2/2011: Politik und Kultur des Klangs im 20. Jahrhundert

Aufsätze | Articles

How did the technological ability to manipulate the sounds of weapons affect warfare in Europe during the twentieth century? The article first observes the role of warfare sounds in Europe prior to the First World War. The focus here is on the connection between the large-scale use of artillery and rapid-fire technologies and the development of sonic perceptions of ‘sounded power’ during the late nineteenth century. The second part discusses the introduction of ‘soundless weapons’ during the First World War. The horror of ‘silenced power’ as a force undermining the long-term tradition of ‘sounded power’ on the battlefield is exemplified by the case of gas warfare in the First World War and its long-term influence in Germany during the Weimar Republic and National Socialism. The paper points to existing gaps in research regarding the role of sound and silence on the battlefield, and further argues that although the notion of ‘silenced power’ was more prevalent in the first half of the twentieth century its potential horror could not be ignored after 1945.

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Wie hat die technische Möglichkeit der Manipulation von Waffengeräuschen die Kriegführung im 20. Jahrhundert beeinflusst? Der Artikel beschäftigt sich zunächst mit der Rolle von Kriegsgeräuschen in Europa vor 1914. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Verbindung zwischen dem umfänglichen Einsatz von Artilleriefeuer und der auditiven Wahrnehmung klanglicher Macht (sounded power) im 19. Jahrhundert. Sodann wird die Einführung geräuschloser Waffen im Ersten Weltkrieg diskutiert. Die schreckliche Wirkung schallgedämpfter Macht (silenced power) wird am Beispiel des Gaskriegs im Ersten Weltkrieg und dessen Nachwirkungen während der Weimarer Republik und der NS-Herrschaft erläutert. Der Artikel nennt zudem Lücken in der Forschung zur Rolle von Klang und Stille auf dem Schlachtfeld und argumentiert, dass die erschreckende Bedeutung schallgedämpfter Macht, die vor allen Dingen in der ersten Jahrhunderthälfte präsent war, auch nach 1945 nicht ignoriert werden konnte.

Am Beispiel Hamburgs wird untersucht, wie die Geräusche einer bedeutenden Hafenstadt auf die einheimische Bevölkerung und auf Besucher wirkten. Die Klänge der Schiffssirenen, mitunter als „herrlicher Lärm“ bezeichnet, banden die Bewohner emotional an ihre Stadt. Auch bei Auswärtigen hinterließ das akustische und visuelle Erlebnis des Hamburger Hafens einen nachhaltigen Eindruck, nicht zuletzt da Hafengeräusche mit Fernweh und Abenteuerlust assoziiert wurden. Schon seit dem frühen 20. Jahrhundert griffen Massenmedien und Massenkultur die maritime Geräuschkulisse auf. Sehr populär wurde etwa die 1929 begonnene, bis heute fortgeführte Radiosendung „Hamburger Hafenkonzert“. Auch in Filmen fungierten maritime Klänge als variierende Bedeutungsträger. Während sich die ökonomische und soziale Bedeutung des Hafens für die Stadt Hamburg seit den späten 1960er-Jahren veränderte, werden maritime Sounds und Images auf medialer Ebene fortgeschrieben.
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This article explores the social and cultural history of sound and its meaning in a major port city. In Hamburg, Germany’s principal port, the sounds and sirens of vessels – sometimes characterised as ‘gorgeous noise’ – emotionally attached local people to their city. The sounds and sights of the Hamburg harbour deeply impressed foreigners, fuelling their imagination of ‘exotic’ parts of the earth. From the early twentieth century, the mass media popularised the acoustic landscape of maritime Hamburg. The ‘Hamburg Harbour Concert’, for example, a live radio show, was broadcast from 1929 onwards and captured the sounds of the port alongside live music. Many films about Hamburg implemented the maritime soundscape and created an audio-visual experience. Although the economic and social relevance of the port has changed since the late 1960s, maritime sounds and images of Hamburg continue to be produced today.

Der Aufsatz geht der Frage nach, wie Hörerinnen und Hörer in der SBZ/DDR und in Polen über Radio, Schallplatten und Live-Musik Zugang zu Jazzmusik erhielten. In beiden Gesellschaften entwickelte sich die Jazzszene in einem charakteristischen Spannungsfeld: Einerseits bezeichneten die sozialistischen Regime Jazz mit Beginn des Kalten Kriegs als „amerikanisch-imperialistische Musik“ und versuchten den „Jazztumult“ aus dem öffentlichen Raum und dem Rundfunk zu verdrängen. Andererseits war es mit Hilfe persönlicher Kontakte zu Menschen im Westen sowie vermittelt über die Programme der US Information Agency weiterhin möglich, sich Zugang zu Jazzmusik zu verschaffen. Der Vergleich der DDR mit Polen zeigt dabei, dass sich die bis dahin ähnlichen Kulturpolitiken beider Staaten ab 1956 wesentlich unterschieden. Polen öffnete sich für Jazz und unterstützte zum Teil die Szene wie auch die Musiker; an den Konzerteinnahmen verdienten die Kulturfunktionäre mit. In der DDR agierte das Regime dem Jazz gegenüber zunächst weiter ablehnend, bis der Beat zum neuen musikalischen Feindbild avancierte.

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This article enquires into the way in which listeners in East Germany and Poland acquired access to jazz music via radio, records and live performances. Jazz music flourished in both countries after the Second World War, even though socialist authorities labelled jazz as ‘American imperialist’ music and tried to suppress it after the onset of the Cold War. Personal contact with people living in the West and cultural programmes of the United States Information Agency became key sources of jazz music for enthusiasts living in the East. From 1956 onwards, the cultural policies regarding jazz began to differ significantly in the two Soviet satellites. Poland adopted a more open policy towards jazz and jazz musicians, and party officials even profited from the entrance fees to concerts, whereas the GDR tightened restrictions on jazz for years to come, until the Beat Generation supplanted jazz as the new musical enemy.

Die 1960er-Jahre hatten einen ebenso neuartigen wie vielstimmigen Sound, und musikalische Klänge stellten eine wichtige Triebkraft des Wandels um 1968 dar. Weitgehend ungeklärt ist bisher, wie sich Klang und Revolte zueinander verhielten. Der Aufsatz untersucht die Bedeutung elektroakustisch verstärkter Musik in der Bundesrepublik um 1968 in drei Schritten: Erstens wird der Kampf der Beat- und Rockmusik um gesellschaftliche Anerkennung beschrieben, wobei der Streit um die steuerrechtliche Einstufung von Konzerten besonders aufschlussreich ist. Zweitens wird die Bedeutung des technisch verstärkten Klangs für die Entstehung einer jugendlichen Massenkultur dargestellt, drittens das Verhältnis von Klang und Text analysiert. Dem antikapitalistischen Zeitgeist entsprechend wurden politische Positionen gelegentlich auch in den Texten formuliert. Doch das rebellische Potenzial der Rockmusik wurde nicht primär in politisch expliziten Aussagen gesehen, sondern im Sound, der als „authentisches“ Kommunikationsmedium zwischen Bands und Publikum galt.
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The 1960s are characterised by a novel and multifaceted ‘sound’. Musical sounds were a key driving force behind the changes taking place around 1968. However, the relation between sound and revolt has been given little attention until now. This article examines the relevance of electrically amplified music in West Germany around 1968 in three steps. First, it looks at the struggle of beat and rock music for societal acceptance, where controversy over the tax laws governing concerts is particularly enlightening. Second, it examines the relevance of amplified music for the development of a youth mass culture. Third, it explores the relation between lyrics and sound. In line with the anticapitalist spirit of the time, political positions were sometimes articulated in lyrics. However, the rebellious potential of rock music was not primarily located in explicit political statements, but rather in sound – which was considered to be an ‘authentic’ medium between bands and audiences.

Debatte | Debate

  • Daniel Morat
    Perspektiven auf die Klanggeschichte des 20. Jahrhunderts
    Einleitung
  • Annegret Fauser
    Cultural Musicology: New Perspectives on World War II
  • Dominik Schrage
    Erleben, Verstehen, Vergleichen
    Eine soziologische Perspektive auf die auditive Wahrnehmung im 20. Jahrhundert
  • Daniel Gethmann
    Radiophone Stimminszenierungen im Nationalsozialismus
    Eine medienwissenschaftliche Perspektive

Quellen | Sources

  • Michael Schwarz
    „Er redet leicht, schreibt schwer“
    Theodor W. Adorno am Mikrophon
  • Bodo Mrozek
    Geschichte in Scheiben
    Schallplatten als zeithistorische Quellen
  • Uta C. Schmidt
    Industriegeschichte hören
    Ein Schallarchiv zur Klanglandschaft Ruhrgebiet

Besprechungen | Reviews

Ausstellungen

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  • Christoph Strupp
    Mediale Massenpanik?
    Orson Welles’ Radio-Hörspiel „War of the Worlds“ (1938)
  • Katja Stopka
    Archiv der Poeten
    Eine Anthologie zur Geschichte des lyrischen Sprechens – und der Aufnahmetechnik
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