Der führende Repräsentant

Erich Honecker in generationsbiographischer Perspektive

Anmerkungen

1. Kommunistische Herrscherbiographik als Forschungslücke
 

Als sich der gestürzte SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzende Erich Honecker am Mittag des 18. Oktober 1989 von seinem Platz erhob, um aus dem Sitzungssaal des Zentralkomitees der SED am Werderschen Markt in Ost-Berlin hinauszugehen, tat er dies ungeachtet der respektvollen Applausbekundungen, die ihn durch die Saaltür begleiteten, als ein Ausgestoßener. Die letzte Unterschrift von Abertausenden, die er an seinem Dienstschreibtisch geleistet hatte, galt einer Bekannten aus den ersten Berliner Nachkriegstagen, der Dramaturgin Wera Küchenmeister, und sie beglaubigte die in Worte gefasste Empfindung, unter die Erde gebracht worden zu sein: „Wera mit letztem Gruß, Erich Honecker, 18. Oktober 1989“.1 Ziellos ließ der Gestürzte sich von seinem Chauffeur erst noch etwas durch die Stadt fahren und teilte den Ämterverlust dann lakonisch seiner Frau in Wandlitz mit: „Es ist passiert.“2 So war er zu einem Privatmann geworden, der nichts und niemanden mehr repräsentierte.

Staat und Partei trennten sich zügig von Erich Honecker, der am 8. November 1989 zum letzten Mal in der Einsamkeit der Schorfheide das Privileg genießen konnte, auf Pirschjagd zu gehen. Am 3. Dezember wurde er aus der SED ausgeschlossen, und zwei Tage später leitete der Generalstaatsanwalt der DDR ein Verfahren gegen ihn ein – wegen Amtsmissbrauchs und Korruption. Weitere drei Wochen später wurde das Ehepaar Honecker zum Auszug aus seinem Haus in der Wandlitzer Waldsiedlung aufgefordert, die in ein Sanatorium verwandelt werden sollte. In wenigen Wochen war der DDR-Bürger mit der Personalausweisnummer 000.000.001, der eben noch den Staat verkörpert hatte, zu einem menschlichen Strandgut geworden, das nach der politischen auch die moralische Zugehörigkeit zur ostdeutschen Gesellschaft im Umbruch verlor: Dem bei der ersten Haftentlassung im Januar 1990 obdachlos Gewordenen blieb nach einem gescheiterten Versuch der DDR-Regierung, ihn zunächst in einem Ferienhaus in Lindow unterzubringen, nur mehr die Wahl zwischen dem Kirchenasyl eines protestantischen Pfarrhauses bei Bernau und der Exterritorialität eines sowjetischen Militärhospitals bei Beelitz, bis er sich durch die Flucht nach Moskau zeitweilig dem Zugriff deutscher Behörden zu entziehen vermochte.

Mit dem jähen Sturz Honeckers von der Macht in die Marginalität verlor sich auch das Interesse an seiner Biographie, die im allgemeinen Urteil allenfalls noch die Frage aufwirft, wie „ein äußerlich so unscheinbarer Mensch, ein intellektuell überforderter und rhetorisch unbegabter Politiker die Machtfülle, die er besaß, erringen und über so viele Jahre sich erhalten [konnte]“.3 Tatsächlich machen die Rekrutierungsmechanismen politischer Eliten im Staatssozialismus eine biographisch reizvolle Spannung zwischen persönlichem Werden und politischem Wirken nur schwer fassbar. Charakteristischerweise liegen weder für Walter Ulbricht noch für Erich Honecker nennenswerte Nachlässe vor, die in Gestalt von privaten Aufzeichnungen und Korrespondenzen die unverwechselbare Individualität hinter dem kollektiven Erscheinungsbild der Parteimacht sichtbar machen, geschweige denn die Persönlichkeit als Motor des Politischen zu zeichnen erlauben.4 Nicht zufällig sind daher biographische Annäherungen an die engste kommunistische Machtelite nicht nur in Bezug auf die DDR bisher bemerkenswert dünn gestreut.5 Die vorliegenden Lebensporträts von Staats- und Parteiführern in den einzelnen ostmitteleuropäischen Ländern stammen überwiegend nicht von Fachhistorikern, und ebenso wie Walter Ulbricht ist auch Erich Honecker bisher nicht der Mühe einer wissenschaftlichen Biographie für lohnend befunden worden.6

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Das geringe Interesse an der kommunistischen Funktionärsbiographie stellt jedoch in mehrerer Hinsicht eine Unterschätzung dar. Es lässt sich zunächst von der unpersönlichen Schauseite kommunistischer Herrschaftsinszenierung täuschen, hinter deren scheinbar monolithischer Ausrichtung auf den Willen der Partei sich in aller Regel wechselvolle Lebensgeschichten von Zuversicht und Zweifel, von Aufbegehren und Unterordnung, von Karrierebedrohung und Machtbehauptung verbargen. So schwer sie im Einzelfall infolge des Mangels an überlieferten Zeugnissen zu entschlüsseln sein mögen, sollten sie doch nicht über die außerordentliche Bedeutung hinwegtäuschen, die der lebensgeschichtlichen Rechenschaftslegung im Inneren des kommunistischen Machtapparats zukam. Auch Honeckers politischer Aufstieg war mit einer nicht enden wollenden Folge von Lebensläufen und biographischen Fragebögen verbunden, in denen die Kader der SED sich ihres Führungsanspruchs als Avantgarde des DDR-Staats versicherten und ihre lebensgeschichtlichen Schwachstellen zu erklären hatten. Allein der autobiographische Umgang entmachteter SED-Eliten mit der Zäsur von 1989 ist bisher Gegenstand näherer Untersuchung geworden.7 Das Zusammenspiel aus rückhaltlosem Offenbarungsdruck und lebensgeschichtlichem Glättungswillen, das die von Säuberung und Selbstbefragung geprägten Karrierewege der kommunistischen Dienstklasse begleitete, ist hingegen in seiner Bedeutung für die politische Stabilität und Selbstlegitimation kommunistischer Herrschaft noch kaum erkannt worden.

Wie Catherine Epstein in einer aufschlussreichen Studie gezeigt hat, repräsentieren die Lebensgeschichten der vor 1933 aktiven „veteran communists“ darüber hinaus die Kollektivbiographie des Kommunismus im 20. Jahrhundert überhaupt.8 Ihre Lebenserfahrung reichte über alle Phasen und Zäsuren hinweg, in denen der kommunistische Gesellschaftsentwurf seine von 1917 bis 1991 andauernde weltgeschichtliche Konkurrenz um die gültige Ordnung der Moderne austrug. Wie die DDR-Gründergeneration in ihrer Weimarer Jugend und im Kampf gegen Hitler geprägt worden war, so steuerten die Angehörigen dieser Generation als Alte Kommunisten den Aufbau einer Neuen Welt, so sicherten sie über vier Jahrzehnte den Erhalt ihrer Macht, und so agierten sie in der finalen Krise des sozialistischen Experiments am Ende der 1980er-Jahre.

Vernehmungsraum des Grenzzollamts (GZA) Marienborn

 

Vernehmungsraum des Grenzzollamts (GZA) Marienborn
(Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn)

All diese Aspekte zusammengefasst, lässt sich sagen: Die erstaunliche Stabilität der kommunistischen Gesellschaftsordnung und ihr plötzlicher Zusammenbruch sind gerade aus gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive ohne Einbezug der Lebensgeschichten ihrer Machthaber nicht zureichend zu erklären. Dies trifft in besonderem Maße auf Erich Honecker zu, der infolge seines Geburtsjahres 1912 zu den jüngsten Vertretern der DDR-Gründergeneration zählte. Seit 1922 in der kommunistischen Bewegung organisiert und 1930/31 in Moskau ausgebildet, beteiligte er sich in der ersten Hälfte der 1930er-Jahre auf verantwortlichen Posten an der politischen Arbeit der legalen KP wie auch an ihrer illegalen Widerstandstätigkeit im Untergrund. Nach seiner Verhaftung im Dezember 1935 verbrachte er bis zur Befreiung im Mai 1945 fast zehn Jahre im Zuchthaus, bevor er in der wieder erstehenden kommunistischen Parteiorganisation eine rasche Karriere bis in das Politbüro durchlief, dessen erster Sekretär er 1971 wurde, um fortan und bis zu seinem Sturz im Herbst 1989 die Fäden der SED-Diktatur straff in der Hand zu behalten. Aber noch der entmachtete und nach seiner Fluchtodyssee vor Gericht gestellte Ex-Diktator engagierte sich bis zu seinem Tod 1994 in immer neuen Stellungnahmen für die kommunistische Sache und wuchs mit einer „Persönlichen Erklärung“ vor dem Berliner Landgericht Ende 1992 kurzzeitig noch einmal in die Rolle eines anerkannten Sprechers der Alten Kommunisten hinein.

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Bis heute ist Honeckers Platz im historischen Gedächtnis umstritten: Die unterschiedlichen Bewertungen reichen quer durch die politischen Lager – von der vorherrschenden Verachtung des gewissenlosen Despoten bis hin zum tiefempfundenen Respekt vor seiner Lebensleistung, den ihm auch bundesdeutsche Verhandlungspartner und Kontrahenten noch über seinen Sturz hinaus gezollt haben.9 Diese Zwiespältigkeit im nachträglichen Urteil korrespondiert mit der Ambivalenz im zeitgenössischen Handeln und Denken Honeckers, der niemals mit eigenen programmatischen Überlegungen hervorgetreten war und sich zu keiner Zeit in ideologische Richtungsstreits verwickeln ließ. Der von ihm verkörperte Politikstil einer bürokratisierten Routineherrschaft hebt die „Ära Honecker“ mit ihrem normalitätsbasierten Geltungsanspruch von der dezidiert konfliktbetonten Selbstlegitimierung der Jahre unter Ulbricht ab. Diesen Stil durchzog eine auffallende Gemengelage von Liberalisierung und Repression, von Jugendfrische und Greisenstarrsinn, von kultureller Lockerung und politischer Verhärtung, von starrem Festhalten an ideologischen Normen und elastischer Unbefangenheit im Umgang noch mit den in der Parteipresse über Jahrzehnte am schärfsten verdammten Werkzeugen des Klassenfeindes wie Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Honecker begann seine politische Nachkriegskarriere als konservativer Hardliner, der in den Machtkämpfen der 1950er-Jahre konsequent zu Ulbricht hielt, 1961 den Bau der Berliner Mauer organisierte und auf Gegenkurs zu seinem Ziehvater ging, als dieser in seiner Spätphase die sozialistische Utopie durch verschiedene Reformanläufe zu beleben suchte. Entsprechend charakterisierte die bundesdeutsche Presse Honecker in den 1960er-Jahren als „eiskalte[n] Bürokrat[en] der Macht“10 und „das Musterbeispiel des linientreuen, farblosen kommunistischen Apparatschiks“,11 der „über jeden Verdacht erhaben [sei], etwa eigene, reformkommunistische Gedanken und Ideen zu entwickeln“.12

Doch derselbe Parteifunktionär, der 1965 auf dem so genannten Kahlschlagplenum des ZK mit seiner programmatischen Rede über die DDR als „sauberer Staat“ eine kulturelle Eiszeit eingeleitet hatte,13 präsentierte sich in den ersten Jahren seiner eigenen Herrschaft als Fürsprecher einer Erneuerung der DDR, die alte Zöpfe abschneiden und frischen Wind hereinlassen wollte. Nachdem der Traum einer „DDR in Farbe“ im Gefolge der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz und der Ausbürgerung von Wolf Biermann in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre verblasst war, verwandelte eine abermalige Metamorphose den flexiblen und konsensorientierten Erneuerer in den starrsinnigen Autokraten, der seine Macht durch Unterdrückung aller Gegnerschaft festzuhalten suchte und bis an sein Lebensende die Widersprüche zwischen Zielen und Mitteln, zwischen Utopie und Realität, zwischen Anspruch und Versagen nicht einzusehen bereit war.

Individualbiographische Zugänge gelangen hier an eine nicht überwindbare Schranke. Meist begnügen sie sich mit dem Verweis auf „das dogmatisch festgefügte Geschichts- und Gesellschaftsbild“ Honeckers, dessen „erschreckend wenig ausgeprägt[es]“ Reflexionsvermögen von „stärksten Verdrängungen“14 beeinträchtigt gewesen sei: „Er unterschied nicht mehr zwischen Anspruch und Wirklichkeit, er nahm Propaganda als Realität und unterstellte, allen anderen ginge es ebenso“, urteilte im Rückblick das langjährige ZK-Mitglied Hans Modrow.15 Zeitgenössische Akteure bemühten sich ebenso wie nachzeitige Biographen ohne besondere Überzeugungskraft, die mit Honecker verbundenen Gegensätze und Paradoxien auf bestimmte Charaktereigenschaften zurückzuführen16 – oder gaben schlicht den Versuch auf, das Unerklärliche zu begreifen: „Mir ist nie klar geworden, wie dieser mittelmäßige Mann sich an der Spitze des Politbüros so lange hat halten können“, meinte etwa Helmut Schmidt zwei Jahre nach dem Tod seines ostdeutschen Gegenspielers.17

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Doch Originalität und Begeisterungsfähigkeit zählten nirgendwo in der kommunistischen Hemisphäre zu den hervorstechenden Merkmalen der politischen Kaderrekrutierung. Aus individualbiographischer Perspektive lässt sich das Rätsel des ambivalenten Repräsentanten Honecker nicht befriedigend lösen. Sie bedarf der Ergänzung durch einen gesellschaftsgeschichtlichen Erklärungsansatz, der Honeckers Lebensgeschichte in übergreifende Zusammenhänge einbettet. Aussichtsreich erscheint dabei insbesondere ein erfahrungs-, milieu- und generationsgeschichtlicher Zugang, der das Sozialisationsgepäck in den Blick nimmt, das den Neunkirchener Bergmannssohn in seiner politischen Karriere begleitete und an die Spitze des zweiten deutschen Staats führte. Zu fragen ist, welche Prägungen Honecker leiteten und wie sie seinen Handlungs- und Wahrnehmungshorizont organisierten – in der Zeit erst des steilen politischen Aufstiegs, dann der vollen Machtausübung und schließlich des Sturzes in die Ohnmacht.

2. Die Erfahrungswelt der Gründergeneration
 

Dass Erich Honecker aus dem Saarland stammte, hatte er nie verborgen. In den beiden einzigen maßgeblich von ihm selbst verfassten bzw. redigierten Abschnitten seiner 1980 erschienenen Autobiographie setzte er seiner Heimat ein von Sympathie getragenes Denkmal. 1987, bei seinem heiklen Besuch in der Bundesrepublik, unternahm er sogar einen ausdrücklich als privat bezeichneten Abstecher an die Orte seiner Kindheit und besuchte zusammen mit seiner Schwester, die ihn zu einem Kaffeebesuch im gemeinsamen Elternhaus empfing, das Grab der Eltern in Wiebelskirchen. Im Bürgerhaus seines Geburtsorts Neunkirchen nahm er anschließend ein ausführliches Bad in der Menge seiner Landsleute, die den „Honecker Erich“ zum Teil noch aus der Zeit vor 1935 kannten. In einem späteren Interviewband gab Honecker der Erinnerung an den „schönen Ort“, das „rote Dorf“ seiner Sozialisation wiederum breiten Raum und eine harmonisierende Lesart: „Mir haben die Menschen, die dort wohnten, gefallen und die Gebäude, die dort standen. Das waren zum größten Teil kleine Häuser von Bergarbeitern, von Metallarbeitern und kleinen Geschäftsleuten. Ich möchte noch sagen, mir haben sogar die Pfarrer gefallen. [...] Trotz der sozialen Unterschiede gab es damals eine große Übereinstimmung zwischen den Menschen.“18

Für einen kommunistischen Funktionär, der dem proletarischen Internationalismus huldigte, war diese emotionale Bezugnahme auf den eigenen Heimatort bemerkenswert. Die ukrainischen KP-Funktionäre Nikita Chruschtschow und Leonid Breshnew hatten von ihrer Herkunft zeitlebens ebenso wenig Aufhebens gemacht wie Władisław Gomulka von seiner galizischen. Schon gar nicht fanden es ostdeutsche Spitzenfunktionäre mit westdeutschen Wurzeln wie der Schwabe Kurt Hager oder der aus Mannheim stammende Heinz Hoffmann opportun, ihre Heimatverbundenheit zu DDR-Zeiten ostentativ herauszustellen.19 Über der Leipziger Herkunft Walter Ulbrichts schwebte sogar ein Dunkel des Ungefähren und des Unglaubens, „daß das Geburtshaus ihres Großen Sohnes echt sei“.20

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Honecker hingegen demonstrierte mit seiner Heimatliebe die Glaubwürdigkeit und Bindungskraft seiner Kontinuitätsbiographie, die ihm zu keiner Zeit einen Bruch mit seinem Herkommen und seinen von Geburt an angeeigneten Werten und Gewissheiten abverlangt habe. Dieses Kontinuitätsbewusstsein rangierte höher als die Inopportunität eines westdeutschen Geburtsorts, aus der Honeckers heimliche Gegner im Politbüro in den 1980er-Jahren mit Denunziationsberichten nach Moskau politische Münze zu schlagen versuchten.21 Doch schwerer als die räumliche wog die politische Situierung des honeckerschen Heimatorts, in dem bei „den Reichstagswahlen in meinem Geburtsjahr 1912 [...] der sozialdemokratische Kandidat die meisten Stimmen [erhielt]. Der Ort hieß von da an ‚rotes Dorf‘.“22 Das saarländische Wiebelskirchen, in dem dann zu Weimarer Zeiten die KPD stärker als die SPD wurde, war auch der politische Sozialisationsort Erich Honeckers, der nach eigenen Angaben aus einer kommunistisch gesinnten Proletarierfamilie stammte und von seinem siegreich aus der Novemberrevolution heimgekehrten Vater schon als Sechsjähriger gleich nach der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts mit der Russischen Revolution und ihrem Anführer Lenin vertraut gemacht wurde.23

Vater und Sohn (vorne rechts im Bild) einträchtig nebeneinander: „Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes in Wiebelskirchen – etwa 1929. Hinter der großen Trommel Wilhelm Honecker, neben ihm sein Sohn Erich.“

 

Vater und Sohn (vorne rechts im Bild) einträchtig nebeneinander:
„Spielmannszug des Roten Frontkämpferbundes in Wiebelskirchen etwa 1929.
Hinter der großen Trommel Wilhelm Honecker, neben ihm sein Sohn Erich.“
(Bundesarchiv, Bild 183-W0910-324, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst Zentralbild; Abbildung und Legende in: Honecker, Aus meinem Leben [Anm. 22], S. 22.)

In der Tat waren Neunkirchen und Wiebelskirchen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs zu regionalen Zentren eines „links-proletarischen Milieus“24 an der Saar geworden, das über die Parteigrenzen hinweg eine Gegenwelt zur katholischen und zur bürgerlichen Lebenswelt erstehen ließ. Der Vater Wilhelm Honecker war zusätzlich zu seiner KPD-Mitgliedschaft in der „Roten Hilfe“ organisiert, aber auch in dem der SPD nahestehenden Arbeiter-Turn- und Sportbund; seine Frau Karoline war Mitglied in dem 1925 als Abteilung des Roten Frontkämpferbunds gegründeten Roten Frauen- und Mädchenbund.25 Erich Honecker selbst hatte, wie auch drei seiner Geschwister, die ersten institutionellen Berührungen mit dem politischen Lebensmilieu der Familie seit 1922 im später so genannten Jung-Spartakus-Bund. 1926 trat er zum Kommunistischen Jugendverband Deutschlands über, dessen örtlicher Leiter er 1929 wurde, ein Jahr vor seinem Eintritt in die Kommunistische Partei. Im selben Jahr zum Besuch der Internationalen Lenin-Schule nach Moskau delegiert, stieg Honecker nach seiner Rückkehr erst zum Politischen Leiter der Saar-Bezirksleitung des Kommunistischen Jugendverbands und 1933 in dessen Zentralkomitee auf. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ in der illegalen Jugendarbeit tätig und – zusammen mit Herbert Wehner – im Kampf gegen den „Anschluss“ der Saar an das Reich aktiv, wurde der schon 1934 kurzzeitig festgenommene Honecker 1935 abermals inhaftiert und musste nach seiner Verurteilung durch den Volksgerichtshof eine andauernde Zuchthaushaft in Brandenburg-Görden erleiden, aus der ihn erst die Befreiung durch die Rote Armee erlöste.

Der Mann, der sich Anfang Mai 1945 im zerstörten Berlin bei Ulbrichts Stab zurückmeldete, konnte in den immer neu auszufüllenden Fragebögen, mit deren Hilfe die wiedererstandene KPD ihre Kader durchleuchtete, eine makellose Biographie nachweisen. Als Brandenburger Zuchthaushäftling gehörte er zwar nicht der so genannten Moskaufraktion der KPD an, aber er hatte sich bereits 1930 auf einem kommunistischen Reichsjugendtreffen als Personenschützer Ernst Thälmanns von der „Ausstrahlungskraft dieser damals schon beinahe legendären Arbeiterpersönlichkeit“ gefangen nehmen lassen.26 Und er war im Jahr darauf in Moskau sogar bei zwei Gelegenheiten Stalin selbst begegnet; die Erinnerung an diese bei einer weiteren Begegnung 1949 erneuerte Verzauberung bewahrte er sein Leben lang.27

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Der historische Erfahrungshorizont der vor dem Ersten Weltkrieg geborenen „ersten politischen Generation der DDR“28 war durch starke und bis in ihre lebensgeschichtlichen Rechenschaftsberichte nachweisbare Gemeinsamkeiten bestimmt. Ihre Identität als „Wir-Schicht“29 gewannen die kommunistischen Veteranen in besonderem Maße durch Abgrenzung – zum einen synchron von anderen Milieus derselben Alterslagerung, zum anderen diachron von den Nachfolgekohorten der späteren Aufbaugeneration. Zum Kernbestand ihres Generationserlebnisses zählte die Erfahrung von Leid, Not und versagter Kindheit in der Nachkriegszeit, aber auch der Wert praktischer Solidarität und die Orientierung an väterlichen Leitfiguren; zählte die Härte und Gewalthaftigkeit der politischen Auseinandersetzung samt ihrem Lagerdenken; zählte die angstvolle Erduldung von Verfolgung und Repression sowie die Selbstbehauptung gegenüber fremdem Verrat und eigener Schwäche; zählte schließlich die Kraft der Erlösungshoffnung sowie in der Folge der Wille zur radikalen und rücksichtslosen Umgestaltung der überkommenen Verhältnisse. Verhärtete Verhaltensprägungen, fixierte Feindbilder und eine „habitualisierte Unfähigkeit, anderen Gruppen oder Generationen Vertrauen zu schenken“, kennzeichneten die „Generation der misstrauischen Patriarchen“,30 die sich nach 1945 anschickten, eine Gesellschaft aufzubauen, deren Menschen ihnen kurz zuvor noch feindlich oder zumindest gleichgültig gegenübergestanden hatten. Das nie versiegende Misstrauen gegenüber den eigenen Bürgern gehörte zu den hervorstechendsten Merkmalen der Alten Kommunisten. In ihren jüngeren Jahren suchten sie mit einer bis zum Hass reichenden Politik der Unversöhnlichkeit ihr neues Deutschland zu erbauen.31 Im Alter standen sie der Vorstellung eines freiwilligen Abschieds von der Macht bis zum letzten Atemzug verständnislos und ablehnend gegenüber.

So behauptete Honecker rückblickend, „daß ich nie an diesem Sessel klebte, daß ich im Jahre 1985 bereit war, diesen Sessel zu räumen“, fühlte sich dann freilich von seinem generationellen Misstrauen überwältigt: „Aber damals kam ich aufgrund verschiedener Vorkommnisse doch zu der Auffassung, daß der von mir auserwählte Kandidat als Generalsekretär unserer Partei und Vorsitzender des Staatsrates sowie des Nationalen Verteidigungsrates nicht in der Lage sein würde, seine Aufgaben zu erfüllen, weil er in der Partei und im Volk nicht die entsprechende Autorität besaß.“32 Dass dies unverändert auch in der finalen Krise des Sommers 1989 noch galt, erfuhr Egon Krenz aus einer Unterredung mit Honecker ganz unverblümt: „‚Du kannst in Urlaub gehen. Ich wünsche dir gute Erholung!‘ Ich bin entsetzt. Überall im Land kriselt es. [...] Und ich soll in Urlaub gehen? ‚Ich kann jetzt keinen Urlaub machen, Erich, zumal du ins Krankenhaus gehst. Ich bleibe in Berlin.‘ Honecker scheint überrascht, daß ich von seiner bevorstehenden Operation weiß. Nachdrücklich, als wolle er mich zurechtweisen, sagt er: ‚Nimm dich nicht so wichtig. Ich war auch im Urlaub. Du bist hier nicht unentbehrlich.‘“33 Honecker selbst hielt sich dagegen für unersetzlich.

3. Arbeit an der Ich-Geschichte
 

Die ostdeutsche Gründergeneration fand in Erich Honecker einen Exponenten, der die soziale Kohärenz der kommunistischen Wir-Schicht mit der Ich-Gewissheit einer auch für kommunistische Parteifunktionäre ungewöhnlichen biographischen Kontinuität verbinden konnte. Weder seine zur öffentlichen Herrschaftslegitimation bestimmten Memoiren von 1980 noch seine zum parteiinternen Gebrauch niedergeschriebenen Lebensläufe gaben auch nur im Geringsten eine mögliche Distanzierung von der mäandernden Politik der aus Moskau geführten kommunistischen Weltbewegung zu erkennen oder zeugten gar von zeitweiligen Arrangements mit dem Feind, wie dies nach der Befreiung etwa Paul Merker, Franz Dahlem oder Walter Bartel zum Vorwurf gemacht wurde.34 Kontinuitätsbetont vollzog sich in Honeckers Vita auch das für kommunistische Lebenserzählungen typische Erweckungserlebnis durch eine parteiverbundene Leitfigur. Diese in der Regel einzige erzählbare Zäsur im Leben der kommunistischen Veteranen konnte sich als radikale Konversion vom Saulus zum Paulus35 oder auch als allmähliche Befreiung von den „Widersprüchen“ des eigenen Herkommens präsentieren.36 Immer aber bot die von einem wissenden Führer begleitete oder aus der autodidaktischen Klassikerlektüre erwachsende Erweckung ein lebensgeschichtliches Erzählmotiv, das es den Alten Kommunisten erlaubte, bürgerliche und antikommunistische Familienbande in ihren vorbildhaften Lebenslauf einzubetten, und das im Extremfall sogar bis zur pathetisch vorgetragenen Herkunftsreue gesteigert werden konnte.37

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In Honeckers Vita gestaltete sich die politische Erweckung hingegen als undramatisches Hineinwachsen in die familiäre Lebenswelt und wies daher eine charakteristische Leerstelle auf – die Abwesenheit jeder Adoleszenzkrise. Der Vater erschien ihm nicht als Übervater, gegen dessen Autorität aufzubegehren den eigenen Weg in die Zukunft gebahnt hätte, sondern als kameradschaftlicher Begleiter, der den Jüngeren so behutsam wie zielgewiss in die gemeinsame kommunistische Welt eingeführt und mit seinem generationsübergreifenden Lebenssinn ausgestattet habe: „Damals [...] erklärte mir mein Vater in seiner einfachen Art, warum die Reichen reich und die Armen arm sind, woher die Kriege kommen, wer an den Kriegen verdient und wer unter ihnen leidet. Für mich war das einleuchtend. Ich gewann ein klares Weltbild. Ich nahm mir vor, mein Leben dem Kampf für eine Welt des Friedens und des Sozialismus zu widmen. An dieser Lebensaufgabe habe ich festgehalten, bis heute.“38 Kein Hitler-Gruß säumte seinen Lebensweg und kein Kompromiss mit dem nationalsozialistischen Regime. Erich Honecker hatte weder je einen Eid auf Hitler geschworen noch gar wie Willi Stoph, sein zeitweilig härtester Konkurrent um die Macht im SED-Staat, einen braunen Fleck in seiner Lebensgeschichte zu übertünchen versucht, und er war anders als viele auch seiner kommunistischen Altersgenossen nicht für Hitlers Regime in den Krieg gezogen.39 Stattdessen hatte er die Zeit des „Dritten Reichs“ buchstäblich vom ersten bis zum letzten Tag in aktiver und passiver Gegnerschaft zu den NS-Machthabern verbracht.

Kaderakte Erich Honeckers

 

Die 1946 geschriebene und in der Kaderakte Erich Honeckers abgelegte Kurzbiographie gehört zu der eindrucksvollen Liste von Personalfragebögen, die Honecker im Laufe seiner Karriere für parteiinterne Zwecke anzufertigen hatte („Sämtliche Fragen sind gewissenhaft und ausführlich in lesbarer Schrift zu beantworten. Striche gelten nicht als Beantwortung!“). Dem tabellarischen Teil folgte als Gesamteinschätzung: „Genosse Honecker ist ein alter parteiergebener, parteitreuer und parteiverbundener Genosse, der seit seiner frühesten Jugend in der Arbeiterbewegung steht. Sein Auftreten ist energisch, er besitzt ein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein und wird als guter Verhandlungspartner [eingeschätzt], der sich, ohne Menschen abzustossen, durchsetzt. Genosse Honecker besitzt grosse Initiative; hat agitatorische und organisatorische Fähigkeiten und hat sich in seiner Arbeit unter der Jugend grosse Autorität und Sympathien erworben. In seinem Auftreten vertritt er immer die Linie der Partei. Er ist noch sehr entwicklungsfähig. Moralisch ist uns nichts Nachteiliges bekannt.“ (Bundesarchiv, SAPMO, DY 30, IV 2/11v/5344)

Die Ich-Gewissheit einer durch die Zeitläufte zu keinem Moment erschütterten Kontinuitätsbiographie macht erklärbar, warum Honecker am Ende der von ihm verkörperten Ära die Rettung nur im Festhalten am Bewährten zu sehen vermochte. Sie erklärt ebenso, warum er 1979 auf dem Gipfel seiner Macht bereitwillig dem Vorschlag des englischen Verlegers Robert Maxwell folgte, seine Autobiographie zu veröffentlichen. Angesichts des Umstandes, dass es in der Sinnwelt des Sozialismus auf jedes Wort ankam, war dies ein im Grunde unmögliches Ansinnen – denn unter dem Dogma, dass die Partei immer recht habe, berührte ein Bekenntnis zu historischen Irrtümern unmittelbar die Grenzen des politisch Sagbaren. Dass sich zumal der seiner besonderen Vorbildfunktion bewusste SED-Generalsekretär dem heiklen Anspruch stellte, biographische Wahrhaftigkeit und ideologische Opportunität miteinander zur Deckung zu bringen, bedeutete ein Wagnis, das der Autobiograph und seine Hintergrundautoren im ZK-Apparat allein auf der Grundlage einer stolz bekannten Ich-Kohärenz angehen konnten: „Ich kann mich an keinen Augenblick in meinem Leben erinnern, da ich an unserer Sache gezweifelt hätte – weder in der Kindheit noch in der Jugendzeit, den Jahren der politischen Arbeit im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) und des Eintritts in die Kommunistische Partei Deutschlands, weder im antifaschistischen Widerstandskampf 1933 bis 1935 noch im faschistischen Zuchthaus 1937 bis 1945, weder in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, dem Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), im Dezember 1935 noch vor dem ‚Volksgerichtshof‘ im Juni 1937, weder in der Kaserne der ‚Leibstandarte Adolf Hitler‘ der faschistischen ‚Schutzstaffel‘ (SS) Ende 1935 noch im Angesicht des Henkers, der während der anderthalb Jahre Untersuchungshaft mein ständiger Begleiter war.“40 Auf diesem sicheren Fundament konnte Honecker sich dann ideologische Grenzverschiebungen zugestehen, die prägnant von der sehr viel dogmatischeren Tabuisierungspraxis der Ulbricht-Ära abstachen.41

Noch deutlicher trat das biographische Kontinuitätsbewusstsein nach dem Untergang des eigenen Staats hervor: „Ich brauche mein Buch ‚Aus meinem Leben‘ nicht umzuschreiben und auch nicht meine Kaderakten im Zentralkomitee der SED“,42 bekundete Honecker 1992 ebenso, wie er zwei Jahre zuvor seinen Untersuchungsarzt in der Haft hatte wissen lassen: „Ich war Kommunist, bin Kommunist und werde Kommunist bleiben.“43 Kaum einer der vielen Parteifunktionäre, die sich nach 1989 autobiographische Rechenschaft über ihren Lebensweg zu geben suchten, ließ sich vom schmählichen Untergang des bisherigen Gesellschaftssystems so wenig beeindrucken wie Honecker, der das Aufbegehren des eingemauerten Volks nur als eine „Unterbrechung des sozialistischen Aufbaus“ bewertete,44 erklärbar allein als eine Verschwörung, „deren Drahtzieher sich noch im Hintergrund halten“45 und deren Erfolg kurzlebig sein werde: „Was wir in vierzig Jahren unter schwierigen Bedingungen entwickelt haben, wird fortleben in den Kämpfen der Zukunft. [...] Aus dem schier Unverständlichen des Zusammenbruchs der sozialistischen Gesellschaft wächst zugleich der Aufbruch in eine neue Welt.“46

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Lebensgeschichtlich unveränderlich war der mit Frieden, Obdach, Nahrung und Arbeit umrissene politische Zielkatalog, den Honecker als Exponent der ostdeutschen Veteranengeneration noch 1990 nicht anders formulierte, als er es 60 Jahre zuvor getan hatte47 – was sogar den nur wenige Jahre jüngeren Hermann Axen befremdete.48 Von Anfang bis Ende lebensbegleitend war die Teilung der Welt in zwei Lager und ein über die Systembrüche hinweg reichendes Freund-Feind-Denken, in dem Honecker wie selbstverständlich seine Verhaftung durch die Generalstaatsanwaltschaft der DDR Ende 1989 mit seiner Ergreifung durch die nationalsozialistischen Verfolger Ende 1935 in eins setzte: „So wie ich am 4. Dezember 1935 von der Gestapo in der Klosterstraße in die Mitte genommen wurde im Auto, so ging auch diese Fahrt von der Charité bis nach Rummelsburg.“49 Die von Honecker repräsentierte Gründergeneration verarbeitete den Umbruch des Jahres 1989, indem sie seinen Zäsurcharakter in Abrede stellte. Sie deutete ihr historisches Wirken als erfolgreiche oder doch zukunftsgewisse Teilnahme an einem Staffellauf der Generationen im Kampf für eine bessere Welt, bei dem sich der Untergang der DDR allenfalls als Verschnaufpause ausnehme: „Dennoch habe ich am Ende meines Lebens die Gewißheit, die DDR wurde nicht umsonst gegründet. Sie hat ein Zeichen gesetzt, daß Sozialismus möglich und besser sein kann als Kapitalismus.“50

Kundgebung bei einem Treffen der Jungen Pioniere auf dem Theaterplatz in Dresden,25. August 1952

 

Kundgebung bei einem Treffen der Jungen Pioniere auf dem Theaterplatz in Dresden,
25. August 1952 (zweiter von links: Erich Honecker; neben ihm Rosa Thälmann)
(Bundesarchiv, Bild 183-15935-0092, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst – Zentralbild, Foto: Klein)

Die Identifikation von Lebens- und Parteigeschichte, die ein generationsübergreifendes Merkmal kommunistischer und postkommunistischer Biographik darstellt, ließ eine Anerkennung von Diskontinuität und Umbruch im eigenen Leben so wenig zu wie im politischen – die ostdeutsche Gründergeneration war habituell nicht in der Lage, historische Brüche anders denn als politischen Verrat zu verarbeiten. So wenig Honecker die Zäsur von 1989 anders als verschwörungstheoretisch in sein Denken zu integrieren vermochte, so wenig war er ungeachtet seiner eigenen abweichenden Herrschaftspraxis fähig, den Stalinismus als historisches Phänomen zu erfassen und sich von ihm zu distanzieren: „Auf dem Sonderparteitag der SED-PDS bezeichnete man als Hauptergebnis den Bruch mit dem Stalinismus. Darunter kann ich mir überhaupt nichts vorstellen.“51

Entsprechend weigerte Honecker sich, die von ihm selbst erzwungene Ablösung Ulbrichts an der Spitze des SED-Staats als Einschnitt wahrzunehmen, und beharrte auch nach 1989 darauf, dass der Machtwechsel von 1971 „ein sehr kulturvoller Übergang von einem Älteren auf einen Jüngeren“ gewesen sei: „Zum VIII. Parteitag erstattete ich dann den Bericht, und Walter Ulbricht hielt die Eröffnungsrede. Das heißt, beides geschah mit seiner Mitwirkung. Das unterstreicht die politische Kultur der damaligen Zeit im Zentralkomitee. [...] Und wir haben auch weiterhin gut zusammengearbeitet.“52 Für den Zynismus der Macht im kommunistischen Herrschaftsapparat blieb in dieser geschönten Sicht kein Wahrnehmungsraum. Vieles spricht für die Vermutung, dass Honecker seinen politischen Vatermord gar nicht vollständig erkannte, sondern ihn fugenlos in das ausgleichsbetonte Bild politischen Handelns integrierte, das er in seinem Arbeitsumfeld als SED-Chef tagtäglich bestätigt fand. Selbst nach seiner Ablösung erreichten Honecker Grußadressen von Künstlern wie Stephan Hermlin und Kurt Masur, die dem Gestürzten für sein immer beschwichtigendes Eingreifen in gesellschaftlichen und kulturpolitischen Fragen dankten.53 Von allen Loyalitätszwängen befreit, versicherte im selben Sinne auch nach Honeckers Tod dessen engster persönlicher Mitarbeiter voller Überzeugung, dass sein Chef sich mit Personalentscheidungen stets schwer getan habe und überhaupt „ein harmonieorientierter Mensch“ gewesen sei.54

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Doch ebenso wie die konsensbetonte Selbstsicht des repressiven SED-Regimes allein in ihrer machtgestützten Innenwelt Plausibilität besaß, folgte auch Honeckers Kontinuitätsbiographie einem narrativen Duktus, dessen glättende Arbeit am biographischen Ich nur im Binnendiskurs unsichtbar blieb. Umso greller wurden die Widersprüche nach seinem politischen Untergang zu Tage gefördert und trugen in ihrer journalistischen Zuspitzung zu Honeckers weiterer politischer Delegitimierung bei.55 Offenkundiger Stilisierung unterlag vor allem das Bild von Honeckers persönlicher und familiärer Standhaftigkeit gegenüber dem NS-Regime. Seine Autobiographie umging die belastenden Aussagen, die er im ersten Schock der Verhaftung 1935 gemacht hatte, und sie streifte nur knapp das familiäre Sakrileg des jüngsten Bruders, der sich auf die Seite der Nationalsozialisten geschlagen hatte. Honeckers Lebenserzählung unterdrückte die zeitweilige Hoffnung auf Begnadigung zur Frontbewährung, die sein Vater mit Unterstützung des Brandenburger Zuchthausdirektors durch zwei Gnadengesuche unter Beteuerung der erfolgreichen Läuterung seines Sohnes zum regimeloyalen Volksgenossen zu befördern gesucht hatte. Die Memoiren gaben keinen Aufschluss über die einzelgängerische Verschlossenheit, in der Honecker seine verschiedenen Kalfaktorenposten während der Haftzeit in augenscheinlicher Distanz zum kommunistischen Netzwerk seines Zuchthauses verbracht hatte.56 Sie verschwiegen die näheren Umstände seiner Befreiung 1945 ebenso wie seine erste Eheschließung mit einer Aufseherin des Berliner Frauengefängnisses, in dem er selbst viele Monate inhaftiert war und von dem aus regelmäßig die weiblichen Opfer des NS-Regimes zur Hinrichtung nach Plötzensee überstellt wurden.

Doch bemerkenswert ist nicht so sehr der Umstand, dass Honecker seinen Lebenslauf im Rahmen der für kommunistische Regime charakteristischen „politics of biography“57 redigierte, sondern vielmehr, wie er die kohärenzbedrohenden Aspekte seines Lebens in seine Kontinuitätsbiographie integrierte: In keinem der genannten Fälle hieß simples Verschweigen sein Rezept. So unterdrückte Honecker den Seitenwechsel seines Bruders nicht, sondern erzählte ihn als Geschichte einer gescheiterten Bemächtigung durch das NS-Regime. Ebenso wenig sparte er die 1942 aufgekommene Frage einer vorzeitigen Haftentlassung aus, gab ihr aber durch Verlagerung der treibenden Instanz auf die Gestapo selbst einen entgegengesetzten Sinn, so dass im Ergebnis nicht seine Hoffnung scheiterte, durch glaubwürdige Anpassung eine Begnadigung zu erreichen, sondern der Plan der Gestapo, ihn durch humane Behandlung zu ihrem Gefolgsmann zu machen: „Aber auch diese ‚menschliche‘ Unterhaltung zeitigte [...] nicht das von der Gestapo gewünschte Resultat.“58 Nicht anders fand seine nach dem Krieg geehelichte Gefängnisaufseherin als „gute Bekannte“ und heimliche Unterschlupfgeberin in ihren verschiedenen Rollen ungehinderten Eingang in seine Autobiographie – ohne allerdings als ein und dieselbe Person oder gar spätere Gattin identifizierbar zu werden. In diesen biographischen Einpassungen und Dekontextualisierungen kommt das Vermögen der vor 1933 sozialisierten Gründergeneration zum Ausdruck, die versicherte Wahrhaftigkeit der eigenen Kontinuitätsbiographie auch gegenüber widerstrebenden Aspekten der Lebensgeschichte zu bewahren, ohne sich selbst der Lüge überführen zu müssen.

Historische Zäsurerfahrung und lebensgeschichtliche Neuerfindung blieben der vor dem Ersten Weltkrieg geborenen kommunistischen Funktionärsschicht fremd. Nicht dynamische Aufgeschlossenheit gegenüber dem Zeitenwandel bis in das Alter, sondern von Jugend auf bewährte Parteitreue und unbedingte Verlässlichkeit in den aufeinander folgenden Lebensprüfungen bildeten die Maximen der ostdeutschen Gründergeneration, in deren Vorstellungshorizont die ihr nach 1989 abverlangte Reue als Versagen und die geforderte Schuldeinsicht als Verrat erschien. Altersbedingter Abbau und Starrsinn mögen die verstörende Kälte unterstützt haben, mit der Honecker eine Mitverantwortung für die „Opfer seines diktatorischen Regimes [...] bis zu seinem Tod abgelehnt“ habe.59 Aber sie ergab sich weit mehr aus den Bauformen einer kontinuitätsorientierten Generationserzählung und vertrug sich folglich durchaus mit der pragmatischen Politik der Gewaltdämpfung eines SED-Generalsekretärs, der nach 1981 kein Todesurteil mehr vollstrecken ließ und sich von seinen innerparteilichen Gegnern schließlich sogar wegen angeblicher Aufhebung des Schießbefehls denunzieren lassen musste.60 Wenn Honecker bei seinem letzten öffentlichen Redeauftritt im Dezember 1992 vor Gericht den Spieß umzudrehen suchte und in dem gegen ihn geführten Prozess demonstriert fand, „wo die Betonköpfe herrschen und wer reformunfähig ist“61 – nämlich die Politiker im Westen –, sprach daraus vor allem das Bewusstsein, dass das ein Menschenalter zuvor erworbene Sozialisationsgepäck auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch als zuverlässige Stütze der Weltorientierung dienen könne.

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4. Der Januskopf der Honecker-Herrschaft
 

Aus der geschilderten Hermetik führte kein Weg heraus. Weder inneres Empfinden noch äußere Vorhaltungen vermochten das Weltbild einer kommunistischen Gründergeneration aufzusprengen, das Kritik wahlweise als Verrat der Genossen oder Angriff des Gegners abzuwehren in der Lage war und sich ebenso gegen jede eigenständige Willensbildung der Bürger immunisierte. Im Denken der von Honecker repräsentierten Wir-Schicht war kein Platz für das autonome Handeln eines als von Natur aus verführbar gedachten Volkes, dessen einmal erfahrener Ausbruch aus den Grenzen einer leitenden Vernunft zum lebensgeschichtlichen Trauma der Gründergeneration geworden war: „Die älteren Zeitgenossen unter uns wissen nur zu gut, wie verheerend sich eine ähnliche Entwicklung Anfang der 30er Jahre zunächst auf die Völker der Nachbarländer und schließlich auf die ganze Welt ausgewirkt hat. Und wenn heute so undifferenziert vom Willen der Mehrheit die Rede ist, scheint auch folgende Frage berechtigt zu sein: Sind nicht im Klima einer chauvinistischen Euphorie auch Millionen Deutsche mit begeisterten Heilrufen den braunen Rattenfängern in den Krieg gefolgt? Wenn die Stimmen der Vernunft und der Warnung [...] erstickt werden, dann kann die totale Manipulation der Meinung mit der Macht der Medien auch in eine totale Katastrophe führen. Das ist doch eine gemeinsame Erfahrung der Völker und Politiker unserer Generation.“62

Der dies 1991 im Moskauer Exil sagte, sah sich als konservativer Revolutionär von links, dessen Kompass sich am gesetzmäßigen Gang der Geschichte ausrichte. Sein Verständnis politischer Verantwortung speiste sich aus einem erfahrungsgesättigten Misstrauen gegenüber dem eigenen Staatsvolk, das den frei artikulierten Volkswillen wahlweise als willkommene Bestätigung, hilfreiche Orientierung oder politische Bedrohung gewichtete, aber jedenfalls nicht als Richter über das eigene Tun akzeptierte: „Das Volk ist als Masse leicht manipulierbar, aber in erster Linie zu schöpferischen Fähigkeiten in der Lage. Ohne eine klare Führung durch eine marxistische Partei geht das nicht! Es ist die über Jahrhunderte gereifte Erkenntnis, daß ‚Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit‘ ist!“63 Entsprechend las der konservative Kommunist Erich Honecker den Selbstvertretungsanspruch der ostdeutschen Volkserhebung von 1989 als Ausdruck einer bloßen Irreführung: „‚Wir sind das Volk‘?, schön und gut, ich liebe das Volk. Aber um welches Volk handelt es sich? Um ein manipuliertes oder eines, dessen Handeln von der Vernunft bestimmt ist? [...] Ist es ein aufgeklärtes Volk, ein mündiges Volk? Oder ein Volk, das den Rattenfängern nachläuft?“64 Dies sei vor allem ein Lenkungsversagen: „Die alte Führung, der ich nicht mehr angehörte, ist dem Ruf des nah- oder ferngesteuerten Volkes gefolgt, anstatt dafür zu sorgen, daß das Volk ihr folgt.“65

Honeckers Geringschätzung der ungesteuerten sozialen Willensbekundung entsprang nicht einer erst nach dem Sturz gewonnenen Erkenntnis, sondern zählte zur mentalen Grundausstattung eines kommunistischen Veteranen, der 1933 den Jubel über die nationalsozialistische „Machtergreifung“ miterlebt hatte und zwei Jahre später das überwältigende Votum der Saarländer für den „Anschluss“ an das Reich. Schon der eben installierte Jugendfunktionär Erich Honecker beschwor 1945 im Sinne der kommunistischen Umerziehungspolitik die notwendige „Umformung der jungen Generation“ und „unsere Arbeit zur Beseitigung jeglichen chauvinistischen Unrats in den Hirnen und Herzen unserer Jugend“.66

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So verhärtet und vermeintlich altersstarr Honecker auf die Emanzipation der ostdeutschen Bevölkerung aus dem Gefängnis dieser Weltordnung reagierte, so beweglich präsentierte er sich innerhalb der Grenzen seines generationell und biographisch verfestigten Denkhorizonts. Derselbe Diktator, der in der finalen Krise noch befohlen hatte, seinen geflüchteten Bürgern keine Träne nachzuweinen, war sich im Nachhinein durchaus darüber im Klaren, dass das sozialistische Experiment sich nicht die erforderliche soziale Akzeptanz zu schaffen vermocht hatte.67 Nicht im Glanz der gelenkten Öffentlichkeit als oberster Repräsentant eines weltweit anerkannten Staats, sondern als gestürzter Machthaber und moribunder Untersuchungshäftling vor Gericht hielt Honecker die nach dem Urteil eines Prozessbeobachters „wahrscheinlich beste Rede seines Lebens, vorgetragen mit fester Stimme“.68 Alle Verbohrtheit als Vorsteher einer blind und taub auf den Abgrund zusteuernden Herrschaftsclique hinderte Honecker nicht, seinen weiteren Verbleib im Amt nach dem triumphalen Bonn-Besuch von 1987 damit zu motivieren, dass er noch „ein paar außenpolitische Höhepunkte zu setzen“ vorgehabt habe.69 Bis zu seinem Zusammenbruch auf einer Tagung des Warschauer Pakts im Sommer 1989 präsentierte er sich tatsächlich keineswegs in der entkräfteten Verfassung, die rückblickend das Bild der SED-Führung auf dem Weg in den Untergang bestimmt. Noch die Teilnehmer des Pfingsttreffens der FDJ am 13. Mai 1989 erlebten einen Generalsekretär, der sich in der Begegnung mit der Jugend witzig und schlagfertig zeigte und sein Schlusswort in freier Rede hielt.70

Der medial transportierte Eindruck eines zum störrischen Greis gewordenen SED-Chefs, der sich von seinem jüngeren Bundesgenossen aus Moskau die abgelaufene Uhr seiner Herrschaftszeit vorhalten lassen muss, sollte nicht vergessen machen, dass Honecker seine Politik 18 Jahre zuvor unter das gegenteilige Versprechen einer jugendlichen Aufbrechung verkrusteter Strukturen gestellt hatte. Das von ihm auf dem VIII. Parteitag im Juni 1971 skizzierte Programm, alles für das Wohl der Menschen und das Glück des Volkes zu tun, bekräftigte den Anspruch einer kommunistischen Kümmererherrschaft, die in ihrem auf Sachlichkeit und Machbarkeit ausgerichteten Wertekanon den „Sinn des Sozialismus“ vom utopischen Erlösungsversprechen hin zur pragmatischen Problembewältigung verschob.71

Honecker griff damit auf eben den praxisorientierten Erfahrungshorizont zurück, der ihm aus der saarländischen Sozialisation vertraut war und den er bis zum Ende seiner Tage als Partei- und Staatschef beibehielt. Er pflegte ihm vorgelegte Schriftstücke innerhalb kürzester Frist mit knappen Marginalresolutionen zu bearbeiten und entwickelte einen für Einzelentscheidungen offenen Arbeitsstil, der in der Regel rasche und konkrete Problemlösung der Subsumierung unter grundsätzliche Festlegungen vorzog, sich dadurch aber auch in der gleichförmigen Kenntnisnahme nichtigster Probleme und Zuschriften verlor.72 Ebenso veränderten die Sitzungen des Politbüros ihren Charakter; der unter Ulbricht gewohnte Austrag von Differenzen wich einem geschäftsmäßigen Abarbeiten von Tagesordnungspunkten.73

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Der FDJ-Politiker als Dandy: Erich Honecker, 9. September 1950
(Bundesarchiv, Bild 183-19204-2916, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst Zentralbild)

Parallel dazu aber kultivierte Honecker ein altersunabhängiges Jugendflair, das sich habituell mit der FDJ verband, die er als Gründungsvorsitzender zehn Jahre lang geleitet hatte. „Sein Auftreten ist frisch und ungekünstelt und wird immer bei der Jugend uneingeschränkt Zustimmung finden“, hatte eine parteiinterne Charakteristik vom Sommer 1946 festgehalten.74 Jugendlich versuchte Honecker sich in dem gern durch einen Strohhut betonten casual style seiner Kleidung auch Jahrzehnte später zu geben – und ebenso durch das Bad in der Menge, das ihn von seinem Vorgänger abhob. In den Jahren nach Honeckers Bestellung zum Ersten SED-Sekretär 1971 rückten Vertreter seiner Altersgruppe und oft auch der in der eigenen Parteikarriere gebildeten Netzwerke in die Führung ein – um dann aber bis zum Herbst 1989 in ihren Positionen zu verharren. Der im Oktober 1950 knapp 57 Jahre betragende Altersdurchschnitt im Politbüro stieg zwischen Oktober 1970 und Oktober 1989 von 61 auf 67 Jahre an. Auch hier lässt sich die für die Honecker-Ära charakteristische Verbindung von Aufbruch und Erstarrung beobachten.

Den Abbau eingeschliffener Hierarchien unterstrich ebenso die von Honecker 1971 programmatisch angekündigte Rückkehr zu einem kollektiven Leitungsmodus, der die autoritäre Verhandlungsführung des alten Ulbricht ersetzen sollte. Dass dieser generationelle Politikstil innerhalb kürzester Zeit einer Verhärtung Platz machte, die den konsensorientierten Meinungsmoderator in einen autokratischen Herrscher verwandelte, erfuhren die übrigen Mitglieder des innersten Machtzirkels und besonders empfindlich Angehörige nachfolgender Generationen, wie sie etwa Günter Schabowski und Egon Krenz verkörperten. In seinem Selbstverständnis hingegen blieb Honecker der „junge Patriarch“, der sich nicht lange bitten ließ, der Wiebelskirchener Schalmeienkapelle beizutreten oder von Udo Lindenberg eine Lederjacke samt Gitarre als Geschenk anzunehmen. Noch am 1. Mai 1989 genoss er fröhlich den Vorbeizug fähnchenschwenkender FDJ-Demonstranten und wollte gar nicht verstehen, als ihn Johannes Rau auf der Leipziger Frühjahrsmesse fragte, weshalb die Stimmung in seinem Lande „so mies“ sei.75

Zur generationellen Erfahrung trat die Milieuprägung. Als kommunistischer Jugendfunktionär im Saarland arbeitete Honecker weit über das linke Lager hinaus auch mit katholischen Jugendverbänden und fallweise selbst mit der HJ zusammen. Seine politische Sozialisation bewegte sich im Rahmen einer solchen parteiübergreifenden Vernetzung, dass sich noch der Staatsratsvorsitzende Honecker an einen katholischen Prälaten in Wiebelskirchen ebenso dankbar erinnerte wie an den Rektor der evangelischen Schule, der ihm in der Brandenburger NS-Haft aufmunternde Grüße hatte zukommen lassen.76 Die revolutionäre Vision, die der kindliche Jungspartakist an der heimatlichen Blies ausbildete, zielte schlicht darauf, „ein besseres Leben sichern“ zu wollen,77 und sie war pragmatisch genug, auf dem Wege dahin nach allen Seiten bündnisoffen und undogmatisch zu bleiben – beides Erfahrungen, die Honecker nach dem Ende der kommunistischen Fortschrittshoffnung zum geeigneten Prätendenten einer Herrschaft machten, die auf Machtsicherung statt auf Welteroberung ausgelegt war. Sie erleichterten ihm die milieugeprägte Identifizierung mit dem kommunistischen Paradigmenwechsel von der politischen Erlösungshoffnung zur materiellen Bedürfnisbefriedigung, die alle Länder des sowjetischen Machtblocks in ihrer „realsozialistischen“ Phase erfasste.

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Die Strategie sozialer Gratifikationsgewährung, die Honecker auf dem VIII. Parteitag 1971 in die Formel der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ goss, fußte für ihn nicht auf Opportunitätserwägungen, sondern auf einer lebensleitenden Sozialisationserfahrung. Nicht erst in der offenen Systemkrise der späten 1980er-Jahre beharrte Honecker folgerichtig gegen alle Warnungen auf der Fortführung seiner für ihn ‚alternativlosen‘ Sozialpolitik. Schon während der Ölkrise in den ersten Jahren nach seinem Amtsantritt sperrte er sich kategorisch gegen eine auf bezirklicher Führungsebene geforderte Erhöhung der Benzinpreise,78 und 1973 entledigte er sich eines Mahners in der ZK-Abteilung für Finanzen, indem er ihn zwang, die von ihm ausgearbeiteten Unterlagen zur dramatisch wachsenden Verschuldung der DDR zu vernichten.79 Vom Beginn bis zum Ende seiner Herrschaft ließ Honecker nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen, dass kein politisches oder wirtschaftliches Ereignis ihn je dazu bringen würde, die Konstanten seiner Politik aufs Spiel zu setzen.80 Nicht mangelndes oder bewusst beiseitegeschobenes Wissen um die ökonomische Situation der DDR, sondern sein lebensgeschichtlich verankertes Credo guter Politik ließ Honecker an der ruinösen Wirtschafts- und Sozialpolitik bis zum Untergang festhalten.81

Weniger individualbiographisch, sondern weit stärker generationsgeschichtlich kann die innere Stärke der von Honecker verkörperten Macht im SED-Staat erklärt werden – und ebenso ihre strukturelle Unfähigkeit, der Krise des sozialistischen Experiments zu steuern und überzeugende Strategien gegen den grassierenden Legitimationsverlust der SED-Herrschaft zu finden. Mit demselben federnden Schwung, mit dem Honecker sein Amt 1971 angetreten hatte, glaubte er im September 1989 das Heft wieder in die Hand zu nehmen, als er das Politbüro mit einem aufmunternden „So, da wären wir wieder“ begrüßte. Umgekehrt kennzeichnet dieselbe strukturelle Missachtung des frei bekundeten Volkswillens auch schon die Frühphase der Herrschaft Honeckers, der bereits 1979 das beim ZK der SED angesiedelte Institut für Meinungsforschung schließen ließ, damit die Ergebnisse seiner Erhebungen nicht in die Hände des Klassengegners fallen könnten.82

Normative Härte und pragmatische Beweglichkeit markieren daher keinen unerklärlichen Widerspruch im politischen Leben Erich Honeckers, und sie lassen sich auch nicht einfach auf einer lebens- und systemgeschichtlichen Zeitskala eintragen, die die fortschreitende Unbeweglichkeit des alternden Diktators mit der zunehmenden Erstarrung des Sozialismus an der Macht parallelisiert. Vielmehr zeigen sie einen identitätsbildenden Zusammenhang, der Honecker in der Stalin-Ära auf die Seite der konservativen Praktiker der Macht führte und ihm einen von ideologischen Fraktionskämpfen und Zieldebatten unberührten Aufstieg im Gefüge des kommunistischen Machtapparats ermöglichte. Dieselbe Breite seines Politikstils ermöglichte es Honecker in den 1970er-Jahren, zum führenden Repräsentanten einer kommunistischen Veralltäglichungsherrschaft zu werden, die weiterhin an ihre Kontinuität zu der von Josef Stalin verkörperten Denkwelt glaubte und sich zugleich mit einer von Franz Josef Strauß und Herbert Wehner repräsentierten Gegenwelt ohne Berührungsängste zu verständigen vermochte. Dass am Ende auch diese Verbindung von Normativität und Pragmatik unzeitgemäß werden und mit der verschwindenden Blockpolarität einer viel weitergehenden Verständigung zwischen östlicher und westlicher Hemisphäre zum Opfer fallen würde, dürfte Honecker selbst bis an sein Lebensende ein Rätsel geblieben sein.

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5. Fazit
 

Was also verkörperte Erich Honecker in generationsbiographischer Perspektive? Es ist zunächst die Lebensgeschichte eines kommunistischen Funktionärs, der im Festhalten an seiner milieubedingten Generationserfahrung einen Leitwert erkannte, der Ich-Identität und Weltperzeption über alle historischen Zäsuren hinweg und bis zum eigenen Lebensende formte. Auf ihr biographisches Kontinuitätsbewusstsein gründeten die Träger des kommunistischen Ordnungsentwurfs ihre im wörtlichen Sinne „selbst-gewisse“ und von Zweifeln freie Durchsetzungshärte gegenüber allen Widerständen und Widersachern. Dieselbe biographisch abgestützte Denkstruktur machte die bis zum Ende der DDR entschlossen an den Hebeln der Herrschaft festhaltende Elite der Alten Kommunisten zugleich hilflos gegenüber einer Herausforderung des sozialistischen Experiments, die nicht im tradierten Freund-Feind-Muster auftrat, sondern als allmähliche Verblassung ihres Wertehimmels und als schleichende Erosion ihrer Denkordnung.

Neben die biographische Kontinuität aber trat in der Person Erich Honeckers die milieugeprägte und lebensgeschichtlich kultivierte Beweglichkeit eines kommunistischen Kümmerers, der sich bis in die letzten Züge der eigenen Herrschaft als Repräsentant einer pragmatischen Ausgleichspolitik verstand und unkonventionelle Lösungsansätze in seinem Handeln nicht scheute. In dieser Spannung zwischen Starrheit und Elastizität war Honecker nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftsgeschichtlich der führende Repräsentant eines Regimes, das unter ihm von der zukunftsgewissen Welteroberung schrittweise zur bloßen Existenzsicherung übergegangen war und am Ende seine langjährige Stabilität unvermittelt mit rascher Auflösung bezahlen sollte.

Anmerkungen: 

1 Privatbesitz Daniel Küchenmeister, Berlin.

2 Reinhold Andert/Wolfgang Herzberg, Der Sturz. Erich Honecker im Kreuzverhör, Berlin 1990, S. 33.

3 Norbert F. Pötzl, Erich Honecker. Eine deutsche Biographie, Stuttgart 2002, S. 7.

4 Jens Gieseke/Hermann Wentker, Die SED – Umrisse eines Forschungsfeldes. Zur Einleitung, in: dies. (Hg.), Die Geschichte der SED. Eine Bestandsaufnahme, Berlin 2011, S. 7-15, hier S. 11. Auch Wilfriede Ottos Biographie Erich Mielkes hatte mit dem Umstand der auf die politische Vita eingeschränkten Quellenlage zu kämpfen: „Wiederholte schriftliche Angebote an den ehemaligen Minister, [...] sich in einem Nachwort aus eigener Sicht über sein Leben und seine Funktion ‚oder welches Problem auch immer‘ zu äußern, das in der Biographie ‚ohne jegliche Änderungen publiziert‘ werde, schlugen fehl. Damit verringerte sich die Chance, über die Jagd- und Fußballeidenschaften hinaus verifizierbar mehr über seine persönlichen Gewohnheiten, seine geistigen und kulturellen Interessen in die Biographie aufzunehmen.“ Wilfriede Otto, Erich Mielke. Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten, Berlin 2000, S. 10.

5 Wissenschaftlichen Anspruch erheben können beispielsweise im polnischen Fall lediglich zwei knappe Biographien zu Bierut (Andrzej Garlicki, Bolesław Bierut, Warszawa 1994) bzw. Gomułka (Paweł Machcewicz, Władysław Gomułka, Warszawa 1995) und eingeschränkt auch eine Studie über Gierek (Janusz Rolicki, Edward Gierek. Życie i narodziny legendy [Edward Gierek. Leben und Geburt einer Legende], Warszawa 2002). Zu Jaruzelski existiert eine journalistische Studie: Marceli Kosman, Wojciech Jaruzelski wobec wyzwań swoich czasów. O kulturze politycznej w Polsce przełomu tysiącleci [Wojciech Jaruzelski und die Herausforderungen seiner Zeit. Über politische Kultur im Polen der Jahrtausendwende], Poznań 2003.

6 Zu Ulbricht sind zu nennen: Carola Stern, Ulbricht. Eine politische Biographie, Köln 1963; Norbert Podewin, Walter Ulbricht. Eine neue Biographie, Berlin 1995; Mario Frank, Walter Ulbricht. Eine deutsche Biografie, Berlin 2001. Zu Honecker liegen vor: Heinz Lippmann, Honecker. Porträt eines Nachfolgers, Köln 1971; Dieter Borkowski, Erich Honecker. Statthalter Moskaus oder deutscher Patriot? Eine Biographie, München 1987; Henrik Eberle, Anmerkungen zu Honecker, Berlin 2000; Jan N. Lorenzen, Erich Honecker. Eine Biographie, Reinbek bei Hamburg 2001; Ulrich Völklein, Honecker. Eine Biographie, Berlin 2003; Pötzl, Honecker (Anm. 3).

7 Christian Jung, Geschichte der Verlierer. Historische Selbstreflexion von hochrangigen Mitgliedern der SED nach 1989, Heidelberg 2007; Stefan Zahlmann, Autobiographische Verarbeitungen gesellschaftlichen Scheiterns. Die Eliten der amerikanischen Südstaaten nach 1865 und der DDR nach 1989, Köln 2009.

8 Catherine Epstein, The Last Revolutionaries. German Communists and Their Century, Cambridge 2003, S. 3.

9 Für letzteren siehe etwa die Zeugnisse von Egon Bahr, Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker, die den Umgang von Justiz und Öffentlichkeit nach 1989 mit Honecker für eine „Schande“ hielten (Bahr). Interviewäußerungen Schmidt, Weizsäcker und Bahr gegenüber dem Verfasser, 19.1.2012, 1.2.2012 und 11.1.2013.

10 BStU, MfS HA IX/11, SV 19/77, Bd. 11, Mitschrift von: Henning Frank, Beitrag, in: Deutschlandfunk, Mittagsecho, 4.5.1971.

11 Johannes Zenker, Funktionäre – Figuren – Statisten, in: Ost-West-Kurier, 17.8.1968.

12 Ulbrichts Linienrichter Honecker. Der Mann der Generallinie, in: Vorwärts, 9.2.1966; Ulbrichts Kronprinz, in: Industriekurier, 22.9.1966.

13 Pötzl, Honecker (Anm. 3), S. 83; Wolfgang Engler, Strafgericht über die Moderne – Das 11. Plenum im historischen Rückblick, in: Günter Agde (Hg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, 2., erw. Aufl. Berlin 2000, S. 16-36, hier S. 19f.; Monika Kaiser, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972, Berlin 1997, S. 207ff.

14 Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 14f. Auf die ihrerseits verstörend unkritische Perspektive von Honeckers Interviewern verweist wiederum Zahlmann, Verarbeitungen (Anm. 7), S. 179, ohne allerdings über seine eigene Empörung über die zynische Verstocktheit der Honeckers analytisch hinauszugehen (S. 230): Margot Honeckers „Verhöhnung der Opfer der SED-Politik ergänzt den Zynismus ihres Mannes [...]. In seinem Denken gibt es keine mündigen Bürger, keine eigene Verantwortung, sondern nur eine konzertierte Aktion des internationalen Kapitalismus und ein dummes, undankbares Volk.“

15 Hans Modrow, Die Perestroika. Wie ich sie sehe. Persönliche Erinnerungen und Analysen eines Jahrzehntes, das die Welt veränderte, Berlin 1998, S. 29f.

16 So etwa Lorenzen, Honecker (Anm. 6), S. 10: „Es ist dieses im Wesen Honeckers verborgene Paradoxon, das seine Biographie so spannend macht.“

17 Helmut Schmidt, Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, Berlin 1996, S. 505.

18 Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 104.

19 Von Hagers Herkunft hatte etwa der Literaturwissenschaftler und -kritiker Hans Mayer in der DDR nur auf Umwegen erfahren: „Kurt Hager stammte, wie mir Käte Harig berichtet hat, aus dem Schwäbischen.“ Hans Mayer, Der Turm von Babel. Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik, Frankfurt a.M. 1991, S. 163.

20 Ebd., S. 149.

21 So informierte Werner Krolikowski im Frühjahr 1983 seine Moskauer Gesprächspartner in einer konspirativen Mitteilung: „Das besonders Besorgniserregende ist die Haltung von EH zur BRD. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse hat EH auf den Messeständen der BRD keine klassenmäßige Position bezogen. Auf dem Messestand der Saarer Stahl AG ließ er sich farbige Fotobilder im Format von 30 x 60 cm als Wandbehang von diesem Stahlkonzern schenken, die sein Geburtshaus, seine Straße und besondere Sehenswürdigkeiten von Wiebelskirchen an der Saar (seinem Geburtsort) zeigten. Außerdem bekam er 2 Heimatbücher. Voller ‚Rührung‘ bedankte er sich bei den saarländischen Konzernbossen dafür und erklärte: ‚Das sei ja ein Großangriff auf seine Gefühlswelt.‘ […] Es ist eben ein Paradoxum [sic!], daß ein eingefleischter Westdeutscher an der Spitze der DDR steht.“ Notiz von Werner Krolikowski zur inneren Lage in der DDR am 30. März 1983, in: Peter Przybylski, Tatort Politbüro. Die Akte Honecker, Berlin 1991, S. 349-356, hier S. 352.

22 Erich Honecker, Aus meinem Leben, 4. Aufl. Berlin (Ost) 1981, S. 4.

23 Bundesarchiv, SAPMO, NY 4167, 650, Staatliches Komitee für Rundfunk, Mitschrift einer RIAS-Sendung vom 21.8.1977.

24 Klaus-Michael Mallmann/Horst Steffens, Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar, München 1989, S. 137.

25 Bundesarchiv, SAPMO, DY 30, IV2/11v/5344, Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung innerhalb der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Personalfragebogen, 27.9.1945.

26 Honecker, Aus meinem Leben (Anm. 22), S. 31.

27 Ebd., S. 41. Seine Teilnahme an der offiziellen Geburtstagsfeier zu Stalins 70. Geburtstag im Dezember 1949 in Moskau ließ Honecker jubeln: „Ich habe Stalin gesehen! Es war die größte Sache, die ich je erlebt habe!“ „Wir sahen Stalin“, in: Junge Welt, 28.12.1949, S. 1. Zur Kategorie der Verzauberung als rauschhafter Form der charismatischen Beziehung: Erhard Stölting, Die charismatische Suggestion und die Medien, in: Martin Sabrow (Hg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach 2006, Berlin 2007, S. 183-192.

28 Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999, S. 320f. Vgl. Mary Fulbrook, Generationen und Kohorten in der DDR. Protagonisten und Widersacher des DDR-Systems aus der Perspektive biographischer Daten, in: Annegret Schüle/Thomas Ahbe/Rainer Gries (Hg.), Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur, Leipzig 2006, S. 113-130, hier S. 124ff.

29 Heinz Bude, Die „Wir-Schicht“ der Generation, in: Berliner Journal für Soziologie 7 (1997), S. 197-204.

30 Thomas Ahbe/Rainer Gries, Gesellschaftsgeschichte als Generationsgeschichte. Theoretische und methodologische Überlegungen am Beispiel DDR, in: Schüle/Ahbe/Gries, Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive (Anm. 28), S. 475-571, hier S. 492ff., S. 499.

31 Zur kommunistischen „politics of hatred“: Richard Bessel, Hatred after War. Emotion and the Postwar History of East Germany, in: History and Memory 17 (2005), S. 195-216.

32 Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 361.

33 Egon Krenz, Herbst ‘89, Berlin 1999, S. 54f.

34 Epstein, The Last Revolutionaries (Anm. 8), S. 79. Siehe auch Karin Hartewig/Lutz Niethammer, Einleitung, in: Lutz Niethammer (Hg.), Der ‚gesäuberte‘ Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald, Berlin 1994, S. 27-167; Wolfgang Kießling, Partner im „Narrenparadies“. Der Freundeskreis um Noel Field und Paul Merker, Berlin 1994.

35 Die Erzählfigur des Damaskuserlebnisses nutzte etwa der 1899 geborene Fritz Selbmann in seiner Autobiographie: „Die Wende kam buchstäblich über Nacht. Mein Stubenkumpel Max Czaikowski [...] hatte mir, ehe er zur Schicht ging, eine Broschüre zum Lesen dagelassen. Es war ‚Staat und Revolution‘, die erste Schrift von Lenin, die ich zu Gesicht bekam und die mir mit einem Schlage die Augen öffnete zum Verständnis aller wichtigen politischen Streitfragen, mit denen ich bisher nicht hatte fertig werden können. [...]. Es war eine aufregende Nacht für mich, eine der aufregendsten in meinem Leben. [...] Ich war, wie einst Saulus durch die Erscheinung von Damaskus zum Paulus, in dieser einen Nacht zum Kommunisten geworden.“ Fritz Selbmann, Alternative – Bilanz – Credo. Versuch einer Selbstdarstellung, Halle (Saale) 1975, S. 111f.

36 Exemplarisch hierfür die Lebenserzählung des 1902 geborenen Alexander Abusch: „Ich freundete mich mit der Familie Grönsfelder an und besuchte sie, wobei ich darauf achten mußte, daß meine Mutter nicht sah, wenn ich das gegenüberliegende Haus betrat. Von diesem Arbeiter lernte ich viel. [...] Als ich das Kommunistische Manifest las, war ich gepackt von der Tiefe der Erkenntnis wie von der Größe dieses Kunstwerkes der deutschen Sprache. Es gab in mir viele Widersprüche, die meiner Herkunft entsprangen und der Art, wie ich in meiner Familie und an meiner Arbeitsstelle leben mußte.“ Alexander Abusch, Der Deckname. Memoiren, Berlin (Ost) 1981, S. 26.

37 Am vielleicht radikalsten demonstriert den von Herkunftsreue begleiteten Erweckungsvorgang die Lebensgeschichte Karl-Eduard von Schnitzlers, der sich in der DDR den Wunsch zur Ablegung seines als Stigma empfundenen Adelsprädikats versagen musste, um als Beispiel einer vorbildlichen Ablösung von seiner feudalen Familiengeschichte zu dienen: „Aber Genosse Ulbricht meinte bei unserem ersten Gespräch in prächtigem Sächsisch: ‚Du bist wohl verrigd geworn! Die Leide solln wissen, wohär man iberall zu uns gommen gann!‘“ Karl-Eduard von Schnitzler, Meine Schlösser oder Wie ich mein Vaterland fand, Hamburg 1995, S. 11. Zur kommunistischen Ankunftsbiographik und ihrer Abgrenzung von der exkommunistischen Abkehr- und der postkommunistischen Bewältigungsbiographik siehe Martin Sabrow, Den Umbruch erzählen. Zur autobiographischen Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit, in: Frank Bösch/Martin Sabrow (Hg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach 2011, Göttingen 2012, S. 143-158.

38 Erich Honecker, Aus meinem Leben (Anm. 22), S. 9.

39 Stoph wurde 1960 von Ulbricht und Honecker als DDR-Verteidigungsminister zurückgezogen, nachdem er Ulbricht hatte eingestehen müssen, seine Mitwirkung an einer Betriebszeitung der Deutschen Arbeitsfront verschwiegen zu haben, in der er 1944 eine „Geburtstagsparade vor dem Führer“ als „Erlebnis von bleibendem Wert“ gepriesen hatte. Ulrich Mählert, Willi Stoph – Ein Fußsoldat der KPD als Verteidigungsminister der DDR, in: Hans Ehlert/Armin Wagner (Hg.), Genosse General! Die Militärelite der DDR in biografischen Skizzen, Berlin 2003, S. 279-303, hier S. 283.

40 Honecker, Aus meinem Leben (Anm. 22), S. 9.

41 So erwähnte Honecker in seinen Memoiren neben dem vermutlich auf Stalins Befehl ermordeten Max Hoelz auch seinen später als „trotzkistischer Staatsfeind“ verfolgten und aus der KPD ausgeschlossenen Moskauer Lehrer Erich Wollenberg als Weggefährten, der ihm wichtige Kontakte vermittelt habe: „Noch heute bin ich Wollenberg dafür dankbar, obwohl er sich, wie gesagt, später auf die Seite des Gegners schlug.“ Honecker, Aus meinem Leben (Anm. 22), S. 41.

42 Ders., Zu dramatischen Ereignissen, Hamburg 1992, S. 67.

43 Archiv der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin, 2 Js 26/90, Bd. 7, K.-J. Neumärker/J. Morgner/G. Schott, Nervenfachärztliches Gutachten Erich Honecker, 2.9.1990, S. 43.

44 „Keiner unserer Freunde im Ausland kann verstehen, daß es die sozialistischen Werte nicht mehr gibt. Aber nicht nur sie. Neben den Mitgliedern der SED und ehemaligen DDR-Bürgern gibt es im Land viele, die es nicht verstehen können. Ich gehöre zu denen. Ich bin sogar einer, der es nie verstehen wird.“ Interviewäußerung Honecker, in: Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 418.

45 Interviewäußerung Honecker, in: ebd., S. 19f.

46 Ebd., S. 19. Zur Umbruchsverarbeitung als Umbruchsleugnung bei Honecker vgl. auch Zahlmann, Verarbeitungen (Anm. 7), S. 226ff.

47 „Hatten nicht bei uns alle zu essen und zu trinken? Ja! Hatten nicht bei uns alle die Möglichkeit, sich sowohl für den Sommer, den Herbst, den Winter und das Frühjahr zu kleiden? Ja! Gab es in der DDR Obdachlose? Nein.“ Noch den Verweis auf die „permanente Mangelsituation im Konsumsektor“ parierte Honecker ungerührt mit der Überzeugung, „daß zum Beispiel auf textilem Gebiet die Modefrage eine entscheidende Rolle bei der Profitmaximierung in der kapitalistischen Welt spielt [...]. Bei uns konnten alle satt werden.“ Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 418, S. 424.

48 „Erich hat noch im Alter die Ideale aus den dreißiger Jahren gehabt: Der hat zum Beispiel einmal jungen Leuten erzählt: ‚Hättet ihr 1945 gedacht, daß wir heute solche Wohnungen bewohnen können?‘ Bloß haben diese Leute damals noch nicht gelebt. Für Erich war wichtig, ein Dach überm Kopf zu haben, genug zu essen, warme Kleidung, genug Geld für eine Eintrittskarte fürs Kino am Wochenende und ein Kondom.“ Interviewäußerung Hermann Axen, 17.12.1991, in: Margarita Mathiopoulos, Rendezvous mit der DDR. Politische Mythen und ihre Aufklärung, Düsseldorf 1994, S. 56.

49 Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 44.

50 Erich Honecker, Persönliche Erklärung vor dem Landgericht Berlin, 3.12.1992; zit. nach Luis Corvalán, Gespräche mit Margot Honecker über das andere Deutschland, Berlin 2001, S. 203-218, hier S. 215. Für die Vorstellung der generationellen Staffelübergabe siehe exemplarisch die Lebenserzählung Karl Schirdewans: „Mein ganzes Leben habe ich mich nach meinen Kräften zusammen mit vielen Millionen anderen Menschen dafür eingesetzt, daß dieses Jahrhundert zur entscheidenden Wende der Menschheit weg von barbarischen Verhältnissen, hin zu einer sozialen und demokratischen Zivilisationsform werden sollte. [...] Den wesentlichen Teil dieser Aufgabe zu lösen steht jedoch den jüngeren Generationen zu. Es gilt, in Auseinandersetzung mit jener herrschenden bürgerlichen Endzeit- und Globalisierungsideologie, ein eigenes, gleichermaßen humanistisches wie ökologisches, demokratisches wie emanzipatorisches, sozial gerechtes wie ökonomisch fundiertes Globalisierungskonzept zu entwickeln.“ Karl Schirdewan, Ein Jahrhundert Leben. Erinnerungen und Visionen. Autobiographie, Berlin 1998, S. 304ff.

51 Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 426. Wie sehr dieses Bekenntnis nach dem Sturz auch seine Haltung vor dem Sturz traf, belegt das von Honecker veranlasste Auslieferungsverbot für den „Sputnik“, als die sowjetische Zeitschrift im November 1988 den Stalinismus als historisches Phänomen thematisierte.

52 Ebd., S. 272f.

53 Stephan Hermlin an Erich Honecker, 22.10.1989, als Faksimile abgedruckt in: Corvalán, Gespräche (Anm. 50), S. 179f.; Kurt Masur an Erich Honecker, 30.10.1989, in: ebd., S. 181. In einer späteren Erinnerung schwächte Hermlin sein positives Urteil über den Nothelfer Honecker etwas ab, ohne es in der Substanz preiszugeben: Stephan Hermlin, Bruchstücke der Erinnerung an Ulbricht und Honecker, in: Agde, Kahlschlag (Anm. 13), S. 325-328.

54 Frank-Joachim Herrmann, Der Sekretär des Generalsekretärs. Honeckers persönlicher Mitarbeiter über seinen Chef. Ein Gespräch mit Brigitte Zimmermann und Reiner Oschmann, Berlin 1996, S. 10.

55 Vgl. hierzu ausführlicher: Martin Sabrow, Honeckers Wir-Biographie und ihr Erzähler, in: Berliner Debatte Initial 23 (2012) H. 2, S. 23-35, hier S. 27ff.

56 Epstein, The Last Revolutionaries (Anm. 8), S. 80f. Siehe demnächst auch Leonore Ansorg, Politische Häftlinge im nationalsozialistischen Strafvollzug: Das Zuchthaus Brandenburg-Görden (in Vorbereitung).

57 Epstein, The Last Revolutionaries (Anm. 8), S. 9.

58 Honecker, Aus meinem Leben (Anm. 22), S. 101.

59 Eberle, Anmerkungen zu Honecker (Anm. 6), S. 8.

60 „Innerhalb des Grenzregimes an der Staatsgrenze DDR/BRD hat Erich Honecker de facto den Schießbefehl außer Kraft gesetzt (völlig eigenmächtig). Die Grenzsoldaten dürfen von der Waffe nur noch Gebrauch machen, wenn sie persönlich tätlich bedroht werden. Das ist doch nicht verantwortbar.“ Bundesarchiv, SAPMO, DY 30, 25760. Das im Bestand Büro Werner Krolikowski archivierte Schriftstück trägt den handschriftlichen Zusatz: „Von W.[illi] St.[oph] und mir [d.i. Krolikowski; M.S.) am 8.9. W. Kotschemassow für M.[ichail] G.[orbatschow] übergeben.“

61 Honecker, Persönliche Erklärung (Anm. 50), S. 218.

62 Ders., Moabiter Notizen. Letztes schriftliches Zeugnis und Gesprächsprotokolle vom BRD-Besuch 1987 aus dem persönlichen Besitz Erich Honeckers, Berlin 1994, S. 88.

63 Andert/Herzberg, Der Sturz (Anm. 2), S. 420.

64 Ebd., S. 419.

65 Ebd., S. 420.

66 Erich Honecker, Neues Leben – Neue Jugend, in: Deutsche Volkszeitung, 7.7.1945; zit. nach: ders., Zur Jugendpolitik der SED. Reden und Aufsätze von 1945 bis zur Gegenwart. Erster Band, Berlin (Ost) 1985, S. 7ff., hier S. 7.

67 „Es steht völlig außer Frage, daß wir in den 40 Jahren nicht nur Erfolge erzielt haben, sondern daß eine beträchtliche Zahl von Bürgern die DDR nicht mehr bewußt als ihr Vaterland verstand.“ Erich Honecker, Interview in Moskau im Sommer 1991, in: ders., Moabiter Notizen (Anm. 62), S. 86.

68 Uwe Wesel, Der Honecker-Prozeß. Ein Staat vor Gericht, Frankfurt a.M. 1994, S. 61.

69 Zit. nach Reinhold Andert, Nach dem Sturz. Gespräche mit Erich Honecker, Leipzig 2001, S. 50.

70 Eberle, Anmerkungen zu Honecker (Anm. 6), S. 114.

71 „Es darf bei uns nicht einreißen, den sogenannten 1000 kleinen Dingen nicht die ihnen gebührende Beachtung zu schenken. Fortschritte in der Versorgung der Bevölkerung, vor allem Stabilität und Kontinuität, würden eine wesentliche Verbesserung des täglichen Lebens bedeuten und viele Anlässe für Reibungen und Verärgerungen aus der Welt schaffen.“ Erich Honecker, Die weltverändernde Lehre des Marxismus-Leninismus war, ist und bleibt der zuverlässige Kompaß des Wirkens unserer Partei, in: ders., Revolutionäre Theorie und geschichtliche Erfahrungen in der Politik der SED, Berlin (Ost) 1987, S. 16-57, hier S. 22. Dass Honecker Eingaben wichtiger nahm als Politbüroentscheidungen, betont Alexander Schalck-Golodkowski, Deutsch-deutsche Erinnerungen, Reinbek bei Hamburg 2000, S. 270. Zu Honeckers eingehender Beschäftigung mit Eingabenstatistiken und Hinweisen auf Versorgungsmängel siehe Eberle, Anmerkungen zu Honecker (Anm. 6), S. 188ff.

72 Eine Blütenlese bieten Henrik Eberle/Denise Wesenberg (Hg.), Einverstanden, E.H. Parteiinterne Hausmitteilungen, Briefe, Akten und Intrigen aus der Honecker-Zeit, Berlin 1999. Die Kenntnisnahme anzeigende Paraphe „E.H.“ findet sich in den archivierten Unterlagen des Büros Honecker noch auf Glückwunschzeichnungen, die Honecker zu seinen Geburtstagen von Schulkindern zugesandt wurden. Bundesarchiv, SAPMO, DY 30, Büro Honecker, 2115.

73 Vgl. den Artikel „Politbüro“ in: Andreas Herbst/Gerd-Rüdiger Stephan/Jürgen Winkler (Hg.), Die SED. Geschichte, Organisation, Politik. Ein Handbuch, Berlin 1997, S. 515ff. Aus der Teilnehmerperspektive: Günter Schabowski, Das Politbüro. Ende eines Mythos, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 20f.

74 Bundesarchiv, SAPMO, DY 30, IV 2/11v/5344, Otto Meier, Charakteristik des Vorsitzenden der FDJ Erich Honecker, 6.8.1946.

75 Honeckers Antwort lautete unbeeindruckt: „Herr Rau, Sie irren sich. Die Einheit der Massen mit der Partei war noch nie so stark wie heute. Das Volk steht hinter der Partei.“ Zit. nach: „Er hielt sich für den Größten“. Wie Erich Honecker die Deutsche Demokratische Republik in den Abgrund geführt hat, in: Spiegel, 3.8.1992, S. 25ff., hier S. 25.

76 Honecker, Aus meinem Leben (Anm. 22), S. 8.

77 Ebd., S. 13.

78 „Eine Mehrheit von uns votierte für eine Erhöhung dieser Preise, um volkswirtschaftliche Entlastung zu erreichen. Honecker jedoch sprach sich entschieden dagegen aus. Er sah in einer Preiserhöhung die Beschädigung eines Lebenswerkes, das von der Unverletzlichkeit sozialer Grundsicherungen ausging.“ Hans Modrow, Ich wollte ein neues Deutschland, Berlin 1998, S. 242.

79 Auf der 9. Tagung des ZK am 9.11.1989, die zur Abrechnung mit dem bisherigen Regime wurde, schilderte Günther Ehrensperger, Leiter der ZK-Abteilung Planung und Finanzen, Honeckers Reaktion im November 1973 auf seine Hochrechnung, die ein Wachsen der Exportschulden von 2 auf 20 Mrd. Valutamark bis 1980 prognostizierte: „Ich wurde am gleichen Abend zu ihm bestellt, und er hat mir gesagt, ich habe ab sofort an solchen Rechnungen und Ausarbeitungen nicht mehr zu arbeiten. Das Material bekomme ich nicht wieder, und ich habe zu veranlassen, daß in der Abteilung alle Unterlagen dazu vernichtet werden.“ Zit. nach Charles Maier, Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus, Frankfurt a.M. 1999, S. 119. Vgl. auch Eberle, Anmerkungen zu Honecker (Anm. 6), S. 78.

80 „Ich glaube, es gab jährlich mindestens einen Versuch, grundlegende Änderungen an diesem Preissystem herbeizuführen, weil wir natürlich am ehesten gespürt haben, zu welchem Unsinn dieses Preissystem führen kann. [...] Das war aber eine Position in Honeckers Kopf, die so fest war, daß noch nicht einmal Mittag, der ihn wirklich in jeder Richtung beeinflußt hat, ihn in dieser Richtung zu einer Änderung der Preispolitik, der gesamten ökonomischen Politik veranlassen konnte. […] Honeckers Standpunkt war, alle Erschütterungen in den sozialistischen Ländern haben mit Preisveränderungen begonnen, in Polen, Ungarn und in der CSSR. Und bei mir nicht! Es bleibt alles, wie es ist, dann müßt ihr eben billiger produzieren.“ Wir waren die Rechner, immer verpönt. Gespräch mit Dr. Gerhard Schürer und Siegfried Wenzel, Berlin, 25.2.1993 und 21.5.1993, in: Theo Pirker u.a., Der Plan als Befehl und Fiktion. Wirtschaftsführung in der DDR. Gespräche und Analysen, Opladen 1995, S. 67-120, hier S. 91.

81 Zum wirtschaftspolitischen Kenntnisstand der SED-Führung: Andreas Malycha, Der „Konsumsozialismus“ Honeckers. Kontroversen um die Wirtschaftsstrategie im SED-Politbüro in den 1970er Jahren, Vortrag am 16.6.2011, URL: http://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/abteilungen/sapmo/vortragsreihestiftung/vortrag_malycha_160611.pdf.

82 Zur Geschichte und Schließung des 1964 gegründeten Instituts: Heinz Niemann, Meinungsforschung in der DDR. Die geheimen Berichte des Instituts für Meinungsforschung an das Politbüro der SED, Köln 1993; ders., Hinterm Zaun. Politische Kultur und Meinungsforschung in der DDR – die geheimen Berichte an das Politbüro der SED, Berlin 1995.

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