2/2004: Mediengeschichte(n)

Aufsätze | Articles

Am Beispiel Willy Brandts und seiner Beziehungen zu den USA wird deutsche und amerikanische Außenpolitik als transnationale Mediengeschichte interpretiert. Wie wirkte sich das besondere Verhältnis zu den USA auf den medialen und politischen Stil der Bundesrepublik aus? Dies wird erstens anhand der publizistischen Vermittlung von Brandts Reisen in die USA und der daraus resultierenden Imagebildung untersucht. Zweitens wird nach amerikanischen Einflüssen auf Brandts Inszenierungspraktiken und die damit verbundene Medienberichterstattung gefragt; dabei steht John F. Kennedy als Vorbild im Zentrum. Der Untersuchungsschwerpunkt liegt auf der Zeit von 1958 bis 1961.
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Focusing on Willy Brandt as an example, this article approaches German and US foreign policies through the perspective of transnational media history. How did the “special relationship” with the USA influence the style of media representation and politics in the Federal Republic of Germany? First, the article reconstructs the news-paper reports of Brandt’s visits to the USA and the images resulting from them. Second, the analysis traces the American influences on Brandt’s political and media styles with special emphasis on John F. Kennedy as a role model. The main focus of the discussion lies on the phase from 1958 to 1961.

„Die Söhne der großen Bärin“ (1966) war der erste von insgesamt 13 Westernfilmen der DEFA. Die Resonanz des DDR-Publikums war überwältigend – ähnlich wie bei den Karl-May-Verfilmungen in der Bundesrepublik. Der Anspruch der DEFA lautete, „Abenteuerfilme in historischem Gewand“ zu zeigen. Durch geschichtliche Korrektheit wollte man den Gründungsmythos der USA, der im Filmgenre des Western massenmediale Verbreitung erfahren hatte, und auch das tagespolitische Geschehen kritisch kommentieren. Bei einem Vergleich des DEFA-Films „Ulzana“ (1974) und der US-Produktion „Broken Arrow“ (1950), die beide Authentizität reklamierten, wird deutlich, wie an Konventionen von Filmgenres angeknüpft und zugleich durch eine Fiktion von historischer Realität versucht wurde, diese Konventionen zu überwinden. Der Aufsatz untersucht, ob und inwieweit die DEFA-Produktionen das Genre Western ästhetisch und inhaltlich umwandelten.
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“Die Söhne der großen Bärin” (1966) marked the beginning of a series of thirteen Westerns produced in the GDR. Their popularity resembled the success of the Karl May films in the FRG. The production company DEFA claimed to present “adventure stories in a historic guise”. The films aimed at a correct depiction of the history of native American peoples and the conquest of the continent. Moreover, they were meant as critical comments on current politics. A comparison of the DEFA production “Ulzana” (1974) and the US movie “Broken Arrow” (1950) – which both claimed to offer an authentic view – shows how genre patterns were constantly reiterated and at the same time apparently deconstructed by the aspiration to represent historic reality. The article examines if and how the DEFA productions transformed the Western genre, i.e. its aesthetics and its content.

Programmzeitschriften stellen eine vielseitige Quelle für die Gesellschafts- und Kulturgeschichte dar. Die Rundfunk- und Familienzeitschrift „HÖR ZU“ steht für den wohl legendärsten ökonomischen Erfolg einer illustrierten Zeitschrift in der Bundesrepublik Deutschland. In den 1960er-Jahren wurde die Programmzeitschrift bei einer Auflage von mehr als vier Millionen Exemplaren bei einer wesentlich höheren Nutzungsrate von jedem dritten Bundesbürger gelesen. Der Beitrag zeigt, wie „HÖR ZU“ das Reformklima in der Bundesrepublik von Mitte der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre medial verarbeitete. Nach einer Betrachtung der Vorgeschichte und der innerredaktionellen Veränderung des Blattes unter dem Chefredakteur Hans Bluhm steht die Be-richterstattung über Fernsehstars und -prominente im Mittelpunkt. Dabei wird untersucht, welche neuen Wert- und Denkmuster im Bereich von Ehe, Familie und privater Lebensführung postuliert wurden.
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Television program guides are a rich historical source for the study of society and culture. The radio and television guide as well as family magazine “HÖR ZU” represents the biggest economic success of an illustrated magazine in the Federal Republic of Germany. In the 1960s, with a circulation of more than four million – and a significantly higher audience – it was read by one out of three West Germans. This article shows how “HÖR ZU” assimilated and shaped the reform climate in the Federal Republic from the mid-1960s to the mid-1970s through its media representation. After con-sidering the prior history of the magazine under its editor-in-chief Hans Bluhm, the article focuses on the coverage of television stars and personalities. It examines which new value and thought patterns were postulated in the area of marriage, family and personal life-style.

Im Juni/Juli 1976 wurde eine Air France-Maschine nach Entebbe (Uganda) entführt; dabei trennte ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando die jüdischen von den nichtjüdischen Passagieren und behielt allein die jüdischen Geiseln in seiner Gewalt. Skizziert wird, welche Bedeutung den äußerst medienwirksamen Flugzeugentführungen der Jahre 1968–1977 im Kontext der Entwicklung des internationalen Terrorismus zukam. Vor allem anhand der Reaktionen auf den Sechstagekrieg von 1967 und die Entebbe-Entführung von 1976 wird gezeigt, dass das Verhältnis der deutschen Linken zum Staat Israel und zur NS-Vergangenheit entgegen früheren Annahmen ambivalent und problematisch blieb. Unter dem Deckmantel des Antiimperialismus schlug die Haltung der vorgeblich geschichtsbewussten ‚68er‘ zum Nahostkonflikt zeitweise in offenen Antisemitismus um.
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In June/July 1976, an Air France plane was hijacked to Entebbe (Uganda); the German and Palestinian hijackers separated Jewish from non-Jewish passengers and kept only the Jews as hostages. The article outlines the significance of the series of highly publi-cized hijackings occurring between 1968 and 1977 in the context of the development of international terrorism. The analysis demonstrates that the response of the German left to the Israeli-Arab conflict revealed a high degree of ambivalence regarding both the Jewish state and the National Socialist past. Under the cover of anti-imperialism, the perspective of the “sixty-eighters” who claimed to be “historically aware” sometimes verged on open antisemitism.

Debatte | Debate

  • Jan-Holger Kirsch
    Mythos RAF?
    Zum Streit um eine noch nicht vorhandene Ausstellung
  • Wolfgang Kraushaar
    Zwischen Popkultur, Politik und Zeitgeschichte
    Von der Schwierigkeit, die RAF zu historisieren

Quellen | Sources

  • Gabriele Conrath-Scholl, Susanne Lange
    „Einen Spiegel der Zeit schaffen“
    August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“
  • Agnes Matthias
    „A Memorable One“
    Fotografien von Robert Capa (1913–1954)
  • Thomas Wiegand
    Weder Ostalgie noch Dämonisierung
    Vor Ort Ost/Stadt Land Ost – ein fotokünstlerisches Werk als Quelle für den Wandel in der ehemaligen DDR

Besprechungen | Reviews

Websites

CD-ROMs und DVDs

  • Dietmar Sedlaczek
    Handlungsspielräume im Nationalsozialismus
    Lebensgeschichten von Retterinnen und Rettern während des Holocaust

Filme

  • Roland Binz
    Wenn sogar der Kanzler weint
    Die Berliner Republik und ihr „Wunder von Bern“

Ausstellungen

Neu gelesen

  • Clemens Albrecht
    Die Dialektik des Scheiterns
    Aufklärung mit Horkheimer und Adorno
  • Jens Hacke
    Pathologie der Gesellschaft und liberale Vision
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