»Das muß ertragen werden«

Die Serie »Unser Walter« (ZDF 1974) und die Familiarisierung von Behinderungen

  1. Vom Mitleid mit »Sorgenkindern« zur Aufklärung über Diskriminierungen
  2. Erfolgsrezept: Kernfamilie und Sonderinstitutionen
  3. Fazit: Ertrag und Preis familienzentrierter Sondererziehung

Anmerkungen

Am 5. August 1974, gegen 20 Uhr am Montagabend, rief ein erboster Zuschauer im Mainzer Sendezentrum des ZDF an. Die laufende Sendung sei eine »Zumutung«, er wolle im Feierabend ein »Programm zur Entspannung«.1 Gedankliches Abschalten ließ die zweite Episode der monatlich ausgestrahlten, siebenteiligen Reihe »Unser Walter – Spielserie über ein Sorgenkind« offenbar nicht zu. Die Serie porträtierte Walter Zabel, einen Jugendlichen mit Trisomie 21. Derart ablehnende Reaktionen waren aber in der Minderzahl. Nach der Ausstrahlung jedes Teils notierte der ZDF-Telefondienst auf dem Mainzer Lerchenberg stets mehr mitfühlende und interessierte als kritische Rückmeldungen und »Schimpfereien«.2 Die ZuschauerInnen bekundeten nicht nur ihr Entsetzen über die alltäglichen Ausgrenzungen, denen die Familie Zabel begegnete.3 Sie befürworteten das Ziel der Serie, in »unserer grausamen Gesellschaft Verständnis für solche Kinder zu wecken«.4 Andere wollten betroffenen Eltern gar selbst Hinweise über spezielle Anlaufstellen geben, und auch behinderte Menschen griffen zum Telefon, um mit ihren Erfahrungen die fiktionale Handlung zu ergänzen. Nicht zuletzt fragten Eltern von Kindern mit Trisomie 21 nach AnsprechpartnerInnen, beispielsweise nach der Anschrift der in der Sendung genannten Bundesarbeitsgemeinschaft »Hilfe für Behinderte«, einem Dachverband von Organisationen von und für behinderte Menschen (heute: BAG Selbsthilfe).5 Diese Reaktionen des Fernsehpublikums zeigen, wie sehr sich die Darstellungskonventionen und auch die Wahrnehmungsweisen von Behinderungen in den frühen 1970er-Jahren im Umbruch befanden.6

In der Serie will das Ehepaar Zabel die Trisomie ihres Sohnes zunächst nicht wahrhaben. (aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 11; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)
In der Serie will das Ehepaar Zabel die Trisomie
ihres Sohnes zunächst nicht wahrhaben.
(aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 11; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)

Dieser Beitrag verbindet Disability History mit der Sozialgeschichte von Familien und stellt am Beispiel von »Unser Walter« zwei markante Aspekte eines ambivalenten Wandels heraus: Einerseits gewährte die Serie erstmals Einblick in die beruflichen und privaten Herausforderungen sowie die Zukunftsängste westdeutscher Haushalte mit geistig behinderten Kindern. Sie problematisierte erstmals auch das paternalistische Mitleid, mit dem in der Öffentlichkeit über diese Familien gesprochen wurde. Andererseits verkündete »Unser Walter« ein unmissverständliches Lösungsrezept für alle diese Probleme, welches den Ideen von Eltern- und Expertenverbänden entsprach. Nur wenn Familien sich in traditionellen Ernährer-Sorgegeberin-Konstellationen organisierten und die neugeschaffenen Sonderbildungsinstitutionen wahrnahmen, konnte die Herausforderung »(geistig) behindertes Kind« gemeistert werden. Durch dieses Narrativ trug die Sendung dazu bei, die Lebensentwürfe der Familienmitglieder mit und ohne Behinderung zu normieren.

1. Vom Mitleid mit »Sorgenkindern« zur Aufklärung über Diskriminierungen

Zwei um 1960 einsetzende Entwicklungen prägten die Darstellung des familiären Lebens in »Unser Walter«. Zum einen hatten sich in den 1950er-Jahren Eltern- und Expertenvereine als Lobbygruppen gebildet, die sozialrechtliche Verbesserungen erwirken wollten und sich für den Bau von Tagesstätten und Sonderschulen einsetzten. Die bekannteste und größte dieser Vereinigungen war und ist die 1958 gegründete »Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind« (heute: »Bundesvereinigung Lebenshilfe«). Eines ihrer zentralen Ziele war es, die damalige Tendenz zur Heimunterbringung zu brechen und häuslich-familiäres Leben auch bei einer geistigen Behinderung eines Kindes zu ermöglichen. Zum anderen gründete sich im Gefolge des stark medialisierten Contergan-Skandals7 1964 die Fernsehlotterie »Aktion Sorgenkind« (im Jahr 2000 umbenannt in »Aktion Mensch«). In deren Quizshows und Unterhaltungssendungen tauchten Menschen mit Behinderungen aber nicht auf, sondern erschienen nur als dankbare SpendenempfängerInnen in einer eingespielten »Bilanz der guten Taten«.8 Den von Mitleid geprägten Blick dieser Sendungen wollten Heiner Michel, Serienautor und Chefredakteur der evangelischen Produktionsfirma Eikon, und die ZDF-Abteilung »Kirche und Leben« im Rahmen einer sozialkritischen Serie weiten.9 Die Verantwortlichen gaben an, dass sie eigentlich eine Serie über die »Contergan-Kinder« hatten drehen wollen, dass sie aber von Aktion-Sorgenkind-Initiator Hans Mohl auf die bis dahin kaum beachteten Menschen mit Trisomie 21 hingewiesen worden waren.10 Die Bedeutung der Eltern- und Expertenverbände schlug sich auch im Produktionsteam nieder – so beriet die Lebenshilfe-Referentin Dorothea Schmidt-Thimme die Serie und trug außerdem zu einem begleitenden Ratgeber für Eltern bei.

Passend zur Serie wurde ein Buch mit Beiträgen verbandlicher, theologischer und heilmedizinischer ExpertInnen veröffentlicht. (Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974)
Passend zur Serie wurde ein Buch mit Beiträgen verbandlicher, theologischer und heilmedizinischer ExpertInnen veröffentlicht.
(Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974)

Als konkrete Ziele von »Unser Walter« gab das ZDF im Vorfeld dreierlei an: »Anliegen dieser Serie ist, – Eltern mongoloider Kinder Hilfe und Information zu geben, – den ›normalen‹ Zuschauer über die Schwierigkeiten und Probleme Behinderter und ihrer Familien zu unterrichten, – die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland positiv daran zu erinnern, was sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Umgang mit Behinderten gelernt hat, und dadurch Anstoß zu weiteren Initiativen (Lebenshilfe e.V. usw.) zu geben.«11 Diese didaktische Zielsetzung zeigt, dass sich das ZDF seiner großen Reichweite bewusst war – die Sendung hatte eine Einschaltquote von 40 Prozent. Es kann zwar nicht exakt nachvollzogen werden, wie sich der tagtägliche Umgang mit behinderten Menschen und ihren Angehörigen nach der Sendung veränderte. Folgt man aber einer auf Gesprächen mit ZeitzeugInnen beruhenden späteren Reportage des »Spiegel«-Journalisten Jörg Böckem, war die Reaktion zweischneidig. Der Aufmerksamkeitsgewinn bedeutete auch, dass sich »Mongo«, »Du Zabel« oder »Du Walter« zu abwertenden Schulhofspitznamen entwickelten.12

Reihenregisseur Peter Schubert mit Regieassistenz sowie den KinderdarstellerInnen von Sabine und Walter Zabel: Die FilmemacherInnen stellten alltägliche familiäre Herausforderungen in den Mittelpunkt der Serie. (picture-alliance/United Archives/kpa)
Reihenregisseur Peter Schubert mit Regieassistenz sowie den KinderdarstellerInnen von Sabine und Walter Zabel: Die FilmemacherInnen stellten alltägliche familiäre Herausforderungen in den Mittelpunkt der Serie.
(picture-alliance/United Archives/kpa)

Ein Novum war, dass die Reihe den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung seit dem Ende der NS-»Euthanasie« explizit als Erfolgsgeschichte der allmählichen Überwindung von Vorurteilen darstellte. Jede der sieben Folgen porträtierte ein bestimmtes Jahr im Leben der fiktiven Münchner Ladenbesitzerfamilie Zabel um Vater Alfred (stellenweise auch Manfred genannt; Thomas Braut), Mutter Monika (Cordula Trantow), Sohn Walter, Tochter Sabine und Monikas Bruder Gerd (Pierre Franckh). Die Rollen der beiden Kinder wurden im Verlauf der Serie von unterschiedlichen SchauspielerInnen dargestellt. Walter Zabel spielten unter anderem Ottomar Lehrmann und Walter Wörle, letzterer stand auch Pate für den Namen des Charakters. Die erste Folge beginnt mit der Diagnose der Trisomie 21, zeitgenössisch »Mongolismus«, beim zweijährigen Walter Zabel im Jahr 1955. Sie zeigt den Unwillen damaliger Ärzte, den Eltern die Behinderung ihres Kindes zu offenbaren, und auch das Unwissen der sich gegenseitig Vorwürfe machenden Eltern über die Ursachen des Down-Syndroms. In dieser Folge werden zugleich die bei älteren Familienmitgliedern fortwirkenden, aus dem Nationalsozialismus tradierten eugenischen Degenerationsvorstellungen deutlich, die sich in einer allseitigen Ablehnung des Kindes auf einer Familienfeier zeigen. Die wachsende Angst der Eltern vor »Erbkrankheiten« kann erst die Geburt einer nichtbehinderten Tochter entkräften.

Doch nicht nur innerfamiliäre, sondern auch gesamtgesellschaftliche Ausgrenzungsdynamiken kamen im weiteren Verlauf der Serie zur Sprache. Die fünfte Folge, die 1966 spielt, handelt von den teils gewaltsamen Erfahrungen der Zabels während eines Urlaubs im ländlichen Raum.13 Hoteliers und Gastwirte verweigern der Familie den Zutritt, aus Angst, andere TouristInnen zu verärgern. Diese heftige Ablehnung durch eine intolerante Landbevölkerung dürfte die ZDF-ZuschauerInnen des Jahres 1974 an die Vorkommnisse von Aumühle fünf Jahre zuvor erinnert haben. 1969 hatten Bewohner dieses Gehöfts im niederbayerischen Fürsteneck zunächst die Inbetriebnahme eines Wohnheimes für geistig behinderte Menschen verhindert, und in der Folgenacht war das Anwesen niedergebrannt.14 Obwohl die Handlung im fiktionalen oberbayerischen Murnau drei Jahre früher angesetzt ist, wird der reale Fall in der Serie aufgenommen. So fürchtet der lokale Fremdenverkehrsverband nicht nur Tourismus-Einbußen durch die Präsenz von Menschen mit Behinderungen, sondern auch eine negative Presse »wie da in Aumühle«.15

In der sechsten Folge, die 1970 spielt, wird die Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen problematisiert. In einer Szene interviewt das Lokalfernsehen Mütter behinderter Kinder, interessiert sich aber nur für deren Nöte und Diskriminierungserfahrungen.16 Ein Redakteur wiegelt bei Darlegungen kleiner Erfolgserlebnisse sofort ab. In der filmischen Teleologie des steten Vorurteilsabbaus wies die Handlung somit auch auf fortbestehende Missstände hin. Dem bis dahin dominierenden Medienfokus auf »Mitleid« hielt die Serie das Potential entgegen, trotz kindlicher Behinderung ein als normal verstandenes Familienleben führen zu können.

Die Sorgearbeit und die Therapiekosten für ihren Sohn belasten das Ehe- und Berufsleben der Zabels. (picture-alliance/United Archives/kpa; Darstellerin und Darsteller: Cordula Trantow, Thomas Braut)
Die Sorgearbeit und die Therapiekosten für ihren Sohn
belasten das Ehe- und Berufsleben der Zabels.
(picture-alliance/United Archives/kpa;
Darstellerin und Darsteller: Cordula Trantow, Thomas Braut)

2. Erfolgsrezept: Kernfamilie und Sonderinstitutionen

Die Serie präsentierte viele Alltagsprobleme, zeigte aber immer auch einen Lösungsweg. Dieser lag in einer Verbindung aus bürgerlicher Kernfamilie und Sonderbildungsinstitutionen. Da Mutter Monika Zabel 1961, in der zweiten Folge, aufgrund der Kindspflege als Buchhalterin des Lebensmittelgeschäftes ihres Ehemannes auszufallen droht, fühlt sie sich gezwungen, Walter in eine Anstalt zu geben. Sie fürchtet dann aber, dass das unterbesetzte Pflegepersonal ihrem Sohn nicht genug Aufmerksamkeit geben könne. Schließlich bricht Monika Zabel den Versuch ab und widmet sich komplett der häuslichen Pflege. Dieser Entschluss wiederum führt dazu, dass ihr Mann Alfred in der nächsten Episode seine Selbstständigkeit als Ladenbesitzer zu Gunsten einer krisenfesten Schichtdienstanstellung in einer Molkereifabrik aufgibt. Die Handlung verschweigt die Schwere dieser die bisherigen Lebensplanungen zerstörenden Entscheidungen nicht. Sie zeigt, wie Alfred Zabel zu trinken beginnt und die entfremdeten Eheleute sich in einen Dauerstreit begeben. Um der Kinder willen arrangieren sich beide schließlich mit ihren neuen Aufgaben.

Walter und Monika Zabel lernen mit Privatlehrerin. Das Leitbild der Serie lautete: häusliche Hilfe statt Heimbetreuung. (aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie „Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 49; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)
Walter und Monika Zabel lernen mit Privatlehrerin.
Das Leitbild der Serie lautete: häusliche Hilfe statt Heimbetreuung.
(aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie „Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 49; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)

Partnerschaftliche Unterstützung ist aufgrund der neuen logistischen Herausforderungen auch nötig. Folge drei, die 1962 spielt, greift die fehlenden Beschulungsmöglichkeiten für geistig behinderte Kinder auf. Mutter Monika muss infolge der Absagen aller Regelschulen lange Fahrten zum Privatunterricht antreten. Der Vater hingegen verleugnet auch 1963, in Folge vier, seinen Sohn in der Öffentlichkeit und erliegt den kosmischen Heilungsversprechungen eines Strahlentherapeuten, dessen teure Behandlungen jedoch als Scharlatanerie entlarvt werden.17 Der durch dieses Erlebnis geerdete Vater akzeptiert nun seinen Sohn und engagiert sich fortan in der lokalen Lebenshilfe.

Die ZDF-Sendung »Hallo Deutschland« blickte in einem Zusammenschnitt 40 Jahre nach Erstausstrahlung auf die Serie zurück. Die Rückschau zeigt einerseits Filmszenen, zum Beispiel die von den Eltern anfangs zurückgewiesene Diagnose, unterschiedliche Ausgrenzungserfahrungen und das Engagement der Eltern in der Lebenshilfe. Andererseits ordnet sie die Serie als Publikumserfolg ein und betont ihren Bruch mit zeitgenössischen Darstellungskonventionen über Behinderungen.

Abweichende Familienmodelle wies die Serie hingegen als kaum tragbar aus. In der fünften Folge, 1966, taucht mit der geschiedenen Nachbarin Frau Krüger und ihrer spastisch gelähmten Tochter Gabi erstmals eine nicht nach dem Hausfrauen-Ernährer-Prinzip organisierte Familie auf. Die Behinderung der Tochter wird als Grund für die vom Vater eingereichte Scheidung angegeben. Das Lebensmodell der Alleinerziehung erscheint entgegen seines generellen Akzeptanzgewinns in den 1960er- und 1970er-Jahren18 als tragisches Resultat einer wegen der Behinderung des gemeinsamen Kindes gescheiterten Ehe. Alfred Zabel entwickelt Mitgefühl für die Nachbarin und ihre Tochter, weil deren Vater seinen männlichen Ernährerpflichten nicht nachgekommen war. Der Begleittext fasst Zabels Unverständnis über Frau Krügers Ex-Mann zusammen: »[D]avongehen, sich scheiden lassen und die Mutter, die daraufhin sogar noch halbtags arbeiten mußte, allein mit dem behinderten Kind sitzenlassen. Deshalb hat er [d.h. Alfred Zabel] auch zugestimmt, […] mit Frau Krüger und ihrer Tochter zusammen in Urlaub zu fahren.«19

In der letzten Folge der Serie spielte Ottomar Lehrmann Walter Zabel. Er arbeitete zu dieser Zeit auch selbst in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Ein Porträt des Schauspielers verfasste die Lebenshilfe: https://www.lebenshilfe.de/down-syndrom-im-fernsehen-von-1974. (aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 140; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)
In der letzten Folge der Serie spielte
Ottomar Lehrmann Walter Zabel.
Er arbeitete zu dieser Zeit auch selbst in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Ein Porträt des Schauspielers verfasste die Lebenshilfe: <https://web.archive.org/web/20221207153156/https://www.lebenshilfe.de/aus-dem-leben/familie/unser-walter-down-syndrom-im-fernsehen-von-1974>.
(aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 140;
mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)

Die Serie endet im Jahr der Ausstrahlung, 1974, und zeigt die neu geschaffenen Wohngemeinschaften für geistig behinderte Menschen, weist aber auch auf fortbestehende Diskriminierungen hin. So wertet es die bayerische Polizei als versuchtes Sexualdelikt, als Walter zwei junge Mädchen bittet, ihm den Weg zu beschreiben. Letztlich wird zumindest die Möglichkeit angedeutet, dass es Walter mit Hilfe seiner Eltern gelingen könnte, in eine betreute Einrichtung zu ziehen, was am Familientisch gemeinsam gefeiert wird.

Die narrative Struktur der Serie stützte die Fortschrittserzählung und ihre Authentizitätsanmutung. Die 45 Minuten pro Episode waren jeweils unterteilt in 40 Minuten fiktionale Spielserie und 5 Minuten Information, eingeleitet mit der Überblendung »Und welche Chancen hätte Walter heute?«, beziehungsweise in der letzten Folge »Aufgaben für Morgen«. In dieser Nachlese wurden die seit dem Handlungsjahr der jeweiligen Folge etablierten Sonderinstitutionen als Errungenschaften der Eltern- und Expertenverbände dargestellt; gleichzeitig wurde auf weiterhin bestehende Versorgungslücken hingewiesen.

Der aufklärerische Anspruch der Serie stilisierte ein bestimmtes häusliches Arrangement zur einzigen Möglichkeit, das Familienleben zu normalisieren. In der Handlung werden die finanziellen Engpässe der Zabels und die erhöhten pflegerischen Bedürfnisse Walters mit einer Verstärkung geschlechtsspezifischer Aufgabenverteilungen beantwortet. Insbesondere die Zurückstellung weiblicher Erwerbstätigkeit zugunsten der Pflege wird als unumgängliche und »wesensgemäße« Reaktion auf die Geburt eines behinderten Kindes ausgewiesen. Monika Zabel überlegt zwar, nach Walters Auszug aus dem Elternhaus ihre Buchhalterinnentätigkeit erneut aufzunehmen, verwirft diesen Gedanken aber doch wieder, da sie sich nach so langer Zeit zu Hause nicht mehr für eine Erwerbstätigkeit bereit fühlt. Für die Mutter wie für den Vater, der seine Selbstständigkeit als Ladenbesitzer endgültig aufgeben muss, werden die Zurückstellung gesellschaftlicher und beruflicher Selbstentfaltung als (ehe-)konfliktgenerierende Schwierigkeit, aber letztlich als unausweichliche Notwendigkeit akzentuiert. Die kommentierende Lebenshilfe-Referentin Dorothea Schmidt-Thimme regte zwar an, sich »sein Stückchen Eigenleben«20 zu bewahren und sich Hilfe anderer, in ihrer Vorstellung stets weiblicher Unterstützer zu holen: »Es kann nur gut sein, wenn der Behinderte schon als kleines Kind erlebt, daß nicht nur die Mutter, sondern auch die Schwester oder die Nachbarin bereit sind, ihm das Abendbrot zu geben und es zu Bett zu bringen.«21 Schmidt-Thimme erkannte die Härte des Zurücknehmens eigener Ansprüche, betonte in einem weiteren Buchbeitrag aber unmissverständlich: »Das muß ertragen werden.«22

Auch die weiteren Familienmitglieder richten ihr Leben an den Therapiezielen aus. Schwester Sabine fühlt sich als Kind zunächst von ihrer Mutter gegenüber Walter vernachlässigt, überwindet aber eine daraus resultierende zeitweilige Ablehnung ihres Bruders. »Onkel Gerd« hingegen, der zuerst als fürsorgender Zivildienstleistender in einer Wohnstätte für behinderte Kinder arbeitet, als Medizinstudent die veralteten Ansichten von Walters Hausarzt herausfordert und schließlich als in den USA promovierter Jugendpsychiater mit neuesten heilpädagogischen Erkenntnissen zurückkehrt, personifiziert die in Elternverbänden oft gelebte Personalunion von Familienmitglied und Experte.23

Walter Zabel, hier gespielt von Walter Wörle, war der erste Serienprotagonist mit Down-Syndrom im deutschen Fernsehen. (aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 112; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)
Walter Zabel, hier gespielt von Walter Wörle,
war der erste Serienprotagonist mit Down-Syndrom im deutschen Fernsehen.
(aus: Fried Thumser [Hg.], Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 112; mit freundlicher Genehmigung der Produktionsfirma EIKON Media GmbH)

Walter selbst wird als Rockmusik hörender, stets freundlicher, wissbegieriger junger Mann und folgsamer Sohn dargestellt. Er entspricht somit dem Erziehungs- und Bildungsideal der frühen Lebenshilfe, das auf Umgangsformen, Gehorsam und Alltagsbemeisterung ausgerichtet war.24 Um dieses Ziel zu erreichen, müssen in der Serie wie auch in der Denkweise der Lebenshilfe alle Familienmitglieder nicht nur das Kind liebend annehmen, sondern auch auf die Expertise der Fachleute vertrauen. In dieser Hinsicht steht die Serie nur zur Hälfte für Emanzipation. Die Reihe dreht sich zwar um Walter Zabel, stellt aber nicht dessen eigene Weltsicht in den Mittelpunkt, sondern diejenige seiner Angehörigen. Walter bleibt, wie der Untertitel klarstellt, ein »Sorgenkind«, kein Subjekt, sondern ein Objekt der Ängste und Hoffnungen anderer.

3. Fazit: Ertrag und Preis familienzentrierter Sondererziehung

Letztendlich präsentierte »Unser Walter« eine Erfolgskonstellation. Diese lag in einer die berufliche Selbstentfaltung zurückstellenden Kernfamilie, die sich entlang klassischer Geschlechterrollen organisierte, in Elternverbänden die Zusammenarbeit mit ExpertInnen einging und ihre Kinder in Werkstätten und Sonderschulen anmeldete. »Unser Walter« machte ein Identifikationsangebot, das nicht an den damals schon diverseren familiären Lebensrealitäten orientiert war, sondern an den Überzeugungen der Eltern- und Expertenverbände. Dieser Befund soll den Wert der Serie als Ausdruck eines liberalisierten und selbstreflexiven Umgangs gerade mit geistig behinderten Menschen nicht schmälern. Ihr gesellschaftskritischer Anspruch, für den die Produktionsfirma Eikon 1975 mit einem Grimme-Preis bedacht wurde,25 bestand darin, »auf die Probleme und Schwierigkeiten von Randgruppen und Minderheiten aufmerksam zu machen« und um »Verständnis« zu werben.26 Diesen Anspruch löste die Serie durchaus ein. Die mehrheitlich bestärkenden Reaktionen des Publikums gegenüber dem ZDF-Telefondienst lassen sich als Ausdruck eines gewandelten Bewusstseins in der Bevölkerung verstehen. Dies ging wohl maßgeblich auf die Berichterstattung seit dem Contergan-Skandal zurück.

Die Serie schuf eine breite Sichtbarkeit für eine zuvor kaum beachtete Gruppe behinderter Menschen, zeigte aber erstmals auch Belastungen der Eltern in ihrer Beziehung und hinterfragte ebenso bisherige, mitleidzentrierte Darstellungsformen. Doch gerade weil sie Schwierigkeiten und Diskriminierungen nicht verschwieg, musste die von einem Machbarkeitsoptimismus getragene Serie auch Auswege bieten. Sie kommunizierte dabei klare Handlungserwartungen an betroffene Haushalte. Im Verlauf der 1970er-Jahre begannen die Eltern- und die Kindergeneration gegen exakt diese Erwartungen zu protestieren. Jüngere Mütter hinterfragten zunächst die in den Medien als bedingungslos darstellte Mutterliebe.27 Später wollten sie sich auch keine Hausfrauenexistenz mehr vorschreiben lassen, nur weil sie ein Kind mit Behinderung hatten.28 Zudem kritisierten sie die Aussichtslosigkeit der segregierten Sonderbildungskarrieren ihrer Kinder. VertreterInnen der Behindertenbewegungen wiederum polemisierten gegen die Dankbarkeitserwartungen, die Eltern wegen ihrer »Aufopferung« an die behinderten Kinder richteten.29 In diesem Zusammenhang ist die ZDF-Serie »Unser Walter« von 1974 ein doppelt aufschlussreiches Dokument, weil sie den damaligen Blick auf Behinderungen in Familien erweiterte und zugleich neue Rollenfestlegungen an alle Beteiligten transportierte, was in der Folgezeit ebenfalls als einengend wahrgenommen wurde.


Anmerkungen:

1 Informations- und Presseabteilung: Öffentlichkeitsarbeit, Protokoll des Telefondienstes, Johannes Müller, 5.8.1974, 18:00 – Sendeschluss, unverzeichnet, zur Verfügung gestellt durch das ZDF-Archiv. Folgende Verweise in ebenjenem unverzeichneten Bestand und in Kurzform zitiert.

2 Protokoll des Telefondienstes, Dr. Steil-Beuerle, 30.9.1974, 18:00 – 24:00.

3 Protokoll des Telefondienstes, Gisela John, 4.11.1974, 18:05 – 23:30.

4 Protokoll des Telefondienstes, Dr. Steil-Beuerle, 8.7.1974, 18:00 – 23:35.

5 Ergebnis-Protokoll des Telefondienstes, Gisela John, 4.11.1974, 18:05 – 23:30.

6 »Unser Walter« war dabei nicht nur in Bezug auf das gewählte Narrativ stilprägend, sondern avancierte auch zu einem Referenzpunkt für spätere Fernsehserien. So widmete sich eine Episode der NDR-Vorabendreihe »Lokalseite unten links« 1977 der Familie Thomas aus der fiktiven norddeutschen Kleinstadt Störenbek. Auch Familie Thomas trotzt Ausgrenzungen, und die Mutter verschreibt sich komplett der Pflege des geistig behinderten Sohnes Rudi. Dessen 17-jährige Schwester Nadja verheimlicht die Behinderung ihres Bruders zunächst gegenüber ihrem Freund Tommi. Der wiederum reagiert schließlich jedoch gelassen, da ihm eine »Serie im Fernsehen«, gemeint ist wohl »Unser Walter«, die Furcht vor geistig behinderten Heranwachsenden genommen habe. Lokalseite unten links, Folge: Nadja, NDR, 9.12.1977.

7 Anne Helen Crumbach, Sprechen über Contergan. Zum diskursiven Umgang von Medizin, Presse und Politik mit Contergan in den 1960er Jahren, Bielefeld 2018.

8 Vgl. Gabriele Lingelbach, Konstruktionen von ›Behinderung‹ in der Öffentlichkeitsarbeit und Spendenwerbung der Aktion Sorgenkind seit 1964, in: Elsbeth Bösl/Anne Klein/Anne Waldschmidt (Hg.), Disability History. Konstruktionen von ›Behinderung‹ in der Geschichte. Eine Einführung, Bielefeld 2010, S. 127-150, hier S. 132-135.

9 Zur Bedeutung von »Unser Walter« im Kontext kirchlicher Sozialkritik vgl. Ronald Funke, Bilder des Glaubens. Das Fernsehen und der Wandel des Religiösen in der Bonner Republik, Göttingen 2020, S. 322-333.

10 Fried Thumser, Vorwort des Herausgebers, in: ders. (Hg.), Kampf für ein geistig behindertes Kind. Zum Beispiel: Mongolismus. Material zur ZDF-Fernsehserie »Unser Walter«, Stein/Nürnberg 1974, S. 7.

11 Faltblatt »Unser Walter. Spielserie über ein Sorgenkind in sieben Teilen, ab 8. Juli 1974 montags 19:30«, hg. vom ZDF, Informations- und Presseabteilung/Öffentlichkeitsarbeit, Mai 1974.

12 Jörg Böckem, Unser Walter, in: Spiegel Special 3/1999, S. 107-112, hier S. 109.

13 Siehe in diesem Heft auch den Beitrag von Gabriele Lingelbach und mir zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte der Freizeiten für behinderte Heranwachsende und ihre Angehörigen.

14 Jan Stoll, Behinderte Anerkennung? Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderungen in Westdeutschland seit 1945, Frankfurt a.M. 2017, S. 146f.

15 Heiner Michel/Fritz Puhl, Familie Zabel 1966, in: Thumser, Kampf für ein geistig behindertes Kind (Anm. 10), S. 89-106, hier S. 104.

16 Funke, Bilder des Glaubens (Anm. 9), S. 328f.

17 Dieser Handlungsstrang ist auch als ein Kommentar zur öffentlichen Diskussion um »Frischenzellentherapien« bei Kindern mit Trisomien zu verstehen, welche die Lebenshilfe aufgrund der nicht erwiesenen Wirksamkeit ablehnte. Vgl. Susanne Pohl-Zucker, Diagnostisch-Therapeutische Grenzziehungen. Die Zelltherapie bei Kindern mit Down-Syndrom im medizinischen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960/1970er Jahren, in: Bösl/Klein/Waldschmidt, Disability History (Anm. 8), S. 85-104.

18 Christopher Neumaier, Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken, Berlin 2019, S. 510.

19 Michel/Puhl, Familie Zabel 1966 (Anm. 15), S. 91.

20 Dorothea Schmidt-Thimme, Sozialpolitische Hinweise, in: Thumser, Kampf für ein geistig behindertes Kind (Anm. 10), S. 63-66, hier S. 66.

21 Ebd.

22 Dies., Sozialpolitische Hinweise, in: Thumser, Kampf für ein geistig behindertes Kind (Anm. 10), S. 153-158, hier S. 157.

24 Heinz Bach, Der geistig behinderte Mensch und unser Erziehungsziel, in: Vierteljahrsschrift der Bundesvereinigung Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind 3 (1964), S. 169-177.

25 Deutscher Volkshochschul-Verband (Hg.), Bericht 12. Adolf-Grimme-Preis, Februar 1975, Marl 1975, S. 16.

26 Zitate Thumser, Vorwort des Herausgebers, in: ders., Kampf für ein geistig behindertes Kind (Anm. 10), S. 7.

27 Siehe den Brief einer Mutter an die Redaktion der Zeitschrift ELTERN, 5.9.1972, Archiv der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Ordner: 24 – I. Thomae Schriftverkehr m.a. Personen n. alpha.

28 So entstand in den 1980er-Jahren der »Familienentlastungsdienst«, der tageweise die Kindsbetreuung übernahm und es insbesondere Müttern ermöglichte, zumindest an einem oder wenigen Wochentagen einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Aktuelle Stunde: Familienentlastungsdienst, WDR, 18.4.1985.

29 Udo Sierck, Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen. Kritik aus der Sicht eines Behinderten, München 1989.

Anm. der Red., 28.11.2023:

Der Verein der Freunde und Förderer des ZZF Potsdam hat Raphael Rössel für diesen Beitrag mit dem Zeitgeschichte-digital-Preis ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Die Laudatio von Christopher Neumaier (Mitglied der Jury) können Sie hier nachlesen.

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