Nachruf auf | Obituary for Axel Schildt (1951–2019)

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Anmerkungen

May your hands always be busy,
May your feet always be swift,

May you have a strong foundation,
When the winds of changes shift.

Bob Dylan, Forever Young, 1973/74

 

Als wir Axel Schildt im Mai 2003 fragten, ob er bereit sei, sich als Mitglied eines Beirats am Aufbau einer neuen, »hybriden« Fachzeitschrift zu beteiligen – die anfangs noch keinen Titel und keine Autoren hatte –, sagte er spontan zu. In den folgenden Jahren war er trotz all seiner sonstigen Verpflichtungen ein verlässlicher Begleiter, der fundierte Kritik äußerte, aber aus einer zutiefst menschenfreundlichen Haltung heraus auch immer wieder Rückhalt und Zuspruch gab. Durch seine medien-, sozial- und ideenhistorischen Interessen hatte er einen klaren Blick für die Möglichkeiten und Funktionen von Zeitschriften. In einem unpubliziert gebliebenen Vortrag bei einer Tagung des Deutschen Literaturarchivs Marbach im November 2016 charakterisierte er Zeitschriften als »politisch-kulturelles Magnetfeld«, als »intellektuellen Gesellungszusammenhang«. Die Geschichte von Zeitschriften könne »als Schlüssel für eine medial umfassende Intellectual History genutzt werden«. Zwar bezog sich dies im engeren Sinne auf die bemerkenswerte »Sonderkonjunktur für Zeitschriften in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg«, den kurzen »Zeitschriftenfrühling« vor der Währungsreform, doch interessierten ihn dabei ausdrücklich auch »längere Kontinuitätslinien« des Mediums.1 Vor diesem Hintergrund war es konsequent, dass er sich als Autor und Berater an verschiedenen Zeitschriften selbst beteiligte – mit der ihm eigenen Kombination aus breitem Überblick, genauer Beobachtung und wohltuendem Pragmatismus.

Für das Profil der »Zeithistorischen Forschungen« und für ihre Etablierung war Axel Schildt weitaus wichtiger, als seine zwei kleinen, geschliffen formulierten Beiträge in der Rubrik »Neu gelesen« es zunächst vermuten lassen.2 Sein klares Gespür für die Relevanz und Aktualität von Themen, für originelle Perspektiven und für vielversprechende Autor/innen war oftmals eine wichtige Hilfe. Auch wenn er seine eigenen Schwerpunkte vornehmlich und mit Leidenschaft in der deutschen Geschichte sah, verfolgte er Forschungstrends und Debatten mit einem sehr breiten Horizont – ein Anspruch, den er ebenso an andere richtete. Als Gutachter konnte er durchaus scharfzüngig sein, wenn es darum ging, elementare Qualitätsansprüche zu verteidigen. So schrieb er im Sommer 2018: »Mein Gutachten […] anhängend, leider keine positiv stimmende Lektüre. Ich glaube, ich muss heute noch einen Krimi lesen.« Nicht zufällig verweisen alle Nachrufe auf seinen Humor, auf seine ironische Schlagfertigkeit.3 Axel Schildt nahm den Wissenschaftsbetrieb ernst, aber nicht zu ernst; das unterschied ihn von manchen anderen Vertretern des Fachs und machte ihn zum Vorbild gerade auch für viele Jüngere.

Als Axel Schildt im September 2018 einen etwas schwierigen Text für unsere Zeitschrift kommentierte, fügte er seiner Kritik hinzu: »Ich wünsche Ihnen eine weise Redaktionsarbeit.« Nun ist dieser Wunsch viel zu früh zum Vermächtnis geworden.

Jan-Holger Kirsch im Namen der Redaktion und der Herausgeber

Anmerkungen:

1 Axel Schildt, Konjunkturen, Krisen, Programmatiken: Deutsche Zeitschriften nach dem Zweiten Weltkrieg. Vortrag bei der Tagung »Die Zeitschrift. Sinn, Form, Konjunktur«, 17./18.11.2016 in Marbach; siehe dazu den Bericht unter <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6922>.

2 Ders., Zur Durchsetzung einer Apologie. Hermann Lübbes Vortrag zum 50. Jahrestag des 30. Januar 1933, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 10 (2013), S. 148-152; ders., Zwischen Hoffen und Bangen. Südafrika im Blick westdeutscher Intellektueller der 1960er-Jahre, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 13 (2016), S. 360-364.

3 Siehe u.a. Martin Sabrow, Die Jahre, die er kannte. Zum Tode des Hamburger Zeithistorikers Axel Schildt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.4.2019; Norbert Frei, Moderne Zeiten. Ein großer Verlust: Zum Tod des Historikers Axel Schildt, in: Süddeutsche Zeitung, 10.4.2019; Kirsten Heinsohn, Der etwas andere Intellektuelle. Axel Schildt (1951–2019), in: H-Soz-Kult, 12.4.2019; Marianne Zepp/Christoph Becker-Schaum/Roman Schmidt, Nachruf auf Axel Schildt (1951–2019), 12.4.2019, URL: <https://www.boell.de/de/2019/04/12/nachruf-auf-axel-schildt>.

 

Obituary for Axel Schildt

Notes

May your hands always be busy,
May your feet always be swift,

May you have a strong foundation,
When the winds of changes shift.

Bob Dylan, Forever Young, 1973/74

 

When we asked Axel Schildt in May 2003 whether he would be prepared to help as a board member with the creation of a new ›hybrid‹ history journal – which did not yet have a name or any authors – he immediately agreed. Over the following years, and despite all his other obligations, he was a dependable partner, voicing well-founded criticism but also often providing support and encouragement from a naturally warm and charitable disposition. His interests in media history, social history and the history of ideas gave him a keen eye for the possibilities and functions of journals. In an unpublished presentation at a conference of the German Literature Archive in Marbach in November 2016, he described journals as a ›political and cultural magnetic field‹, an ›intellectual fellowship‹. The history of journals, he said, could ›be used as the key to a cross-media intellectual history‹. Though he was referring more narrowly to the remarkable ›boom in journals in the first years following the Second World War‹, the brief ›journal spring‹ before the currency reform, he was also expressly interested in the ›longer-term continuity‹ of the medium.1 Against this background, it was only logical that he was personally involved in a number of journals as author and advisor – with his unique combination of broad perspective, careful observation and healthy pragmatism.

Axel Schildt was far more important for the identity of the Studies in Contemporary History and its realisation than his two short, eloquent articles in the ›Literature Revisited‹ section may at first suggest.2 His clear sense of the relevance and timeliness of topics, of original perspectives and of promising authors was often invaluable. Although German history was his primary and passionate interest, he kept up with a very broad range of research trends and debates – and expected no less of others. He could be a rather acerbic reviewer when it came to upholding fundamental standards of quality. In the summer of 2018, for example, he wrote: ›My review […] is attached, sadly not very heartening reading. I think I’ll have to go and read a thriller.‹ It is no coincidence that all the obituaries mention his sense of humour, his ironic repartee.3 Axel Schildt took academia seriously, but not too seriously; this distinguished him from certain other historians and made him a role model, particularly for many younger scholars.

When Axel Schildt commented on a somewhat difficult text for our journal in September 2018, he added: ›I wish you wisdom in your editorial work.‹ This wish has now become his legacy, much too soon.

Jan-Holger Kirsch on behalf of the editorial team and the editors
(Translated from the German by Joy Titheridge)

Notes:

1 Axel Schildt, Konjunkturen, Krisen, Programmatiken: Deutsche Zeitschriften nach dem Zweiten Weltkrieg. Presentation at the conference ›Die Zeitschrift. Sinn, Form, Konjunktur‹, 17/18 November 2016 in Marbach; see the report at <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6922>.

2 Schildt, Zur Durchsetzung einer Apologie. Hermann Lübbes Vortrag zum 50. Jahrestag des 30. Januar 1933, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 10 (2013), pp. 148-152; Schildt, Zwischen Hoffen und Bangen. Südafrika im Blick westdeutscher Intellektueller der 1960er-Jahre, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 13 (2016), pp. 360-364.

3 See for example Martin Sabrow, Die Jahre, die er kannte. Zum Tode des Hamburger Zeithistorikers Axel Schildt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9 April 2019; Norbert Frei, Moderne Zeiten. Ein großer Verlust: Zum Tod des Historikers Axel Schildt, in: Süddeutsche Zeitung, 10 April 2019; Kirsten Heinsohn, Der etwas andere Intellektuelle. Axel Schildt (1951–2019), in: H-Soz-Kult, 12 April 2019; Marianne Zepp/Christoph Becker-Schaum/Roman Schmidt, Nachruf auf Axel Schildt (1951–2019), 12.4.2019, URL: <https://www.boell.de/de/2019/04/12/nachruf-auf-axel-schildt>.

DOI: 
zzf.dok-1349

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