Abstract

Gregor Thum

Die Spaltung Europas im Kalten Krieg hatte zur Folge, dass sich westlich und östlich des Eisernen Vorhangs unterschiedliche Vorstellungen über „Europa“ entwickelten. Während in Westeuropa die europäische Einigung zu einem festen Referenzrahmen wurde, der über die Jahre ein mehr oder weniger homogenes Europabild generierte, gab es einen solchen Rahmen innerhalb des Ostblocks nicht. „Europa“ war dort Chiffre diverser offizieller wie inoffiziell-oppositioneller Diskurse. Dies reichte von der Verteufelung der „europäischen Integration“ als eines imperialistischen Bündnisses in den 1950er-Jahren über die Wiederkehr „Europas“ während des KSZE-Prozesses (der auf sowjetischer Seite allerdings eine antiamerikanische Stoßrichtung zugrunde lag) bis hin zu den positiven Europa-Bezügen der Dissidenten in den 1980er-Jahren, als die Selbstidentifikation mit Europa der Abgrenzung gegenüber Russland und dem Kommunismus diente.
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As a consequence of Europe’s division during the Cold War the societies east and west of the Iron Curtain developed different ideas about "Europe". Whereas in Western Europe the European integration became a permanent point of reference that gene-rated over the years a more or less homogenous idea of Europe, such a framework did not exist in the East. Within the Eastern Bloc "Europe" was the code of various official and non-official, oppositional discourses. This included the demonization of the "European Integration" as an imperialistic alliance in the 1950s, the return of "Europe" during the CSCE process (but with an anti-American undertone on parts of the Soviets), or the positive references to Europe among the dissidents of the 1980s, when the self-identification with Europe was a way to dissociate from Russia and Communism.