Abstract

Felix A. Jiménez Botta

This article reassesses the emergence of human rights advocacy in 1970s West Germany from the perspective of memory politics. Focusing on the campaigns against political violence in South America, the article first traces the boom and bust of antifascist activism against the Chilean junta in the early 1970s. It then analyzes the displacement of abstract antifascist discourses by a more humanitarian human rights talk closely intertwined with concrete references to National Socialist crimes. Taking the perspective of grassroots advocates, this article explores how and why activists referenced the crimes of Nazism to defend human rights in the present. Finally, the article moves beyond the claim that human rights politics were minimalistic and even anti-antifascist, by showing how some human rights activists continued to think of themselves as antifascists. They infused antifascism with entirely new meanings by recovering the 20 July 1944 assassination attempt against Hitler as an acceptable example of anti-government violence.

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Vom Antifaschismus zu den Menschenrechten.
Geschichtspolitik in den westdeutschen Kampagnen gegen die Militärregime in Chile und Argentinien (1973–1990)

In diesem Aufsatz wird die Entstehung der Menschenrechtsinitiativen in Westdeutschland während der 1970er-Jahre aus der Perspektive der Geschichtspolitik neu bewertet. Mit Blick auf die Kampagnen gegen politische Gewalt in Südamerika zeichnet der Beitrag zunächst den Aufschwung und den Zusammenbruch antifaschistischer Politik gegen die chilenische Junta in den frühen 1970er-Jahren nach. Dann analysiert er den Wandel von abstrakten antifaschistischen Diskursen hin zu einem stärker humanitären Menschenrechtsgespräch, das eng mit konkreten Hinweisen auf nationalsozialistische Verbrechen verknüpft war. Der Beitrag untersucht die verschiedenen Gründe dafür, wie und warum Aktivisten die NS-Herrschaft als historische Kontrastfolie zur Verteidigung der Menschenrechte in der Gegenwart nutzten. Schließlich geht der Aufsatz über die Behauptung hinaus, dass Menschenrechtspolitik minimalistisch und sogar anti-antifaschistisch gewesen sei, indem er zeigt, wie einige Menschenrechtsaktivisten sich weiterhin als Antifaschisten betrachteten. Sie verliehen dem Antifaschismus völlig neue Bedeutungen, etwa mit Verweis auf das Attentat vom 20. Juli 1944 als akzeptables Beispiel für Gewalt gegen eine Terrorherrschaft.