Einwanderungsmuseen als neue Nationalmuseen

Das Ellis Island Immigration Museum und das Museum „Pier 21“

Anmerkungen

Ellis Island Immigration Museum, New York City, USA, Website: http://www.nps.gov/elis
Pier 21, Halifax, Kanada, Website: http://www.pier21.ca

Das Thema Migration hat auch in der Museumslandschaft Konjunktur.1 Auf Konferenzen werden Formen der Erinnerung von Einwanderung diskutiert,2 Ausstellungen nehmen sich europaweit verstärkt des Themas an,3 und in neugestalteten oder überarbeiteten Dauerausstellungen wird der Komplex zum integralen Bestandteil musealer Präsentationen.4 Neben Migration als Thema für das Museum steht dabei zunehmend die Gründung eigenständiger Institutionen im Raum. Der neuartige Typ Migrationsmuseum soll dabei, seinen Vordenkern gemäß, die übergeordnete Relevanz des Themas signalisieren, einen Erinnerungs- und Repräsentationsort schaffen sowie eine Plattform zur Auseinandersetzung über heutige Einwanderungsgesellschaften bieten. Die Gründung solcher Migrationsmuseen betreiben derzeit Initiativen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich.5

Der Trend zur Musealisierung von Migration beschränkt sich allerdings nicht auf Europa. Im Gegenteil: Während hier die Museumsprojekte noch in der Entstehungsphase sind, sind die traditionellen Einwanderungsgesellschaften der westlichen Hemisphäre dieser Entwicklung um ein gutes Jahrzehnt voraus. Mit dem Ellis Island Immigration Museum in New York City eröffnete im Jahr 1990 weltweit das erste Museum, das ausschließlich der Geschichte der Einwanderung in ein Land gewidmet ist. Gründungen in Australien, Brasilien und Kanada folgten.6

Zwei dieser Einwanderungsmuseen werde ich im Folgenden vorstellen: zum einen das erwähnte Ellis Island Immigration Museum, gleichsam als „Mutter aller Migrationmuseen“, zum anderen das Museum „Pier 21“ in Halifax, Kanada. In der vergleichenden Diskussion von vier neuralgischen Punkten werden sich Varianten der Musealisierung von Migration zeigen, aber auch die Charakteristika und die übergreifende Bedeutung dieses neuen Typs Museum. In den Einwanderungsmuseen, so die These, konstituieren sich neue Nationalmuseen der multikulturellen Gesellschaft.

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1. Das Ellis Island Immigration Museum, New York City

Hauptgebäude der Einwanderer-Kontrollstation auf Ellis Island

Das Hauptgebäude der Einwanderer-Kontrollstation auf Ellis Island wurde im Jahr 1900 fertiggestellt und in den 1980er-Jahren aufwändig renoviert.
(Foto: Joachim Baur)

 

Dieses Museum, eröffnet im Jahr 1990, ist das größte Einwanderungsmuseum weltweit. Auf einer Insel in unmittelbarer Nähe der Freiheitsstatue erstreckt es sich über eine Ausstellungsfläche von ca. 9.000 qm. Im Jahr 2004 wurde es von mehr als 3,6 Millionen Besuchern besichtigt, im Wesentlichen Schulklassen aus dem Großraum New York sowie Touristen aus dem In- und Ausland.7

Die aktive Zeit Ellis Islands als Einwanderer-Kontrollstation, die 1892 begann, endete im Jahr 1954. 1965 wurde die Insel mit ihren über 30 Gebäuden - nach kontroversen Diskussionen um ihre zukünftige Nutzung - zum Nationalpark erklärt und dem Statue of Liberty National Monument administrativ zugeordnet. Die Verwaltung obliegt seither dem National Park Service, einer nachgeordneten Behörde des amerikanischen Innenministeriums. Die Initiative zur Renovierung der Gebäude und der Einrichtung eines Museums entwickelte sich allerdings erst knapp 20 Jahre später im Umfeld der Planungen zu den 100-jährigen Jubiläen der Freiheitsstatue und Ellis Islands in den Jahren 1986 bzw. 1992. Zur Vorbereitung der großangelegten Feierlichkeiten ernannte US-Präsident Ronald Reagan 1982 eine eigene Kommission und setzte Lee Iacocca, den populären Vorstandsvorsitzenden von Chrysler, an die Spitze. Unter dessen Ägide wurde in der Folge eine überaus erfolgreiche Fundraising-Kampagne gestartet, die insgesamt über 350 Millionen US-Dollar von Privatpersonen und Unternehmen sammelte, davon ca. 150 Millionen für Ellis Island. Sowohl in finanz- wie auch in geschichtspolitischer Hinsicht war die Initiative damit symptomatisch für die Agenda der Reagan-Administration: Zum einen war Ellis Island ganz im Zeichen neoliberaler Ausgabenpolitik das erste staatliche Museumsprojekt in den USA, das ohne Einsatz öffentlicher Gelder realisiert wurde.8 Zum anderen sollte es - zumindest in Reagans und Iacoccas Lesart - an den Stolz inzwischen etablierter Einwanderer europäischer Herkunft appellieren, die nicht zuletzt als „ethnic vote“ an Einfluss gewonnen hatten, und gleichzeitig Ansprüche an die neueren Einwanderer aus dem Süden formulieren, sich nach dem (angeblichen) Beispiel der Ellis Island-Einwanderer schnell und problemlos zu integrieren. Schließlich wurde das Statue of Liberty/Ellis Island-Projekt von manchen Beobachtern als Beitrag zur Überwindung des Vietnam-Syndroms und einem erneuerten Patriotismus gesehen. Die Ausgestaltung des Museums wurde vom National Park Service unter maßgeblicher Beteiligung der privaten Firma MetaForm, Inc. und einem Beirat aus renommierten MigrationshistorikerInnen entwickelt.
 

Die mächtige 'Registry Hall' bildet das atmosphärische Kernstück des Museums.

Die mächtige „Registry Hall“ bildet das atmosphärische Kernstück des Museums.
(Foto: Joachim Baur)

Im Museum wird im Wesentlichen die Geschichte Ellis Islands und der Einwanderung im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert thematisiert. Fünf unabhängige Ausstellungen gruppieren sich auf drei Stockwerken um die prächtige „Registry Hall“, in der einst die Personalien der Ankommenden geprüft wurden: „Through America’s Gate“ zeichnet den Weg der Migranten durch Ellis Island nach, von der bürokratischen und medizinischen Kontrolle bis zum Kauf der Fahrkarten für die Weiterreise. „Peak Immigration Years“ beschreibt die größeren Dimensionen der Einwanderung, vom Verlassen der Heimat bis zur Ankunft in der amerikanischen Gesellschaft, und skizziert die wechselnden Politiken und Haltungen gegenüber Neuankömmlingen in der Zeit von 1880 bis 1924. „Treasures from Home“ versammelt eine große Anzahl von Objekten, die Immigranten mit sich brachten, von Geburtsurkunden über Gebetbücher bis zu Musikinstrumenten und Trachten. „The Peopling of America“ behandelt anhand von Statistiken und dreidimensionalen Grafiken die lange Geschichte der Einwanderung in die USA und schlägt dabei den Bogen von der Situation vor der Kolonisierung Amerikas über die Zwangsmigration afrikanischer Sklaven und die großen Wellen im 19. und 20. Jahrhundert bis heute. „Ellis Island Stories“ schließlich zeigt die wechselnde Nutzung der Insel vor und ihren sukzessiven Ausbau während der Zeit als Einwanderer-Kontrollstation, die Jahre des Verfalls und die Renovierung. In allen fünf Ausstellungen dominieren historische Fotografien, ergänzt um alltägliche Objekte und Oral-History-Interviews an Hörstationen.
 

Die Installation im Eingangsbereich des Museums soll die Situation im ehemaligen 'Baggage Room' nachempfinden lassen.

Die Installation im Eingangsbereich des Museums soll die Situation im ehemaligen „Baggage Room“ nachempfinden lassen.
(Foto: Joachim Baur)

populäre 'American Immigrant Wall of Honor'

Die populäre „American Immigrant Wall of Honor“ neben dem Hauptgebäude wurde vor allem aus Fundraising-Erwägungen konzipiert. Bereits über 600.000 Personen haben für einen Beitrag von 100 US-Dollar den Namen ihrer Familie oder eines Vorfahren eingravieren lassen.
(Foto: Joachim Baur)

2. Pier 21, Halifax, Nova Scotia

„Canada’s Immigration Museum“, wie es sich im Untertitel selbstbewusst nennt, wurde am 1. Juli 1999 eröffnet. Ähnlich wie das Ellis Island Immigration Museum befindet es sich im Gebäude einer ehemaligen Einwanderer-Kontrollstation, allerdings nicht auf einer Insel, sondern am südlichen Ende des Hafens von Halifax, zwischen Eisenbahngleisen und Industrieanlagen. Das „Ellis Island Kanadas“, wie es von Kommentatoren und Machern gern genannt wird, ist größenmäßig mit seinem berühmten Vorbild allerdings kaum zu vergleichen: Die Ausstellungsfläche beträgt ca. 900 qm, die Besucherzahlen lagen seit der Eröffnung konstant um die 50.000 pro Jahr.9

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Der industrielle Zweckbau von Pier 21 fügt sich nahtlos in die Hafenarchitektur von Halifax.

Der industrielle Zweckbau von Pier 21 fügt sich nahtlos in die Hafenarchitektur von Halifax.
(Foto: Joachim Baur)

Pier 21 war von 1928 bis 1971 mit einer Million Einwanderern die größte „immigration station“ Kanadas, und im Zweiten Weltkrieg liefen von hier die kanadischen Truppen zum Einsatz in Europa aus. Nach der Schließung wurde das Gebäude einige Jahre als Lagerhalle, später für Künstlerateliers genutzt. Auf Initiative des ehemaligen Direktors der Einwanderungsbehörde Nova Scotias, der 1942 als Soldat durch Pier 21 kam, gründete sich im Jahr 1988 die private „Pier 21 Society“ mit dem Ziel, das Gebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen und ein Museum einzurichten. Der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Realisierung des Projekts erfolgte 1995 am Rande des G7-Gipfels in Halifax: Der kanadische Premierminister Jean Chrétien sagte dem Projekt 4,5 Millionen Dollar aus öffentlichen Mitteln zu - mit der Auflage, weitere 4,5 Millionen von Privatleuten und Unternehmen einzuwerben. Die folgende Fundraising-Kampagne war erfolgreich, und das Museum wird seither als private Non-Profit-Organisation geführt.

Nach den Worten seiner langjährigen Vorsitzenden Ruth Goldbloom ist Pier 21 „a living centre, not a museum“10 - eine Charakterisierung, die mehr über die ablehnende Haltung der Macher gegenüber dem Begriff „Museum“ sagt als über den spezifischen Charakter der Institution. Denn abgesehen vom 3-D-Film „Oceans of Hope“ sind die Präsentationen konventionell, basierend auf Texten, Fotografien, Objekten sowie einer Vielzahl an Oral-History-Interviews.

Die Inszenierung eines Wartesaals steht im Zentrum der Ausstellung.

Die Inszenierung eines Wartesaals steht im Zentrum der Ausstellung von Pier 21. Im Hintergrund ist ein stilisierter Ozeandampfer zu sehen, dessen „Rumpf“ als Kino fungiert.
(Foto: Joachim Baur)

Blick in die Ausstellung.

Blick in die Ausstellung. Im Hintergrund links ist der inszenierte Kamin eines Ozeandampfers zu sehen.
(Foto: Joachim Baur)

Die Dauerausstellung „The Immigration Experience“ verfolgt in einem losen Parcours anhand mehrerer Stationen den Weg der Einwanderer während der aktiven Zeit von Pier 21: „Leaving“, „Travelling“, „Waiting“, „Customs“, „First Steps“, „Cross-Country“. Die Gestaltung ist von drei auffälligen Elementen in Form von kulissenartigen Inszenierungen geprägt: dem Schiff, sinnbildlich für die Reise nach Kanada, dem Zug, für die Reise durch Kanada, und schließlich dem Gebäude selbst, auf das im Zentrum der Ausstellung mit einem Modell und einem nachgebauten Wartesaal verwiesen ist. Eine Seitengalerie thematisiert Auslaufen und Rückkehr der kanadischen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Die Texte und Veröffentlichungen des Museums sind im Ton auffällig euphorisch; sie spiegeln ein Verständnis von Einwanderung als „the heartbeat and the pulse of what we’re all about“.11 Ganz in diesem Sinne strebt das Museum eine baldige inhaltliche Expansion an, um jenseits des Blicks auf die Jahre 1928-1971 die gesamte Geschichte der Einwanderung nach Kanada zu thematisieren - und „to include a broader story of nation-building“.12

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3. Charakteristika der Musealisierung von Migration

3.1. „Immigration Experience“ als Leitperspektive. Beide Museen wählen als grundlegenden Zugang zum Thema die Perspektive der Einwanderer, zeigen dabei allerdings graduelle Unterschiede. Im Museum „Pier 21“ strukturiert die Orientierung an der „Immigration Experience“ das Narrativ der Ausstellung im Ganzen ebenso wie die Texte einzelner Labels. Ein Überblickstext lautet hier etwa: „You sat on wooden benches waiting to see the Canadian immigration officer. It could take hours before your turn came. [...] Had you made the right decision? Would everything be alright? What lay ahead?“ Auch über die Gestaltung - eine Einheit wird etwa im Innern eines Zugabteils gezeigt - wird versucht, die Besucher vollständig in die Rolle der Einwanderer zu versetzen. Im Ellis Island Immigration Museum variiert die Erzählperspektive stärker - nicht zuletzt aufgrund der Verschiedenheit der fünf Ausstellungen: Zwei von ihnen orientieren sich eher an einem Makro-Blick auf die Geschichte der Insel bzw. auf demographische Entwicklungen. Die zweite Person Singular wird im gesamten Museum vermieden und eine simulierende Inszenierung nur im Eingangsbereich in Form einer Installation aus Hunderten von Koffern eingesetzt. Die beiden zentralen Ausstellungen zum formalen Kontrollprozess und dem weiteren historischen Kontext folgen in ihrer Grundstruktur allerdings dem Erleben der Migranten - im ersteren Fall gar präsentiert in den originalen Inspektionsräumen. Die empfohlene Route durch das Museum als Ganzes ist explizit dem Weg der Migranten durch das Gebäude nachempfunden, so dass auch hier eine Strategie der Empathie dominiert. Bemerkenswert an dieser Perspektive auf die Erfahrungen der Immigranten ist, dass die Rolle bürokratischer Strukturen und wechselnder Politiken gegenüber Einwanderern weitgehend aus dem Blick gerät.

3.2. Die Ordnung der Migranten. Wenn, wie gesehen, in beiden Museen die Einwanderer selbst die Protagonisten der Erzählung sind, so lohnt sich eine genauere Betrachtung, wie diese Akteure konzipiert werden. In beiden Präsentationen stehen die einfachen, anonymen Migranten im Mittelpunkt, und dieser Fokus auf die Vielen wird explizit einer Perspektive auf wenige berühmte Einwanderer entgegengesetzt. Interessanter als diese Gemeinsamkeit ist allerdings die Differenz im Hinblick auf die Kategorien, die eingeführt werden, um zwischen der Ebene der Einzelpersonen und der Gesamtheit der Einwanderer zu vermitteln, und die gleichsam alternative „Ordnungen der Migranten“ in den beiden Museen etablieren. Das Ellis Island Immigration Museum stellt nationale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit in den Mittelpunkt. Eine Galerie zeitgenössischer Porträts im zweiten Stock des Museums etwa weist die Abgebildeten aus als „Ruthenian Immigrant“, „Italian Immigrants“, „Armenian Jew“ usw., und auch die Beschriftung von Objekten folgt diesem Muster. Das Museum „Pier 21“ dagegen sortiert seine Einwanderer entlang historisch-inhaltlicher Kriterien. Der Text der einschlägigen Abteilung, überschrieben „People“, führt aus: „A million arrived here: immigrants, refugees, displaced people, war brides, evacuee and home children.“ In den folgenden Hörstationen werden jeweils Einwanderer verschiedener Herkunft unter diesen Sammelbezeichnungen zusammengefasst.

3.3. Migration vs. kulturelle Identität13 - Migration vs. Mobilität. Im Ellis Island Immigration Museum tritt die Thematisierung kultureller Identität stärker in den Vordergrund. Dabei bemüht es sich allerdings in seinem Selbstverständnis und in der Gesamtkonzeption seiner Ausstellungen, nicht als Museum ethnischer Gruppen wahrgenommen zu werden. Jenseits der Anerkennung unterschiedlicher kultureller Identitäten stellt es eine universale Erfahrung der Migration in den Mittelpunkt; nachhaltige Differenzen oder potenzielle Konflikte zwischen den Gruppen werden dadurch integriert. Auch das Museum „Pier 21“ betont eine universale Komponente der Einwanderung und grenzt sich gegen eine Präsentation starker Gruppenidentitäten ab. Gleichsam zur anderen Seite hin steht hier aber auch die auffällige Konturierung des Phänomens gegen eine alternative Fassung von Migration im Paradigma der Mobilität. Durch die ikonische Einführung des Schiffes und des Zuges hebt „Pier 21“ zunächst den Aspekt der Mobilität hervor. Im Zentrum der Präsentation - sowohl räumlich als auch dramaturgisch - steht mit der Inszenierung eines Wartesaals und dem Schreibtisch eines Grenzbeamten allerdings der bürokratische Akt der Einwanderung. Der Grenzübertritt wird darin zum Höhepunkt, Wendepunkt und eigentlichen Ausdruck der Migration stilisiert, womit die Geschichte letztlich entlang nationaler Parameter vermessen und eingerahmt wird. Auf Ellis Island bleibt der Aspekt Mobilität insgesamt weitgehend im Hintergrund, die Frage nach einer alternativen Konzeptualisierung ist so von vornherein negativ entschieden.

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3.4. „Gateways“ - Zur Verortung der Migration. Die Zuspitzung von Migrationsgeschichte auf den Akt der Einwanderung, der letztlich den Kern der Präsentationen in beiden Museen ausmacht, ergibt sich bereits aus der Wahl der Orte. Äußerlich könnten die Differenzen dabei kaum größer sein: hier ein imposantes Gebäude in prächtiger Beaux-Arts-Architektur, gelegen in symbolisch verdichteter und touristisch durchgestylter Landschaft, dort ein schlichter industrieller Zweckbau inmitten postindustriellen Brachlands. Ähnlich hingegen ist die historische Funktion dieser beiden Gebäude, und praktisch identisch ist der Stellenwert, der ihnen im musealen Narrativ zugewiesen wird: „Front Door/Gateway to America/Canada“ - so oder so ähnlich lauten die Charakterisierungen in der Rhetorik der Präsentationen. Was sich darin zeigt, ist nicht nur eine metaphorische Überformung, sondern die interpretatorische Verkehrung von bürokratischen Einrichtungen der Grenzregimes in Orte, an denen die Einwanderer willkommengeheißen wurden. Der politische Akt der Einwandererkontrolle und -selektion wird damit gleichsam von den Füßen auf den Kopf gestellt, und es wird ein positiver Ort des gemeinsamen Ursprungs konstruiert.

4. Ellis Island und Pier 21:
Einwanderungsmuseen als neue Nationalmuseen

Trotz einer Reihe von Unterschieden sind das Ellis Island Immigration Museum und das Museum „Pier 21“ in der Grundstruktur ihrer Präsentation von Einwanderungsgeschichte sehr ähnlich. Als entscheidende Charakteristika erscheinen dabei der Fokus auf die Perspektive der einfachen Immigranten und deren empathische Ausfüllung, die Konturierung von Einwanderung als eigenständigem Phänomen mit der Betonung seines universalen Aspekts in Abgrenzung zu Thematisierungen starker Gruppendifferenz und seines nationalen Aspekts in Abgrenzung zu Narrativen allgemeiner Mobilität sowie schließlich die Verortung in ehemaligen „immigration stations“ mit den skizzierten Implikationen.

Dieser Befund ist nicht verwunderlich, wenn man die zweifellos beträchtlichen Transfers von Ellis Island als Vorläufer- und Vorbildinstitution zum Museum „Pier 21“ in Betracht zieht. Darüber hinaus sind diese strukturellen Ähnlichkeiten aber Ausdruck tiefergehender Parallelen im Selbstverständnis der Museen: Beide arbeiten an der Konstruktion und Etablierung von Migration als nationalem „master narrative“. Einwanderung wird als die positive gemeinsame und gemeinschaftsstiftende Erfahrung präsentiert. Dabei geht es dezidiert nicht um die Konstruktion kultureller Homogenität, um die Schaffung von Anglo- oder sonstiger Konformität; die Verschiedenheit von Individuen und Gruppen wird durchaus anerkannt und prominent hervorgehoben. Doch die potenziell zentrifugalen Tendenzen multikultureller Gesellschaften werden in dieser Meistererzählung eingerahmt, entschärft und integriert.14 Es ist solche Arbeit an den „master narratives“ der Nation, die die Besonderheit und Bedeutung dieses Typs Museum begründet und es über die lange Reihe der Spartenmuseen (wie Industriemuseen oder Spielzeugmuseen) hinaushebt. In den Immigrationsmuseen konstituieren sich neue Leitmuseen oder, wenn man so will, Nationalmuseen der multikulturellen Gesellschaft.15

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Interessanterweise scheinen die verschiedenen kulturellen Kontexte der USA und Kanadas für die Ausgestaltung der Museen keine prägende Rolle gespielt zu haben; auch Differenzen in der offiziellen Haltung zum Konzept des Multikulturalismus lassen sich jenseits der begrifflichen Ebene nicht erkennen.16 Der Bezug auf den amerikanischen bzw. kanadischen Kontext ist jeweils explizit, doch in seinem Gehalt so ähnlich, dass die Bezeichnungen „USA/Kanada“ in den Präsentationen nahezu austauschbar erscheinen, auch und gerade im Hinblick auf die Einzigartigkeit, die aus dem Charakter als „nation of immigrants“ abgeleitet wird. Das mag an der vergleichsweise ähnlichen Geschichte Kanadas und der USA liegen, vielleicht aber auch ein Hinweis sein auf die potenzielle Universalisierbarkeit des Konzepts des Einwanderungsmuseums als Nationalmuseum.

Inwieweit ein Transfer dieses Konzepts nach Europa möglich ist, scheint zunächst fraglich: Zu verschieden sind die Geschichten der Migration, zu verschieden die Konzeptionen nationaler Identität, zu verschieden auch - ganz praktisch - die Orte, die sich für derartige Museen anbieten.17 Andererseits muss es sich hierbei nicht um prinzipielle Differenzen handeln, und die Möglichkeit phasenverschobener Angleichung ist nicht auszuschließen. Nur soviel ist sicher: Einwanderungsmuseen wird es in den nächsten Jahren auch in Europa geben. Ob sie einen ähnlichen Charakter und Stellenwert für die nationale Erzählung wie die skizzierten haben können (oder sollen), wird abzuwarten und zu diskutieren sein.

Anmerkungen:

1 Ich betrachte im Folgenden nur die Musealisierung von Immigration. Das Thema Emigration ist ebenfalls hochaktuell, wie die Eröffnung des Deutschen Auswandererhauses Bremerhaven am 8.8.2005 zeigt (http://www.dah-bremerhaven.de).

2 Vgl. Henrike Hampe (Hg.), Migration und Museum. Neue Ansätze in der Museumspraxis. 16. Tagung der Arbeitsgruppe für Sachkulturforschung und Museum in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Münster 2005; Tagung „Commemorating Migrants and Migrations. Towards New Interpretations of European History“, November 2004, Deutsches Historisches Institut Paris, siehe den Bericht von Jenny Pleinen: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=619.

3 Als Beispiel sei nur die Kooperation von sieben europäischen Museen im Projekt „Migration, Work and Identity“ (1999-2003) genannt (vgl. Dagmar Neuland-Kitzerow, „Diese Fremden sind von hier“. Innensichten auf das EU-Projekt „Migration, Work and Identity“, in: Hampe, Migration [Anm. 2], S. 54-64). Gegenwärtig wird in Köln die Ausstellung „Projekt Migration“ gezeigt (1.10.2005 - 15.1.2006) sowie in Berlin die Ausstellung „Zuwanderungsland Deutschland: Migrationen 1500-2005“ (22.10.2005 - 12.2.2006). Auf die verschüttete Tradition von Migrationsausstellungen in Deutschland verweist Aytaç Eryilmaz, Deutschland braucht ein Migrationsmuseum. Plädoyer für einen Paradigmenwechsel in der Kulturpolitik, in: Jan Motte/Rainer Ohliger (Hg.), Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik, Essen 2004, S. 305-319, hier S. 312ff.

4 Vgl. etwa die 2002 eröffnete Dauerausstellung im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart (Haus der Geschichte Baden-Württemberg [Hg.], Landesgeschichten. Der deutsche Südwesten von 1790 bis heute, Stuttgart 2002, S. 438-467) oder die Planungen für die neue Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum, Berlin.

5 Vgl. für Deutschland: http://www.migrationsmuseum.de; für die Schweiz: [...] [Anm. der Red.: Link nicht mehr verfügbar]; für Frankreich: http://www.histoire-immigration.fr. Die Überlegungen zur Initiierung eines europäischen Migrationsmuseums sind demgegenüber (aus pragmatischen Erwägungen) wieder in den Hintergrund getreten. Zur Vision vgl. Rainer Ohliger, Towards a European Migration Museum. Europeanising Immigration History. Vortrag auf der „Conference on Migration, Work and Identity“, Kopenhagen, 22.-23.11.2001.

6 In Australien gibt es das Immigration Museum in Melbourne (http://immigration.museum.vic.gov.au) und das Migration Museum in Adelaide (http://www.history.sa.gov.au/migration/migration.htm). Für Brasilien vgl. http://www.memorialdoimigrante.sp.gov.br. In den USA sind momentan weitere drei Immigrationsmuseen in der Entwicklung: das Immigration Museum of the New Americans in San Diego, Kalifornien (http://www.newamericansmuseum.org), das Pacific Coast Immigration Museum in San Francisco, Kalifornien (http://www.pacificcoastimmigrationmuseum.org), und das Paso Al Norte Museum in El Paso, Texas. Darüber hinaus sollen die bislang wenig bekannten Ausstellungen und Programme in der ehemaligen Einwanderer-Kontrollstation auf Angel Island in der San Francisco Bay stark ausgebaut werden. Ein Museum, das Migrationsgeschichte mit der Geschichte von Wohn- und Arbeitsverhältnissen verbindet, ist das Lower East Side Tenement Museum in New York City (http://www.tenement.org).

7 Als kritische Besprechungen des Museums vgl. Luke Desforges/Joanne Maddern, Front Doors to Freedom, Portal to the Past. History at the Ellis Island Immigration Museum, New York, in: Social and Cultural Geography 5 (2004), S. 437-457; Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Destination Culture. Tourism, Museums, and Heritage, Berkeley 1998, S. 177-187; Judith Smith, Celebrating Immigration History at Ellis Island. Exhibition Review, in: American Quarterly 44 (1992) H. 1, S. 82-100; Mike Wallace, Mickey Mouse history and other essays on American memory, Philadelphia 1996, S. 55-73; Gisela Welz, Inszenierungen kultureller Vielfalt. Frankfurt am Main und New York City, Berlin 1996, S. 170-188.

8 Für Details der Entstehungsgeschichte vgl. F. Ross Holland, Idealists, Scoundrels, and the Lady. An Insider’s View of the Statue of Liberty-Ellis Island Project, Urbana 1993.

9 Für eine knappe Besprechung vgl. Renée Lafferty, Pier 21, Halifax, Nova Scotia, in: Canadian Historical Review 82 (2001) H. 1, S. 172ff.

10 Zit. nach Sid Adelman, „Gateway to Canada“ becoming a museum, in: The Toronto Star, 8.12.1998, S. F8.

11 Ruth Goldbloom, zit. nach ebd.

12 Pier 21, PR-Material.

13 Mit dem Begriff „kulturelle Identität“ für „ethnicity“ folge ich den Vorschlägen von Gisela Welz, Multikulturelle Diskurse. Differenzerfahrung als ethnologischer und gesellschaftlicher Topos in Deutschland und den USA, in: Amerikastudien/American Studies 38 (1993), S. 265-272, hier S. 267.

14 Die Nutzung der Orte für eine möglichst umfassende nationale Erzählung wird allerdings zum Problem, wenn nur bestimmte Segmente der (Einwanderer-)Gesellschaft mit dem spezifischen Ort historisch in Verbindung gebracht werden können. Auf Ellis Island und Pier 21 wird deshalb versucht, auch „andere“ Migrationsgeschichten ins Haus und damit ins Narrativ zu holen.

15 Dabei scheint es, als ob sich das Phänomen der Einwanderung nicht nur deshalb als verbindendes Element eignet, weil es (anscheinend) gemeinsame Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt, sondern auch deshalb, weil es keinen bestimmten „Inhalt“ in sich trägt. Ohne die Bindung an spezifische Werte, Traditionen oder eine Kultur kann diese Erzählung Gemeinschaft stiften und Differenzen integrieren, ohne ein eigenes kulturelles „Wesen“ zu proklamieren. Zum Nationalmuseum im Allgemeinen und der Suche nach seiner Definition bzw. seinem Ort in der (post)modernen Gesellschaft im Besonderen vgl. Marie-Louise von Plessen (Hg.), Die Nation und ihre Museen, Frankfurt a.M. 1992.

16 Im Museum „Pier 21“ ist der Begriff des „multiculturalism“ (gemäß der offiziellen kanadischen Politik seit 1971) omnipräsent, auf Ellis Island dagegen wird von „multiethnic/-racial“ geredet.

17 Die Cité Nationale de l’Histoire de l’Immigration, die 2007 in Paris eröffnet werden soll, wird mit dem Palais de la Porte Dorée etwa das Gebäude des ehemaligen französischen Kolonialmuseums nutzen und damit bereits im Ort einen ganz eigenen Blick auf Migrationsgeschichte provozieren.

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