1/2010: Offenes Heft

Aufsätze | Articles

Der Bau der neuen UNESCO-Gebäude in Paris war in den 1950er-Jahren von Konflikten begleitet, die auf die schwierige Genese einer neuen internationalen Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg verweisen. Der Aufsatz knüpft an jüngere Forschungen zur internationalen Geschichte sowie zu internationalen Organisationen an. Im Hinblick auf die UNESCO interessieren erstens die Etappen der Auseinandersetzung und zweitens die Bauten selbst. Drittens geht es um Gebrauchsweisen und Lesarten des Gebäudeensembles. Die Analyse beruht auf der These, dass die durch die Architektur geschaffene räumliche Ordnung und die verwendeten Materialien als bedeutungstragend zu verstehen sind. Allerdings deckte sich das realisierte Gebäude nicht völlig mit den Programmen und Wunschvorstellungen seiner Initiatoren. Die zeitgenössischen Kritiken sowie heutige Analysen geben den Blick frei auf nicht weiter explizierte Annahmen und Hierarchien, die die Organisation als politische und soziale Ordnung in den 1950er-Jahren prägten – und sie möglicherweise nach wie vor bestimmen.

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The article takes up the case of the construction of the new UNESCO buildings in Paris in the 1950s. Drawing on new research in international history and the emerging field of the history of international organisations, it first looks at the different stages of this conflict and then at the buildings themselves; finally, the article deals with the uses and interpretations of the building ensemble. The author argues that the architecture as well as the construction materials created a meaningful spatial order. However, in the end the constructions did not entirely correspond with the programmatic ideals of those who initiated them. The criticism at the time as well as more recent analysis clearly point towards some of the underlying, implicit assumptions and hierarchies that significantly shaped the organisation’s political and social order in the 1950s – and perhaps even continue to do so.

Am Beispiel eines zur Bild-Ikone geratenen Lenin-Fotos aus dem Jahr 1920 untersucht der Beitrag die Praxis manipulativer Eingriffe in das visuelle Gedächtnis der UdSSR vom Stalinismus bis zur Perestrojka. Die Aufnahme, die im Original Lenin und Trotzki vor sowjetischen Truppen in Moskau zeigte, wurde massiven Geschichtsfälschungen unter-zogen, an denen sich prototypisch die Intentionen, Mechanismen und politischen Strukturen der sowjetischen Bild- und Medienzensur seit den 1930er-Jahren rekonstruieren lassen. Die UdSSR gab sich ein neues ideologisches wie visuelles Design, das den Staat im In- und Ausland als Erfolgsmodell darstellen sollte. Dieses Design erforderte nicht nur eine nachträgliche „Optimierung“ der Vergangenheit; in ihm manifestierten sich zugleich stalinistische Visualisierungsstrategien, mit denen Staat und Partei politische Sichtbarkeiten zu kontrollieren versuchten. Trotz des enormen Aufwands war dieser Versuch indes nur teilweise erfolgreich: Es erwies sich letztlich als unmöglich, die Unperson Trotzki flächendeckend aus dem kulturellen Gedächtnis zu eliminieren.

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This article deals with the practice of manipulating the visual memory of the USSR from Stalinism until the Perestroika years, and draws on the example of a photograph of Lenin from 1920, which subsequently became an icon. The photograph, which originally showed Lenin and Trotsky in front of Soviet troops in Moscow, was historically highly distorted. Taking the photograph as a model, the intentions, mechanisms, and political structures underlying the Soviet photograph and media censorship since the 1930s can be reconstructed. The USSR developed a new ideological and visual design, whose rules and desired effects were intended to project a successful image of the USSR at home and abroad. This design not only required medial revisioning of the past and the present as a form of belated ‘optimisation’, for it also demonstrated Stalinist strategies of visualisation with which the state and party tried to control political visibilities. In spite of the huge effort and expense, this experiment was only partially successful. It proved impossible to entirely eliminate Trotzki, a non-person, from cultural memory.

Am Beispiel des Films „Krebs“ (1930) wird die historische Bedeutung und Funktion von Filmen im Rahmen der Gesundheitsaufklärung analysiert. Seit der Wende zum 20. Jahrhundert und verstärkt durch den Ersten Weltkrieg etablierten sich in verschiedenen Ländern Kampagnen zu medizinischen und hygienischen Themen. Neben Plakaten und Ausstellungen erschienen Filme als ein ideales Medium der Wissensvermittlung. Die Filme verknüpften Inszenierungen von Wissenschaft mit gesellschaftspolitischen Visionen und Aufforderungen für das individuelle Verhalten. Ein zentraler Akteur war dabei – vor und nach 1945 – das Hygiene-Museum in Dresden, das unter anderem den Film „Krebs“ produzierte. Die Argumentationsstrategien dieses Films werden hier näher untersucht, um damit einen Einblick in die Entstehung der Wissensgesellschaft im 20. Jahrhundert zu geben. Der Aufsatz verbindet medizin-, medien- und museumsgeschichtliche Zugänge mit Fragen der Körpergeschichte und des social engineering.
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This article analyses the historical meaning and function of films in the context of public health campaigns, with particular reference to the film Krebs (1930). Since the turn of the twentieth century, and especially during the First World War, medical and hy-gienic campaigns were conducted in a number of different countries. Alongside posters and exhibitions, health care advocates considered films to be an optimal medium for the transfer of public health knowledge. The films linked the staging of science with sociopolitical visions and demands on individual behaviour. In this context, the Hygiene Museum in Dresden produced the film Krebs and became an important protagonist – both before and after 1945 – in the dissemination of public health knowledge. In order to illustrate the emergence of a knowledge society, the article examines the strategies and arguments deployed in this film. The article combines approaches from the history of medicine and from media and museum studies, and poses questions which are related to the history of the body and the concept of ‘social engineering’.

Debatte | Debate

  • Kathrin Kollmeier, Stefan-Ludwig Hoffmann
    Zeitgeschichte der Begriffe? Perspektiven einer Historischen Semantik des 20. Jahrhunderts
    Einleitung
  • Christian Geulen
    Plädoyer für eine Geschichte der Grundbegriffe des 20. Jahrhunderts
  • Paul Nolte
    Vom Fortschreiben und Umschreiben der Begriffe
    Kommentar zu Christian Geulen
  • Theresa Wobbe
    Für eine Historische Semantik des 19. und 20. Jahrhunderts
    Kommentar zu Christian Geulen
  • Martin Sabrow
    Pathosformeln des 20. Jahrhunderts
    Kommentar zu Christian Geulen

Quellen | Sources

Besprechungen | Reviews

Ausstellungen

  • Katharina Fink
    Transnationale Erinnerung, nationale Imagination?
    Das Apartheid-Museum in Johannesburg

Filme

  • Hanno Hochmuth
    „Nur Idioten ändern sich nicht“
    Biographischer Wandel und historische Sinnkonstruktion im Dokumentarfilm „Die Anwälte“

Neu gelesen

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  • Cord Arendes
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    Jürgen Habermas‘ Lesarten der europäischen Moderne in unübersichtlichen Zeiten
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