Über Asymmetrien

Ein Kommentar zu Frank Bösch

Anmerkungen

Viele Anregungen von Frank Bösch greife ich auf, knüpfe Fragen daran und schlage Schwerpunkte vor. Insbesondere plädiere ich für eine Sozialgeschichte, die an gesellschaftlichen Basisprozessen und weniger an staatlicher Politik interessiert ist. Außerdem schlage ich vor, stärker als bisher außerdeutsche Beiträge und solche aus den Kulturwissenschaften in die Bemühungen um eine integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte einfließen zu lassen. Meine Überlegungen habe ich in acht Schritte gegliedert.

1. Das Vorhaben: transnationale Nationalgeschichte? Wie würde man eine integrierte deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte in den Debatten verorten, auf die Frank Bösch eingangs aufmerksam macht: Ansätze für die Überwindung der nationalstaatlichen Geschichte durch eine komplexere Erzählung, die Staatsgrenzen überschreitet, jenseits der Diplomatiegeschichte Beziehungen zwischen Nationen beleuchtet, komplexe Bezüge freilegt, Verflechtungen analysiert und je nach Gegenstand vergleicht, nach Ähnlichkeiten, Unterschieden, gemeinsamen Wurzeln und Entwürfen forscht, Vertrautheit und Fremdheit, Nähe und Distanz untersucht? Schon die bloße Aufzählung möglicher Verbindungen und Überschreitungen zeigt, wie vielfältig solche Versuche angelegt sein können, selbst wenn sie »nur« vom Nationalstaat als zu überwindender Untersuchungseinheit ausgehen. Was aber, wenn der Gegenstand selbst in dieser Hinsicht uneindeutig ist bzw. sich im Laufe des Untersuchungszeitraums das Selbstverständnis dessen wandelt, was »Deutsches« ausmacht: Nation, Kulturnation, »kapitalistische« und »sozialistische« Nation oder, wie in der sozialdemokratischen Kompromissformel ausgedrückt: »zwei Staaten – eine Nation«? Vielleicht ist meine paradox-ironische Formel von der transnationalen Nationalgeschichte ja sogar nützlich, wenn man darunter eine Vielzahl von Grenzüberschreitungen zusammenbringt und zugleich offen lässt, ob die »innerdeutsche« Grenze nicht auch zeitweilig eine nationale Grenze war, die es historiographisch zu überschreiten gilt.

2. Über »die DDR« und »die Bundesrepublik«. Frank Bösch spricht meist von der DDR und der (alten) Bundesrepublik, gelegentlich von West- und Ostdeutschland, jedenfalls von je einer Entität, die als Bezugspunkt für wechselseitige oder andere Außenbeziehungen benannt wird – wobei Bundesrepublik und DDR zugleich als Akteure bei der Gestaltung dieser Beziehungen erscheinen. Dieser Sprachgebrauch wirft aber die Frage auf, welche konkreten Akteure oder Akteursgruppen auf welchen Ebenen an diesen Beziehungen beteiligt sind, und in welcher Weise sie sich überschneiden, voneinander unberührt bleiben oder einander widersprechen oder gar behindern. Bei manchen erwähnten Beispielen ist offensichtlich die staatliche Ebene angesprochen: mithin die Ebene der Politik, als Wirtschafts-, Kultur-, Sport- oder Geschichtspolitik, als Umwelt- oder Gesundheitspolitik, als Sozialpolitik. Hier lassen sich methodisch wohl am einfachsten Gemeinsamkeiten, Unterschiede und wechselseitige Beeinflussungen nachweisen.[1] Viele solcher politischen Projekte wollten auf die jeweilige Gesellschaft einwirken, aber sie stellen deshalb noch keine Gesellschaftsgeschichte dar, wie Frank Bösch sie anstrebt. Für eine solche müsste man Akteure und ihre Entscheidungen auf einer anderen Ebene aufsuchen, dort, wo Menschen sich in ihrem Alltag auf komplexe Weise »vergesellschaften«. Das kurz nach dem Ende der DDR erschienene kluge Buch von Sigrid Meuschel, in dem die Politikwissenschaftlerin die These von der in der DDR stillgestellten, ja abgestorbenen Gesellschaft formulierte,[2] hat bei Historikern, zumal Sozialhistorikern, wenig Resonanz gefunden; schließlich ließ sich bald eine durchaus lebendige, teils angepasste und staatskonforme, teils widerständige und dysfunktionale Gesellschaft in der DDR (wie in anderen staatssozialistischen Ländern) finden, in deren Rahmen die Bürger ihre eigenen Zwecke in informell geregelten Strukturen verfolgten und dabei typische soziokulturelle Muster von autoritär geführten und/oder von materiellem Mangel geprägten Systemen ausbildeten: in der so genannten Schattenwirtschaft etwa, in scheinbar privaten Freizeit-Räumen oder durch massenhafte Verweigerungen, die den Staat dann zum Handeln oder Dulden zwangen (Verweigerung der Arbeitsdisziplin und des Gebärens, oder die offene Nichtbeachtung der Kampagnen gegen die so genannten NATO-Feindsender).[3] Fragen nach Gemeinsamkeiten, Unterschieden, Transfers und spezifischen Aneignungsformen in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften – etwa im Bereich der Sexualität, der Kirchlichkeit, der Arbeiter- oder der populären Kultur[4] – wären der Stoff, aus dem eine deutsch-deutsche Gesellschaftsgeschichte zu machen wäre, und sie sollten mit Blick auf die Konflikte und Aushandlungsweisen innerhalb der jeweiligen Gesellschaften, aber auch zwischen diesen und »ihrem« Staat angegangen werden.

3. Erbe und Tradition. Wie weit müsste eine solche Geschichte in die gemeinsame deutsche Vergangenheit zurückgehen? Sie sollte sich ihrer Wurzeln im deutschen Kaiserreich vergewissern: nicht nur auf der Ebene der ökonomischen, staatlichen, sozialen und mentalen Strukturen, nationaler Identität und des Selbstverständnisses in der Welt; sondern auch wegen des fundamentalen Tatbestands, den Lutz Niethammer die »Kontinuität des Volkes« genannt hat.[5] Die Zeitspanne des »kommunikativen Gedächtnisses«[6] reichte 1945 in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück – und 1989 immer noch in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In den Familienerzählungen waren dieser Krieg, die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und der schwere Nachkrieg noch präsent und bildeten die Folie für die Deutung der Gegenwart in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten.[7] Das ist nicht nur ein kollektives Phänomen, sondern zeigt sich in langfristig angelegten biographischen oder familiären Zukunftsentwürfen. Frauen, die in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren in der DDR »Karriere« gemacht hatten, waren unter anderem deshalb für dieses Angebot so ansprechbar, weil sie aufstiegsorientierten Arbeiterfamilien entstammten, die in den 1920er- und 1930er-Jahren in ihre Ausbildung investiert hatten. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurde ihr Aufstieg in die Angestelltenschicht dann abgebrochen – eine Enttäuschung, die sie in der DDR wettmachen konnten. Es wäre ein lohnendes Projekt, solche langfristig geprägten Generationen- und Mobilitätsdynamiken miteinander zu vergleichen.[8] Nicht nur diese für beide Gesellschaften konstitutive Tatsache, sondern auch die Unterschiede in der Bedeutung, die einzelnen Beständen dieser Vorgeschichte(n) zukommt, ist für eine solche historisch hergeleitete Beziehungsgeschichte – als Ypsilonfigur anschaulich gemacht – erhellend.[9]

4. Gegenwartskrisen und Zukunftsentwürfe. Frank Bösch hat sehr richtig – im Anschluss an Christoph Kleßmann und andere – darauf verwiesen, dass der historische Längsschnitt nicht die einzige Kontextualisierung sein kann, derer eine deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte bedarf, um einzuleuchten. Im Hinblick auf das grundlegende Selbst- und Weltverständnis waren ja beide Staaten und Gesellschaften – wie auch die Nachbarn in den jeweiligen Blöcken und deren Führungsnationen – dem aus den 19. Jahrhundert entstammenden Gedanken von Fortschritt und Moderne verpflichtete Industrienationen, unterhalb der politischen Verfassung, die im Westen auf plurale Demokratie und Markt, im Osten auf eine Erziehungs- und Fürsorgediktatur und Staatswirtschaft baute. Dieser Entwurf geriet in beiden deutschen Nachkriegsstaaten an der Wende der 1960er- zu den 1970er-Jahren in eine Legitimationskrise, die im weitesten Sinne etwas mit dem Ende des ökonomischen Nachkriegsbooms, einem deutlichen Wandel in Lebenseinstellungen und Lebensstilen sowie einem Verlust an Überzeugungskraft von umfassenden Glaubenssystemen zu tun hatte. Da sich in West- und Ostdeutschland ähnliche Phänomene beobachten lassen, wobei diese in der DDR oft etwas später in Erscheinung traten, ist die Versuchung groß, hier lediglich die Nachahmung eines attraktiven Modells festzustellen. Stattdessen sollte man von Aneignungsprozessen ausgehen, bei denen sich die übernommenen Inhalte durch Anpassungen an die eigene, mittlerweile vom Modell Westdeutschland stark abweichende Wirklichkeit selbst verändern und eine andere Bedeutung zugeschrieben bekommen. Es gilt also gerade hier, wo Ähnlichkeiten so offensichtlich zu sein scheinen, nach den Unterschieden zu schauen und nach der jeweiligen Eigenlogik bei der Hervorbringung des scheinbar Identischen.[10] Die in der Bundesrepublik und in der DDR seit den späten 1960er-Jahren zu beobachtenden, vergleichbaren Wandlungsprozesse aber vor allem als Vorgeschichte der deutschen Einheit zu betrachten birgt die Gefahr einer frühzeitigen Engführung, bei der das Ende der DDR als unausweichlich und die nationale Einigung als Erfüllung eines in der Geschichte angelegten Ziels erscheinen könnte. Lohnender erscheint mir der auch von Frank Bösch angedeutete Ausgangspunkt der Transformationsphase, von der aus sich die letzten Jahre der getrennten Geschichte im Hinblick darauf befragen ließen, auf welche gesellschaftlichen Ressourcen jede – insbesondere die ostdeutsche – Gesellschaft zur Bewältigung der mit diesem Umbruch verbundenen Probleme zurückgreifen kann.

5. Über Asymmetrien. Wie von Frank Bösch beschrieben, haben wir es bei dem Vorhaben einer integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte mit einer doppelten Asymmetrie zu tun: einmal mit der asymmetrischen Verflechtung, also der stärkeren Abhängigkeit der DDR von der Bundesrepublik als im umgekehrten Verhältnis, bedingt durch die größere Wirtschaftskraft und das attraktivere Politikmodell in Westdeutschland; zum anderen haben wir mit einer Asymmetrie der Quellen zu rechnen, die nicht nur Informationen ganz unterschiedlicher Art auf ganz unterschiedlichen Ebenen bereitstellen, sondern auch sehr unterschiedliche Perspektiven. Bei näherem Hinsehen stellt sich das Problem allerdings weniger schwerwiegend dar als auf den ersten Blick. Einerseits werden wir auch bei anderen Vergleichsgeschichten in den seltensten Fällen echte Parallelquellen zur Verfügung haben, insbesondere im Bereich der Gesellschaftsgeschichte; andererseits erweisen sich die Westquellen ebenfalls als problematisch: Die häufig genutzten Printmedien und professionellen Meinungsumfragen lassen auch nicht direkt auf öffentliche und private »Meinungen« schließen, und diese nicht direkt auf tatsächliche Haltungen oder Verhaltensweisen. Das Problem, sozialwissenschaftliche Daten zugleich als Sekundärliteratur und als Primärquelle zu nutzen, wird ja in der Zeitgeschichte durchaus gesehen.[11] Dasselbe gilt natürlich umso mehr für die seit Mitte der 1960er-Jahre durch die DDR-eigene Soziologie, zum Beispiel im Zentralinstitut für Jugendforschung erhobenen Daten, die zudem mit meist abwegigen Interpretationen im inneren Kreis von SED und FDJ weitergegeben wurden.[12] Beide Quellentypen bezeichnen jedenfalls das in der jeweiligen Gesellschaft Sagbare, und sie sind deshalb vor allem interessant im zeitlichen Vergleich, besonders bei den so genannten Intervallstudien, bei denen dieselbe Population in Abständen von mehreren Jahren befragt wird, oder in Umfragen, bei denen unterschiedlichen Kohorten derselben soziologischen Gruppe (z.B. Jugendlichen) dieselben Fragen gestellt werden. Auch für die DDR gibt es solche Datenreihen, die sowohl für den zeitlichen als auch für den systemischen Vergleich hochinteressant sind. In vieler Hinsicht ist das Datenmaterial für die DDR sehr viel reicher, insoweit der Staat durch seine verschiedenen Kontroll- und Beobachtungsinstitutionen detailliert über das Leben seiner Untertanen Buch geführt hat, und auch die Wirtschaftsgeschichte der DDR ist, angesichts der nicht vorhandenen oder verschlossenen Archive westdeutscher Firmen, leichter und genauer zu rekonstruieren. Insoweit die zu Recht beklagte Asymmetrie also je nach Thema die Seiten wechselt, stellt sich das Gesamtverhältnis in der Bilanz vielleicht ganz ausgeglichen dar.

6. Fruchtbare Felder. Ausgehend von dem als gesamtdeutsche Gesellschaftsgeschichte definierten Vorhaben habe ich schon weiter oben angedeutet, auf welchen thematischen Feldern diese Geschichte am ehesten Früchte bringen könnte. Hier möchte ich dies durch die Skizzierung dreier solcher Felder noch ein wenig vertiefen: Bezüge von Lebensgestaltung im Wandel – der Alltag – eröffnen ein riesiges Feld, bei dem es um den Stellenwert und die Erfahrung von Arbeit, Familie, Freizeit und Konsum geht, um Kulturpraktiken, Mediennutzung und soziale Beziehungsmuster, von der Sexualität bis zu Kollegialität und Nachbarschaft.[13] Ausgangspunkt könnten hier solche Phänomene sein, bei denen sowohl große Gemeinsamkeiten als auch große Differenzen unterstellt werden – oder solche, die sich in der Transformationsphase als besonders komplex erwiesen haben.[14] Ein zweites Feld wäre die Systemkonfrontation, wie sie sich vor allem im Phänomen der Grenze, bei der Grenzüberschreitung, dem Transfer und im Systemkonflikt ausdrückt. Auch hierauf hat Frank Bösch aufmerksam gemacht. Wichtig erscheint mir, diese Phänomene nicht nur als staatliche Politik, sondern als gesellschaftlich relevante Probleme zu untersuchen. Dazu gehören reale Begegnungen auf Reisen, Briefwechsel, das »Westpaket«, grenzüberschreitende Medien, Grenzräume und ihre Inszenierung auf beiden Seiten, aber auch die sich wandelnden (und zum Teil entleerenden) Bilder vom jeweils anderen Deutschland. Viele dieser Bilder wurden erst mit der Grenzöffnung überhaupt bewusst. Ein drittes Feld wäre das der Zugehörigkeiten und Bindungen an den jeweiligen eigenen Staat, Block oder die »Nation«. Welche Faktoren schaffen solche Zugehörigkeiten? Welche Bedürfnisse werden im eigenen Land erfüllt, welche Sehnsüchte bleiben unerfüllt und bilden sich umso mehr aus? Welche Zukunftshoffnungen oder Ängste verbinden sich mit dem eigenen und anderen Deutschland, bzw. einem gemeinsamen Dritten (Amerika als Sehnsuchtsort)?[15] Welche Leitbilder und Fortschrittsmuster schaffen Orientierung, zum Beispiel das Proletarische, das Bürgerliche, technische versus soziale Utopien? Sicher werden sich hier die meisten Asymmetrien finden, aber auch die meisten Rückprojektionen aus der Perspektive des vermeintlichen Verlusts nach 1989.

Die »Genex-Geschenkdienst GmbH«, ein von der DDR-Regierung schon in den 1950er-Jahren gegründetes Unternehmen, stellte jährlich den Katalog »Geschenke in die DDR« zusammen. Bundesbürger konnten daraus Waren bestellen und mit D-Mark bezahlen (bis hin zu Autos und Fertighäusern), die dann an Empfänger in der DDR ausgeliefert wurden – was dem ostdeutschen Staat Devisen einbrachte. Neben Einzelwaren gab es auch ganze »Paketangebote« wie auf diesem Bild. Der bei weitem überwiegende Teil der Waren stammte aus DDR-Produktion; allerdings waren solche Güter in der DDR selbst meist nur schwer erhältlich. Das Bild (aus dem Genex-Katalog von 1989, S. 4) zeigt hingegen Waren westlicher Marken – Kaffee und Schokolade, Zigaretten und Alkohol, Kosmetika etc. Vermutlich handelte es sich dabei mindestens teilweise um »Gestattungsproduktion«, d.h. um Waren, die im Auftrag westlicher Firmen in der DDR hergestellt wurden – ein markantes Beispiel für enge deutsch-deutsche Verflechtungen in den Praktiken der Produktion und des Konsums.
(Sammlung Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt)

7. Fremde Blicke. Zu Recht betont Frank Bösch in Übereinstimmung mit den meisten Zeithistorikern die Notwendigkeit, eine integrierte deutsch-deutsche Geschichte im Kontext der europäischen Nachkriegsgeschichte, des Kalten Kriegs und seiner Überwindung zu erforschen und zu schreiben. Mir geht es hier um fremde Blicke anderer Art – einmal um die von außerhalb Deutschlands kommenden Forschungsperspektiven: Vieles von dem, was ich oben vorgeschlagen oder eingefordert habe, wird nämlich dort schon länger betrieben, die so genannte Ypsilonforschung[16] ebenso wie die Erforschung des Grenzraums.[17] Ähnliches gilt für die Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft, etwa die Europäische Ethnologie, aus der Studien zur Beziehungsgeschichte vorliegen[18] und zur Konsumgeschichte, die, auch da, wo sie sich auf die DDR konzentriert, vom Bezug zum Westen handelt.[19] Viele der hier genannten Forschungen wurden schon in den 1990er-Jahren abgeschlossen, als die deutsche Geschichtswissenschaft noch überwiegend fixiert war auf die Aufarbeitung der politischen und Repressionsgeschichte der DDR und den Diktaturvergleich mit dem Nationalsozialismus, dem mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung ein ganzes Institut satzungsmäßig verpflichtet wurde – mit engen theoretischen Vorgaben. Demgegenüber wurden die von Beginn an produktiven sozialgeschichtlichen Forschungen in der außerakademischen Öffentlichkeit weit weniger beachtet.[20] Die starke Politisierung der geschichtswissenschaftlichen Forschung hat die Hinwendung zu innovativen Fragen und Methoden eher behindert – zumindest eine Zeit lang. Das mag erklären – neben einer traditionell nationalgeschichtlichen Ausrichtung und dem expliziten Desinteresse einflussreicher westdeutscher Historiker an der DDR –, warum eine integrierte deutsch-deutsche Geschichte erst jetzt so richtig in Gang zu kommen scheint. Man kann sich auf die kommenden Jahre freuen.

8. Die normative Falle. Eine Warnung ist vielleicht dennoch angebracht. Die angestrebte Europäisierung der deutschen Geschichte wird unweigerlich dazu führen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Beziehungen und Gegensätze jenseits nationaler Grenzen zu finden, wenn, wie schon bei Frank Bösch am Beispiel der öffentlichen Kleinkinderversorgung erwähnt, die Gemeinsamkeiten der DDR mit Frankreich oder den skandinavischen Ländern sehr viel größer sind als mit der Bundesrepublik. An solchen Fallbeispielen hängen ja tiefere mentale Phänomene: hier das Verständnis von Familie und insbesondere Mutterschaft,[21] langfristige Prägungen, die durch einen einfachen Politikwechsel kaum rasch zu verändern sind. Es wird von Fall zu Fall andere Referenzpunkte geben, die mal mehr national, mal mehr systemisch sind, und die Aufgabe sollte nicht darin gesehen werden, die deutsch-deutschen vor den möglichen anderen Bezügen zu privilegieren und nach ihnen gezielter zu suchen als nach denen jenseits deutscher Grenzen. Dass »zusammenwächst, was zusammengehört«, war zwar als politisches Programm gedacht, aber auch so formuliert, dass im Umkehrschluss zutrifft, dass das, was nicht zusammenwächst, anscheinend auch nicht zusammengehört. Jeder normative Druck hin zu möglichst viel »Verflechtung« sollte unbedingt vermieden werden. Lassen wir die Geschichte offen.

Anmerkungen:

[1] Ein besonders gelungenes Beispiel ist der Aufsatz von Michael Schwartz, »Liberaler als bei uns?« Zwei Fristenregelungen und die Folgen. Reformen des Abtreibungsstrafrechts in Deutschland, in: Udo Wengst/Hermann Wentker (Hg.), Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz, Berlin 2008, S. 183-212.

[2] Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945–1989, Frankfurt a.M. 1992.

[3] Donna Harsch, The Revenge of the Domestic. Women, the Family and Communism in the German Democratic Republic, Princeton 2008; zur Unterlaufung der DDR-Abtreibungsgesetzgebung durch Frauen in den frühen 1960er-Jahren und anderen »privaten« Widerständigkeiten insbesondere S. 236ff.

[4] Michael Rauhut, Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964–1972 – Politik und Alltag, Berlin 1993; Hannes Siegrist, Wie bürgerlich war die Bundesrepublik, wie entbürgerlicht die DDR?, in: Hans Günter Hockerts (Hg.), Koordinaten deutscher Geschichte in der Epoche des Ost-West-Konflikts, München 2004, S. 207-243; Thomas Großbölting, Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Göttingen 2013; Dagmar Herzog, Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2005.

[5] Lutz Niethammer (Hg.), Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930–1960 (LUSIR), 3 Bde., Berlin 1983/85.

[6] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und Identität in frühen Hochkulturen, München 1992, S. 50f.

[7] Ganz deutlich in den Porträts bei Lutz Niethammer/Alexander von Plato/Dorothee Wierling, Die volkseigene Erfahrung. Eine Archäologie des Lebens in der Industrieprovinz der DDR. 30 biographische Eröffnungen, Berlin 1991; vgl. auch die Bedeutung der elterlichen Erfahrungen in den Lebenserzählungen des Geburtsjahrgangs 1949 in der DDR bei Dorothee Wierling, Geboren im Jahr eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002.

[8] Vgl. die Porträts von Bertha Uhlig, Susanne Murowski und Lisa Gabert in: Niethammer/Plato/Wierling, Die volkseigene Erfahrung (Anm. 7).

[9] Hans Günter Hockerts (Hg.), Drei Wege deutscher Sozialstaatlichkeit. NS-Diktatur, Bundesrepublik und DDR im Vergleich, München 1998.

[10] Zu den Schwierigkeiten, z.B. das Konzept des Wertewandels »gesamtdeutsch« zu untersuchen, vgl. Heiner Meulemann, Werte und Wertewandel. Zur Identität einer geteilten und wiedervereinten Nation, Weinheim 1996.

[11] Rüdiger Graf/Kim Christian Priemel, Zeitgeschichte in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer Disziplin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 479-508.

[12] Aus der Innensicht Walter Friedrich/Peter Förster/Kurt Starke (Hg.), Das Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig 1966–1990. Geschichte, Methoden, Erkenntnisse, Berlin 1999.

[13] Rebecca Menzel, Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose, Berlin 2004; Monika Sigmund, Genuss als Politikum. Kaffeekonsum in beiden deutschen Staaten, Berlin 2015.

[14] Dazu gehört z.B. die Rückkehr durch die Bodenreform vertriebener Gutsbesitzer aus der DDR in das frühere Gutsdorf, untersucht in einem Dissertationsvorhaben von Ines Langelüddecke, das in diesem Jahr abgeschlossen sein wird.

[15] Dorothee Wierling, Amerikabilder in der DDR, in: Uta Balbier/Christiane Rösch (Hg.), Umworbener Klassenfeind. Das Verhältnis der DDR zu den USA, Berlin 2006, S. 32-38.

[16] Elizabeth Heineman, What Difference Does a Husband Make? Women and Marital Status in Nazi and Postwar Germany, Berkeley 2003; Herzog, Politisierung der Lust (Anm. 4), und zuletzt Mary Fulbrook, Dissonant Lives. Generation and Violence through the German Dictatorships, Oxford 2011.

[17] Daphne Berdahl, Where the World Ended. Re-Unification and Identity in the German Borderland, Berkeley 1999.

[18] Ina Dietzsch, Grenzen überschreiben. Deutsch-deutsche Briefwechsel 1948–1989, Köln 2004.

[19] Ina Merkel, Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR, Köln 1999.

[20] Vorbildlich: Richard Bessel/Ralph Jessen (Hg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996.

[21] Vor allem mit Blick auf Frankreich: Elisabeth Badinter, Der Konflikt. Die Frau und die Mutter, München 2010.

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