Die Stimmen der Alten

Die BOLSA-Forschungsdaten als Quellen der deutschen Zeitgeschichte

  1. Die BOLSA: Entstehung und Historisierung
  2. Die politische Aktivität alter Menschen
  3. Digitalisierung, Erschließung, Forschungsdatenmanagement

Anmerkungen

In den Meisternarrativen der deutschen Zeitgeschichte spielt die Jugend als Vorhut kultureller und politischer Entwicklungen eine bedeutende Rolle. Neuere Gesamtdarstellungen des 20. Jahrhunderts differenzieren jugendliche Subkulturen, Konsumgewohnheiten, Bildungswege und politische Lager ausführlich. Die historische Entwicklung wird in diesen Erzählungen vorangetrieben durch die rechtsnationalen und antisemitischen Studenten der Weimarer Zeit, die jungen Funktionäre und Soldaten des Nationalsozialismus, die sich dem Westen zuwendenden jungen »Fünfund­vierziger«-Eliten der 1950er- und 1960er-Jahre sowie schließlich die revoltierenden Jugendlichen von »1968«.1 Oft sind solche Narrative mit einem Generationenmodell verknüpft, das in Anlehnung an Karl Mannheim die Jugend als formative Phase und treibende Kraft historischer Veränderung versteht und diese vorwiegend als männlich und intellektuell definiert.2 Historiker/innen definieren damit Jüngere als den geschichtlichen Akteur »Jugend« und investieren stark in die Binnendifferenzierung dieser Gruppe.

Dagegen schweigt sich die Geschichtsschreibung über die historische Rolle älterer Menschen weitgehend aus. Obwohl die ab 65-Jährigen um 1970 rund 13 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik, 16 Prozent in der DDR und 23 Prozent in West-Berlin stellten,3 dient diese Gruppe oft nur als Negativfolie, von der sich die Jugend abheben lässt. Die Älteren in der Bevölkerung werden in der Regel nicht als historische Akteursgruppe verstanden, sondern unter anderen Rollen subsumiert und bisweilen auch schlicht übersehen. Zudem fehlt eine Differenzierung der heterogenen älteren Bevölkerungsgruppe in verschiedene Segmente. Noch sind belastbare geschichtswissenschaftliche Untersuchungen zur politischen Haltung, Religiosität, Berufs- und Bildungsbiographie, wirtschaftlichen und familiären Rolle alter Frauen und Männer rar. Über die Rolle, die Ältere beispielsweise als Konsumenten, Mediennutzer, Arbeitnehmer oder Vereins- und Verbandsmitglieder spielten, wissen wir wesentlich weniger als bei den Jüngeren. Eine Schärfung der Kategorie »Alter« hat das Potential, unsere historiographischen Narrative produktiv weiterzuentwickeln.4

Zum einen geht es dabei darum, Alte als Akteure und nicht nur als passive Objekte zu verstehen. Die wenigen bisher vorliegenden Studien zum Alter(n) in der deutschen Geschichte nach 1945 widmen sich hauptsächlich den Debatten über das Rentensystem und den politischen Entscheidungsprozessen über Art und Umfang der staatlichen Altersvorsorge.5 Zudem gibt es über die gesellschaftliche Wahrnehmung von Greisen einige wertvolle Untersuchungen.6 Sozialhistorische Forschungen befassen sich fast ausschließlich mit der letzten Lebensphase, also dem »vierten Alter« und der Pflegebedürftigkeit. Sie rücken meist nicht die Hochbetagten selbst ins Zentrum, sondern das Pflegepersonal, die wohlfahrtsstaatliche Politik oder mit den Pflegeheimen verbundene institutionelle Aspekte.7 Allerdings lebten Mitte der 1960er-Jahre nur etwa 3,5 Prozent der über 65-jährigen Westdeutschen in Heimen.8 Die große Mehrheit der älteren Menschen befand sich im »dritten« Lebensalter, also der auf Kindheit und Erwachsenenalter folgenden Phase, die noch nicht von Hinfälligkeit bestimmt ist. Diese Lebensphase wurde im Laufe der industriellen Moderne immer länger und war als Massenphänomen eine historische Neuheit.9 Das Alter war weit weniger ausschließlich von Passivität und Siechtum gekennzeichnet, als die historische Literatur glauben macht. Alte Menschen waren nicht nur Verwaltungs- und Wahrnehmungsobjekte, sondern auch Handelnde. Ohne eine nähere Untersuchung der Haltung und Aktivität der mittleren und älteren Geburtskohorten lässt sich auch nicht erklären, wieso manche Wandlungsbewegungen verhältnismäßig schnell in der Gesamtgesellschaft ankamen (etwa die Umbrüche in der Sexualmoral und den Umgangsformen der »langen« 1970er-Jahre).

Zum anderen geht es darum, vorschnelle Verallgemeinerungen über »die Alten« zu vermeiden und die öffentlich kursierenden pauschalen Wahrnehmungen zu überprüfen. Beispielsweise ist das Stereotyp der »Trümmerfrau«, das sich im medialen Diskurs seit Jahrzehnten etabliert hatte, erst vor kurzem historisch widerlegt worden.10 Andere Klischees, etwa die Adenauer-verehrende »Kriegerwitwe«, harren noch einer kritischen Untersuchung. Häufig anzutreffen ist auch die pauschale Gegenüberstellung von Jugend als produktivem Ferment versus Alter und Alten als Nachhut und Bremse geschichtlicher Entwicklung.

Beispielsweise gelten in neueren Gesamtdarstellungen die Junioren gern als Vorreiter des Konsums und der Liberalisierung, während die Senioren eher für Autoritarismus, Rekonstruktion, Konservatismus, NS-Belastung, Bildungsferne und Abstinenz vom Massenkonsum stehen. Zudem wird der Jugend wesentlich mehr Platz eingeräumt als dem Alter. So widmet Ulrich Herbert in einem Abschnitt über die Jahre 1965 bis 1969 insgesamt 27 von 69 Seiten den stark ausdifferenzierten Jugendkulturen und den »68ern«, erwähnt die Alten aber nur drei Mal flüchtig.11 Noch seltener tauchen die über 60-Jährigen in Arthur Marwicks Darstellung der »langen« 1960er-Jahre auf, die sich ausführlich kulturellen Vorreitergruppen wie Frauen, Schwulen, Kindern und Teenagern widmet, aber einen Konflikt zwischen Jung und Alt mehr voraussetzt als belegt.12 Gleiches gilt für Tony Judts Geschichte Europas seit 194513 sowie Axel Schildts und Detlef Siegfrieds »Deutsche Kulturgeschichte«.14 Selbst sozialhistorische Gesamtdarstellungen wie diejenigen von Hartmut Kaelble und Lutz Raphael übergehen alte Menschen als Handlungsträger, den historischen Wandel des Alterns und Unterschiede innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe fast vollständig. Wo die Autoren Arbeit behandeln, wird der alternde Arbeitende und der Übertritt in den Ruhestand nur selten diskutiert; wo sie Erwerbsbiographien oder Wertewandel rekonstruieren, beschäftigen sie sich überwiegend mit Menschen während ihrer ersten sechs Lebensjahrzehnte.15 Wie problematisch dies ist, zeigt etwa das Beispiel des Konsums. Während die eben zitierten Darstellungen die Jungen als Konsumpioniere ansprechen und die Alten als sparsame Kritiker des Massenkonsums hinstellen,16 kommt eine detaillierte neuere Studie moderner Einkaufs- und Freizeitgewohnheiten, die den Rentnern ein Kapitel zugesteht, zum entgegengesetzten Ergebnis. »Consumption redefined old age«, betont Frank Trentmann für das 20. Jahrhundert und stellt die Pioniergruppe der älteren gleichberechtigt neben diejenige der jugendlichen Konsument/innen.17

Solche Widersprüche in der Forschung aufzulösen und insgesamt die Gruppe der Alten als Akteure differenzierter zu fassen, kann jedoch nur gelingen, wenn aussagekräftige Quellenbestände vorliegen. Im Vergleich zur Jugend ist der Boden hier deutlich dünner gesät. Die Vernachlässigung des dritten Lebensalters ist keine Erfindung der Geschichtswissenschaft, sondern zurückzuführen auf die starke Konzentration bereits der zeitgenössischen Sozialwissenschaften auf jüngere Bevölkerungsgruppen. In beiden deutschen Staaten wurde die Jugend als Hort der politischen Zukunft und Motor des Konsums von Beginn an intensiv erforscht, weil sie das Versprechen des Fortschritts in der rationalen Moderne verkörperte. Erst seit den 1980er-Jahren wandten sich die westdeutschen Sozialwissenschaften in stärkerem Maße auch dem Alter zu. Damals etablierte sich die Gerontologie fest an den Universitäten der Bundesrepublik, und die Bundesregierung gab im Jahr 1989 den ersten »Altenbericht« in Auftrag.18 Aus den Jahrzehnten vor 1980 sind nur wenige sozialwissenschaftliche Untersuchungen über ältere Bevölkerungsgruppen vorhanden, die meist auf die Hochbetagten und die Beschreibung des Pflegeheimbedarfs abzielen.19 Zudem weisen Meinungs- und Marktforschungsumfragen, etwa des Allensbacher Instituts, die über 60-Jährigen nur selten als spezifische Gruppe aus.20

Die empfindlichste Lücke im Quellenbestand klafft aber dort, wo es um die Selbstbeschreibungen und Erfahrungswelten alter Frauen und Männer geht, die nicht zum Bildungsbürgertum gehörten (und damit weder Memoiren verfassten noch von der Presse befragt wurden). Erst im Jahr 1980 begann die deutsche Geschichtswissenschaft mit lebensgeschichtlichen Interviews solcher Menschen. Im Rahmen des von Lutz Niethammer geleiteten Oral-History-Projekts »Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet zwischen 1930 und 1960« wurden in den 1980er-Jahren etwa 200 Interviews geführt, in der Mehrzahl mit über 60-jährigen Arbeitern, Betriebsräten, Hausfrauen und weiblichen Angestellten im Revier. Allerdings waren diese Gespräche thematisch stark auf spezifische Erfahrungen im Nationalsozialismus, im Zweiten Weltkrieg und in der frühen Nachkriegszeit fokussiert.21 Die Zeit ab den 1960er-Jahren blieb ein schwieriges Terrain ohne vergleichbare Quellenbestände. Grundlegend verbessert hat sich diese Situation nun durch die Sammlung der »Bonner Längsschnittstudie des Alterns« (BOLSA), in der über 60-Jährige aus den unter- und kleinbürgerlichen Schichten zu Wort kommen. Hier handelt es sich um den neu entdeckten, inzwischen erschlossenen und digital aufbereiteten Bestand einer psychologischen Längsschnittstudie. Das vielfältige Potential dieses Materials, aber auch die ihm eingeschriebenen Grenzen und Historisierungszwänge werden in der Folge vorgestellt. An einem beispielhaft herausgegriffenen Aspekt, der politischen Aktivität alter Menschen in der Bundesrepublik der »langen« 1970er-Jahre, wird danach – zumindest knapp – die Aussagekraft der BOLSA-Quellen aufgezeigt.

1. Die BOLSA: Entstehung und Historisierung

Die »Bonner Längsschnittstudie des Alterns« war die erste gerontologische Studie dieser Art in Deutschland. Sie wurde von 1965 bis 1984 unter Professor Hans Thomae und Dr. Ursula Lehr (später Professorin und Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) am Institut für Psychologie der Universität Bonn erhoben, dann seit Mitte der 1980er-Jahre an Lehrs Lehrstuhl in Heidelberg weiterbetrieben und ausgewertet. Kern der Studie war die wiederholte, intensive Befragung von 221 Männern und Frauen zweier Jahrgangskohorten: 1890–1895 und 1900–1905. Die Versuchsteilnehmer/innen kamen fast alle aus der Unter- und Mittelschicht. Die Stichprobe war weitgehend repräsentativ für die über 60-jährige Bevölkerung Westdeutschlands zur Mitte der 1960er-Jahre, wobei allerdings Flüchtlinge und Vertriebene, Katholiken und ledige Frauen leicht überrepräsentiert waren. Landwirte und Dorfbewohner waren etwas unterrepräsentiert und Nicht-Deutsche von Beginn an ausgeschlossen.22 Alle Proband/innen wurden seit 1965 in regelmäßigen Abständen (anfangs jährlich, später alle zwei bis sechs Jahre) und oft bis kurz vor ihrem Tod psychologisch und medizinisch untersucht. Jeder der acht Versuchsdurchgänge hatte zum Ziel, Aufschluss über die Persönlichkeitsentwicklung sowie den sozialen, kognitiven und körperlichen Abbau im Alternsprozess zu erlangen. Sieben Wellen wurden von der VolkswagenStiftung gefördert, eine (1972/73) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nur für diese letztere Untersuchungswelle wurde zusätzlich eine 50-köpfige Kontrollgruppe gleichen Alters herangezogen.

Diplompsychologin Ingrid Tismer-Puschner befragt eine
BOLSA-Studienteilnehmerin in Bonn, etwa 1966
(Foto: Werner Verhey)

Der besondere Quellenwert der BOLSA liegt in den mit Tonbandgeräten aufgezeichneten Befragungen. Es handelt sich um »halbstrukturierte«, extrem ausführliche Einzelgespräche, die Thomae und Lehr als »Explorationen« bezeichneten. Genauestens wurden die Lebensgeschichte und damalige Lebenssituation des Gegenübers, die Sozialkontakte und familiären Beziehungen, die wirtschaftliche Lage und das gesundheitliche Befinden, die Zukunftspläne und Alltagsbeschäftigungen abgefragt. Die Interviewer/innen waren im Studium darauf geschult worden, den freien Redefluss zu fördern und Interesse zu zeigen, dabei jedoch zentrale Punkte eines Untersuchungsleitfadens abzuarbeiten. Alle Gespräche wurden sowohl auf Magnettonband aufgezeichnet als auch von den Interviewer/innen schlagwortartig in Echtzeit mitprotokolliert (in Einzelfällen liegen auch getippte Teiltranskripte vor). Zusätzlich wurden die Versuchsteilnehmer/innen, die jeweils in Kleingruppen gemeinsam fünf Wochentage in Bonn verbrachten, einer Batterie psychologischer und medizinischer Tests unterworfen. Danach wurden in Ratingkonferenzen Merkmale kodiert und in statistische Datensätze eingespeist. Auch Verhaltensbeobachtungen, Charakterbeschreibungen, Fotos, gezeichnete Selbstporträts, medizinische Untersuchungsbögen, Schriftproben und persönliche Korrespondenz mit den Versuchsleitern finden sich in den Akten.

Während der schriftliche Bestand so gut wie lückenlos erhalten ist, mit allen Verwaltungsakten zur Studie und allen Proband/innenakten, sind von den ursprünglich etwa 1.160 Tonbändern nur die Hälfte überliefert. Die Verluste betreffen überwiegend die Tonbänder männlicher Probanden. Allerdings bieten die erhaltenen 580 Bänder noch immer ganze 2.961 Stunden Gespräch. Zudem sind die statistischen Rohdaten heute wieder verwendbar: Die im Laufe der Tests und Interviews erhobenen Variablen, insgesamt 5.553 an der Zahl, wurden langjährig in einem Datensatz gesammelt, der sich mit SPSS oder SAS auswerten lässt.23

Das Rohmaterial:
Tonbänder der BOLSA in Heidelberg
(Foto: Christina von Hodenberg)
Tonbandgerät »Uher Universal S«, Anfang der 1960er-Jahre –
damals die beste Technik zur Aufzeichnung der Interviews
(Foto: Christina von Hodenberg)

Ziel der ursprünglichen Projektleiter der BOLSA war es, das Forschungsdesign nach dem Muster US-amerikanischer Längsschnittstudien so ergebnisoffen und umfassend anzulegen, dass das produzierte Material noch für »die Gerontologen der Jahre 2020 bis 2050« wertvoll sein würde. Deshalb »verzichteten wir auf die Formulierung spezifischer Hypothesen«, wie Hans Thomae schrieb.24 In der Tat macht die Vielfalt an Informationen gerade die Tonbänder ergiebig für Erkenntnisinteressen aus verschiedenen Disziplinen – Gerontologie, Medizin, Geschichts- und Sprachwissenschaften sowie Linguistik.25 Durch die offene Fragestellung und das oft über Jahre gewachsene Vertrauen zum Interviewer oder zur Interviewerin gingen die Proband/innen persönlich und detailliert auf Lebensbereiche, Werthaltungen und Erfahrungen ein, die der historischen Forschung oft nur unter Schwierigkeiten zugänglich sind. Beschreibungen von Alltäglichem, privaten Beziehungen, Gefühlen, Erinnerungen, Hoffnungen und Zukunftsängsten nehmen großen Raum ein. Weil die ungekürzten, mehrfach wiederholten Befragungen häufig über 30 Stunden pro Person umfassen, entsteht ein ausführliches biographisches Profil, das wiederum mit persönlichen Angaben und Korrespondenzen aus den Akten verknüpft werden kann. Zudem erlaubt es der Datensatz, relativ zügig und belastbar bestimmte Untergruppen des Samples einzugrenzen. So ist es möglich, nur verwitwete Frauen mit Kindern, nur Flüchtlinge oder nur pensionierte Handwerker und Facharbeiter katholischen Glaubens zu untersuchen. Das einzelne Interview kann auch mit einer statistischen Auswertung vorliegender Variablen daraufhin geprüft werden, inwieweit es einen typischen Fall darstellt.

Im Vergleich zu den Oral-History-Befragungen der 1980er-Jahre haben die BOLSA-Quellen drei entscheidende Vorteile. Erstens ist hier die Breite der Gespräche zu nennen, die neben der Lebensgeschichte auch die damals aktuelle Situation und Zukunftspläne behandeln. Zweitens wurden viele Komplexe über die Jahre mehrfach abgefragt, was Aufschluss über die Realitätsverankerung und kreative Fortschreibung persönlicher Narrative zulässt. Drittens rekrutierte die BOLSA schon in den 1960er-Jahren gleichgewichtig Männer und Frauen, und von den Probandinnen sind die Tonbänder besonders umfassend erhalten. Dies erlaubt den seltenen Zugang zu weiblichen Lebenswelten und damit die Überprüfung geschlechtsspezifischer Verzerrungen in zeithistorischen Meistererzählungen.

Die BOLSA-Interviews sind aber nicht nur für geschlechtergeschichtliche Fragen ergiebig, sondern auch für andere Ansätze – etwa die Sozial-, Erfahrungs- und Emotionsgeschichte der Kriegsfolgen und der Nachkriegszeit; die Geschichte von Gesundheit, Krankheit, Altern, Pflege und Tod; die Geschichte der sozialen und emotionalen Beziehungen in Ehe und Verwandtschaft; die Geschichte privaten Wirtschaftens und religiöser Praktiken; die Bildungs-, Schul- und Sozialisationsgeschichte; die Geschichte der Erwerbs-, Teilzeit- und Hausarbeit; die Geschichte des Konsums, der Mediennutzung, der Ernährung, des Wohnens und des Freizeitverhaltens; die Geschichte der Sexualität; schließlich die Wissenschaftsgeschichte der Psychologie und Gerontologie.

Allerdings lässt sich der Quellenbestand nur dann gewinnbringend analysieren, wenn man sich der dem Material eingeschriebenen Beschränkungen bewusst ist. Obwohl sich das Erhebungsteam um eine breitgefächerte Befragung bemühte, folgte es bestimmten zeitgenössischen Leitideen und Fachkontroversen. Der Zeithorizont der Entstehung der Studie spiegelt sich zwangsläufig in den Befragungsleitfäden und der Auswahl der Untersuchungsteilnehmer/innen. Manche Vorentscheidungen bei der Rekrutierung und der Definition der statistischen Variablen begrenzen den Erkenntnisgewinn heutiger Wiederverwertung. Zur Historisierung des BOLSA-Materials wurden deshalb seit 2014 zahlreiche Interviews mit ehemaligen Mitgliedern des Forschungsteams geführt.26

Insbesondere baute die BOLSA auf den Vorannahmen der Persönlichkeitstheorie Hans Thomaes auf, derzufolge sich Individualität mithilfe eines Katalogs von »Daseins­themen« und »Daseinstechniken« analysieren ließ. Mehrere im Druck vorliegende Schlüsseltexte erhellen die psychologischen Kontroversen, die das Studiendesign beeinflussten.27 Das Bonner (und später Heidelberger) Team der BOLSA verfolgte das Konzept eines differentiellen – individuell verschiedenen – Alterungsprozesses und versuchte, mehr oder weniger »geglücktes« Altern sowie Langlebigkeit durch die Mobilisierung individueller Kompetenzen zu erklären. Um die damals dominante Vorstellung vom Altern als kontinuierlichem Abbau und gezieltem sozialem Rückzug (»Disengagement«) zu widerlegen, setzte das BOLSA-Team auf den Nachweis individueller »Coping«-Strategien. Die Bewältigungsmechanismen bei alltäglichen Problemen, die Aktivität in verschiedenen sozialen Rollen, die Erhaltung des Interessenhorizontes sowie die reichen Zukunftserwartungen und Freizeitbeschäftigungen alter Menschen wurden besonders hervorgehoben.28 Viele der Versuchsleiter, allesamt Diplompsychologen, publizierten auf Grundlage der BOLSA-Daten Doktorarbeiten zu entsprechenden Themen.29

Wer mit dem Datenmaterial der Studie arbeitet, findet daher eine Vielfalt von Variablen zu Alltagspraktiken (Blumenpflege? Telefonbesitz?), sozialen Rollen (Bindung an Enkel? letzte Duzfreundschaft?) und zum Gefühlsleben (Grad der Belastung durch den Ehepartner? Gefühl des Gebrauchtwerdens?). Ob ein Befragter CDU wählte, gewerkschaftsnah, NS-belastet oder heterosexuell war, lässt sich jedoch nur durch Anhören der Tonbänder in Erfahrung bringen. Denn die Befragungsleitfäden blendeten Nationalsozialismus, Krieg, Flucht und Vertreibung soweit wie möglich aus; auch Sexualität und Parteipolitik wurden umgangen. Neben der Gegenwart wurde hauptsächlich auf »unverdächtige« Lebensabschnitte und Zeiten, nämlich die Jahre 1948, 1955 und 1965 abgezielt – wobei sich die Interviewten im Gespräch oft über diese Vorgaben hinwegsetzten. Dass die BOLSA die explizite Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit mied, war nicht nur Hans Thomaes eigenem Mitläufertum und früherer NS-Bindung geschuldet, sondern spiegelte auch wesentliche Punkte des »antitotalitären« Grundkonsenses der 1960er-Jahre wider.30 Der Mythos einer »Stunde Null« 1945, die »Erinnerungsmarke« der Währungsreform 1948 sowie Helmut Schelskys Idee der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« waren in das Studiendesign eingeschrieben, mit seinem »Ausklammern« von »Streß-Phasen« und dem Streben nach Erfassung »von sogenannten ›durchschnittlichen‹ Personen«.31

2. Die politische Aktivität alter Menschen

Ein knappes Auswertungsbeispiel soll hier vorstellen, was das BOLSA-Material zu leisten vermag, wobei neben statistischen Analysen nur wenige kurze Belege aus den Interviews herausgegriffen werden können. In allen Untersuchungswellen der BOLSA wurde nach der Aktivität und inneren Teilnahme der Betagten an der »citizen role« gefragt: nach dem Interesse an Politik, der Beteiligung an Wahlen sowie dem Engagement in Vereinen, Verbänden und Parteien. Dabei entsprechen die Befunde auf den ersten Blick der Erwartung einer gewissen Passivität unter älteren Menschen. Eine zeitgenössische statistische Auswertung durch eine Versuchsleiterin befand, die staatsbürgerliche Rolle habe im Jahr 1965/66 nur »periphere« Bedeutung für die Interviewten gehabt. Zwei Drittel zeigten »ein Mindestmaß an politischer Aktivität, nämlich die Teilnahme an Wahlen, darüber hinaus aber nur einen recht engen politischen Horizont«. »Völliges Desinteresse« an Politik herrschte bei 8 Prozent. Weitere 20 Prozent verwandten ein gewisses Maß an Zeit auf Politik. 6 Prozent legten »wirkliche politische Aktivität« an den Tag, beispielsweise in Gewerkschaften oder der Gemeinde. Dabei zeigten Männer mehr Interesse an Politik als Frauen, schnitten »insgesamt aber auch nur […] knapp mittelmäßig« ab.32 In späteren Untersuchungswellen blieb die ermittelte politische Aktivität stabil auf niedrigem Niveau, und die Beschreibung »wählt meistens, ist nur nominelles Mitglied [politischer Gruppierungen]« traf auf die überwiegende Mehrheit bis ins hohe Alter zu.33

Zugleich verband sich die durchschnittlich nur schwach ausgeprägte politische Aktivität mit einem hohen Informationsgrad. 70 Prozent der Ruheständler hatten eine Tageszeitung abonniert, weitere 15 Prozent lasen sie auch ohne Abo regelmäßig.34 Das Politikressort war bei der Zeitungslektüre weitaus das beliebteste, gefolgt von Lokalem und Sonstigem. Ähnlich lag die Sache bei den Illustrierten, wo Reportagen vom Weltgeschehen weit oben rangierten, und beim Radiohören, wo Nachrichten mit großem Abstand die beliebteste Sendungsart darstellten.35

Diese Ergebnisse bestätigen jedoch nur ein Muster, das schon 1963 von den Politikwissenschaftlern Gabriel A. Almond und Sidney Verba für die Gesamtheit der Westdeutschen – altersunspezifisch – als typisch bezeichnet und von anderen Nationen abgehoben worden war: hohe Informiertheit und Wahlbeteiligung, aber kaum aktives Eintreten für die Demokratie.36 Ob die über 60-Jährigen dieses Muster »übererfüllten« oder einfach dem bundesrepublikanischen Standard entsprachen, könnte nur ein Vergleich mit jüngeren Altersgruppen klären. Aus zeitgenössischen Wahldaten lassen sich jedoch keine gravierenden Unterschiede zwischen Jung und Alt herleiten. So wissen wir, dass die Wahlbeteiligung der über 60- und über 70-Jährigen an Bundestagswahlen von 1953 bis 1987 stets gleichauf und meist sogar höher als in der jüngsten Gruppe der bis 25-Jährigen lag.37 Politologische Analysen zeigen, dass das Alter die Stimmentscheidung weniger stark beeinflusste als andere Variablen wie soziale Schicht, Konfession, Kirchenbindung und Geschlecht.38 Bei den Alten, ebenso wie bei anderen Bevölkerungsgruppen, ist daher nach entsprechenden Untergruppen zu differenzieren, um ein besseres Bild der politischen Aktivität und Haltung zeichnen zu können.

Eine statistische Korrelationsanalyse der BOLSA-Variable »Grad der politischen Aktivität« produziert hier aufschlussreiche Zusammenhänge. Am stärksten sind der Flüchtlingsstatus (p=0,004), der sozialökonomische Status (p=0,013) und die Konfessionszugehörigkeit (p=0,02) mit der politischen Aktivität korreliert. Das heißt: Wer schon lange ortsansässig und in den lokalen Milieus sozialisiert war, engagierte sich stärker als die erst nach 1945 Zugewanderten. Katholische Probanden waren deutlich häufiger politisch tätig als die Angehörigen anderer Konfessionen. Und die Befragten mit mittleren Einkommen waren viel handlungsfreudiger als die Ärmsten und die Reichsten im Sample.39 Differenziert man nach dem zuletzt ausgeübten Beruf der BOLSA-Rentner, so wandte kein einziger der fünfzehn Arbeiter, neun Landwirte und zwei Unterstützungsempfänger mehr als ein »minimales« Zeitbudget für politische Tätigkeiten auf. Gleiches galt für die vier Akademiker bzw. höheren Beamten der Stichprobe. Dagegen gingen immerhin 3 von 56 Hausfrauen, 6 von 42 Handwerkern und Facharbeitern sowie 9 von 58 Angestellten und mittleren Beamten über dieses Minimum hinaus.40 Am ehesten waren also die örtlich und konfessionell gebundenen Mittelschichtsangehörigen politisch aktiv.

Die naheliegende Erwartung, dass das Geschlecht mit dem politischen Engagement korreliere, bestätigt sich im statistischen Test nicht. Im Alter waren und blieben Frauen durchschnittlich zwar leicht weniger engagiert als Männer, doch vermutlich geht dieser Unterschied eher auf die deutlich niedrigeren Einkommen der Versuchsteilnehmer­innen als auf das Merkmal Geschlecht zurück.41 Erneut erweist sich damit die Notwendigkeit einer Binnendifferenzierung der Untersuchungsgruppe, hier: der alten Frauen.

Es gibt ein weiteres statistisches Merkmal, das in signifikantem Zusammenhang mit dem Grad der politischen Aktivität steht: die Entnazifizierungserfahrung. Weil das BOLSA-Team diese Variable nicht eigens erhoben und kodiert hatte, wurde sie bei der Sekundärauswertung des Materials für alle männlichen Befragten nachgetragen. Ein Fünftel von ihnen war nach eigenen Angaben durch die Nachkriegs-Entnazifizierung materiell geschädigt worden. Keiner dieser Männer engagierte sich politisch; es blieb beim Urnengang oder der rein formellen Zugehörigkeit zu einer Organisation. Dagegen konnten immerhin 7 Prozent der Restgruppe auf eine regelmäßige Mitarbeit verweisen, meist in Gewerkschaften, Kolpingvereinen oder der Kommunalpolitik.42 Doch worin lag die politische Abstinenz der Entnazifizierungsgeschädigten begründet? Die BOLSA-Quellen erlauben es, solche Fragen an Einzelbeispielen nachzuverfolgen. Schauen wir uns zwei (pseudonymisierte) Profile von Ex-Parteigenossen an.

Der Buchhalter Hermann Demmer, geboren im Jahr 1900, war in einem nationalkonservativen Elternhaus aufgewachsen und hatte als junger Mann von einem Leben in den Kolonien geträumt. Er hatte als NSDAP-Mitglied rasch Karriere gemacht und war Anfang der 1940er-Jahre bis zum Amtsleiter einer westdeutschen Kleinstadt aufgestiegen, worauf er stolz war (»das war schon etwas, ich kann Ihnen sagen«). Bei Kriegsende wurde er »wegen Parteizugehörigkeit aus dem Dienst entlassen« und lebte dann vom Geld seines wohlhabenden Schwiegervaters. Bei der Wiedereinstellung als »131er« wurde er als Beamter niedriger eingestuft und auch nicht mehr befördert. »Ich war PG, ich bin [19]52 wieder reingekommen, da hab ich schon gesagt, der Ball ist weg … Da bin ich wieder in [die Behörde] rein, hab da die zehn Jahre rumgemacht, hab das Höchste erreicht, was ich erreichen konnte … Ich könnt noch heute hundert Mark Pension mehr haben.«43 Im Interview sprach Demmer gern über politische Fragen, besonders über seine Angst vor erneuter Inflation und unsoliden Staatsfinanzen. Den westdeutschen Wohlfahrtsstaat kritisierte er als »überspannten Liberalismus« und »Almosengeberei«. Eine flexible Altersgrenze bei der Pensionierung beurteilte der 71-Jährige, der noch acht Stunden täglich für andere die Bücher führte, als »Wahnsinn der Gewerkschaften: mehr Geld und weniger Arbeiten ... das gibt es nicht«. Gleichwohl betonte Demmer durchweg, sich als »alter Beamter« nie mehr an eine Partei binden zu wollen. Er wähle zwar regelmäßig »meine feste Partei« (wobei er klarstellte: »Ich bin nicht mit der CDU befreundet«), spreche aber mit seinen Angehörigen oder Bekannten nicht über Politik. »Ich fange auch keine politische Diskussion mit irgendjemand an, das führt nämlich zu gar nichts. … Man hat auf die Dinge keinen Einfluß, darum auch keine Politik. Bin mit manchen Maßnahmen nicht einverstanden, es ist zwecklos, sich gegen die Masse zu stellen. … Für mich ist keine Partei das Idol, keine, ob links oder rechts. … Wahlkampf ist … Betrug. Die brauchen doch nicht zu kämpfen.« Besonders ärgerte ihn das Frauenwahlrecht, das »die Seelen der Frauen vergiftet hat. … Die hat man von einem Milieu da auf eine Plattform geführt, wo sie gar nicht hingehören.« Er sprach von »allgemeine[r] Resignation, … weil keine Wende kommt«. Demmer war lokal gut vernetzt, beschränkte seine Kontakte aber hauptsächlich auf den Familienkreis.44

Interview Hermann Demmer (Pseudonym),
BLSA_E_16125_A_01, Bonn 1972, in: Digitalisierung der Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie (BOLSA), hg. vom Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt, Halle 2020, hier: 01.10.00 bis 01.11.50.

Als ähnlich entnazifizierungsgeschädigt stufte sich Karl Wichmann ein, der 1889 als Sohn eines Gärtners geboren war und es aus einfachen Verhältnissen bis zum Volksschullehrer gebracht hatte. Weil er den Fehler gemacht habe, als »fördernde[s] Mitglied« die SS zu unterstützen, sei er 1945 in der Sowjetischen Zone aus politischen Gründen entlassen worden und habe dadurch auch die Dienstwohnung und eine Anschlussstelle in der Gemeindeverwaltung verloren. Er habe »als [ehemaliges] NSDAP-Mitglied wenig Rechte« gehabt und sich mit Gelegenheitsarbeiten als Straßenkehrer, auf dem Friedhof und in einer Zuckerfabrik durchgehangelt. Erst 1960 entschloss er sich zur Flucht in den Westen, wo er »als 131er nicht die volle Pension« erhalte – »aber ich bin zufrieden«. Zu »dem Umstand, daß wir aus dem Amte geflogen sind«, meinte er: »Ich bin da ja dickfellig … Sie können sagen, ich soll hier die Stube fegen, das wird sofort gemacht, nicht.« Wichmann gab an, wählen zu gehen (»ich bin konservativ«), aber sich ansonsten von der Politik fernzuhalten: »Also was in der Welt da vor sich geht. Na ja, da interessiert mich eigentlich nur Krieg. Da achte ich drauf, wo es in der Welt brennt. Sonst bin ich politisch nicht so auf der Höhe.« Wichmann konzentrierte sich auf den engsten Familienkreis und sein Hobby, das solitäre Wandern.45

Beide Ex-Parteigenossen hatten die Entnazifizierung als einschneidende Degradierung erlebt, die sich auch in Pensionskürzungen niederschlug. Beide hatten sich im Alter stark auf die Familie zurückgezogen. Beide wählten (auf der rechten Seite des Spektrums), hielten sich aber bewusst von darüberhinausgehendem politischem Engagement fern. Während Demmer die bundesrepublikanischen Verhältnisse heftig kritisierte, hatte Wichmann die Demütigung hingenommen und war mit der Situation zufrieden, wie er wiederholt betonte. So konnte politische Apathie sowohl auf Desillusionierung und gebrochenem politischem Willen als auch auf dem Festhalten an NS-nahen Werten beruhen.

Natürlich gab es unter den BOLSA-Befragten auch eine politisch aktive Minderheit, meist entweder katholische Konservative oder aber Gewerkschafter, und stets aus der lokal verwurzelten Mittelschicht. So war beispielsweise der Metallarbeiter Lutz Ottermann, 1902 als Sohn eines Industriehandwerkers geboren, Betriebsrat einer Zeche im Ruhrgebiet. »[Ich] habe mich 1945 ganz jung der Gewerkschaft verschrieben. Zweimal in der Woche habe ich dort gewerkschaftliche Arbeit … man hält Reden. Eine Versammlung dauert drei Stunden … Im Gewerkschaftsleben braucht man Funktionäre, die zusammenhalten und sich für den besseren Lebensinhalt einsetzen. Darin sehe ich die Hauptaufgabe, habe sie mir zu Herzen genommen. Durch Vertrauen der Kameraden bin ich immer weitergestiegen, sodass ich auch schon in die Bezirksleitung kam.« Er war SPD-Mitglied und bezeichnete sich selbst als »Demokrat«, worin er eine Verpflichtung erblickte: »Man ist zahlendes Mitglied. Man ist verpflichtet, Diskutierabende zu besuchen. Man soll Mann stehen, Flugblätter verteilen, Plakate ankleben bei Wahlen. Mal diskutieren, ... man soll Kritik üben, ... [aber] nicht ins Uferlose diskutieren. … Demokratie ist beste Staatsform, auch wenn sie nicht immer korrekt praktiziert wird.« Alle seine Bekannten kamen aus dem Kollegen- und Gewerkschaftskreis.46

Bereits diese knappe Auswertung zeigt, dass »die Alten« keine homogene Gruppe bildeten. Neben einer Minderheit, die sich politisch in traditionellen Milieus engagierte, stand eine Mehrheit, die sich aus unterschiedlichen Gründen eher passiv verhielt. Alteingesessene waren politisch aktiver als Zugewanderte, Katholiken aktiver als Protestanten. Handwerker, Facharbeiter, mittlere Beamte und Angestellte waren engagierter als Ober- und Unterschichtsangehörige. Dieses Ergebnis passt gut in die Situation der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit: Damals genoss die katholische Kirche besonderen Einfluss, und die gesellschaftliche Integration gerade der älteren Vertriebenen und Flüchtlinge war noch unvollständig. Die Analyse deutet zudem darauf hin, dass die Entnazifizierung – so vorübergehend und milde sie auch war – langfristig nachwirkte, indem sie von den Betroffenen weithin als Demütigung wahrgenommen und mit einem Rückzug aus der politischen Sphäre quittiert wurde. Sie hielt zudem offenbar viele Akademiker und höhere Beamte von der Politik fern. Nicht zuletzt lassen sich bestimmte Vorannahmen widerlegen, etwa diejenige, dass alte Frauen signifikant apolitischer gewesen seien als alte Männer. Eine tiefere Erschließung des Materials könnte sicher weitere Ergebnisse zu Tage fördern, gerade auch durch eine Analyse des akustischen Materials im Hinblick auf emotionale Färbungen, Wortwahl, Sprachduktus und Schweigen.

3. Digitalisierung, Erschließung, Forschungsdatenmanagement

Der Gesamtbestand der BOLSA ist seit 2015 im Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg archiviert. Mittlerweile konnten die fragilen Tonbänder und Akten mit finanzieller Förderung der VolkswagenStiftung digitalisiert und die entsprechenden Derivate in Langzeitrepositorien überführt werden. Während die Audiodateien im spezialisierten Sprachrepositorium des Archivs für Gesprochenes Deutsch des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (Mannheim) Aufnahme fanden, wurden alle Akten und Verwaltungsunterlagen der BOLSA in das Langzeitarchiv des Historischen Datenzentrums sowie der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt integriert. Aufgrund des notwendigen Datenschutzes wird über diese Repositorien lediglich die Langzeitarchivierung und persistente Adressierung sichergestellt. Öffentlich sichtbar wird der Bestand dort nur über wenige, ausgewählte Metadaten und allgemeine Beschreibungen sowie Musterdateien für die verschiedenen Tests und Untersuchungen. Zusammengeführt wird er jedoch auf der zugangsgeschützten, internetbasierten Plattform <https://bolsa.uni-halle.de>, die auf der Software FuD des Servicezentrums eSciences der Universität Trier basiert und ein komfortables Arbeiten mit den Digitalisaten ermöglicht.47 Auf dieser Plattform können Metadaten, Beschreibungen, Musterbeispiele und allgemeine Informationen frei recherchiert werden, um einen Eindruck vom Material zu erlangen und eine Entscheidung über die Nutzung zu treffen. Ein Zugriff auf die Quellen ist nur nach Abschluss eines Datenschutzvertrages möglich und bleibt auf die Plattform beschränkt.

Auch wenn die Anlage der Studie im Jahr 1964 bereits hohe Ansprüche an die Dokumentation erfüllte und bis heute in dieser Hinsicht Vorbild für modernes Datenmanagement sein kann, blieb eine Arbeit mit den unerschlossenen Akten und vor allem Interviews bisher mühselig und im Einzelnen kaum zitierfähig. Die mehrstündigen Interviews waren lediglich mit einer Proband/innennummer und einem Datum versehen und konnten nur über den Abgleich mit den Versuchsleitermitschriften effektiver genutzt werden. Mittlerweile stehen eine Erschließung nach Testverfahren, Proband/innen sowie eine erste Verschlagwortung aller Akten und Tondokumente zur Verfügung. Sie erleichtern das Auffinden geeigneter Archivalien und Tonpassagen erheblich und machen den gesamten Bestand in vielfältiger Hinsicht durchsuchbar. Möglich wurde dies über eine Kollationierung des gesamten Bestandes von circa 40 Regalmetern und die systematische Verzeichnung und Beschreibung aller acht Untersuchungswellen sowie sämtlicher psychologischer Tests, medizinischer Untersuchungen und Interviews. Dabei orientierte sich das Projekt an internationalen Standards zur Beschreibung von sozialwissenschaftlichen Forschungsdaten. Die Erschließung der Studie erfolgte beispielsweise gemäß dem Standard DDI.48 Vor allem jedoch standen neben den zunächst eher gerontologischen, medizinischen und sozialpsychologischen Fragen nun Aspekte der zeitgeschichtlichen, sprachwissenschaftlichen und allgemein geisteswissenschaftlichen Erschließung im Mittelpunkt, um zusätzliche Einstiegspunkte zur BOLSA zu schaffen. Mit über 3.000 Schlagworten können sich Forscher/innen zukünftig vorab über die Studie informieren und sie somit disziplinenübergreifend nutzen.

Die Bereitstellung der BOLSA für weitere trans- und interdisziplinäre Arbeiten ist nicht nur ein wichtiger Baustein für die zeithistorische Forschung. Sie ist zugleich ein Pilotprojekt für den Umgang mit Forschungsdaten in den Geschichtswissenschaften und somit einer geisteswissenschaftlichen Disziplin, in der das Forschungsdatenmanagement bisher noch kaum Tradition besitzt. Dabei erwies sich die BOLSA schon durch ihren enormen Umfang und ihre Komplexität als Herausforderung für neu entwickelte Repositorien und Datenmodellierung. Fachspezifische Standards der Oral History und kontrollierte Vokabularien für eine gezielte Erschließung nach geschichtswissenschaftlichen Kriterien standen weitgehend nicht zur Verfügung. Diese zu entwickeln konnte auch nicht Ziel des Digitalisierungsprojektes sein. Noch vor wenigen Jahren war es schwierig, Drittmittelgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) überhaupt von der Bedeutung solcher Quellen und der Notwendigkeit ihrer langfristigen Archivierung zu überzeugen; eine stets kostenintensive Erschließung lag erst recht in weiter Ferne.49 Nicht zuletzt durch die Aufbereitung der BOLSA gelang es, die zeithistorische Zunft für die Bedeutung von Forschungsdaten erheblich zu sensibilisieren. Mittlerweile sind multimodale Dokumente sogar Ziel einer spezifischen Drittmittelausschreibung gewesen.50

Dem Projekt zur BOLSA blieb »nur« eine Orientierung an Standards der Bibliotheken und Sozialwissenschaften. So entstand ein umfassendes Anonymisierungs- und Pseudonymisierungskonzept für Interviews. Zudem wurde die noch in der Entwicklung befindliche »Ontologie historischer, deutschsprachiger Amts- und Berufsbezeichnungen (OhdAB)« des Historischen Datenzentrums Sachsen-Anhalt auf die BOLSA angewandt. Anknüpfend an die Methoden und Verfahren der modernen »Klassi­fikation der Berufe 2010« werden damit für historische Standes- und Berufsbezeichnungen taxonomische Einordnungen und Vergleichsperspektiven im historischen Längsschnitt entwickelt.51 So können die Berufsangaben der BOLSA-Proband/innen nun adäquat anonymisiert und zugleich systematisch mit passenden internationalen Bezugssystemen verschiedener Berufsklassifikationen verglichen werden.

Wichtig war darüber hinaus vor allem die Erzeugung von Datenstrukturen, die sich formal in größere Metadatenbestände der Hosting-Dienste (DataCite, Dublin Core, DDI, DDC) einpassen und die Integration in übergreifende Recherche-Instrumente ermöglichen. Dies ist ein erheblicher Mehrwert. Für eine Tiefenerschließung und weitere wissenschaftliche Nutzung bleiben die für eine Klassifikation gedruckter Werke geschaffenen Arbeitsmittel jedoch zwangsläufig zu unspezifisch. Im Ansatz der Dewey Decimal Classification (DDC) sind bereits Begrifflichkeiten wie »Oral History« oder »Zeitgeschichte« nicht zu finden, ebensowenig wie die Kurztitel bestimmter psychologischer Tests der BOLSA, beispielsweise der »Bergius-Schreiner-Zukunfts­erleben«-Test.

Zur Sacherschließung findet die Gemeinsame Normdatei (GND) Anwendung, in der viele dieser Normbegriffe vorhanden sind. Dabei erfolgt die Zuordnung des Begriffes »Oral History« zum Oberbegriff »Tradition« sowie zur Systematik »Quellen und Historische Hilfswissenschaften«. Das ist zwar nicht verkehrt, doch wäre die inhaltliche Verknüpfung mit der Zeit- bzw. Alltagsgeschichte oder den Methoden der Geschichtswissenschaften wohl passfähiger. Auch das erwähnte Testverfahren nach Bergius-Schreiner wird in der GND berücksichtigt und als Normbegriff »Zukunftserleben« im Bereich der experimentellen Psychologie korrekt ausgewiesen. Allerdings wird das Schlagwort im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek gerade nicht mit den Schriften von Rudolf Bergius oder Manfred Schreiner verknüpft,52 sondern mit drei neueren Publikationen aus dem Bereich der Pädagogik und Psychologie. Die maschinellen Formen der Erschließung ordnen zwei weitere Titel zu, einer davon mit dem Titel »Die Bankfiliale der Zukunft als Erlebniswelt«.

Künftig wird die GND auch zur ontologischen Erschließung von Wissen im Semantic Web benutzt. Wie passfähig die neuen Wissensstrukturen inhaltliche Zusammenhänge abbilden und welchen Knowledge Graph Algorithmen finden, hängt wesentlich von den fachspezifischen Bemühungen der Geschichtswissenschaft selbst ab, eigene Daten mit Normdaten zu verzahnen und Systeme fachspezifisch auszubauen. Wie bringen Historiker/innen ihre Erkenntnisse und Ordnungskategorien in den neugestalteten Prozess der Wissensproduktion ein? Für die Geschichtswissenschaft der nächsten Jahre wird es ein wichtiges Ziel sein, parallel zu innovativen linguistischen Erschließungsmitteln und Analyseformen53 neue Wege der digitalen Arbeit und Kooperation zu gehen. So ist der Forschungsverbund der Germanistik heute in der Lage, Wortarten in modernen und historischen Texten relativ sicher automatisiert zu identifizieren. Bei der inhaltlichen Erschließung von Texten – etwa nach zeit-, emotions-, ereignis- oder tätigkeitsspezifischen Fragen – ist die historisch arbeitende Community noch nicht so weit. Dies wäre aber durchaus möglich, wenn der Aufbau gemeinsamer Normdaten mit einer Kooperation von Gedächtnisinstitutionen und Wissenschaften auch in der Geschichtswissenschaft intensiv vorangetrieben würde und sich die Fachdisziplin auf übergreifende Ziele und zentrale Standards einigte.54

Für die BOLSA ist mit relativ begrenzten Ressourcen ein individuelles, kontrolliertes Vokabular entstanden, das für den weiteren Ausbau von Infrastrukturen der Oral History als Basis dienen könnte – im Rahmen von NFDI4Memory oder anderen fachwissenschaftlichen Dienstleistern. Aufgrund der bisherigen Vorarbeiten ist das Portal bestens dazu geeignet, in Zukunft weitere Quellenbestände aufzunehmen. Die Digitalisierung und Ersterschließung der BOLSA ist damit zugleich ein Baustein für neue geschichtswissenschaftliche Wege durch transparentes, nachnutzbares Forschungsdatenmanagement.


Anmerkungen:

1 Vgl. Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903–1989, Bonn 1996, 5. Aufl. 2011; Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002, 3., durchgesehene u. aktualisierte Aufl. 2015; Felix Römer, Kameraden. Die Wehrmacht von innen, München 2012; Christina von Hodenberg, Zur Generation der 45er. Stärken und Schwächen eines Deutungsmusters, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 70 (2020) H. 4-5, S. 4-9; Werner Bührer, Alte und neue Deutungskämpfe um ›1968‹, in: Neue Politische Literatur 64 (2019), S. 3-25.

2 Christina Benninghaus, Das Geschlecht der Generation. Zum Zusammenhang von Generationalität und Männlichkeit um 1930, in: Ulrike Jureit/Michael Wildt (Hg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 127-158.

3 Zahlen für Bundesrepublik (1970) und DDR (1971) in Thomas Rahlf, Deutschland in Daten. Zeitreihen zur Historischen Statistik, Bonn 2015, S. 32. West-Berliner Zahlen (1969) in Nicole Kramer, Der Wert der Pflege. Die Ökonomisierung der Sorgearbeit und der Wohlfahrtsmarkt der Möglichkeiten, in: Rüdiger Graf (Hg.), Ökonomisierung. Debatten und Praktiken in der Zeitgeschichte, Göttingen 2019, S. 383-412, hier S. 386.

4 »Alte« werden hier, den zeitgenössischen Sozialwissenschaften folgend, mit über 60-Jährigen gleichgesetzt, obwohl viele Statistiken die Grenze mit dem 65. Lebensjahr ziehen. Vgl. Tina Denninger u.a., Leben im Ruhestand. Zur Neuverhandlung des Alters in der Aktivgesellschaft, Bielefeld 2014.

5 Alfred C. Mierzejewski, A History of the German Public Pension System, New York 2016; Cornelius Torp, Challenges of Aging. Pensions, Retirement and Generational Justice, Houndmills 2015; ders., Gerechtigkeit im Wohlfahrtsstaat. Alter und Alterssicherung in Deutschland und Großbritannien von 1945 bis heute, Göttingen 2015; Hans Günter Hockerts, Wie die Rente steigen lernte. Die Rentenreform 1957, in: ders., Der deutsche Sozialstaat. Entfaltung und Gefährdung seit 1945, Göttingen 2011, S. 71-85.

6 Domenica Tölle, Altern in Deutschland 1815–1933. Eine Kulturgeschichte, Grafschaft 1996; Gerd Göckenjan, Das Alter würdigen. Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters, Frankfurt a.M. 2000; Christoph Conrad, Vom Greis zum Rentner. Der Strukturwandel des Alters in Deutschland von 1830 bis 1930, Göttingen 1994.

7 Nina Grabe, Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und »heimatloser Ausländer« in Westdeutschland 1950–1975, Stuttgart 2020; Kramer, Wert der Pflege (Anm. 3). Anm. der Red.: Siehe auch Nicole Kramers Beitrag in diesem Heft.

8 Kramer, Wert der Pflege (Anm. 3), S. 385.

9 Vgl. Peter Laslett, Das dritte Alter. Historische Soziologie des Alterns, Weinheim 1995. Erste Ansätze zu einer Zeitgeschichte alter Menschen sind: James Chappel, Old Volk. Aging in 1950s Germany, East and West, in: Journal of Modern History 90 (2018), S. 792-833; Benjamin Möckel, »Nutzlose Volksgenossen«? Der Arbeitseinsatz alter Menschen im Nationalsozialismus, Berlin 2010; Nicole Kramer, Alter(n) als Thema der Zeitgeschichte. Einleitung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 10 (2013), S. 455-463.

10 Leonie Treber, Mythos Trümmerfrauen. Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes, Essen 2014.

11 Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 783-820 und S. 835-867, bes. S. 786, S. 814f., S. 819.

12 Arthur Marwick, The Sixties. Cultural Revolution in Britain, France, Italy, and the United States, ca. 1958 – ca. 1974, Oxford 1998.

13 Tony Judt, Postwar. A History of Europe since 1945, London 2005, erwähnt Ältere entweder nur als Bremse der von den Jüngeren vorangetriebenen Entwicklung (vgl. S. 352f., S. 391f.) oder als Rentenempfänger, die die Volkswirtschaften belasteten (vgl. S. 73, S. 535f., S. 791f.).

14 Dort gibt es Unterkapitel zu Jugendkultur, Teenagern und Gammlern, der Studentenbewegung und Jugendfürsorge, Kinderläden und Kinderkultur, jedoch keine entsprechenden Abschnitte zur Altenpolitik, Rentnern oder den Konsum- und Kulturvorlieben der Älteren. Axel Schildt/Detlef Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart, München 2009.

15 Vgl. Hartmut Kaelble, Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, München 2007, Kapitel 3 und 5; Lutz Raphael, Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Berlin 2019, Kapitel 4 und 6.

16 So etwa Kaelble, Sozialgeschichte (Anm. 15), S. 94, S. 111, vgl. S. 34.

17 Frank Trentmann, Empire of Things. How We Became a World of Consumers, from the Fifteenth Century to the Twenty-First, New York 2016, S. 499, S. 506, S. 517.

18 Vgl. Denninger u.a., Leben im Ruhestand (Anm. 4), S. 83.

19 Mehrere Studien hält das Datenarchiv für Sozialwissenschaften der GESIS bereit, neben anderen: DIVO, Frankfurt (1959). Situation alter Menschen in Nordrhein-Westfalen (Privathaushalte), in: GESIS Datenarchiv, Köln 2010, ZA0151 Datenfile Version 1.0.0, <https://doi.org/10.4232/1.0151>; Internationales Institut für Empirische Sozialökonomie (inifes), Stadtbergen (1986). Ältere Augsburger (Privathaushalte), in: GESIS Datenarchiv, Köln 2010, ZA1483 Datenfile Version 1.0.0, <https://doi.org/10.4232/1.1483>.

20 Elisabeth Noelle/Erich Peter Neumann (Hg.), Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1958–1964/1965–1967/
1968–1973, 3 Bde., Allensbach 1965/67/74.

21 Die Interviews sind seither punktuell wiederverwertet worden und liegen im Archiv »Deutsches Gedächtnis« an der FernUniversität in Hagen. Zum Sample vgl. Lutz Niethammer (Hg.), Hinterher merkt man, daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist. Nachkriegs-Erfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin 1983, S. 8, S. 18, S. 272. Vgl. Vera Neumann, Nicht der Rede wert. Die Privatisierung der Kriegsfolgen in der frühen Bundesrepublik, Münster 1999.

22 Die Teilnehmer/innen kamen aus dem Raum Bonn, Duisburg, Heidelberg, Frankfurt a.M., Wuppertal, Iserlohn, Oberhausen, Siegburg und Mannheim. Anfängliche Rekrutierungsschwierigkeiten führten dazu, dass die Geburtsjahre zwischen 1888 und 1908 rangieren. Vgl. Maria M.T. Renner, Strukturen sozialer Teilhabe im höheren Lebensalter mit besonderer Berücksichtigung der sozialen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der erweiterten Kernfamilie, Bonn 1969, S. 34-50.

23 Die aufwendige Wiederaufbereitung und Fehlerkontrolle des Datensatzes aus den 1980er-Jahren übernahm seit 2014 dankenswerterweise Dr. Christoph Rott, Gerontologe an der Universität Heidelberg und ehemaliger BOLSA-Mitarbeiter.

24 Das Vorbild waren die bis 1928 zurückreichenden »Berkeley Longitudinal Studies« von Jean W. Macfarlane und Harold E. Jones. Hans Thomae, Gerontologische Längsschnittstudien: Ziele, Möglichkeiten, Grenzen, in: ders./Ursula Lehr (Hg.), Formen seelischen Alterns. Ergebnisse der Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie (BOLSA), Stuttgart 1987, S. 3-5.

25 Heute sucht man etwa anhand von Sprache und Redefluss älterer Menschen nach Markern von Alzheimer und anderen Erkrankungen. Vgl. Anne Gerstenberg, Generation und Sprachprofile im höheren Lebensalter. Untersuchungen zum Französischen auf der Basis eines Korpus biographischer Interviews, Frankfurt a.M. 2011.

26 Christina von Hodenberg befragte seit 2014 die folgenden Teammitglieder: Prof. Dr. Ursula Lehr, Prof. Dr. Georg Rudinger, Prof. Dr. Norbert Erlemeier, Dr. Ingrid Tismer und Dr. Helga Merker. Vgl. Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018, S. 15-17, S. 198, S. 229.

27 Grundlegend: Hans Thomae, Das Individuum und seine Welt. Eine Persönlichkeitstheorie, Göttingen 1968; Lehr/Thomae, Formen seelischen Alterns (Anm. 24); Hans Thomae, Alternsstile und Altersschicksale. Ein Beitrag zur differentiellen Gerontologie, Bern 1983; Ursula Lehr, Psychologie des Alterns, Heidelberg 1972, 11., korrigierte Aufl. Wiebelsheim 2007. Vgl. auch Denninger u.a., Leben im Ruhestand (Anm. 4), S. 78-82; Hodenberg, Achtundsechzig (Anm. 26).

28 Zur fachlichen Einordnung der BOLSA vgl. Insa Fooken, Die Bonner Gerontologische Studie des Alterns (BOLSA). Ausgangspunkt einer Differentiellen Gerontologie, in: Fred Karl (Hg.), Sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie. Alter und Altern als gesellschaftliches Problem und individuelles Thema, Weinheim 2003, S. 251-260; Andreas Kruse/Reinhard Schmitz-Scherzer (Hg.), Psychologie der Lebensalter, Darmstadt 1995.

29 Eine Liste der Publikationen zur Studie findet sich in Lehr/Thomae, Formen seelischen Alterns (Anm. 24), S. 287-295, und in der neueren, digital zugänglichen Zotero-Bibliographie, die über das Rechercheportal zur BOLSA abgerufen werden kann: <https://bolsa.uni-halle.de>.

30 Hodenberg, Achtundsechzig (Anm. 26), S. 68-70, S. 87-91.

31 Ursula von Langermann und Erlencamp, Reaktionsformen auf Belastungssituationen bei älteren Menschen. Eine Analyse der Daseinstechniken, Bonn 1970, S. 25; Thomae, Das Individuum (Anm. 27), S. 99, S. 106, S. 173, S. 245.

32 Renner, Strukturen sozialer Teilhabe (Anm. 22), S. 103f., S. 106, S. 177.

33 Gesamtdatensatz der BOLSA (SPSS), Heidelberg/Halle 2020, in: Digitalisierung der Bonner Gerontologischen Längsschnittstudie (BOLSA), hg. vom Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt, Halle 2020, <http://dx.doi.org/10.25673/32306>, Variable v198_t1 Citizenrolle: Aktivität, N=221. Vgl. v198_t3 (N=187), v198_t5 (N=123) und v198_t7 (N=52). v1020_t4 (N=148) zeigt, dass die Aktivität bei 134 Befragten gleich blieb und nur bei je sieben ab- bzw. zunahm. Allein im hohen, »vierten« Lebensalter sank die Aktivität etwas (v1020_t7, N=52).

34 Ebd., v40_t1 Tageszeitung (N=215).

35 Ebd., v206_t1 Zeitung (N=209); v210_t1 Illustrierte (N=167); v215_t1 Radio (N=198).

36 Gabriel A. Almond/Sidney Verba, The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton 1963, S. 312f.: »Awareness of politics and political activity, though substantive, tend to be passive and formal. Voting is frequent, but more informal means of political involvement, particularly political discussion and the forming of political groups, are more limited.«

37 Der Bundeswahlleiter, Ergebnisse früherer Bundestagswahlen, Berlin 2018, S. 106.

38 Vgl. Matthias Metje, Wählerschaft und Sozialstruktur im Generationswechsel. Eine Generationsanalyse des Wahlverhaltens bei Bundestagswahlen, Wiesbaden 1994.

39 Chi-Quadrat-Test Gesamtdatensatz (Anm. 33): v198_t1 verkreuzt mit v22_t1 Flüchtlingsstatus (N=211), v36_t1 SES Gesamtrating (N=220), v10_t1 Konfession (N=219). Beim Chi-Quadrat-Test handelt es sich um einen statistischen Häufigkeitsvergleich von zwei entweder kategorisierten oder dichotomen Variablen. Dabei wird der sogenannte p-Wert ermittelt, der zwischen null und eins liegen kann. Je weiter p gegen null tendiert, desto stärker fällt der statistische Zusammenhang aus. Von Signifikanz wird erst ab einem Wert kleiner als 0,05 gesprochen, von starker Signifikanz ab einem Wert kleiner als 0,01.

40 Ebd., v198_t1 verkreuzt mit v33_t1 Letzter Beruf (N=218; 5 und mehr auf einer Aktivitätsskala von 0 bis 8).

41 Ebd., v198_t1 verkreuzt mit v8_t1 Geschlecht (N=221) ergibt nach Chi-Quadrat keine signifikanten Unterschiede. Vgl. Karl-Georg Tismer u.a., Psychosoziale Aspekte der Situation älterer Menschen, Stuttgart 1975, S. 86.

42 Gesamtdatensatz (Anm. 33): v198_t3 verkreuzt mit eigener Auswertung aller Probandenakten 1601–1659, 1701–1759, Durchgang 3 (N=91). Es wurde auf die männlichen Probanden eingegrenzt, da diese in der lebensgeschichtlichen Befragung die Themen Parteigenossenschaft, Kriegsdienst und Entnazifizierung kaum vermeiden konnten.

43 Interview Hermann Demmer, BLSA_E_16125_A_01, Bonn 1972, in: BOLSA (Anm. 33), hier: 01.10.00 bis 01.11.50.

44 Ebd. sowie Hermann Demmer, 3. Welle, 014 – Exploration II, Bonn 1967/68, in: BOLSA (Anm. 33), <http://dx.doi.org/10.25673/14660>; Zugang über <https://bolsa.uni-halle.de/suche/#/app>.

45 Karl Wichmann, 1. Welle: 013 – Exploration I, Bonn 1965/66, in: BOLSA (Anm. 33), <http://dx.doi.org/10.25673/23596>; ders., 1. Welle: 014 – Exploration II, in: ebd., <http://dx.doi.org/10.25673/23595>; ders., 3. Welle: 014 – Exploration II, Bonn 1967/68, in: ebd., <http://dx.doi.org/10.25673/23626>; letztes Zitat nach Renner, Strukturen sozialer Teilhabe (Anm. 22), S. 104.

46 Zit. nach ebd., S. 200-210, S. 104.

47 Die Nutzung der Daten kann bei Vorliegen wissenschaftlicher Forschungsinteressen beim Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt beantragt werden. Nutzer/innen müssen einen Datenschutzvertrag abschließen, der den Umgang mit den Daten sowie die Möglichkeiten der Auswertung und Veröffentlichung regelt.

48 Die Data Documentation Initiative (DDI) ist ein internationaler Metadatenstandard zur Erschließung soziologischer Surveys.

49 Seit April 2020 fördert die DFG jedoch die zweijährige Machbarkeitsstudie »Sozialdaten als Quellen der Zeitgeschichte. Erstellung eines Rahmenkonzepts für eine Forschungsdateninfrastruktur in der zeithistorischen Forschung« unter Leitung von Kerstin Brückweh, Christina von Hodenberg, Lutz Raphael, Sabine Reh und Pascal Siegers.

51 Ontologie historischer, deutschsprachiger Amts- und Berufsbezeichnungen (OhdAB), hg. vom Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt, Halle 2020.

52 Rudolf Bergius, Formen des Zukunftserlebens. Eine experimentelle Untersuchung zur Motivations- und Denkpsychologie, München 1957; Manfred Schreiner, Zur zukunftsbezogenen Zeitperspektive älterer Menschen, Bonn 1969.

53 Henning Lobin/Roman Schneider/Andreas Witt (Hg.), Digitale Infrastrukturen für die germanistische Forschung, Berlin 2018.

54 Katrin Moeller, Standards für die Geschichtswissenschaft! Zu differenzierten Funktionen von Normdaten, Standards und Klassifikationen für die Geisteswissenschaften am Beispiel von Berufsklassifikationen, in: Jana Kittelmann/Anne Purschwitz (Hg.), Aufklärungsforschung digital. Konzepte, Methoden, Perspektiven, Halle 2019, S. 17-43, hier S. 34-36.

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