Abstract

Kerstin Brückweh

Die Restitution von Wohneigentum stellte ein großes Konfliktfeld im deutschen Einigungsprozess dar, das zugleich durch eine lange Vorgeschichte geprägt war. Eigentumsideen und -notationsformen aus dem 19. Jahrhundert sowie Praktiken aus der DDR spielten nach 1990 in die Entscheidungen der Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen hinein; sie prägten Erfahrungen und Bewertungen des 1990 eingeführten Prinzips »Rückgabe vor Entschädigung«. Das zugrundeliegende Vermögensgesetz wurde in den 1990er-Jahren modifiziert und berücksichtigte vermehrt DDR-Praktiken. Trotzdem dominieren in den öffentlichen Darstellungen Verlust­erzählungen, vor allem aufgrund der langen Zeit der Unsicherheit bis zur endgültigen Entscheidung. Das für den ersten Teil des Aufsatzes gewählte Beispiel Kleinmachnow, das unmittelbar an das frühere West-Berlin angrenzte, stand in den 1990er-Jahren besonders im Medieninteresse. Unklar blieb aber, welche Aussagekraft es für Ostdeutschland hat. Im zweiten Teil wird deshalb nach dem Typischen dieses Falles gefragt. Zugleich wird dafür auf die besonderen Quellen der Transformationsgeschichte eingegangen: Die Sozialwissenschaften produzierten seit 1990 eine Vielzahl qualitativer und quantitativer Daten, die nun auch der Geschichtswissenschaft als Quellen zur Verfügung stehen. Vor einer Sekundäranalyse müssen sie aber wissensgeschichtlich eingeordnet werden: Die Sozialwissenschaften beobachteten den Transformationsprozess nicht nur, sondern gestalteten ihn mit. Vorgeschlagen wird hier ein integratives Verfahren, um quantitative und qualitative Ergebnisse für die Geschichtswissenschaft zu verbinden und somit zu einem besseren Verständnis der komplexen Transformationsgeschichte zu gelangen.

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Knowledge of Transformation. Housing and Property in the Longue Durée of 1989

The restitution of residential property represented a major conflict in the German unification process, which was also marked by a long history. Notions of property and forms of land registration from the 19th century as well as practices from the GDR played a role in the decision-making process after 1990; they shaped experiences and evaluations of the ›restitution before compensation‹ principle that was introduced in 1990. The underlying property law was modified in the 1990s and increasingly took GDR practices into account. Nevertheless, narratives of loss dominate the public accounts, mainly due to the long period of uncertainty until a decision was finally taken. The municipality of Kleinmachnow was chosen as a case study for the first part of the article. Located at the border to what was formerly West Berlin, it featured prominently in the media in the 1990s. However, its significance for East Germany remained unclear. The second part therefore examines the typical features of this case by using and problematising special sources of transformation history. Since 1990, the social sciences have produced a large amount of qualitative and quantitative data, which is now also available as sources to historians. Before a secondary analysis can be undertaken, they must be classified in terms of the history of knowledge: The social sciences not only observed the transformation process, but also shaped it. An integrative procedure is proposed here in order to combine quantitative and qualitative results for the historical sciences and thus to achieve a better understanding of the complex history of transformation.