Redaktionsempfehlungen zum Jahreswechsel 2025/26

Liebe Leser:innen,

in unserer Redaktion der »Zeithistorischen Forschungen« gibt es ein breites Spektrum fachlicher und persönlicher Interessen, auch über die geschichtswissenschaftlichen Inhalte hinaus. Zur Advents- und Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel möchten wir Sie und Euch gern ein wenig daran teilhaben lassen, welche Bücher, welche Filme, welche Musik etc. einige Redaktionsmitglieder im Jahr 2025 besonders beeindruckt haben. Zugleich wünschen wir erholsame Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2026! Möge es friedlicher und freier, humaner und heller werden.


Christine Bartlitz
Jan-Holger Kirsch
Isabella Löhr
Daniel Morat
Ulrike Schaper


Christine Bartlitz

Hilary Mantel, Wolf Hall, London 2009
(dt.: Wölfe. Aus dem Englischen von Christiane Trabant, Köln 2010);
Hilary Mantel, Bring up the Bodies, London 2012
(dt.: Falken. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Köln 2013);
Hilary Mantel, The Mirror and the Light, London 2020
(dt.: Spiegel und Licht. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Köln 2020).

Wolf Hall (Wölfe), BBC, 2015, zwei Staffeln, bis 20. Februar 2026 in der Arte-Mediathek.

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War Thomas Cromwell ein intriganter Finsterling am Hof Heinrichs des VIII., getrieben von Gier und Macht, oder ein umsichtiger und kluger, loyaler Berater des Königs? Die Trilogie von Hilary Mantel (1951–2022) – für die sie zweimal den Booker Prize erhielt und von Königin Elizabeth II. zur Dame Commander ernannt wurde – wie auch die beiden Staffeln der BBC-Serie plädieren eindeutig für Letzteres. Selten war englische Geschichte so aufregend, sinnlich (auch wenn sie ganz ohne Liebesgeschichte auskommt) und unterhaltsam, was eben auch an dem neuen Blickwinkel liegt – und Lust darauf macht, sich selbst ein (geschichtswissenschaftliches) Urteil zu bilden. Buch und Serie funktionieren im medialen Verbund ganz wunderbar, was ja nicht selbstverständlich ist. Ich habe mich jedenfalls in diesem Jahr mit großem Vergnügen (auch) der englischen Geschichte des 16. Jahrhunderts gewidmet.

Finnish Accordion Concertos, mit Werken von: Aulis Sallinen (geb. 1935), Minna Leinonen (geb. 1977), Veli Kujala (geb. 1976). Mitwirkende: Antti Leinonen, Sonja Vertainen, Janne Valkeajoki, Petteri Waris, Ostrobothnian Chamber Orchestra, Tomas Djupsjöbacka, Alba Records 2024.

Seit langem schon möchte ich Akkordeonspielen lernen. Ich liebe den Klang und habe sogar ein Instrument im Keller stehen, erstanden vor etlichen Jahren von einer Kollegin in einer tschechischen Pfandleihe. Allerdings ist es viel zu groß und viel zu schwer für mich; ich bin über Fingerübungen nie hinausgekommen. Ein geschätzter Kollege hat mir (ohne all das zu wissen) in diesem Jahr ein besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht: eine CD mit Aufnahmen finnischer Akkordeon-Konzerte. Ein Fan des finnischen Tango bin ich schon lange, wusste aber nicht, dass finnische Komponist:innen von Akkordeon-Konzerten mittlerweile zur Avantgarde weltweit gehören und dem Nationalinstrument das Image der gefälligen Volksmusik ausgetrieben haben. Das Akkordeon, bei uns noch immer mit Heimatabenden und Shanty-Chören assoziiert, ist in Finnland Teil einer faszinierenden zeitgenössischen Musik, deren Virtuosität von Klassik und Folk hin zum modernen Klang-Experiment wie etwa zum Akkordeon-Punk reicht.


Jan-Holger Kirsch

Neville Rowley (Hg. für die Staatlichen Museen zu Berlin), Der Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Paul Klee und die Berliner Engel 80 Jahre nach Kriegsende, Heidelberg 2025.

Eine Ausstellung nach dem Ende ihrer Laufzeit zu empfehlen ist nur bedingt hilfreich. Wer sie gesehen hat, erfährt nichts Neues, und wer sie verpasst hat, wird sich womöglich ärgern. Wenn aber eine Begleitpublikation vorliegt – zumal im Open Access –, ist der Hinweis vielleicht doch nützlich. Vom 8. Mai bis zum 13. Juli 2025 zeigte das Berliner Bode-Museum eine kleine, feine Ausstellung mit Paul Klees Aquarell »Angelus Novus« (1920), das Walter Benjamin 1921 gekauft und später in seiner Schrift »Über den Begriff der Geschichte« erwähnt hatte. Sowohl das Bild als auch Benjamins Thesen haben ein ausuferndes Spektrum an Interpretationen hervorgebracht, changierend zwischen eher pessimistischen und eher hoffnungsvollen Betrachtungen. Zum ersten Mal nach 18 Jahren gab es in Berlin nun wieder Gelegenheit, das kleine Bild selbst in Augenschein zu nehmen. Es befindet sich sonst im Israel Museum in Jerusalem und wird nur ganz selten verliehen. Der »Angelus Novus« war im Bode-Museum klug kombiniert mit anderen Engelsdarstellungen, mit Bezügen zur Berliner Geschichte und zum Kriegsende von 1945 – eine historische und zugleich eminent gegenwärtige Ausstellung. Die Begleitbroschüre ist recht schmal (knapp 80 Seiten), bietet aber anregende Einblicke.

Jürgen Teller, Auschwitz Birkenau, Göttingen 2025.

Dieser Bildband, erschienen zum 80. Jahrestag der Befreiung des größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagerkomplexes, hat eine teils ablehnende, mitunter auch etwas hämische Rezeption gefunden. Tellers insgesamt 820 iPhone-Fotos seien »nur mäßig interessant«, hieß es in einer Kritik, während an anderer Stelle doch eher Ästhetisierung befürchtet wurde. Positiv gemeinte Überschriften wie »Starfotograf erkundet die Hölle« sind allerdings nicht weniger irritierend. Fotos vom Dezember 2024 zeigen eben keine »Hölle«, sondern einen mit vielfältigen Deutungen aufgeladenen Ort der Geschichte, des Gedenkens und des Tourismus in seinem heutigen Erscheinungsbild. Der Wert von Tellers seriellen Fotos liegt in dem breiten, wenig vorsortierten, phänomenologischen Zugang. Nach gewissem Zeitabstand werden auch diese Fotos zu Quellen werden, ähnlich wie es etwa Raymond Depardons Auschwitz-Fotos von 1979 geworden sind, die 2025 in Paris ausgestellt waren. Eine Geschichte der fotografischen Dokumentation von Auschwitz nach 1945 – und des Fotografierens in Auschwitz als künstlerischer und alltagskultureller Praxis – muss erst noch geschrieben werden.

Mikis Theodorakis, Private Recordings, Intuition 2025.

Im Juli 2025 wäre Mikis Theodorakis 100 Jahre alt geworden. Dass der griechische Komponist, Schriftsteller und zeitweilige Politiker das hohe Alter von immerhin 96 Jahren erreichte, ist mehr als erstaunlich – während der deutschen Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg, im Griechischen Bürgerkrieg und während der Militärdiktatur wurde Theodorakis vielfach inhaftiert und gefoltert. Sein Lebensmut, seine Kreativität und sein Engagement waren enorm, und sein umfangreiches Werk reicht weit über die besonders bekannten Filmmusiken hinaus. Zum 100. Geburtstag sind mehrere Neueinspielungen und Wiederentdeckungen erschienen. Die hier empfohlene Doppel-CD bietet über 40 Tonband- und Kassetten-Aufnahmen von 1979 und 1983, die bei Theodorakis zuhause entstanden und eigentlich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren – mehrfach klingelt das Telefon, gelegentlich bellen Hunde, und das Meer rauscht. Man darf also keine Studio-Qualität erwarten, kann sich aber über den Reichtum an Melodien freuen und einer beeindruckenden Persönlichkeit zuhören, als säße man direkt neben dem Klavier.


Isabella Löhr

Ausstellung »Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er-Jahre«, Brandenburg Museum, Potsdam, 28. November 2025 bis 22. März 2026.

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Die von unseren ZZF-Kolleginnen Anja Tack und Isabel Enzenbach kuratierte Ausstellung zeigt Arbeiten von zwölf Fotograf:innen, die in den 1980er-Jahren in der DDR und in den frühen 1990er-Jahren in Brandenburg entstanden. Anhand der Themenfelder Jungsein, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Lebensräume, Körper und Gewalt zeigen die Fotografien eine Welt, die heute, gute 30 Jahre später, weit zurückzuliegen scheint und zugleich vielschichtig, vieldeutig und vor allem zutiefst menschlich ist. Sehen wir Tina Baras Bilder von jungen, meist nackten Menschen, sehen wir beides: Individuen und eine leise, beharrliche Form des sich Widersetzens gegen aufoktroyierte Bilder vom sozialistischen Menschen. Oder wir sehen den von Christian Fenger fotografierten, winkenden mosambikanischen Vertragsarbeiter im eigenen Auto, dessen vermeintliches Statussymbol zugleich über rassistische Gewalt und die Suche nach Schutz spricht. Es sind diese mehrfachen Sinnebenen, das Zeigen von Stillstand, Unzufriedenheit, Umbruch, existenziellen Veränderungen und deren Bedeutungen für konkrete Menschen, die die eindringlich kuratierte Ausstellung so sehenswert machen.

Durs Grünbein, Der Komet, Berlin 2023, Tb.-Ausg. 2025.

Ein sechzehnjähriges Mädchen, das 1936 aus einem schlesischen Dorf nach Dresden zieht, ihrer großen Liebe folgend. Dort angekommen, ist sie überwältigt von der barocken Pracht, den Möglichkeiten, dem großstädtischen Rummel. Die Leser:innen verfolgen dicht die Verwandlung dieses Mädchens in eine junge, der Stadt gewachsene, sie in vollen Zügen genießende, weltläufige Frau, die für das Leben in Dresden geboren zu sein scheint – als Ehefrau und bald auch als Mutter. Wären da nicht der Nationalsozialismus, die kontinuierliche und von der Hauptfigur genau beobachtete Transformation des alltäglichen Lebens, die zunehmende Kontrolle des »Volkskörpers«, die immer sichtbarer werdende Verfolgung von Juden und Jüdinnen sowie das wachsende Unbehagen von Dora (der Großmutter des Autors), die diese Politiken als zutiefst unanständig und falsch wahrnimmt. Das Buch besticht durch die Hauptfigur, die nahtlos zwischen Naivität, präziser Beobachtungsgabe, aufmüpfigem Verhalten und der positiven Reaktion auf die nationalsozialistische Manipulation der Bevölkerung changiert – immer dann, wenn die schöne Stadt durch Eingriffe der Nationalsozialisten in die Stadt noch schöner erscheint. In dieser Gemengelage lässt Grünbein die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Februar 1945 als die Angst vor dem Einschlag des Kometen erscheinen, ein Ereignis, das die Dresdner Bevölkerung während des sich ausbreitenden Luftkriegs zunehmend fürchtete, nachdem sie sich wegen der geographischen Lage der Stadt lange sicher gefühlt hatte. Das Buch ist hervorragend in der Beschreibung dieser gemischten Gefühlslagen, der alltäglichen Spannungen und Probleme, in der Beschreibung der heraufziehenden Ahnung, dass der Krieg auch Dresden erreichen wird, und den alltäglichen Strategien, das eigene Leben unter der NS-Herrschaft und dann im Krieg zu normalisieren, Angst wegzudrücken und auf einen guten Ausgang zu hoffen.

Lea Ypi, Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Aus dem Englischen von Eva Bonné, Berlin 2022, Tb.-Ausg. 2023.

Mangelwirtschaft, große Armut, massive staatliche Repression und ein Alltag, der von tiefer Kenntnis im Umgang mit Knappheit und Repression zeugt: Das ist das Umfeld, in dem die Autorin im spätsozialistischen Albanien aufwächst, bis das Land 1989 plötzlich »frei« ist. Das Buch beginnt mit dem Fall der Statue von Enver Hoxha, ein für die damals zehnjährige Autorin verwirrendes Erlebnis, war er doch der Held ihrer Kindheit und das Land, in dem sie aufwuchs, für sie ein Hort von Geborgenheit und Normalität. Mit den Augen des Kindes führt Lea Ypi meisterhaft durch das Leben in einem Staat, der vor und nach 1989 als Paradebeispiel herhalten musste – erst für die negativen Auswüchse einer sozialistischen Diktatur, dann für alle abwertenden und diskriminierenden Zuschreibungen, die mit dem Wort »Balkan« verbunden sind. Dem stellt Ypi eine Erzählung entgegen, die die Menschen und ihre komplexen Strategien ins Zentrum rückt, unter schwierigen Bedingungen zu überleben, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Und sie zeigt, wie diese Menschen im plötzlich »freien« Land Visionen entwickeln, wie und woran sie scheitern und warum es mit der kapitalistischen Freiheit auch nicht weit her ist.


Daniel Morat

Dieter Thomä, Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe, Berlin 2025.

 

Erleben wir auch im Feld der geisteswissenschaftlichen Theorie und Gesellschaftskritik einen »vibe shift«? Ist es Zeit, sich von den poststrukturalistischen, postmodernen, postkolonialen Ansätzen zu verabschieden, die das westliche Denken seit Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt haben? Worin liegen ihre Verdienste, wo ihre Grenzen? Mit Dieter Thomäs neuem Buch kann man auf anregende Weise über diese Fragen nachdenken, auch wenn man ihm nicht in allem zustimmen muss.

 

 

 

 

Das Ungesagte. Ein deutsches Familiengeheimnis, Regie: Patricia Hector und Lothar Herzog, Deutschland 2025.

 

Nicht nur die Generation der Holocaust-Überlebenden stirbt langsam aus, sondern auch die der Täter und Mitläufer. In vielen deutschen Familien wurde nach 1945 wenig bis gar nicht über den Nationalsozialismus geredet – und darüber, wie man selbst in dieser Zeit gehandelt oder nicht gehandelt hat. Für ihren beeindruckenden Dokumentarfilm haben Patricia Hector und Lothar Herzog mit elf über 90-Jährigen gesprochen, die von ihrem Mittun im Nationalsozialismus erzählen sowie über Schuld und Verantwortung reflektieren.

 

 

Terri Lyne Carrington & Christie Dashiell, We Insist 2025!, Candid Records 2025.

Jazz war von Anfang an eine politische Musik, mit engen Verbindungen zu afroamerikanischen Protest- und Bürgerrechtsbewegungen. Gegenwärtig gibt es viel in den USA und in der Welt, wogegen zu protestieren sich lohnt. Die Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington hat sich mit der Sängerin Christie Dashiell zusammengetan, um die Freedom Now Suite von Max Roach und Abbey Lincoln aus dem Jahr 1960 in die Gegenwart zu holen und mit den Mitteln der Musik Gesellschaftskritik zu üben. Mein Lieblingssong: Track 9 »Freedom is ...«.


Ulrike Schaper

Richard Powers, Galatea 2.2. A Novel, New York 1995
(dt.: Galatea 2.2. Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz, Zürich 1997,
Tb.-Ausg. Frankfurt a.M. 2000).

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Das Buch ist bereits gut 30 Jahre alt, behandelt aber eine Frage, die angesichts der jüngsten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz hochaktuell ist. Der zentrale Handlungsstrang wird durch eine Wette zweier Kybernetiker in Gang gesetzt. Schafft es der brillante Kollege Lentz, eine Künstliche Intelligenz zu programmieren, die am Ende des akademischen Jahres in der Lage ist, einen Aufsatz in Englischer Literatur zu schreiben, der von Aufsätzen der Studierenden nicht zu unterscheiden ist – und damit das Examen zu bestehen? Der Hauptprotagonist, der den Namen und einige biografische Details des Autors teilt, ist als Dozent an seine Alma Mater zurückgekehrt, kämpft dort aber vor allem mit Schreibblockaden. Er übernimmt die Aufgabe, das Netzwerk mit dem Namen Helen zu trainieren. Zunächst tut er dies vor allem mit Texten aus dem Kanon englischer Literatur. Die Ausgangswette scheint durch Sprachmodelle wie ChatGPT inzwischen anders entschieden, als es im Roman am Ende der Fall ist. Dennoch finden sich vor allem in den Gesprächen zwischen Powers und Helen über die Welt, das Denken, die Seele, das Menschsein und die Möglichkeit von Maschinen, Bewusstsein und Gefühle zu entwickeln, interessante Reflexionen zu Fragen, die sich heute wieder stellen. Zugleich umgibt das Experiment in diesem Roman aus den 1990er-Jahren noch ein deutlicher Nimbus der Unvorstellbarkeit. Damit wird auch deutlich, wie stark sich die technischen Möglichkeiten und unsere Welt seitdem verändert haben.





Herausgeber:innen

Frank Bösch
Gabriele Metzler
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)