3/2011: Internationale Ordnungen und neue Universalismen im 20. Jahrhundert

  • Die Wiederkehr des Internationalen
    Eine einführende Skizze

Aufsätze | Articles

Zu den Voraussetzungen der ‚alten‘ Diplomatie im 19. Jahrhundert gehörte eine gemeinsame, universal verständliche und verlässliche Formen- und Zeichensprache. Durch den Ersten Weltkrieg geriet die Diplomatie in eine Vertrauens- und Legitimationskrise, machte die Öffentlichkeit doch diplomatische Geheimverhandlungen für den Krieg verantwortlich. Der amerikanische Präsident Wilson forderte deshalb eine transparentere New Diplomacy. Das Austarieren von Geheimnis und (Medien-)Öffentlichkeit war nun Teil eines fundamentalen Wandlungsprozesses der ‚alten‘ Diplomatie. Mit kulturgeschichtlichem Zugriff geht der Aufsatz diesem Wandel nach. Untersucht werden die Pariser Friedenskonferenz von 1919 und speziell die beiden Begegnungen zwischen alliierter und deutscher Delegation bei der Übergabe und Unterzeichnung des Friedensvertrags in Versailles. Anhand dieser Szenen wird diskutiert, wie die gemeinsame Sprache zwischen Diplomaten verloren ging, welche langfristigen Faktoren dafür verantwortlich waren und wie der Krieg als Katalysator für tiefgreifende Veränderungen wirkte.

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The ‘old’ diplomacy of the nineteenth century relied on face-to-face-interaction as a universally acknowledged language of diplomacy. This globally accepted character of diplomacy was challenged by the universal experience of crisis, violence, and destruction brought about by the First World War: The public held the ‘old’ European secret diplomacy responsible for the war. Once public trust had been lost, diplomacy fell into a crisis of legitimacy and representation. The public sphere and the media demanded that decision-making processes in diplomacy be visible and transparent – a claim summarised in President Wilson’s emblematic New Diplomacy. Against the backdrop of current debates about a ‘new’ history of diplomacy, this article analyses the Paris Peace Conference of 1919 and especially the two official occasions of direct interaction between the Allied and German delegations at Versailles, where the Paris Peace Treaty was presented and signed. The article looks at the way in which the common language of diplomacy was lost during the course of these negotiations, which long-term factors were responsible for its disappearance, and how the war acted as a catalyst for these fundamental changes.

In Nürnberg formulierten die Alliierten 1945 erstmals das völkerrechtliche Prinzip, dass allgemeine Menschenrechte über nationalem Recht stehen. Damit wurde es möglich, staatlich sanktionierte Verbrechen zu ahnden – in diesem Fall die deutschen Verbrechen der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs. Seit den 1990er-Jahren haben diverse vergleichbare Prozesse stattgefunden, etwa zu den Ereignissen in Jugoslawien, Ruanda und Kambodscha. Dass das Führungspersonal eines Landes für Kriegsverbrechen und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ strafrechtlich belangt werden kann, war im 20. Jahrhundert stark umkämpft und ist bis heute nicht vollständig durchgesetzt. Der Aufsatz stellt die drei wichtigsten Etappen im Überblick dar: die Leipziger Prozesse nach dem Ersten Weltkrieg, die Prozesse von Nürnberg und Tokio nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Debatte um die Entstehung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Strittig war und ist vor allem, inwieweit auch Großmächte wie die USA bereit sind, universellen Menschenrechten und einer supranationalen Autorität gegenüber herkömmlichen nationalen Souveränitätsrechten einen Vorrang einzuräumen.

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In 1945 in Nuremberg, the Allies advocated the new principle that human rights take precedence over national law, according to the idea that states should be held accountable for their deeds by means of justice. In this case, Nazi Germany was to be held responsible for crimes committed during the Second World War. Since the mid-1990s, further trials based on this rule have taken place in Rwanda, Yugoslavia and Cambodia. The trial of state elites for war crimes and ‘crimes against humanity’ in court has been very controversial and is still not accepted in many parts of the world today. This article presents the three main stages leading to transitional justice: first, the failed trials in Leipzig after the First World War; second, the International Military Tribunals in Nuremberg and Tokyo; third, the debate about the ratification of the International Criminal Court in Den Haag and the strong opposition to it in the USA, which has continued since 2002. Criticism focuses on the degree to which states are prepared to hand over parts of their national sovereignty, especially in justice, to supranational organisations.

Im Sommer 1968 wurde der nigerianische Bürgerkrieg durch die Veröffentlichung von Fotos hungernder ‚Biafrakinder‘ zu einem internationalen Medienereignis. Dieser „Bildakt“ bezog einen Teil seiner Wirkungsmacht daraus, dass viele Zeitgenossen die aktuellen Bilder mit Fotografien assoziierten, die während der Befreiung der Konzentrationslager 1945 entstanden waren. Gestützt auf Medienberichte, Publikationen von Aktivisten und Archivmaterial stellt der Aufsatz die Grundzüge der internationalen politischen Kommunikation über Biafra dar und analysiert die Bezüge zur beginnenden kulturellen Erinnerung an den Holocaust. Die Einschreibung Biafras in die Ikonographie des Holocaust ließ eine neuartige Rhetorik des Holocaust-Vergleichs entstehen, durch die sowohl der nigerianische Bürgerkrieg wie auch die Verbrechen des Nationalsozialismus als Genozid sichtbar wurden. Diese Rhetorik erzeugte zwar für kurze Zeit viel Aufmerksamkeit, ging jedoch an der komplexen Realität des Konflikts vorbei. Als sich herausstellte, dass Biafra kein ‚neuer Holocaust‘ war, verloren die Bilder und die dazugehörige Rhetorik des Vergleichs ihre Wirkungsmacht.

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In the summer of 1968, the publication of images of starving ‘Biafran children’ turned the Nigerian Civil War into an international media event. The power of this ‘image act’ was partially fuelled by the fact that many contemporaries associated these images with photographs taken during the liberation of the concentration camps in 1945. This article outlines the international political communication about Biafra and analyses references to the emerging cultural memory of the Holocaust on the basis of media reports, activists’ publications and archival sources. The inscription of Biafra into the iconography of the Holocaust led to the establishment of a new rhetoric of Holocaust comparisons which made both events, the Nigerian Civil War and Nazi crimes, visible as genocide. This rhetoric effectively drew attention to the conflict, but fell short of apprehending its complex reality. When it became clear that Biafra was no ‘new Holocaust’, the power of the images and their accompanying rhetoric waned.

Der Beitrag untersucht die Genese des Weltkultur- und Naturerbes der UNESCO im breiteren Kontext der Auseinandersetzungen um eine Neujustierung der internationalen Ordnung in den 1960er- und 1970er-Jahren. Die politischen Debatten um die Definition und Auswahl eines „Erbes der Menschheit“ dienen als analytische Sonde, um Veränderungen im Verhältnis von Partikularismus und Universalismus auszuloten. Anhand exemplarischer Konfliktfälle wird gezeigt, dass sich das Kultur- und Naturverständnis zwischen 1950 und 1980 gravierend veränderte, so dass zwei konkurrierende Rationalitäten in das Welterbeprogramm eingingen. Zudem werden die Erwartungen analysiert, die sich an die neue Governance-Institution und ihren weltweiten Anspruch richteten. Aus beiden Aspekten lässt sich die ungleiche regionale Verteilung der Welterbestätten und das bis heute unausgewogene Verhältnis von Kultur- und Naturerbestätten erklären. Der Aufsatz leistet damit auch einen Beitrag zur Historischen Semantik der Begriffe „Kultur“, „Natur“ und „Erbe“ im 20. Jahrhundert.
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The origins and development of the World Heritage Convention are closely related to the conflicts which accompanied the revision of the postwar international order in the 1960s and 1970s. This article examines political debates about what constituted the ‘heritage of mankind’ in order to explain the shifting notions of particularism and universalism. Exemplary conflicts show that understandings of the categories ‘culture’ and ‘nature’ changed between 1950 and 1980, as a result of which two different rationalities underpinned the World Heritage Programme. In addition, the article analyses the expectations expressed in anticipation of the worldwide influence which this governance institution was to acquire. These shifting categories and public expectations may explain why the regional allocation of World Heritage Sites and the relation between cultural and natural heritage on the World Heritage List are uneven and inconsistent. The article makes a contribution towards the historical semantics of the concepts of ‘culture’, ‘nature’ and ‘heritage’ in the twentieth century.

Debatte | Debate

Essays

  • Manfred Berg
    Der 11. September 2001 – eine historische Zäsur?

Quellen | Sources

  • Christiane Sibille
    LONSEA – Der Völkerbund in neuer Sicht
    Eine Netzwerkanalyse zur Geschichte internationaler Organisationen

Besprechungen | Reviews

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