1/2021: Nostalgie

Aufsätze | Articles

This article interrogates the history of emotions at a pivotal moment in its growth as a discipline. It does so by bringing into conversation the ways in which scholars in Japan have approached ›nostalgia‹ (and emotions more broadly) as an object of study with concepts, theories, and methods prioritised by a predominantly Eurocentric field. It argues that Anglocentric notions of nostalgia as conceptual frameworks often neglect the particularisms that underlie the way that the Japanese language communicates and operationalizes cultural norms and codes of feeling. It also examines the aisthetic work of musicologist Tsugami Eisuke to help understand historical and psychological distinctions between ›nostalgia‹ and Japanese ideas of temporal ›longing‹, working towards a global history of emotions that meaningfully embraces multilateral and multi-lingual interaction. This article thus argues for a more nuanced way of discussing nostalgia cross-culturally, transcending dominant approaches in the field which are often grounded in a specifically Euro-Western experience but claim universal reach.

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Jenseits der Nostalgie und des englischen (Sprach-)Gefängnisses.
Die Bedeutung Japans in einer globalen Geschichte der Emotionen

Dieser Aufsatz befragt die Geschichte der Emotionen in einem entscheidenden Moment ihres disziplinären Wachstums. Untersucht und diskutiert wird, wie Wissenschaft­ ler:innen in Japan den Forschungsgegenstand »Nostalgie« (und Emotionen im weiteren Sinne) mit Konzepten, Theorien und Methoden angegangen sind, die überwiegend eurozentrisch geprägt sind. Anglozentrische Vorstellungen von Nostalgie als konzeptioneller Rahmen vernachlässigen oft, mit welchen Eigenheiten die japanische Sprache kulturelle Normen und Gefühlscodes kommuniziert und operationalisiert. Der Aufsatz zieht auch die aisthetischen Arbeiten des Musikwissenschaftlers Tsugami Eisuke heran, um die historischen und psychologischen Unterschiede zwischen »Nostalgie« und japanischen Vorstellungen von zeitlicher »Sehnsucht« zu verstehen und auf eine globale Geschichte der Gefühle hinzuarbeiten, die multilaterale und mehrsprachige Interaktionen angemessen einbezieht. So plädiert der Beitrag dafür, Nostalgie auf eine nuanciertere Weise transkulturell zu diskutieren, und geht damit über die bislang dominanten Ansätze auf diesem Gebiet hinaus, die oft auf einer spezifisch europäisch-westlichen Erfahrung beruhen, aber universelle Reichweite beanspruchen.

Die Allgegenwart der NS-Zeit in Massenmedien und Populärkultur ist heute nichts Besonderes mehr. Als jedoch seit Beginn der 1970er-Jahre in der Bundesrepublik in rascher Folge viele neue Bücher, Filme und Ausstellungen über Adolf Hitler herauskamen, erschien dies vielen als suspekt, wenn nicht gar als gefährlich: Vor dem Hintergrund des sich formierenden Rechtsradikalismus beschwor die »Hitler-Welle« das Gespenst einer »Nazi-Nostalgie« herauf. Warum dieser von heute aus gesehen vielleicht befremdliche Begriff damals nahelag, demonstriert der vorliegende Aufsatz. Er trägt zu einer Historisierung des Nostalgie-Konzepts bei und akzentuiert dessen politische Aufladung. Zugleich benutzt er den Begriff und die Debatte, um die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in den 1970er-Jahren genauer zu ergründen. In der Konzentration auf Hitler und mit der Ausblendung der NS-Verbrechen als Gesellschaftsgeschichte stand die »Hitler-Welle« einerseits in der Kontinuität der 1950er-Jahre. Andererseits wies sie nach vorn, nämlich auf die in der Bundesrepublik 1979 ausgestrahlte US-Serie »Holocaust«, deren Resonanz ohne die vorangegangene »Hitler-Welle« kaum zu verstehen ist, sowie auf den »Historikerstreit« der 1980er-Jahre.

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He Was Never Gone.
›Hitler Wave‹ and ›Nazi Nostalgia‹ in 1970s West Germany

Today, the omnipresence of the Nazi period in mass media and popular culture does not seem particularly remarkable. But when in the 1970s many new books, films and exhibitions about Adolf Hitler appeared in quick succession, observers found this suspicious, if not outright dangerous: Against the background of growing right-wing radicalism, the ›Hitler wave‹ evoked the spectre of ›Nazi nostalgia‹. Retrospectively, the term may appear strange. Why it nevertheless seemed right at the time is the subject of this article, which uses the term and the debate surrounding it to explore how West Germans engaged with the Nazi past in the 1970s. By concentrating on Hitler and ignoring the National Socialist crimes as social history, the ›Hitler wave‹ continued the apologetic tradition of the 1950s. At the same time, it pointed to the future, setting the stage for the reception of the American television series Holocaust – whose explosive impact in West Germany can only be fully understood against this background – as well as foreshadowing the Historikerstreit (Historians’ Debate) of the 1980s.

By analysing oral history interviews with industrial workers in Poland, this article adds some nuance to the study of post-industrial and post-socialist nostalgia. It presents diverse vernacular memories of the post-1989 systemic change from state socialism to neoliberal capitalism, and shows that nostalgia for an industrial ›golden age‹, although significant, is not the only way of making sense of this change. Rather, a distinctive feature of vernacular memory is the ambiguity about both socialism and capitalism. Recognising the variety of memories, the article underlines the critical potential of nostalgic currents for highlighting what is felt to be wrong with contemporary work culture. The article also differentiates between the vernacular memories of industrial communities recorded in oral history and institutionalised political memories in order to stress that the critical potential of nostalgic memories has been largely absent in the latter. In Poland, nostalgia for industrial life has been given little opportunity to become a reflective and critically useful mechanism to protect values that remain relevant in the present, such as the importance of sociability and agency in the workplace.

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»Harte Zeiten, aber unsere eigenen«.
Postsozialistische Nostalgie und die Transformation des industriegesellschaftlichen Lebens in Polen

Durch die Analyse von Oral-History-Interviews mit Industriearbeiter:innen in Polen liefert dieser Aufsatz neue Erkenntnisse zur postindustriellen und postsozialistischen Nostalgie. Er stellt verschiedene populäre Erinnerungen an den Systemwechsel nach 1989 vom Staatssozialismus zum neoliberalen Kapitalismus vor und zeigt, dass Nostalgie für ein industrielles »goldenes Zeitalter« zwar bedeutsam ist, aber nicht die einzige Möglichkeit darstellt, diesem Wandel einen Sinn zu geben. Vielmehr ist ein charakteristisches Merkmal der populären Erinnerung die Uneindeutigkeit sowohl gegenüber dem Sozialismus als auch dem Kapitalismus. Der Aufsatz schildert die Vielfalt der Erinnerungen und unterstreicht das kritische Potential nostalgischer Strömungen, um aufzuzeigen, was an der heutigen Arbeitskultur als falsch empfunden wird. Unterschieden wird auch zwischen populären Erinnerungen an industriekulturelle Gemeinschaften, die in der Oral History beobachtet werden, und institutionalisierten politischen Erinnerungen. Dabei wird deutlich, dass das kritische Potential nostalgischer Erinnerungen in letzteren weitgehend fehlt. In Polen wurde der Nostalgie für das industrielle Leben kaum die Chance gegeben, zu einem reflektierten und kritisch-produktiven Mechanismus zu werden, um Werte zu schützen, die in der Gegenwart relevant bleiben, etwa die Bedeutung von Geselligkeit und Handlungsfähigkeit am Arbeitsplatz.

Der Aufsatz entwickelt eine Typologie von Deindustrialisierungsregimen in globaler Perspektive und setzt diese in Beziehung zu drei verschiedenen Arten des Erinnerns an Industrialisierung und Deindustrialisierung: antagonistisches, kosmopolitisches und agonales Erinnern. In welcher Weise und in welchem Maße waren und sind nostalgische Formen des Erinnerns in den unterschiedlichen Deindustrialisierungsregimen präsent? Anknüpfend an bisherige Forschungen wird dafür plädiert, Nostalgie nicht bloß als rückwärtsgewandtes, antiquarisches Sentiment zu betrachten, sondern ihr Potential für die Konstruktion von Zukunft zu erkennen. Zugleich wird versucht, die Theorie des agonalen Erinnerns, wie sie von der Historikerin Anna Cento Bull und dem Literaturwissenschaftler Hans Lauge Hansen entwickelt wurde, für die Deindustrialisierungsforschung fruchtbar zu machen. Der Aufsatz ist ein Diskussionsangebot, wie man die Erinnerung an das Industriezeitalter für unterschiedliche Weltregionen verflechtungsgeschichtlich und vergleichend untersuchen kann – sei es in Südwales, im Ruhrgebiet oder im Osten Chinas.

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On the Use and Abuse of Nostalgia.
The Cultural Heritage of Deindustrialisation in Global Comparison

The article develops a typology of deindustrialisation regimes in a global perspective and relates it to three different ways of remembering industrialisation and deindustrialisation: antagonistic, cosmopolitan, and agonistic memory. In what way and to what extent were and are nostalgic forms of remembering present in the different deindustrialisation regimes? Building on previous research, the paper argues that nostalgia is not merely a backward-looking, antiquarian sentiment, but has a potential for the construction of the future. At the same time, the article attempts to apply the theory of agonistic memory, as developed by the historian Anna Cento Bull and the literary scholar Hans Lauge Hansen, to research on deindustrialisation. This is an opportunity for discussion of how to investigate the memory of the industrial age in different world regions comparatively and in terms of the history of entanglement – whether in South Wales, in the Ruhr area or in eastern China.

Debatte | Debate

Essays

  • Juliane Brauer

    Nostalgie und Heimweh

    Zum politischen Gehalt von Heimatgefühlen

  • Marcel Thomas

    Jenseits der Nostalgie

    Lokalgeschichte und Lebenserinnerungen in Ost- und Westdeutschland

Besprechungen | Reviews

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