2/2019: Zeitgeschichte des Rechts

Aufsätze | Articles

Anhand einer Anwaltsgruppe um Kurt Rosenfeld und Theodor Liebknecht wird gezeigt, wie sozialistische Anwälte Gerichtsverfahren sowie deren öffentliche Wahrnehmung mitprägten und im Sinne der eigenen politischen Bewegung nutzbar machen konnten. Wie setzten sie juristische Verfahrensmöglichkeiten für weitergehende Ziele ein? Nach Hinweisen zu den Ursprüngen dieses Anwaltstypus und den biographischen Hintergründen der Anwälte fokussiert der Beitrag das Fallbeispiel der Berliner »Spartakusprozesse«. In diesen Verfahren gegen (angebliche) Beteiligte am Januar­aufstand 1919 klagten die untersuchten Anwälte die Rechtsprechung, die neue Regierung und die bewaffnete Macht an. Schon hier stellten sie die für die Weimarer Republik zentralen Fragen nach der Legitimität und Legalität der Regierung sowie nach einer alternativen Ordnung. Deutlich wird ferner der besondere Resonanzraum für politische Strafverteidigung in Umbruchszeiten und für Anwälte, die zugleich als Politiker öffentlichkeitswirksam arbeiteten. Sozialistische Anwälte können folglich nicht auf die Rolle von Kronzeugen gegen die einseitige Justiz der Weimarer Republik reduziert werden, sondern sie waren selbstbewusste Akteure, die zur Debatte um den rechtlichen und politischen Charakter der neuen Ordnung wesentlich beitrugen.

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The Fight for a Just Order. Socialist Lawyers between Late Imperial Germany and the ›Second Revolution‹ in 1919

With particular reference to a group of defence lawyers around Kurt Rosenfeld and Theodor Liebknecht, the article demonstrates how socialist lawyers shaped court proceedings as well as their public perception and were able to harness them for the purposes of their own political movement. How did they utilise legal procedures for broader objectives? After providing some information on the origin of this type of lawyer and the biographical backgrounds of those involved, the article focuses on the trials following the ›Spartacist Revolt‹. During these trials of (alleged) participants in the January uprising of 1919, the above-mentioned group of defence lawyers accused the judiciary, the new government and the armed forces. They were already posing questions here that were crucial for the Weimar Republic, concerning the legitimacy and legality of the government and about an alternative political order. Furthermore, the special scope of impact of political criminal defence in times of upheaval and of lawyers working also as politicians in a high-visibility capacity becomes apparent. Socialist lawyers can therefore not be reduced to their role as principal witnesses against the biased judicial system of the Weimar Republic. They were self-aware protagonists making a significant contribution to the debate on the legal and political character of the new order.

Im März 1933 überfiel die SA das Amts- und Landgericht in Breslau. Jüdische Richter und Anwälte wurden, zum Teil unter schweren Misshandlungen, aus dem Gebäude getrieben und in den nächsten Tagen an der Ausübung ihrer Berufe gehindert. Die Justiz reagierte, indem sie ein sogenanntes Justitium verhängte: Für die Dauer von fünf Tagen wurden alle Termine abgesagt und alle Verfahren ausgesetzt. Im Rückblick stilisierten Zeitzeugen dieses Ereignis zum Streik. Der Beitrag skizziert zunächst die jahrhundertelange Rechtsgeschichte des Justitiums, das sich noch heute in der Zivilprozessordnung findet. Untersucht werden dann die näheren Umstände und Folgen der Breslauer Vorgänge von 1933. Dabei zeigt sich, dass der »Stillstand der Rechtspflege« tatsächlich kein Akt des Widerstandes gegen äußere Repression ist, sondern vielmehr ein juristischer Selbstbetrug: Auf die Gefahr von Rechtlosigkeit antwortet das Recht einfach mit dem Rekurs auf vorhandenes juristisches Vokabular, um eigene Handlungsfähigkeit zu suggerieren und selbst rohe Gewalt als Rechtszustand zu definieren.

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The Self-Empowerment of Law: Breslau 1933. On the ›Standstill in the Administration of Justice‹ in Contemporary Legal History

In March 1933 the SA raided the Local Court and the District Court in Breslau. Jewish judges and lawyers were driven out of the building, some of them brutally mistreated, and prevented from exercising their professions over the next few days. The judiciary responded by imposing a ›Justitium‹: all appointments were cancelled for a period of five days and all proceedings were suspended. In retrospect, contemporary witnesses portrayed this event as a strike. The article begins by outlining the centuries-old legal history of the Justitium, which can still be found today in the Code of Civil Procedure. The specific circumstances and consequences of the events in Breslau in 1933 will then be examined. It becomes apparent that the ›standstill in the administration of justice‹ is in fact not an act of resistance against external repression, but rather a form of legal self-delusion: At the risk of lawlessness, the law simply responds with recourse to existing legal vocabulary in order to give the impression of its own capacity to act and to define even brute force as a state of law.

Ernst Fraenkels Buch »Der Doppelstaat«, 1941 in den USA erschienen und erst 1974 auf Deutsch publiziert, weist trotz seiner zentralen Stellung in der Forschung zur NS-Herrschaft eine lückenhafte Rezeptionsgeschichte auf. Der Aufsatz plädiert dafür, das Werk als Rechtsgeschichte zu verstehen. Am Beispiel des Arbeitsrechts wird aus einer praxeologischen, Fraenkel folgenden Perspektive deutlich gemacht, wie und warum sich die Grenzen zwischen Normen- und Maßnahmenstaat verschoben. Diese Kategorien bezeichnen nicht etwa den Gegensatz zwischen Staat und Partei; vielmehr ist genauer nach dynamischen Grenzüberschreitungen und Rechtsaneignungen zu fragen. Dargelegt wird, wie das privatrechtliche Gepräge des Arbeitsrechts staatlich durchdrungen wurde, sodass sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer von Subjekten zu Objekten des Rechts der Arbeit wandelten. Möglich wurde dies nur durch das maßnahmenstaatliche Handeln sämtlicher Instanzen aus Verwaltung, Justiz und Polizei. »Treuhänder der Arbeit« und Gestapo dehnten das System der »Arbeitserziehungslager« immer weiter aus. Das Recht verlor sukzessive seine herrschaftsbeschränkende Funktion und geriet zu einem Herrschaftsmittel. Nicht mehr die Gerichte kontrollierten die Verwaltung, sondern die Behörden lenkten die Gerichts- und Rechtspraktiken.

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Fraenkel’s Dual State – A History of Law. Labour Law and Politics during the Nazi Dictatorship

Despite its central relevance for our understanding of the Nazi regime, Ernst Fraenkel’s book The Dual State, first published in the United States in 1941 and (re)translated into German in 1974, has received unequal attention from various historical angles. The article argues that Fraenkel’s work should be understood as a history of law. With a focus on labour law and using a praxeological approach that follows Fraenkel’s perspective, it illustrates how and why the boundaries between the normative state and the prerogative state shifted. However, we should not regard Fraenkel’s categories as describing a strict opposition between state and party; rather, we must investigate more thoroughly the dynamics and appropriations beyond these boundaries. The article shows how the state penetrated the private realm of labour law, thereby transforming employers and employees from subjects to objects of labour law. This was only possible because all entities – including administrative, judicial and police authorities – acted together. ›Trustees of Labour‹ and the Gestapo continued to expand the system of ›corrective labour camps‹. As a consequence, the law gradually ceased to limit those in power and became instead an instrument of domination. In the end, the courts no longer controlled the administration; it was now the authorities that controlled the judicial and legal practices.

Der Aufsatz analysiert die Kontakte zwischen der Hauptkommission zur Erforschung der deutschen bzw. »hitleristischen« Verbrechen in Polen und der bundesdeutschen Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Welche Dynamiken und Problemfelder entwickelte eine solche Kooperation vor dem Hintergrund des Kalten Krieges? Ein Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem jeweiligen Verständnis von Recht und den praktischen Herausforderungen. Da zwischen Polen und der Bundesrepublik bis 1970/72 keine direkten diplomatischen Beziehungen bestanden, war schon die Frage heikel, was »Rechtshilfe« bedeuten konnte. Der Dialog bewegte sich zwischen Kooperationswillen und beidseitiger Frustration, die aus konträren gesellschaftspolitischen und juristischen Voraussetzungen resultierte. Die polnische Hauptkommission war bereits 1945 gegründet worden, die Ludwigsburger Zentralstelle erst 1958. Für die justizielle Aufarbeitung der NS-Verbrechen im bilateralen Kontext bedurfte es mühevoller Verhandlungen. Vielfach berührten sie die Ebene der politischen Emotionen; dies zeigte sich etwa im situativ variierenden Gebrauch der deutschen Sprache durch die polnischen Vertreter. Die Intensität der Kommunikation über das Recht war bemerkenswert, auch jenseits der konkreten Ergebnisse für die Strafverfolgung.

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Common or Separate Paths? Contacts between Poland and West Germany for the Judicial Punishment of National Socialist Crimes until the early 1970

The article analyses the contacts between the Main Commission for the Investigation of German/Hitlerite Crimes in Poland and the West German Central Office of the State Justice Administration for the Investigation of National Socialist Crimes. What kind of dynamics and problems resulted from this cooperation within the context of the Cold War? The study focuses on the understanding of law on both sides and the practical challenges this involved. Because there were no direct diplomatic relations between Poland and the Federal Republic of Germany until 1970/1972, even the question of what ›mutual assistance in law enforcement‹ (Rechtshilfe) could involve was a delicate one. The dialogue ranged from a willingness to cooperate to mutual exasperation. The latter resulted from conflicting sociopolitical and judicial conditions. The Polish Main Commission had been established in 1945, the West German Central Office followed only in 1958. The judicial punishment of National Socialist Crimes within a bilateral context required arduous negotiations. They often came up against political emotions, resulting for instance in a varying usage of the German language by the Polish representatives, depending on the situation. The intensity of communication about the law was remarkable, even beyond the actual results of the criminal prosecution.

Debatte | Debate

Quellen | Sources

  • Marcus M. Payk

    Die Urschrift

    Zur Originalurkunde des Versailler Vertrages von 1919

  • Kathrin Kollmeier

    Das Nansen-Zertifikat

    Ein ambivalentes Schlüsseldokument des ersten internationalen Flüchtlingsregimes

  • Julia Eichenberg

    London Calling

    Adressbücher des britischen Exils im Zweiten Weltkrieg

  • Kim Christian Priemel

    Stimmen im Kopf

    Mithören und Mitmachen in den Nürnberger Prozessen (1945–1949)

Besprechungen | Reviews

Neu gelesen

  • Lawrence Douglas

    Eyes Scratched In

    Reflections on The Bramble Bush by Karl Llewellyn (1930)

  • Achim Landwehr

    Zeitbindungen

    Niklas Luhmanns »Das Recht der Gesellschaft« (1993)

Neu gesehen

  • Mala Loth

    Liebling der Anwälte

    Manfred Krug und die Menschlichkeit des Rechts

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