3/2013: Zeitgeschichte der Vorsorge

  • Gesundheit erhalten, Gesellschaft gestalten
    Konzepte und Praktiken der Vorsorge im 20. Jahrhundert: Eine Einführung

Aufsätze | Articles

Der Beitrag befasst sich mit dem „Peckham-Experiment“, einem Forschungsprojekt, das in den 1930er- und 1940er-Jahren im „Pioneer Health Centre“ (PHC) durchgeführt wurde, einem Freizeit- und Gesundheitszentrum im Londoner Stadtteil Peckham. Im Fokus der Fallstudie steht die Genese neuen präventionsmedizinischen Wissens und neuer vorsorgebezogener Praktiken. Die beteiligten Experten versuchten, das „natürliche“ Potential von Individuen und die sozialen Beziehungen zwischen Familien zu nutzen, um ein gesundheitsförderliches Verhalten zu stimulieren. Das „Peckham-Experiment“ wird im Kontext der britischen wohlfahrtspolitischen Debatten und der biologisch-medizinischen Theorien seiner Gründungszeit analysiert. Gezeigt wird aber auch, dass der neue, stark auf Selbstverantwortung gerichtete Ansatz des PHC sich zudem aus den spezifischen Herausforderungen der „Laborsituation“ ergab, die im Laufe des Experiments zur Revision interventionistischer Vorannahmen führten. Allerdings waren andere Wissenschaftler skeptisch gegenüber den in Peckham gewonnenen Erkenntnissen. Zudem ließ sich das PHC nicht in den neuen „National Health Service“ integrieren. Beides bewirkte 1950 letztlich die Schließung des Centres.
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The article explores the ‘Peckham Experiment’, a research project conducted in a London health and leisure club in the 1930s and 1940s. The ‘Pioneer Health Centre’ (PHC) at Peckham serves as a case study, tracing changes in the practices and knowledge of preventive medicine. In the ‘Peckham Experiment’, experts aimed at tapping the ‘natural’ potential of individuals and the social relations between families for the purposes of health promotion. The article situates the Experiment within the context of British welfare policies and the bio-medical theories of the time. Further, it argues that the hands-off attitude that could be witnessed in Peckham evolved partly out of the challenges of the experimental setting itself, which in the course of the Experiment led to changes in its interventionist presuppositions. But this also made the Experiment vulnerable to criticism by other scientists and incompatible with the new National Health Service, resulting in its closure in 1950.

Der Aufsatz entwirft eine Zeitgeschichte der Vorsorge, die sich für den hygienepolitischen Übergang von Praktiken der Intervention und Krisenbewältigung zu Praktiken der Prävention interessiert. Am Beispiel der Pestvorsorge in der Sowjetunion wird erstens ein Prozess der Institutionalisierung, Professionalisierung und Verwissenschaftlichung dargestellt. Zweitens werden die Eigenheiten des sowjetischen Falls herausgearbeitet. Die dortige Pestbekämpfung war bis in die 1930er-Jahre von Interventionen geprägt, die aus einem Repertoire repressiver, im Kontext der Zwangskollektivierung etablierter Maßnahmen schöpften. Der Umgang mit der Pest war nicht mit Aufklärung verknüpft, sondern mit Geheimhaltung. Die Einrichtung eines Netzwerks wissenschaftlicher Forschungsstätten führte zu einem Wandel im Umgang mit der Seuche. Dies war eingebettet in parallele Diskurse über administrative Grenzen und geographisches Wissen. Der Aufsatz stützt sich auf Quellen aus Staats- und Partei-Archiven in der Russischen Föderation und der Republik Aserbaidschan.

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The paper examines expertise and policy in the field of plague prevention in the Soviet Union from the 1920s to the 1950s. It argues that anti-plague schemes underwent significant transformations during that period due to the gradual development and establishment of new research institutions and practices. During the early years of Bolshevik power, reactive intervention figured as the core strategy in anti-plague policy. In cases of plague epidemics, the state intervened in the daily lives of people using brute methods, similar to those of the forced collectivisation. Military and police forces as well as medical experts played a key role in the early history of anti-plague policy. After World War II, prevention became the strategy of choice. As a network of research institutions developed, new representations of the plague emerged. Plague, which had been considered as an alien disease for a long time, now became acknowledged as an endemic burden. The paper presents sources from state and party archives in Russia and Azerbaijan.

Impfungen sind ein Traum der Moderne: Sie versprechen den Schutz ganzer Gesellschaften. In den beiden deutschen Staaten wurde dieser Schutz mit unterschiedlichen Methoden vorangetrieben – das Mobilisieren von Ängsten, Appelle an die Sorge um das Gemeinwohl oder die Durchsetzung von Impfpflichten sollten die Gesundheit des Einzelnen und den „Herdenschutz“ der Gesellschaft sichern. Der Aufsatz erkundet die deutsch-deutsche Geschichte des Impfens von den 1950er-Jahren bis 1989/90. Im Fokus stehen Aushandlungen von Risiko- und Sicherheitsvorstellungen, Versuche eines „Emotion Management“ sowie Debatten über das Verhältnis zwischen staatlicher Interventionsmacht und staatsbürgerlicher „Mündigkeit“. Anhand der Konflikte zwischen der Bundesrepublik und der DDR wird zudem gezeigt, dass der Wettlauf um die bessere Immunisierung ein Kampf um die bessere soziale Ordnung war. Andererseits wird belegt, dass es auf dem Gebiet der Impfpolitik gerade in den 1980er-Jahren eine wachsende Tendenz zur deutsch-deutschen und internationalen Kooperation gab.
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Vaccinations count among the great dreams of modernity. They promise the protection of entire societies. In both German states, this protection was pushed with different methods – mobilizing fears, appealing to concerns about the common good or enforcing compulsory vaccination were supposed to secure individual as well as public health. The article investigates the history of vaccination in both German states between the 1950s and 1989/90. It focuses on negotiations of risk and safety, attempts at ‘emotion management’ to promote prevention and debates about the relationship between state intervention and civic ‘maturity’. With reference to broader conflicts between the GDR and the FRG, it is also shown that the race for better immunisation was a competition between East and West for the better social state. On the other hand, vaccination politics had increasingly become a field of inner-German and international cooperation by the 1980s.

Eine Geschichte der genetischen Beratung in der Bundesrepublik ist noch nicht geschrieben. Dies ist erstaunlich, lassen sich in der Verbindung von Beratungspraxis und Behinderung, Konzepten und Kritik an der Humangenetik doch grundsätzliche Fragen zum Wandel von Normalitätsvorstellungen, Geschlechterrollen und Gesellschaftsbildern verfolgen. Im Mittelpunkt des Aufsatzes steht ein brisantes Thema: Sterilisationsempfehlungen für geistig behinderte Frauen und Mädchen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren ausgestellt wurden. Am Beispiel einer Hamburger humangenetischen Beratungsstelle betrachtet der Aufsatz das damalige Verhältnis von Genetik, Behinderung, Geschlecht und Vorsorgekonzepten. Die Kritik an der Sterilisationspraxis bildet einen weiteren Schwerpunkt des Beitrags. In den frühen 1980er-Jahren trugen Gegner und Befürworter geschichtspolitisch aufgeladene Kontroversen aus, die neue Blicke auf Behinderung hervorbrachten, zugleich aber auch Ambivalenzen gesellschaftlicher Liberalisierungsprozesse erkennen lassen.

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To this day, there is no comprehensive account of the history of genetic counseling in the FRG. This is surprising, as studying the connections between counseling practice and disability as well as concepts and critique of Human Genetics allows for an investigation of fundamental questions regarding concepts of normality, gender roles and images of society. This article focuses an explosive subject: suggestions made in the 1970s and 1980s to sterilise mentally disabled women and girls. Using the example of a human genetic information centre in Hamburg, the article investigates the relationships between genetics, disability, gender and concepts of prevention. Moreover, it discusses criticism of sterilisation practices. In the early 1980s, advocates and opponents of sterilisation campaigns engaged in heated debates, evoking highly charged political and historical arguments. These controversies generated new perspectives on disability, but also revealed the ambivalence of the process of social liberalisation.

Debatte | Debate

  • Nicole Kramer
    Alter(n) als Thema der Zeitgeschichte
    Einleitung
  • Antje Kampf
    Alter(n), Gender, Körper
    Neue Verbindungen für die zeithistorische Forschung
  • Mayumi Hayashi
    Residential Care for Older People in Contemporary Britain and Japan
    Recent Research Trends and Outcomes

Essays

  • Martin Lengwiler
    Risikowahrnehmung und Zivilisationskritik
    Kulturgeschichtliche Perspektiven auf das Gesundheitswesen der USA

Quellen | Sources

  • Henning Tümmers
    „GIB AIDS KEINE CHANCE“
    Eine Präventionsbotschaft in zwei deutschen Staaten
  • Susanne Roeßiger
    Safer Sex und Solidarität
    Die Sammlung internationaler Aidsplakate im Deutschen Hygiene-Museum

Besprechungen | Reviews

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    Ein Bestseller der Selbstsorge
    Der Ratgeber „Die Frau als Hausärztin“
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