass von Tellenbach noch in dem von Wulff finden sich Dokumente eines Austauschs untereinander. Aber an einem international herausragenden Ort sind sie beide mit Vorträgen zur Transkulturellen Psychiatrie aufgetreten: Als der Weltverband für Psychiatrie 1971 seinen V. Kongress erstmals nicht in der sogenannten Ersten Welt, sondern in Mexico City veranstaltete, gehörten sowohl Tellenbach als auch Wulff zu den Referenten aus der Bundesrepublik, möglicherweise durch Vermittlung des Heidelberger Klinikdirektors Walter von Baeyer, der damals Vizepräsident des Weltverbands war. Zeittypisch startete der Weltkongress mit einem Plenum zum WHO-Projekt einer standardisierten, globalen Epidemiologie psychiatrischer Erkrankungen, aber unter den vielen Symposien der Tagung gab es auch eines zur Transkulturellen Psychiatrie. Dort sprach Tellenbach über »Die Frage nach dem Maßstab in der transkulturellen Psychopathologie«, und ausgerechnet in diesem Vortrag in Mexico City ging er ausführlich auf Wulffs psychiatrische Erfahrungen in Vietnam ein.24 Wulff hingegen dürfte beim Weltkongress einen freien Vortrag gehalten haben, denn sein Referat über »Sprachbarrieren als Hindernisse psychiatrischer Forschung« fehlt in der Dokumentation der Plenarsitzungen und Symposien, aber er publizierte den Text schon im Folgejahr in seinem Aufsatzband »Psychiatrie und Klassengesellschaft«.25 Leider ist der Quellenangabe in diesem Sammelband nur zu entnehmen, dass Wulff seinen Vortrag am 1. Dezember beim Weltkongress gehalten hat. Auch in seiner Autobiographie geht Wulff nicht auf diese Auslandsreise und nicht auf Tellenbach ein.26 Falls es eine Begegnung gegeben hat, scheint sie also nicht nachhaltig gewirkt zu haben.
Dabei hatte eigentlich schon die englische Tagungssprache eine philosophisch-theoretische Brücke zwischen beiden geschaffen. Denn in dieser Lingua franca war aus Tellenbachs Suche nach universalen Wesensmerkmalen eine epistemologische Frage geworden, wie sie Wulff nahelag: »There is no doubt, these days, that we must search for criteria for transcultural psychiatric theory.«27 Auch die Art und Weise, wie beide in ihren Referaten eine wissenschaftliche Selbstreflexion der Psychiatrie ins Zentrum stellten, erscheint auf den ersten Blick erstaunlich ähnlich. Beide fragten sie nach dem Einfluss gesellschaftlicher Vorstellungen auf psychiatrisch-diagnostische Urteile und zitierten dazu Einschätzungen internationaler Referenzautoren. Tellenbach eröffnete seinen Vortrag mit Überlegungen zum Kulturrelativismus seines Kollegen Bin Kimura: »›Die trans-kulturelle Psychiatrie kennt keine Standardkultur, die als der universell gültige Bezugspunkt der Vergleiche hingestellt werden könnte‹ – so Kimura. [...] Vielmehr gelte es, ›jene blinde Selbstverständlichkeit der eigenen Kultur und der ihr zugehörigen Denktradition einmal grundsätzlich zu relativieren und sie an ihren gehörigen Ort in einem ganz offenen Bezugssystem der ›Weltpsychiatrie‹ zu verweisen‹.«28
Wulff begann mit einem langen Zitat des nordamerikanischen Psychiaters und Transaktionsanalytikers Eric Berne – allerdings mit kritischer Stoßrichtung: »Berne behauptet z.B., [...] Schizophrene sprächen überall ›schizophren‹ – nur jeweils mit amerikanischem, italienischem, siamesischem oder deutschem ›Akzent‹. Bei Neurosen und Grenzfällen seien zwar technisch-instrumentale Sprachkenntnisse nötig, aber ein tieferes Eindringen in den fremden Kultur- und Gesellschaftszusammenhang sei durchaus entbehrlich. In einer Viertelstunde könne man den ›Firnis‹ der exotischen Kultur ›abkratzen‹ und sodann diagnostisch und therapeutisch ebenso verfahren wie bei sich daheim. Natürlich wird man sich fragen müssen, was es für die Kranken bedeutet, wenn man das soziokulturelle Feld, in dem sie leben, als abkratzbaren Firnis sieht und Diagnostik und Therapie nicht auf ihren eigenen Lebensrahmen bezieht, sondern auf die Mittelstandsnormen der amerikanischen oder europäischen Psychiater.«29 Kultur als »Firnis«, unter dem sich mit leichter Hand die medizinische Natur einer psychiatrischen Störung freilegen lasse – eine solche Vorstellung galt Tellenbach wie Wulff als Ausdruck naiver Überheblichkeit. Aber nur Wulff fragte deshalb nach dem Klassenstandpunkt des diagnostizierenden Psychiaters.
Wulff und Tellenbach waren sich also einig, dass westliche Sprachen und Theorien fremden Kulturen nicht einfach übergestülpt werden dürften – doch sie zogen radikal unterschiedliche Schlüsse daraus. Tellenbach wollte seine kulturtheoretische Deutung individueller Persönlichkeitsmerkmale und psychiatrischer Störungen anhand fremder Kulturen prüfen. Sein Vergleich verschiedener Ausprägungen menschlicher Kultur zielte darauf, hinter den konkreten Erscheinungen ein übergreifendes »Wesen des Menschen« freizulegen. Dass er sich dafür ausgerechnet auf Wulff berief, lag an dessen Überlegungen zum Zusammenhang von Sprache und psychiatrischen Symptomen. Tellenbach nahm in seinem Vortrag ausführlich Bezug auf Wulffs Hinweis, dass es im Vietnamesischen kein Ich-Pronomen gebe. Deshalb existiere keine »das Individuum gegen den Mitmenschen abgrenzende Instanz«: »Wo aber ein Ich im westlichen Sinne fehlt, kann man auch in der Psychose keine Ich-Störungen erwarten. Wulff und Pfeiffer konnten schizophrene Störungen der Ich-Schranke bei vietnamesischen und indonesischen Patienten nicht feststellen.«30
Für den politisierten Psychiater Wulff hingegen kam es auf den richtigen gesellschaftskritischen Standpunkt an. Deshalb parallelisierte er in seinem Vortrag die Differenzen zwischen westlichen und kolonialisierten Zivilisationen explizit mit dem Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Die fremde Sprache mit ihrer anderen Logik war für ihn nur ein Aspekt innerhalb eines umfassenderen Kontextes von Unverständnis und Ausbeutung. Dabei ging er in seinem Vortrag in Mexiko so weit, dass er Jürgen Habermas bezichtigte, mit seiner idealisierten Diskursethik einem bourgeoisen Elitismus anzuhängen, der den notwendigen Klassenkampf verhindere.31 Elitäre Bürgerlichkeit traf freilich noch viel mehr auf den konservativen Psychiater Tellenbach zu. Dieser hatte vor seiner positiven Bezugnahme auf Wulff nämlich eigens herausgestellt, dass er zu den ideologisch fragwürdigen Bezugssystemen der Psychiatrie nicht nur einseitige, westliche Krankheitskonzepte, sondern auch die Psychoanalyse und die »sozio-ökonomische Theorie« zähle – also jenen gesellschaftskritischen Ansatz, wie er von Wulff vertreten wurde.
Vielleicht sah Tellenbach hier keinen Widerspruch, weil er nur an den deskriptiven Befund von Wulff anknüpfte, nicht an dessen Interpretation. Denn für ihn stand von vornherein fest, dass der »Maßstab in der transkulturellen Psychopathologie« nicht mittels kritischer Gesellschaftsanalyse, sondern allein im theoretischen Überblick einer philosophischen Wesensschau zu gewinnen sei: »Vor der mit Recht geforderten Offenheit eines universellen maßgeblichen Bezugssystems kann sich nur eine Theorie behaupten, die im ursprünglichen Sinne ›Theoria‹ ist, d.h. Anschauung der großen, das Wesen des Menschen in aller Welt offenbarenden anthropologischen Phänomene.«32
Mit einer solchen Wesensschau konnte wiederum Wulff nicht viel anfangen. Auch er wollte zwar Einzelprobleme in größere Zusammenhänge einordnen, aber dabei hatte er keine anthropologischen Essentialismen im Sinn, sondern »gesellschaftliche Widersprüche«, die theoretisch reflektiert und in der psychiatrischen Praxis bearbeitet werden müssten: »Sprachbarrieren übersteigbar zu machen: dies heißt aber auch, die ihnen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Widersprüche sichtbar zu machen, sie nicht zu verleugnen. Wo das letztere geschieht, tritt die psychiatrische Wissenschaft auf der Stelle.«33 Trotz dieses politischen Aktivismus äußerte sich Kongress-Vizepräsident Walter von Baeyer ausgesprochen lobend über Wulffs Vortrag, der »großes Interesse und allgemeine Anerkennung« gefunden und der Transkulturellen Psychiatrie als »Grundlagenwissenschaft« »neue Wege« gewiesen habe.34
3. Hubertus Tellenbach:
Philosophische Anschauung als Maß aller Dinge
Bereits in der Zwischenkriegszeit waren Psychiater auf die Bedeutung der Philosophie und insbesondere der Phänomenologie für die psychiatrische Praxis aufmerksam geworden. Ludwig Binswanger, Eugène Minkowski, Viktor von Gebsattel und Erwin Straus hatten sich regelmäßig in Binswangers Sommerhaus als »Wengener Kreis« getroffen und gemeinsam eine phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie entwickelt, welche die Erfahrungen ausgewählter Patient:innen als Sonden in die menschliche Psychopathologie auffasste.35 Zusammen mit Wolfgang Blankenburg steht Tellenbach für eine zweite Generation, die diese Forschungsrichtung dann in der Bundesrepublik wirksam machte. Er wurde international mit Preisen und Tagungen geehrt; Festschriften erschienen auf Deutsch, Französisch und Spanisch.36 Nach der Emeritierung unterstrich Tellenbach die philosophische Ausrichtung seiner Forschungen, indem er einige seiner wissenschaftlichen Arbeiten nochmals unter dem programmatischen Titel »Psychiatrie als geistige Medizin« herausgab und damit den Anspruch erhob, der Medizin die Richtung zu weisen.37
Tellenbachs philosophische Ausdeutung psychopathologischer Phänomene war – ganz im Geist des wiedererstarkten konservativen Bildungsbürgertums der Bundesrepublik – ein Kampf gegen gleich drei Gegner: gegen eine einseitig pharmakologische Psychiatrie, die sich schon mit Tabletten und Spritzen am Ziel sah; gegen die Psychoanalyse, die überall unbewusste Triebe witterte; schließlich gegen den Marxismus, der nur Unterdrückung und Abhängigkeit erkannte. Aus Tellenbachs Sicht konnte nur Philosophie Orientierung geben. Als sein Heidelberger Kollege Hans-Georg Gadamer ihn mit einem Beitrag für seine »Philosophische Anthropologie« beauftragte, ergriff Tellenbach die Gelegenheit, das Verhältnis von Psychiatrie und Philosophie grundsätzlich zu bestimmen: »Es ist die Sache der Psychiatrie, aus der unmittelbaren Erfahrung der eigenartigen Befindens- und Verhaltensweisen psychisch Gestörter zu wissenschaftlichen Feststellungen zu gelangen. Das kann indessen nur gelingen, wenn zuvor gewisse Möglichkeiten des Erfassens und Feststellens schon erschlossen sind. Wie aber der Mensch erfaßt wird, hängt davon ab, was an ihm als das bestimmende Wesentliche entdeckt worden ist. Dieses Entdecken von Wesentlichem geschieht allemal in Akten philosophischer Grundansicht.«38 Psychiatrie war für Tellenbach eine klinische Praxis, aber sie war auch eine philosophische Wissenschaft. Denn um die »eigenartigen Befindens- und Verhaltensweisen« angemessen zu erfassen, denen sich die Psychiatrie widmet, müsse sie das »Wesen« des Menschen philosophisch reflektieren.
Der Transkulturellen Psychiatrie kam dabei die Funktion zu, das Scharnier zwischen psychiatrischer Praxis und philosophischer Theorie zu bilden. Tellenbachs Anliegen war es, hinter dem kulturell Variablen das Beständige des Menschseins als das Wesentliche freizulegen. Deshalb ließ Tellenbach sich einladen, für den Psychiatrie-Band der »Psychologie des 20. Jahrhunderts« den Artikel »Normalität« beizutragen: »Der Versuch [, das Wesen von Normalität zu erfassen,] kann nur der philosophischen Anschauung bzw. Reflexion gelingen, nicht dagegen der psychologischen Medizin selbst als einer Einzelwissenschaft. In der genauesten Entsprechung dazu steht die Erkenntnis, daß Normen – also Maß-Gebendes – ihren Ursprung stets in schöpferischen Akten jener Seinsweisen haben, auf die der Mensch angelegt ist, deren Strukturen durch die Philosophie in ihren Erkenntnissen a priori (Kant) – bzw. in den Existenzialien (M. Heidegger 1927) aufgewiesen worden sind.«39 Das war nicht nur philosophisch-abstrakt formuliert, sondern zielte auf zeitlose Gültigkeit.
Zugleich hatte dieses Streben, den »Ursprung« des »Maß-Gebenden« zu finden, einen konkreten historischen Kontext, nämlich die damals verbreitete Diagnose eines Niedergangs väterlicher Autorität. In Heidelberg wurde Tellenbach besonders bekannt mit seinem in der Psychiatrischen Klinik abgehaltenen »interfakultativen« Seminar zu »Bild und Verständnis des Vaters im Wandel der Kulturen«, das ab dem Winter 1973/74 das Thema Semester für Semester in immer weiteren Kreisen abschritt, von der Gegenwart über das christliche Mittelalter in die Antike und zum Mythos, aber genauso zu fremden Kulturen in Afrika und über Asien bis nach Ozeanien.40 Mit dieser »Suche nach dem verlorenen Vater« reagierte Tellenbach auf eine zeitgenössische westeuropäische Krisenwahrnehmung und deutete sie psychopathologisch: Die »erste Garde der revolutionären Studentenbewegung« rekrutiere sich zwar aus sogenannten »guten Familien«, aber die Väter »versteckten« sich entweder »hinter der Arbeit« oder verhielten sich »unglaubwürdig distanzlos« zu ihren Söhnen: »Diese Väter hatten ein das Paternale ganz entscheidend konstituierendes Wesensmerkmal aus der Hand gegeben: das Bewußtsein nämlich, daß ein Kind, insbesondere ein Sohn, verantwortet werden muß.«41 Konfrontiert mit der Studentenbewegung diagnostizierte Tellenbach ein Versagen väterlicher Autorität, die er obendrein als »das Paternale« zu einem überzeitlichen Wesensmerkmal des Menschen essenzialisierte.
»Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 8. März 1977
(Historisches Archiv der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Nachlass Tellenbach, Mappe 3)
Schon zehn Jahre vor Tellenbachs Vater-Seminar hatte Alexander Mitscherlich, damals Arzt an der Heidelberger Psychosomatischen Klinik, die Bundesrepublik »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« gesehen und damit einen Bestseller gelandet. Der große Erfolg sowohl von diesem als auch von Mitscherlichs nächstem Buch über »Die Unfähigkeit zu trauern« dürfte daran gelegen haben, dass Mitscherlich seinen deutschen Leser:innen mit den Titeln implizit ein Versagen in der NS-Zeit attestierte, in den Büchern jedoch zugleich exkulpierende sozialpsychologische Thesen entwickelte.42 Weil Mitscherlich mit den Student:innen auch dann noch sympathisierte, als diese sich radikalisierten, wurde er zu deren Identifikationsfigur. Tellenbach hingegen wollte verlorene Autorität wieder ins Recht setzen, wie anhand eines Entwurfs zur Seminarreihe deutlich wird, in dem er die ansonsten höchstens angedeutete Bezugnahme auf die NS-Zeit explizit machte: »Der Vater gilt für unsere Zeit weithin als ein Skandalon. Man konstituiert ihn in der Rolle angemaßter ungeistiger Autorität und hemmungsloser Aggressivität und bürdet ihm, zumal in Deutschland, die Verantwortung für die katastrophalen Ereignisse des vierten und fünften Jahrzehnts auf.«43
Aus seiner phänomenologischen Psychiatrie heraus reklamierte Tellenbach eine zeitdiagnostische Deutungshoheit anlässlich des ihm auffällig erscheinenden Verhaltens der männlichen Akteure in der Studentenbewegung. Diesem tagespolitischen Geschehen sowie dem Erbe der NS-Herrschaft suchte er eine Zeit, Raum und Kultur übergreifende geistesgeschichtliche Besinnung gegenüberzustellen. Unseres Wissens hat Tellenbach in seinen Schriften nie explizit die NS-Zeit erwähnt und nirgends deren »Aufarbeitung« eingefordert. Vielmehr beließ er es bei Anspielungen, die für die Zeitgenoss:innen deutlich genug gewesen sein dürften; er bot ihnen damit zugleich eine philosophische Überhöhung ihrer Situation an. Schuld, Schweigen und Versagen der NS-Tätergeneration schrumpften hier zu kleineren Problemen in einem größeren, die gesamte Menschheit umgreifenden Gefüge.
4. Erich Wulff:
Ethnopsychiatrie als Hinterfragen der eigenen Praxis
Erich Wulff gehörte zur ersten Generation, die auf die ab 1970 neu geschaffenen Professuren für Sozialpsychiatrie berufen wurde. Als Assistenzarzt hatte er zwar noch die desolaten Zustände in bundesdeutschen Großanstalten kennengelernt, aber die beginnenden Diskussionen um eine Reform der Psychiatrie nur punktuell aus dem Ausland verfolgt, weil er die Jahre 1961 bis 1967 überwiegend in Vietnam verbrachte. Diese Erfahrungen politisierten Wulff; sie prägten zugleich sein psychiatrisches Denken und Handeln. Denn vor Ort in Huế erlebte Wulff einen von Ausbeutung geprägten Alltag, zu dem auch eine dehumanisierende Psychiatrie gehörte, wie etwa »der im ganzen Land berüchtigte Pavillon für geisteskranke Verbrecher in Bien Hoa […], wo mehr als hundert Männer nackt in einem einzigen Raum eingesperrt lebten«.44
(Foto: Lisa Schmidt-Herzog, 2025)
Zugleich war Wulff von der fremden Kultur und vor allem von der Struktur der vietnamesischen Sprache fasziniert: Diese schien keine Personalpronomen zu kennen und Zeitstrukturen kontextabhängig zu organisieren. Wenn er Menschen nach ihrer Lebensgeschichte gefragt habe, seien ihm viele Schilderungen inkohärent vorgekommen, bis er verstanden habe, dass die Menschen auf dem Boden eines wiederkehrendem Zyklus völlig andere Ereignisse als wichtig einstuften als er, weshalb sich ihre Erzählweise für ihn repetitiv anfühlte.45 Als Wulff bei einem seiner Zwischenaufenthalte in der Bundesrepublik eher zufällig auf Frigga und Wolfgang Fritz Haug traf, die ihn mit marxistischer Theorie bekanntmachten, fügten sich die Eindrücke zu einer neuen Erkenntnis: Psychisches Leiden dürfe nicht vom Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse, der konkreten Kommunikationssituationen, der sozialen Abhängigkeiten und Unterdrückungskonstellationen losgelöst werden.46 Daraus leitete er bei seinem Vortrag in Mexico City die Forderung ab, sprachliche Codes immer auch im Kontext des Klassenkampfes zu interpretieren, damit »die psychiatrische Wissenschaft« nicht »auf der Stelle« trete.
Ahistorisches, kontextfreies und teleologisches Denken warf Wulff dabei nicht nur einer empiristischen Psychiatrie vor, die per international standardisierter Diagnostik ihre Schemata globalisiere, sondern auch jener Einfühlungspsychologie der Daseinsanalyse, der er einmal nahegestanden hatte und die darauf vertraute, dass psychiatrische Intuition pathologische Phänomene noch in völlig fremden kulturellen Kontexten richtig einschätzen könne. Denn seine Erfahrungen in Vietnam hatten ihn skeptisch gemacht, dass ein Arzt immer sicher beurteilen konnte, ob es sich um einen psychiatrischen Fall handelte oder nicht: Was auf einer ersten Beobachtungsebene wie ein bekanntes psychotisches Phänomen erscheinen mochte, konnte auch etwas ganz anderes sein, das mitunter nicht einmal pathologisch oder auch nur deviant sein musste.
Einige von Wulffs Interpretationen wirken heute eher wie kulturalistische Kurzschlüsse. In seinem ersten theoretisch-konzeptionellen Aufsatz, den er 1969 kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland in der marxistischen Zeitschrift »Das Argument« veröffentlichte, vertrat er etwa die Auffassung, dass eine Sprache ohne Personalpronomen wie das Vietnamesische auf eine Psyche verweise, in der auch keine Ich-Störungen existierten.47 Entscheidend war für Wulff allerdings, diesen Befund wiederum als Resultat der eigenen, also der westlichen Wahrnehmungs- und Wissensordnung zu hinterfragen und ihn nicht als vermeintlich natürliche Eigenschaft einer vietnamesischen Psyche zu verbuchen.
Wulffs Aufsatz von 1969 verhandelte zwar »Grundfragen transkultureller Psychiatrie«, aber damit adressierte er einerseits das linke, kritische Publikum in der Bundesrepublik: Das entsprechende sozialanthropologische Wissen werde längst schon von »CIA und Pentagon ausgewertet und zur Sozialsteuerung eingesetzt«, behauptete er, und demgegenüber müssten nun »die Bedingungen« erforscht werden, »unter denen in statistischer Häufung Individuen aufwachsen können, die möglichst wenig manipulationsanfällig sind«. Andererseits zielte er explizit auf die eigene psychiatrische Zunft, nicht auf eine besondere Psychiatrie für die »Dritte Welt«: »Viele psychische Strukturen verlieren die Würde von Naturkonstanten und werden plötzlich als Variable bewußt, die von anderen, vorerst noch unbekannten Faktoren abhängen. Die Versuchung liegt für manchen nahe, für die unbequemen, aber unbezweifelbaren Unterschiede eine ›andere Erbmasse‹ der ›Farbigen‹ verantwortlich zu machen. [... Solche Rationalisierungen] ersparen es, nach anderen, nämlich gesellschaftlichen Faktoren zu suchen. Erst wenn man auf das Entlastungsangebot rassistischer oder anderer z.B. romantisch-evolutionistischer Theorien verzichtet, kann der Kulturschock für das Verständnis der eigenen wie der fremden psychischen Strukturen und kulturellen Leitbilder fruchtbar werden.«48
Diese Einheit von Psychiatrie und Politik charakterisierte nicht nur Wulffs wissenschaftstheoretisches Hinterfragen der Psychiatrie, sondern auch seine praktische Tätigkeit: Nach der Übermittlung von Fotos ermordeter Kinder an die »Washington Post« und seiner Aussage beim Russell-Tribunal über US-amerikanische Kriegsverbrechen sprach Wulff im Februar 1968 beim Vietnam-Kongress des SDS in Berlin, und pünktlich zur Buchmesse im Herbst veröffentlichte er – unter Pseudonym – seine »Vietnamesischen Lehrjahre«.49 Über eine Gastprofessur in Vincennes stieß er zum Kreis um Franco Basaglia und Robert Castel, die ein europaweites psychiatriekritisches Netzwerk aufbauten, das die »Befriedungsverbrechen« einer wegsperrenden Psychiatrie mit Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung auf einer »Landkarte der Schande« anprangerte:50 Psychiatrie dürfe das, was sie unter kulturellen Merkmalen verstehe, nicht so definieren, dass der Einfluss der sozioökonomischen Bedingungen ausgeblendet werde; vielmehr müsse sie immer die materiellen Faktoren, die Lebensumstände, die politische Lage usw. reflektieren.
(Nachlass Erich Wulff, Familienbesitz, mit freundlicher Genehmigung)
Nur dann könne man der Gefahr entgehen, Kulturen zu essenzialisieren, die Einflüsse von Kolonialismus und Faschismus auf die Psyche aus dem Blick zu verlieren und damit in Rassismus und Kulturalismus abzugleiten. Letzteres warf Wulff der Transkulturellen Psychiatrie seiner Zeit vor, die als »Hilfswissenschaft« wahlweise die traditionelle Krankheitslehre der Psychiatrie als universell gültig zu bestätigen oder um einige kulturspezifische Sondersyndrome zu ergänzen suche.51 Daher insistierte er auch auf dem Begriff »Ethnopsychiatrie«, der zum einen den Einfluss des Ethnologen und Psychoanalytikers Georges Devereux erkennen ließ, zum anderen eine spürbare Distanz gegenüber einer sich als Spezialbereich etablierenden Transkulturellen Psychiatrie markierte. »Ethnopsychiatrie« müsse stattdessen als Grundlagenreflexion konzipiert werden, die die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen psychischer Erkrankungen mitbedenke.
Zu Wulffs theoretischem Ansatz, dass Ethnopsychiatrie keine Erweiterung der herkömmlichen Psychiatrie für ihre Anwendung auf nicht-europäische Kontexte darstelle, sondern vielmehr deren wissenschaftstheoretische Kritik, passt es auch, dass er nicht selbst ein Lehrbuch verfasste, sondern ein Kompendium einschlägiger theoretischer und empirischer Aufsätze zusammenstellte, quasi als Anleitung zur Selbstreflexion anstelle unidirektionaler Wissensvermittlung. Der Band »Ethnopsychiatrie. Seelische Krankheit – ein Spiegel der Kultur?«52 war in diesem Sinne Wulffs Alternative zu einem Lehrbuch. Vermutlich weil seine Auseinandersetzung mit der Transkulturellen Psychiatrie wesentlich dem Hinterfragen der eigenen Praxis hatte dienen sollen, engagierte er sich nach seiner Berufung auf die Professur in Hannover auch nicht weiter in dieser Spezialisierungsrichtung. Wulff pflegte zwar seine persönlichen Kontakte nach Vietnam und publizierte dazu auch wiederholt,53 aber er baute an der Medizinischen Hochschule keine speziellen Versorgungsstrukturen für migrantische Patient:innen auf.
Nur an einer Stelle nahm Wulf später nochmals dezidiert Bezug auf die Ethnopsychiatrie, nämlich als seine langjährigen Beziehungen zu sozialpsychiatrisch engagierten Kolleg:innen in der DDR in den 1980er-Jahren in einen gemeinsamen Sammelband mündeten. Allerdings traf das Projekt mit der deutschen Einheit zusammen, weshalb dieses kollektive Buch zu einem bemerkenswerten Dokument der Psychiatrie während des deutsch-deutschen Umbruchs geriet. Wulff stellte seinen Beitrag erneut unter die programmatische Frage »Was trägt die Ethnopsychiatrie zum Verständnis psychischer Erkrankungen bei?«. Auch wenn er nicht explizit auf das Verhältnis von DDR und Bundesrepublik Bezug nahm, lässt sich der Text in der Retrospektive als Kommentar zur Wiedervereinigung lesen: »Der Lernprozeß, um den es hier geht, ist oft schmerzlich. Den fremden kulturellen Zusammenhang wahrzunehmen und als sinnvollen Orientierungsrahmen für andere zu akzeptieren heißt nämlich zugleich, die eigenen kulturellen Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, zu begreifen, daß die eigenen sozialen Normen und kulturellen Traditionen, ebenso wie die gesamte eigene Gesellschaftsordnung sich nicht von selbst verstehen, weder gottgewollt noch natürlich vorgegeben sind, sondern, wie die fremde, von Menschen hervorgebracht, historisch entstanden.«54
Wie Tellenbach plädierte auch Wulff dafür, Aussagen über Normales und Pathologisches einer Kultur immer nach dem dabei zugrunde gelegten Maßstab zu befragen. Aber an die Stelle von Tellenbachs Suche nach einem wahrhaft universalen Maßstab rückte bei Wulff die Erforschung der »gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge«. Die Aufgabe einer solchen Ethnopsychiatrie sah Wulff darin, einem universalisierenden oder kulturalistisch essenzialisierenden ein kulturell situierendes Denken entgegenzustellen. Der maßgebliche Zweck dieser Situierung bestand für ihn in der Vergegenwärtigung der eigenen, begrenzten Perspektive.
5. Universalismus versus Kulturrelativismus –
eine falsche Alternative
In der globalisierten Welt von heute wird mit Vehemenz über die Verschränkung von kolonialer Ausbeutung und der Durchsetzung universalistischer Werte wie Autonomie und Objektivität gestritten. Aus postkolonialer Perspektive werden universalistische Positionen dabei häufig mit einem alles vereinheitlichenden Imperialismus westlicher Wissens- und Rationalitätsvorstellungen gleichgesetzt. Kritiker:innen des Postkolonialismus unterstellen wiederum, dass dessen Theorie geradewegs in einen maßstabslosen Relativismus münde und gefährliche Identitätspolitik betreibe.55 Das Problem war schon in der hier analysierten psychiatrischen Debatte aufgegriffen worden. Als Helmut Remschmidt für seine Reihe »Klinische Psychologie und Psychopathologie« einen Band zur »Dimension des Transkulturellen« plante, weil diese »geläufige Lehrmeinungen zugleich bestätigt und relativiert« und »[a]ngesichts des Fortschreitens der modernen Zivilisation [...] die transkulturelle Vielfalt psychischen und psychosozialen Verhaltens immer mehr dahin[schmilzt]«,56 stellten die für das Projekt gewonnenen Herausgeber Wolfgang Pfeiffer und Wolfgang Schoene das Relativismusproblem ins Zentrum ihrer Einführung: »Komprimiert besagt das Relativismusproblem, daß in einer Kultur gewonnene Maßstäbe – beispielsweise für das Normale und das Abnorme – nicht auf eine andere Kultur übertragen und auf die dortigen Einrichtungen angewandt werden dürfen, weil sie selbst kulturgebunden seien [...]. Dem Erkenntnis-Nihilismus, der aus dieser Überlegung eigentlich konsequent zu folgen hätte, lassen sich jedoch andere Überlegungen entgegensetzen, die, obschon theoretisch nicht ebenso stringent, immerhin den Vorzug praktischer Brauchbarkeit, und zwar für die Arbeit des Arztes ebenso wie für die Alltagspraxis der Forschung, für sich haben.«57
Die Formulierung »Erkenntnis-Nihilismus« spielte auf das epistemologische Grundproblem der Psychiatrie an, ob sie es überhaupt mit Krankheiten im Sinne natürlicher Entitäten oder vielmehr mit kulturellen Normvorstellungen zu tun habe. Insbesondere Pfeiffers Publikationen sind symptomatisch für die Art und Weise, wie die Psychiatrie in der Bundesrepublik mit dieser Frage umging. Sein Lehrbuch hatte er 1971 zwar noch mit einer kurzen theoretischen Reflexion begonnen, aber die einzelnen Kapitel waren dann schlicht nach den im Westen geläufigen Krankheitsbildern wie Schizophrenie, Depression, Manie und Zwang geordnet, gefolgt von einer Darstellung »exotischer« Störungen wie Latah, Amok und Besessenheit. In der 1994 veröffentlichten zweiten Auflage konstatierte Pfeiffer zwar »große Wandlungen« in der Transkulturellen Psychiatrie und überarbeitete durchgehend den Text, behielt die grundlegende Struktur aber bei; lediglich zwischen die beiden Abschnitte zu den westlichen bzw. den exotischen Störungen schob er nun einen kurzen »Exkurs: Das Problem der kulturgebundenen Psychosyndrome«.58 Die wissenschaftstheoretische Reflexion, zu der Tellenbach und Wulff sich durch ihre Beschäftigung mit Transkultureller Psychiatrie genötigt sahen, spielte nun keine Rolle mehr.
Das war bei der Tagung zur Transkulturellen Psychiatrie 1976 in Kiel noch anders gewesen, die Pfeiffer zusammen mit Alexander Boroffka organisiert hatte, um speziell auf die Situation in der Bundesrepublik einzugehen. Dort hatten sie die Frage nach einer angemessenen Berücksichtigung von Migrant:innen in der Psychiatrie ausdrücklich mit einer wissenschaftstheoretischen Selbstreflexion des Faches verknüpft: »Nun liegt es nahe, daß sich auch bei der Untersuchung der Probleme im eigenen Lande die Aufmerksamkeit einseitig auf den Anderen richtet, auf den Fremden, den Einwanderer, den Angehörigen einer Minorität. [...] Doch sahen wir eine entscheidende Aufgabe des Symposions darin, die Aufmerksamkeit gerade auch auf die Besonderheit der Eingesessenen, der Etablierten zu lenken und damit zur Selbstreflektion anzuregen. Wir suchten dies zu fördern, indem wir bei den Referaten auch Angehörige zugewanderter Gruppen zu Wort kommen ließen.«59
Wie eingangs skizziert, waren die 1970er-Jahre in der Bundesrepublik eine Zeit psychiatrischer Grundsatzdebatten. Verfechter der Universitätspsychiatrie, einer verwahrenden Anstaltspraxis, des sozialpsychiatrischen Reformaktivismus und einer radikal kritischen Antipsychiatrie standen sich unversöhnlich gegenüber.60 Diese spezifische Debattenkonstellation hat sicher zu der im internationalen Vergleich bemerkenswert methodenkritischen Auseinandersetzung mit den erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen der Psychiatrie beigetragen.61 In einem Land, das seine eigene Kolonialgeschichte ausgeblendet und mit der »Aufarbeitung« der NS-Verbrechen gerade erst angefangen hatte, eröffnete sich aus der Rezeption der Transkulturellen Psychiatrie eine besondere Option zur theoretischen Selbstvergewisserung. Eine der Voraussetzungen dafür war die starke philosophische Prägung der hier ins Zentrum gestellten Psychiater.
Die von der Beschäftigung mit Transkultureller Psychiatrie damals aufgeworfenen Fragen erscheinen vor dem Hintergrund der aktuellen postkolonialen Diskussionen wie eine Alternative jenseits der unproduktiven Dichotomie von Universalismus vs. Kulturrelativismus. Dass sie seitens der Psychiatrie nicht breiter aufgegriffen wurden, hatte seinen Grund auch im internationalen Trend für ein global standardisiertes diagnostisches Vorgehen, gegen das sich schon Tellenbach und Wulff gewandt hatten, das aber mit der 9. Auflage der International Classification of Diseases 1986 auch in der Bundesrepublik eingeführt wurde. Mit der Verlagerung auf deskriptive Diagnostik und Statistik war international nicht nur eine Ignoranz gegenüber philosophischen Fragen wie derjenigen von Tellenbach nach der Möglichkeit eines globalen Maßstabs verbunden, sondern zugleich ein rapider Rückgang der akademisch verankerten Sozialpsychiatrie zu verzeichnen. »Just as the words poverty and racism disappeared from psychiatric journals and textbooks by the 1990s, the notion of social psychiatry also vanished. In its place emerged a resurgent biological psychiatry that was more concerned with psychopharmacological treatment than prevention.«62
Paradigmatisch lässt sich dieser Umschwung an der Karriere von Heinz Häfner (1926–2022) veranschaulichen, der zuerst als Pionier der Sozialpsychiatrie hervortrat und später zum Verfechter einer international standardisierten Epidemiologie wurde: Häfner hatte seit Mitte der 1970er-Jahre nicht nur maßgeblich die Gründung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim als bundesweit einmaliges Modellvorhaben für Mental Health vorangetrieben, sondern gemeinsam mit Karl Peter Kisker und Caspar Kulenkampff bereits seit 1966 auch die anfangs dreisprachige Zeitschrift »Social Psychiatry« initiiert, in der neben großen Überblicksartikeln zum Stand sozialpsychiatrischer Reformen in den USA, in Großbritannien und Frankreich, selbst in der Sowjetunion und anderen Ländern des sogenannten Ostblocks auch grundlegende Forschungen zu sozialen Determinanten psychischer Gesundheit erschienen. Ab 1988 lautete der Titel der Zeitschrift dann »Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology«, mit Englisch als einziger Sprache.
Die Geschichte der Transkulturellen Psychiatrie ist ähnlich verlaufen. Obwohl gerade sie das Potential gehabt hätte, die Problematik einer vorschnellen Quantifizierung von Gesundheitsdaten aufzuzeigen,63 stehen theoretische Probleme und epistemologische Herausforderungen inzwischen nicht mehr in ihrem Fokus. Sie gelten für ihre gegenwärtige Praxis als irrelevant, weil psychiatrische Störungen heute (wieder) als Gehirnkrankheiten konzeptualisiert werden. Für die Transkulturelle Psychiatrie wird diese einseitige Orientierung an Neurowissenschaften mit kultursensiblen Fragebögen und dem Konzept der »culture bound syndromes« gewissermaßen ausbalanciert – mit dem Preis, dass »Kultur« für nicht-westliche »Sonderfälle« reserviert wird.64 Gewiss profitiert jede professionelle Praxis von (inter-)kultureller Sensibilität, aber im historischen Rückblick auf die hier rekonstruierte epistemologische Debatte in der Psychiatrie wird man ergänzen wollen, dass Sensibilität nicht gleichbedeutend ist mit Reflexion der grundlegenden Kategorien.
Ein weiterer Aspekt sei hier noch angefügt: Vermeintlich reflexive Kultursensibilität kann auch populistischen Vorstellungen von »Ethnien« die Tür öffnen. Der Mediziner und Sozialanthropologe Didier Fassin spricht deshalb nicht nur von der Pazifizierung einer ursprünglich methodenkritischen Ethnopsychiatrie in Frankreich, sondern warnt vor ihrer heutigen Dienstbarmachung für ethnopluralistische Argumente: Neurechte »Rasserealisten«, die sich solcher Argumente bedienen, schreiben sich auf die Fahne, die einzig wirklich »kultursensiblen« Diskursteilnehmer:innen zu sein, wobei hinter dieser vermeintlichen Anerkennung von Differenz eine Ontologisierung von Unterschieden als angeblichen Naturtatsachen steht.65
Die Gründungsfrage der Transkulturellen Psychiatrie hatte gelautet, ob psychische Krankheiten weltweit dieselben seien oder ob sie als kulturgebunden betrachtet werden müssten. Diese Frage war von politischer Sprengkraft, gerade vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Kolonialpsychiatrie des 19. Jahrhunderts psychische und kulturelle Differenz hierarchisch-evolutionär interpretiert und als Legitimationsgrundlage der Niederschlagung politischer Aufstände und der Pathologisierung ihrer Akteur:innen verwendet hatte.66 Gegen diese kolonialrassistischen Vorstellungen hatte der nigerianische Psychiater Thomas A. Lambo, ein Zeitgenosse Frantz Fanons, schon in den 1960er-Jahren darauf abgehoben, dass es keine minderwertigen »African minds« gebe und alle Menschen unter denselben Krankheiten litten.67 Fanon hingegen wollte die soziopolitische Differenz-Erfahrung von Kolonialisierten anerkannt wissen – freilich ohne diese Differenz zu naturalisieren und zur vermeintlichen Essenz einer Schwarzen Subjektivität zu stilisieren.68 Auch Tellenbach und Wulff näherten sich dieser Frage als einer Herausforderung, die kein einfaches »Ja« oder »Nein« zulässt. Ihnen ging es darum, nicht mehr nur die Krankheiten auf ihre etwaige Natur- oder Kulturgebundenheit hin zu befragen, sondern auch die wissenschaftlichen Urteile selbst.
Beide erkannten die Problematik einer wissenschaftlichen Objektivität, die sich mittels operationalisierter Diagnostik und standardisierter Verfahren methodisch abgesichert wähnt. Aber ihre Ansätze zum Umgang mit der immanenten Widersprüchlichkeit der Natur- und Kulturgebundenheit psychiatrischer Phänomene zielten in sehr unterschiedliche Richtungen – trotz der geteilten philosophischen Ausgangspunkte. Das macht ihre Beschäftigung mit Fragen der Transkulturellen Psychiatrie zeithistorisch aufschlussreich. Tellenbach strebte nach philosophischer Selbstvergewisserung, die durch reflexive Bewusstwerdung der eigenen Vorurteile einen universellen Maßstab entwickeln sollte. Wulff hingegen betonte die Unhintergehbarkeit historischer Kontextualität, der jeder gefundene Maßstab immer unterliege. Das macht seine Position zusätzlich für rezente epistemologische Fragen relevant, denn hier wurde ein Verständnis von Kultur als produktiver Differenz artikuliert, das nicht nur die kulturelle Gewordenheit von lokalen Gruppen und Akteur:innen berücksichtigte, sondern auch die historische Situiertheit von Begriffen und Wissenschaften reflektierte.
Wie weitgehend solche kritisch-epistemologische Reflexion auch aus der Transkulturellen Psychiatrie verschwunden ist, illustriert eine Szene, die sich 2024 auf der Konferenz »Globalizing Schizophrenia. The History and Legacy of the WHO Studies of Schizophrenia« am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin zugetragen hat. Als ein Historiker bemerkte, dass die (mehr oder weniger) einheitlichen Ergebnisse der WHO-Studien der 1970er-Jahre maßgeblich das Resultat von enculturation gewesen seien, nämlich Effekte der erfolgreichen Durchsetzung diagnostischer Standards, reagierte ein Epidemiologe darauf mit Unverständnis. Diese Ergebnisse seien doch einem rigoros objektivierenden Training zu verdanken, das gar nichts mit enculturation zu tun habe – womit wohl auch gemeint war: nichts mit Kultur und Kulturgebundenheit.
Anmerkungen:
1 Wielant Machleidt/Andreas Heinz (Hg.), Praxis der interkulturellen Psychiatrie und Psychotherapie. Migration und psychische Gesundheit, München 2010, 2. Aufl. 2018 (zusätzliche Mitherausgeber:innen: Ulrike Kluge/Marcel Sieberer); Dachverband der transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum e.V.
2 Siehe etwa Emil Kraepelin, Psychiatrisches aus Java, in: Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 27 (1904), S. 468-469; John Colin Carothers, The African Mind in Health and Disease. A Study in Ethnopsychiatry, Genf 1953.
3 Ana Antić, Decolonizing Madness? Transcultural Psychiatry, International Order and Birth of a ›Global Psyche‹ in the Aftermath of the Second World War, in: Journal of Global History 17 (2022), S. 20-41.
4 Alice Bullard, Imperial Networks and Postcolonial Independence. The Transition from Colonial to Transcultural Psychiatry, in: Sloan Mahone/Megan Vaughan (Hg.), Psychiatry and Empire, New York 2007, S. 197-219; Laurence J. Kirmayer, Multicultural Medicine and the Politics of Recognition, in: Journal of Medicine and Philosophy 36 (2011), S. 410-423.
5 Harry Yi-Jui Wu, Mad by the Millions. Mental Disorders and the Early Years of the World Health Organization, Cambridge, Mass. 2021; Ana Antić, Non-Aligned Psychiatry in the Cold War. Revolution, Emancipation and Re-Imagining the Human Psyche, Cham 2021.
6 Frantz Fanon, Peau noire, masques blancs, Paris 1952; erste engl. Übersetzung: Black Skin, White Masks. Translated from the French by Charles Lam Markmann, New York 1967; erste dt. Übersetzung: Schwarze Haut, weiße Masken. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Frankfurt a.M. 1980. Vgl. Richard C. Keller, Colonial Madness. Psychiatry in French North Africa, Chicago 2007.
7 Michel Foucault, Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique, Paris 1961; Erving Goffman, Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates, New York 1961; Ian Hacking, The Social Construction of What?, Cambridge, Mass. 1999.
8 Arthur M. Kleinman, Depression, Somatization and the »New Cross-cultural Psychiatry«, in: Social Science & Medicine 11 (1977), S. 3-9; Allan Young, The Harmony of Illusions. Inventing Post-Traumatic Stress Disorder, Princeton 1995.
9 Didier Fassin, Ethnopsychiatry and the Postcolonial Encounter. A French Psychopolitics of Otherness, in: Warwick Anderson/Deborah Jenson/Richard C. Keller (Hg.), Unconscious Dominions. Psychoanalysis, Colonial Trauma, and Global Sovereignties, Durham 2011, S. 223-246; Lillian Comas-Díaz/Hector Y. Adames/Nayeli Y. Chavez-Dueñas (Hg.), Decolonial Psychology. Toward Anticolonial Theories, Research, Training, and Practice, Washington 2024.
10 Jatinder Bains, Race, Culture and Psychiatry. A History of Transcultural Psychiatry, in: History of Psychiatry 16 (2005), S. 139-154; Hubertus Büschel, Der Rorschach-Test reist um die Welt. Globalgeschichten aus der Ethnopsychoanalyse, Wien 2021.
11 Entgegen dieser Binnendifferenzierungen verwenden wir im vorliegenden Text »Transkulturelle Psychiatrie« als übergreifenden und im internationalen Kontext geläufig gewordenen Begriff; lediglich bei Erich Wulffs Kritik daran folgen wir seinem Insistieren auf »Ethnopsychiatrie«.
12 Vgl. Joelle M. Abi-Rached, Asfuriyyeh. A History of Madness, Modernity, and War in the Middle East, Cambridge, Mass. 2020; Claire E. Edington, Beyond the Asylum. Mental Illness in French Colonial Vietnam, Ithaca 2019.
13 Richard Jung/Max Müller, Vorwort für das Gesamtwerk, in: Hans Walter Gruhle u.a. (Hg.), Psychiatrie der Gegenwart. Forschung und Praxis, Bd. I/1A: Grundlagenforschung zur Psychiatrie A, Berlin 1967, S. V. Nach dem Tod von Oswald Bumke (1877–1950), dem Herausgeber des elfbändigen »Handbuches der Geisteskrankheiten« (1928–1932), dämmerte dem neuen Herausgeberkreis offenbar, wie dringlich eine Neukonzeption war, die dann im Titel programmatisch zum Ausdruck gebracht wurde.
14 Dagmar Herzog, The Question of Unworthy Life. Eugenics and Germany’s Twentieth Century, Princeton 2024, bzw. dies., Eugenische Phantasmen. Eine deutsche Geschichte. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2021. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff, Berlin 2024.
15 Frank Fischer, einer der maßgeblichen Autoren, verdichtete seine Zeitungsartikel zu einem vielbeachteten Buch: Frank Fischer, Irrenhäuser. Kranke klagen an, München 1969.
16 Deutscher Bundestag, Drucksache 7/1124: Zwischenbericht der Sachverständigenkommission zur Erarbeitung der Enquête über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland, 19.10.1973, S. 23. Vgl. auch Hans-Ludwig Siemen, Vom Mythos der Enquete. Versuch einer kritischen Annäherung, in: Fritz Bremer/Hartwig Hansen/Jürgen Blume (Hg.), Wie geht’s uns denn heute! Sozialpsychiatrie zwischen alten Idealen und neuen Herausforderungen, Neumünster 2001, S. 35-50.
17 Die Öffnung der DGPN für die Anliegen der sozialpsychiatrischen Reformer geschah allerdings nur halbherzig, weshalb sie noch im selben Jahr die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie als interprofessionelle Gegengründung starteten; vgl. Christian Reumschüssel-Wienert, Psychiatriereform in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Chronik der Sozialpsychiatrie und ihres Verbandes – der DGSP, Bielefeld 2021.
18 Wir konzentrieren uns hier auf Tellenbach und Wulff, weil sie Formen einer psychiatrischen Grundlagenreflexion vorantrieben. Als weitere wichtige Akteure ließen sich Wolfgang Pfeiffer und Alexander Boroffka nennen. Pfeiffer veröffentlichte aufgrund eigener Erfahrungen in Indonesien 1971 das erste deutschsprachige Lehrbuch für Transkulturelle Psychiatrie (Wolfgang M. Pfeiffer, Transkulturelle Psychiatrie. Ergebnisse und Probleme, Stuttgart 1971). Boroffka hatte 1961 eher zufällig am ersten Pan-Afrikanischen Psychiatrie-Kongress teilgenommen und organisierte dann 1976 den ersten internationalen Kongress für Transkulturelle Psychiatrie in der Bundesrepublik, bei dem die psychischen Probleme von Geflüchteten und die psychiatrische Versorgung von Migrant:innen im Zentrum standen; vgl. Alexander Boroffka/Wolfgang M. Pfeiffer, Dokumentation zum Kieler Symposium 1976, in: Curare 29 (2006), S. 262-264.
19 Hubertus Tellenbach, Melancholie. Zur Problemgeschichte, Typologie, Pathogenese und Klinik, Berlin 1961.
20 Erich Wulff, Maurice Merleau-Ponty: La Structure du Comportement und Phénoménologie de la Perception, in: Philosophisches Jahrbuch 64 (1956), S. 406-417; ders., Ausdrucksphänomenologische Interpretation einer katatonen Krise, phil. Diss. Freiburg 1960. Mitte der 1990er-Jahre blickte er selbst auf dieses Spannungsverhältnis zurück: Erich Wulff, Phänomenologische Psychopathologie und Historischer Materialismus, in: Martin Heinze u.a. (Hg.), Psyche im Streit der Theorien, Würzburg 1996, S. 49-67.
21 Seine Eindrücke publizierte er unter Pseudonym: Georg W. Alsheimer, Vietnamesische Lehrjahre. 6 Jahre als deutscher Arzt in Vietnam 1961–1967, Frankfurt a.M. 1968.
22 Wolfgang Fritz Haug zitiert aus dieser Stellungnahme in seiner »Vorbemerkung« zu Erich Wulff, Psychiatrie und Klassengesellschaft. Zur Begriffs- und Sozialkritik der Psychiatrie und Medizin, Frankfurt a.M. 1972, S. IX-XXI, hier S. XIX.
23 Vgl. Steeves Demazeux/Patrick Singy (Hg.), The DSM-5 in Perspective. Philosophical Reflections on the Psychiatric Babel, Dordrecht 2015; Serife Tekin/Robyn Bluhm (Hg.), The Bloomsbury Companion to Philosophy of Psychiatry, London 2019; Giovanni Stanghellini/Andrea Raballo (Hg.), The Oxford Handbook of Phenomenological Psychopathology, Oxford 2019; Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Berlin 2020; Alastair Morgan, Continental Philosophy of Psychiatry. The Lure of Madness, Cham 2022; Sam Wilkinson, Philosophy of Psychiatry. A Contemporary Introduction, London 2023.
24 Hubertus Tellenbach, The Problem of Selecting Criteria for Transcultural Psychiatric Theory, in: Ramón de la Fuente/Maxwell N. Weisman (Hg.), Psychiatry. Proceedings of the V World Congress of Psychiatry, Mexico, D.F., 25 November – 4 December 1971, Amsterdam 1973, S. 813-817. Unter dem Titel »Die Frage nach dem Maßstab in der transkulturellen Psychopathologie« integrierte Tellenbach diesen Vortrag später in seinen Aufsatzband Psychiatrie als geistige Medizin, München 1987, S. 182-185.
25 Erich Wulff, Sprachbarrieren als Hindernisse psychiatrischer Forschung, in: ders., Psychiatrie und Klassengesellschaft (Anm. 22), S. 269-281.
26 Dort erwähnt er lediglich im Kontext einer weiteren, späteren Mexiko-Reise, dass er im selben Hotel schon 1971 übernachtet habe; vgl. Erich Wulff, Irrfahrten. Autobiographie eines Psychiaters, Bonn 2001, S. 474.
27 Tellenbach, The Problem of Selecting Criteria (Anm. 24), S. 813.
28 Ders., Die Frage nach dem Maßstab (Anm. 24), S. 182.
29 Wulff, Sprachbarrieren (Anm. 25), S. 269.
30 Tellenbach, Die Frage nach dem Maßstab (Anm. 24), S. 183f.
31 Wulff, Sprachbarrieren (Anm. 25), S. 274f.
32 Tellenbach, Die Frage nach dem Maßstab (Anm. 24), S. 182.
33 Wulff, Sprachbarrieren (Anm. 25), S. 280.
34 Brief Walter von Baeyers an Erich Wulff, 25.1.1972. Auch diesen Brief zitiert Haug in seinem Vorwort (Anm. 22), S. XIII.
35 Torsten Passie, Phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie und Psychologie. Eine Studie über den »Wengener Kreis«. Binswanger – Minkowski – von Gebsattel – Straus, Hürtgenwald 1995; Cornelius Borck, Viktor Emil von Gebsattels Aufstieg zum Deuter des Zeiterlebens. Psychopathologie vor, im und nach dem Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 15 (2021) H. 1, S. 19-36.
36 Vgl. Hermann Lang, Nachruf auf Hubertus Tellenbach, in: Zeitschrift für klinische Psychologie, Psychopathologie und Psychotherapie 43 (1995), S. 101-102.
37 Tellenbach, Psychiatrie als geistige Medizin (Anm. 24).
38 Vielleicht war ihm auch deswegen der Titel so umständlich geraten: Hubertus Tellenbach, Die Begründung psychiatrischer Erfahrung und psychiatrischer Methoden in philosophischen Konzeptionen vom Wesen des Menschen, in: Hans-Georg Gadamer/Paul Vogler (Hg.), Neue Anthropologie, Bd. VI: Philosophische Anthropologie Teil 1, Stuttgart 1974, S. 138-181, hier S. 140.
39 Hubertus Tellenbach, Normalität, in: Uwe Henrik Peters (Hg.), Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Bd. X: Ergebnisse für die Medizin 2: Psychiatrie, Zürich 1980, S. 78-89, hier S. 78.
40 Aus der Seminarreihe sind insgesamt vier von Hubertus Tellenbach herausgegebene Sammelbände hervorgegangen: Das Vaterbild in Mythos und Geschichte. Ägypten, Griechenland, Altes Testament, Neues Testament / Das Vaterbild im Abendland 1. Rom, frühes Christentum, Mittelalter, Neuzeit, Gegenwart / Das Vaterbild im Abendland 2. Literatur und Dichtung Europas / Vaterbilder in Kulturen Asiens, Afrikas und Ozeaniens. Religionswissenschaft, Ethnologie, Stuttgart 1976–1979. Eckhard Nordhofen witzelte in seiner Besprechung des ersten Bandes misogyn, dass der Verlag sich hier »mit einem Buch von Patriarchen über Patriarchen auf eine Szene traut, die von selbst- und neugestrickten chthonischen Muttermythen und Frauen mal Frauen über Frauen-Literatur beherrscht scheint« (Keine Plädoyers für Patriarchen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.3.1977, S. 23).
41 Hubertus Tellenbach, Suchen nach dem verlorenen Vater, in: ders., Das Vaterbild in Mythos und Geschichte (Anm. 40), S. 7-11, hier S. 7.
42 Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie, München 1963; vgl. dazu Tobias Freimüller, Alexander Mitscherlich. Gesellschaftsdiagnosen und Psychoanalyse nach Hitler, Göttingen 2007.
43 Hubertus Tellenbach an Martin Schwab, 14.4.1970, Historisches Archiv der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Nachlass Tellenbach, Mappe 3.
44 Alsheimer, Vietnamesische Lehrjahre (Anm. 21), S. 46.
45 Erich Wulff, »Arzt, Patient und Angehörige: typische Mißverständnisse bei Exploration und Untersuchung«. 1966 als Referat bei der Wanderversammlung der südwestdeutschen Psychiater und Neurologen vorgetragen, aufgenommen in: Psychiatrischer Bericht aus Vietnam, in: Nikolaus Petrilowitsch (Hg.), Beiträge zur vergleichenden Psychiatrie, Teil 1: Länderübersichten, Basel 1967, S. 1-84, wiederabgedruckt in: Wulff, Psychiatrie und Klassengesellschaft (Anm. 22), S. 30-37.
46 Wulff, Irrfahrten (Anm. 26), S. 368-370, S. 390-393.
47 Erich Wulff, Grundfragen transkultureller Psychiatrie, in: Das Argument 50 (1969), S. 227-260, wiederabgedruckt in: ders., Psychiatrie und Klassengesellschaft (Anm. 22), S. 95-133; der zweite Abschnitt war überschrieben mit: »Das Fehlen der Ich-Störung bei Vietnamesen«, S. 103-113. Zur Problematik dieses Abwesenheitstopos und zu einer nuancierteren Einordnung verschiedener Möglichkeiten der Selbstbezeichnung im Vietnamesischen vgl. etwa Doan Cam Thi, Expressions of the Self in Vietnam: Usage of ›I‹ throughout Literature in nôm and in quốc ngữ, in: Journal of Social Issues in Southeast Asia 36 (2021), S. 40-67.
48 Dieses und die im Absatz vorangehenden Zitate: Wulff, Psychiatrie und Klassengesellschaft (Anm. 22), S. 96f.
49 Alsheimer, Vietnamesische Lehrjahre (Anm. 21).
50 Franco Basaglia/Franca Basaglia-Ongaro (Hg.), Befriedungsverbrechen. Über die Dienstbarkeit der Intellektuellen. Übersetzt von Claudia Honegger u.a., Frankfurt a.M. 1980. »L’Equipe internationale, carte de la honte«, Nachlass Erich Wulff (im Familienbesitz). Wulff berichtete in diesem Zirkel 1973 detailliert über die Enquête und die Situation in der Bundesrepublik.
51 Wie etwa im ersten deutschsprachigen Lehrbuch von Pfeiffer, Transkulturelle Psychiatrie (Anm. 18).
52 Erich Wulff (Hg.), Ethnopsychiatrie. Seelische Krankheit – ein Spiegel der Kultur?, Wiesbaden 1978.
53 Dabei veröffentlichte er sein zweites Vietnam-Buch nochmals unter dem Pseudonym, mit dem er als Vietnam-Experte bekannt geworden war: Georg W. Alsheimer, Eine Reise nach Vietnam, Frankfurt a.M. 1979. Siehe auch Erich Wulff/Georg W. Alsheimer, Vietnamesische Versöhnung. Tagebuch einer Vietnamreise 2008 zu Buddhas und Ho Chi Minhs Geburtstag, Hamburg 2009.
54 Erich Wulff, Was trägt die Ethnopsychiatrie zum Verständnis psychischer Erkrankungen bei?, in: Achim Thom/Erich Wulff (Hg.), Psychiatrie im Wandel. Erfahrungen und Perspektiven in Ost und West, Bonn 1990, S. 96-114, hier S. 101, S. 112.
55 Vgl. Gayatri Chakravorty Spivak, A Critique of Postcolonial Reason. Toward a History of the Vanishing Present, Cambridge, Mass. 1999; Onur Erdur, Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie, Berlin 2024, S. 207-223.
56 Helmut Remschmidt, Geleitwort, in: Wolfgang Pfeiffer/Wolfgang Schoene (Hg.), Psychopathologie im Kulturvergleich, Stuttgart 1980, S. X.
57 Wolfgang Pfeiffer/Wolfgang Schoene, Zur Einführung ins Thema: Fragestellungen, in: dies., Psychopathologie im Kulturvergleich (Anm. 56), S. XIII-XXIV, hier S. XIV.
58 Pfeiffer, Transkulturelle Psychiatrie (Anm. 18), bzw. 2., neubearbeitete u. erweiterte Aufl. 1994. Das Zitat stammt aus dem Vorwort (S. VI), der Exkurs findet sich auf S. 75-82.
59 Alexander Boroffka/Wolfgang M. Pfeiffer (Hg.), Fragen der transkulturell-vergleichenden Psychiatrie in Europa, Münster 1977, S. II. Die Dokumentation enthält die Referate und Arbeitspapiere des Kieler Symposions von 1976.
60 Vgl. Steffen Dörre, Zwischen NS-»Euthanasie« und Reformaufbruch. Die psychiatrischen Fachgesellschaften im geteilten Deutschland, Berlin 2021; Silke Fehlemann u.a., 175 Jahre psychiatrische Fachgesellschaften in Deutschland. Psychiatrie – Politik – Wissenschaft. Die Geschichte der DGPPN und ihrer Vorgängerorganisationen, Berlin 2017.
61 Wielant Machleidt, Weltpsychiatrischer Universalismus versus kulturdistinkte Psychiatrie. Ethnopsychiatrische Diskurse in den 1970er und 1980er Jahren, in: Christine Wolters/Christof Beyer/Brigitte Lohff (Hg.), Abweichung und Normalität. Psychiatrie in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Deutschen Einheit, Bielefeld 2013, S. 357-383.
62 Matthew Smith, The First Resort. The History of Social Psychiatry in the United States, New York 2023, S. 259. Auch in Deutschland gerieten Sozialpsychiatrie und Psychopathologie akademisch stark an den Rand; vgl. Heinz-Peter Schmiedebach/Stefan Priebe, Social Psychiatry in Germany in the Twentieth Century: Ideas and Models, in: Medical History 48 (2004), S. 449-472.
63 Pratap Sharan u.a., The Evolution of Community Epidemiological Studies in India: A Subaltern Critique, in: Anne M. Lovell/Gerald M. Oppenheimer (Hg.), Reimagining Psychiatric Epidemiology in a Global Frame. Toward a Social and Conceptual History, Woodbridge 2022, S. 250-282.
64 Laurence J. Kirmayer, Cultural Psychiatry in Historical Perspective, in: Dinesh Bhugra/Kamaldeep Bhui (Hg.), Textbook of Cultural Psychiatry, Cambridge 2007, S. 3-19.
65 Fassin, Ethnopsychiatry (Anm. 9). Bereits in den 1980er-Jahren hatte Étienne Balibar dies als einen neuen Rassismus erkannt, der aus den Fehlern des Biologismus gelernt und sich in einen essenzialistischen Kulturalismus verwandelt habe; vgl. Étienne Balibar/Immanuel Wallerstein, Rasse – Klasse – Nation. Ambivalente Identitäten. Übersetzt von Michael Haupt und Ilse Utz, Hamburg 1990.
66 Andreas Heinz, Das kolonialisierte Gehirn und die Wege der Revolte, Frankfurt a.M. 2023.
67 Vgl. Matthew M. Heaton, Black Skin, White Coats. Nigerian Psychiatrists, Decolonization, and the Globalization of Psychiatry, Athens 2013.
68 Zu Fanons Verständnis von Subjektivität als widerständiger Methode und nicht als Erster Natur vgl. Lisa Schmidt-Herzog, The Denied Poetics of Global Psychiatry and Frantz Fanon’s Poetisation of Science, in: Marta-Laura Cenedese/Clio Nicastro (Hg.), Violence, Care, Cure. Self/perceptions within the Medical Encounter, London 2025, S. 132-143.

